Ich bin seit langem mit meinem Mann verheiratet. Er ist selbstständig tätig und wir haben lange Zeit zusammen in der Firma gearbeitet. Mit Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage veränderte sich auch mein Mann. Er wurde zunehmend ungeduldig aggressiv auf der einen Seite und empfindsamer auf der anderen Seite. Einen Tag himmelhoch jauchzend im anderen Moment zu Tode betrübt. Dann vor 3 Jahren ist er zusammengebrochen. Die Hausärztin überwies ihn sofort in ein Krankenhaus. Dort wurde er komplett durchgecheckt und man konnte organisch nichts feststellen. Ein Psychologe stellte am Ende ein Depression fest. Er ging daraufhin ein dreiviertel Jahr regelmäßig zu einem Psychotherapeuten, bis er meinte, dass die Gespräche sich nur noch im Kreis drehen und ihm nichts mehr bringen. Er war sich auch sicher, es gehe ihm wieder gut. Ich muss sagen für mich sah es damals ebenfalls aus, als wäre er wieder genesen und alles ist gut. Mein Mann war voller Tatendrang und baute sich ein neues Geschäftsfeld auf. Die Firma verkraftete ein Bürokraft nicht mehr und ich suchte mir eine andere Arbeit. Ich konnte dadurch nicht mehr so nah beim meinem Mann und dem geschäftlichen Geschehen sein wie das früher der Fall war. So merkte ich auch erst sehr spät, dass der neue Geschäftszweig gar nicht lief. Dann kam die Wirtschaftskrise und es ging gar nichts mehr. Ich erkannte, dass sich mein Mann immer mehr „einigelte“ Er sprach kaum noch mit mir, wurde immer trauriger und unbeherscht (verbal) wenn ich ihn ansprach. Es war eine Zeit in der ich jeden Tag aufs Neue gespannt war, welchen Gemütszustand ich antreffen würde, wenn ich nach Hause komme. Da er selber merkte, dass sein Zustand sich veränderte, ging er zur Hausärztin. Diese, bereits durch die erste Attacke alarmiert schlug ihm einen Klinikaufenthalt vor. Diesen lehnt er ab, da er glaubte von der Arbeit nicht weg zu kommen. kurzum, er wurde krankgeschrieben bis er durch die Krankenkasse zu einem ersten Arztbesuch aufgefordert wurde. Dieser stellte ebenfalls eine Depression fest und übergab ihm eine Anschrift eines Facharztes für Nervenheilkunde. Dort wurde er vorstellig und erhielt einige Tabletten. Nach der Einnahme dieser Tabletten wurde er ruhig und mit unter hatte ich den Eindurck er wäre in einer anderen Welt. Ich erkannte meinen Mann nicht wieder. Er war ein lustiger, aufgeschlossener, selbstbewusster und einfühlsamer Mann, ihn jetzt so in sich gekehrt , traurig und zerbrechlich fast hilflos zu sehen tat mir ganz schön weh. Nachdem er die Tabletten fast ein Jahr genommen hatte und bei der Untersuchung zur Berufsunfähigkeitsrente ein Arzt bemerkte, dass die Anzahl und Dosierung sehr hoch sei, reduzierte er selbst die Einnahme. Seitdem er nun Berufsunfähig ist nimmt er keiner Tabletten mehr, dass heißt inzwischen ist alles wieder wie vor seinem Arztbesuch. Jeder Tag ist spannend. Nun ist das für mich kaum noch erträglich. Ich liebe meinen Mann und ich will auch weiter zu ihm stehen. Es fällt mir aber immer schwerer. Ich habe in der Vergangenheit alles getan um ihn auch mal aus dem Haus zu locken. Ich nutze kurze Urlaubsreisen zu denen ich ihn immer überreden musste, um ihn auf andere Gedanken zu bringen - einfach mal was Anderes sehen. Ich dachte bisher auch es ist mir gelungen, weil er auf unseren Reisen ausgelassen und fröhlich war. Ich bildete mir wirklich ein, das Richtige zu tun. Bis ich heute hörte „ich könne ja froh sein, dass er immer mitgekommen ist“ Mir sind sämtliche Gesichtszüge entglitten und ich habe den Raum verlassen. Ich habe nur noch geheult und nun diese Zeilen geschrieben. Ich habe das Alles sicher zu sachlich geschrieben, sodass mein Dilemma garnicht deutlich wurde. Ich weiß, dass ich dies nicht auf ihn schieben kann, er ist ja krank. Aber wie soll ich damit umgehen. Soll ich ihn einfach mal anschreihen, so ist mir manchmal zu mute. Merkt er nicht, dass er mir weh tut. Was soll ich machen? Bitte gebt mir einen Rat. Ich danke euch, dass ihr euch mein Geschreibsel bis zum Schluss antut und wenn ihr jetzt noch einen Hinweis für mich habt Danke ich nochmal.
