_Hi!
Bevor ich noch ein bisschen durch die w-w-w-Bretter surfe, heute einmal eine Frage von mir. Folgendes ist mir vorhin so zugeflossen, dass ich es kurzerhand 'mal aufgeschrieben habe. Hier also der Rohtext:_
— Schnipp —
Dumme Werbe-Anmache
„Wissen Sie eigentlich, was ein ‚Retreat‘ ist?“ fragte mich die Frau, die neben mir an der Bar sass.
„Nö“, gab ich zur Antwort.
„Nun, ja, das wusste ich früher auch nie. Aber jetzt, da es wichtig geworden ist, muss man einfach wissen, was ein Retreat ist!“
„Und das wollen Sie mir jetzt erklären?“ fragte ich. Eigentlich war ich mehr daran interessiert, den Gesprächsverlauf zu erfahren und mich überhaupt mit jemandem zu unterhalten. So also klang meine Frage weder ironisch noch desinteressiert. Ich wollte offen bleiben für das, was kommen würde…
„Ja, das heisst, es nimmt etwas mehr Zeit in Anspruch. Ich würde Sie deshalb gerne zu einer geeigneten Zeit Zuhause besuchen. Wann würde es Ihnen denn passen?“
So, genau so!, hatte ich mir das vorgestellt. Natürlich wusste ich, was ein Retreat ist. Es ist ein Behandeln, ein Rück-behandeln, ein Auflösen von Ursachen. Inwiefern man das in einer werbe- und geldgierigen Branche verstehen wollte, wusste ich nicht. Deshalb antwortete ich: „Nun, worin wollen Sie mich denn nun ‚retreaten‘?“
„Das kann ich Ihnen so einfach nicht erklären. Das erfordert mehr Zeit. Deswegen schlage ich Ihnen ja einen Termin vor. Würde Ihnen denn der…“, sie wühlte in ihrem Kalender, „…der Dienstag…“
Ich unterbrach mit einem kurzen, klaren und bestimmten: „Nein!“
Offensichtlich war sie irritiert, liess sich aber kopfgesteuert nicht weiter aus dem Konzept bringen, fing sich sofort wieder und wollte weiter reden.
„Nein!“ wiederholte ich, „ich weiss, was Retreats sind, und in Sachen Geld habe ich die Nase davon voll.“
„Aber…“
„Nein! Und dabei bleibt es.“
Ich schaute sie mir genau an und sie zurück. Sie wollte gerade protestieren, sich auflehnen gegen mein ‚Nein‘; glücklicherweise verstand sie es nicht als verkaufsförderndes Zeichen. Und eine längere Erklärung würde sie mir auch nicht gegeben haben wollen. Denn der Retreat wäre an sich selbst schnell abgehandelt. Den Verkauf aber konnte sie ja nur in einem Gespräch abwickeln, das in jedem Falle länger dauerte. Solche Gespräche dauerten einfach länger, weil es eine gewisse Zeit kostete, um den vermeintlichen Kunden einzuwickeln. - Aber nicht mit mir!
„Also, der Dienstag wäre gut bei mir.“
„Ja, bei mir auch. Aber nicht für Ihre Erklärungen. Dafür reicht ‚kein‘ Tag.“
„Aber sie wollten doch wissen, was ‚wir‘ unter Retreat verstehen!“
„Nein, das wollte ich nicht. Sie haben nur meine Aussagen nach ihren Suggestiv-Fragen interpretiert.“
Damit erntete ich einen abschätzenden harten Blick, der nicht verraten wollte, welche Emotionen gerade in der Frau tobten. Aber auch dazu hätte ich sagen können: Denn ich sah, wie sie ihren Zorn unten hielt. Gewisse Gesichtsmuskeln spannten und bäumten sich auf. Genau jene hätten tatsächlich eines Retreats bedurft, zumindest eines heilerischen. Ich glaubte aber, dass diese Frau aufgrund der inzwischen verunmöglichten sozialen Beziehung zwischen uns dem nicht zustimmen würde.
„Wo habe ich denn bitte eine Suggestiv-Frage gestellt?“ kam es nun von ihr. Der vorwurfsvolle Anflug war nicht zu überhören. Ja fast klang es schon ironisch.
„Sehen Sie: Sie kommen auf mich zu, um mir etwas zu verkaufen. Aber es ist etwas, was ich nicht haben will. Deshalb sorgen Sie für den richtigen Aufhänger, um überhaupt ein Gespräch mit mir zu führen. Und dies soll darin enden, dass ich Ihnen einen Termin ermögliche, zu dem Sie mir dann ‚Ihr‘ Produkt erst richtig verkaufen wollen. Und ich habe kein Interesse an Ihrem Produkt.“
„Aber Sie wissen doch gar nicht, um was es geht. Das habe ich Ihnen doch noch gar nicht gesagt!“
„Nein, aber Sie kommen von der Firma Okee Consulting & Financial Services. Das reicht, um zu wissen, dass Sie ein massives kommerzielles Interesse im Schilde führen.“
„Ja, gut, ich geb’ mich geschlagen.“ Sie war kleinlaut geworden.
Dass ich im Grunde geraten hatte, für welche Firma sie ‚anschaffen‘ ging, bemerkte sie nicht. Aber es stand als Emblem auf ihrem Zeitplaner und auf einer Visitenkarte, die als eine von dutzenden gleichartiger darin steckte.
„Sehen Sie, Sie können nur mit jemandem fruchtbar über Ihre Sachen verhandeln, der auch kaufen will, und sei es, dass Sie ihn vorher einwickeln müssen.“ Eine gewisse Peinlichkeit war in dem Gesicht der Dame zu erkennen. „Es mag sein, dass Sie sonst mit Ihrer Methode Erfolg haben. Das werde ich nicht abstreiten. Allerdings lege ich keinen gesteigerten Wert darauf, finanzielle Angelegenheiten in die Hände anderer Leute zu geben. Und deswegen verzichte ich generell auf Geldprodukte, die beworben werden. Ich bitte einfach nur um Verständnis dafür.“ Ihr zu sagen, dass sie mit mir womöglich ‚ihren Meister gefunden habe‘, ersparte ich ihr.
„Ich meine, es braucht doch jeder eine Beratung, wenn es um’s Geld geht“, fing sie wieder das Gespräch an.
Ich unterbrach sie: „Wollen Sie etwas trinken?“
Es dauerte einen Augenblick, bevor sie bemerkte, was ich sie gefragt hatte.
„Kaffee? Tee? Mineralwasser? Wein? Bier?“ setzte ich nach.
„Oh, ja, ja. Einen Kaffee könnte ich brauchen.“
Ich winkte dem Kellner und stellte wieder einmal fest, dass ich entspannt genug war, dass dieser sofort wahr nahm, dass ich ihn rief. Wenn es denn nämlich sonst um’s Bezahlen oder das Nachbestellen von Getränken ging, hatte ich immer so meine Schwierigkeiten, eben solche, die aus einer gewissen Anspannung heraus entstanden, und Kellner und Bedienungen liefen an mir vorbei und würdigten mich keines Blickes. Nun aber bekamen wir die ungeteilte Aufmerksamkeit des Kellners.
„Also, vielleicht doch lieber einen Wein? Oder eine Weinschorle?“ fragte ich mein weibliches Gegenüber. Bevor sie Einspruch erheben konnte, meinte ich: „Kaffee ist im Moment nicht gut für Ihre Konstitution. Sie brauchen etwas, womit Sie entspannen.“
Sie schaute mich etwas überrascht und gleichzeitig auch verwirrt an. Wie nur konnte ich etwas an ihr gesehen haben, was sie selbst ja noch nicht einmal erkannt hatte, bis dass ich sie drauf stiess.
[… / 15:47 13.10.04]
— Schnapp —
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DannyFox64 