Hi Sussi!
Erst einmal: Das ist eine schwierige Situation, sowohl für deinen Mann als auch für dich. Da kann man sicher schonmal verzweifeln.
Bislang hast du immer zu ihm gestanden und hast dir nichts vorzuwerfen. Allerdings musst du dir auch nicht alles gefallen lassen. Du hast ein Recht, von ihm respektvoll behandelt zu werden, und wenn du seine Launen und Stimmungen aushalten sollst, dann konfrontiere ihn auch ruhig einmal mit deiner Stimmung!
Geht er nun eigentlich wieder in eine Therapie? Anti-Depressiva stellen allein nämlich keine vollständige Behandlung dar. Wenn sein Zustand und sein Verhalten dich belasten, dann solltest du ihn auffordern, weiterhin professionelle Hilfe anzunehmen. Meiner Meinung nach ist es keinem Ehepartner zuzumuten, alle Stimmungen eines Depressiven abzufangen und somit die Folgen dieser Krankheit zu tragen. Sich hier abzugrenzen hat nichts mit mangelnder Liebe zu tun - dies würdest du ihm ja auch nicht unterstellen, wenn er dich so verhält, wie du es beschreibst.
Mein Rat:
-Such dir eine Selbsthilfegruppe von Angehörigen von Depressions-Erkrankten.
- Informiere dich z.B. hier.
- Nimm evtl. selbst therapeutische Hilfe in Anspruch.
Und pass auf dich auf!
LiebeGrüßeChrisTine
P.S.: Es wäre sehr schön gewesen, wenn auch du hin und wieder ein paar Absätze eingebaut hättest. Solch eine Bleiwüste kann den einen oder anderen vom Lesen bzw. Antworten abschrecken!
Guten Morgen Sussi,
Deinen anrührenden Hilferuf habe ich schon gestern Abend gelesen und wollte eine Stellungnahme erst mal überschlafen.
Es gilt in der klinischen Psychologie als Kunstfehler, ohne persönlichen Kontakt zu den Hilfesuchenden tätig zu werden. Erwarte deshalb nicht zuviel.
Gewissermaßen als Präambel ist leider festzuhalten, daß es heute in Deutschland fast schon ein Zeichen psychischer Gesundheit ist, depressiv zu sein: Wohin man schaut, ist’s zum Heulen.
Erschwert wird Euere Situation anscheinend durch berufliche Schwierigkeiten Deines Ehemannes, wobei zu klären wäre, ob sie sachlich begründet sind oder nur wegen depressiver Verstimmung so wahrgenommen werden.
Vor allem aber sollte ein verantwortungsbewußter Berater wissen - und dafür ist zunächst nicht der Psychologe, sondern der Psychiater zuständig, - um welche Art Depression es sich bei Deinem Ehemann handelt. Psychotherapie hilft nur bei neurotischen und reaktiven Depressionen - selbst da hängt der Erfolg sehr von der Kompetenz des Therapeuten ab und davon, ob die „Chemie“ zwischen Therapeut und Patient stimmt. Bei einer endogenen Depression nützt Psychotherapie nur dem Therapeuten. Es wäre also zu klären, ob hier eine sorgfältige Diagnose gestellt und, falls überhaupt angezeigt, die angemessene Psychotherapie (analytisch oder lerntheoretisch orientierte Einzel- oder Gruppentherapie) durchgeführt und medikamentös unterstützt wurde.
Ich habe den Eindruck - es reicht nicht einmal zu einer Verdachtsdiagnose!, - daß hier wenig Neurotisches oder Reaktives im Spiel ist, und weder eine Einzel-, noch gar eine Gruppentherapie Abhilfe schaffen dürfte. Obwohl Diplompsychologe, würde ich in Zusammenarbeit mit einem Facharzt zuerst auf antidepressive Medikamente setzen (Einnahme überwachen!!) und weitere Entscheidungen erst treffen, wenn die Situation entkrampfter geworden ist. Medikamente haben durchaus ihr Gutes - trotz der Nebenwirkungen - und es gibt leider viele Fälle, wo lebenslange Einnahme nicht zu umgehen ist.
Dein Posting klingt nach Panik. Auch Dir dürfte ein bißchen (!) Chemie nicht schaden. Besser wäre freilich, das Autogene Training zu erlernen.
Ihr müßt aufpassen, daß Ihr Euch nicht gegenseitig aufschaukelt. Wenigstens einer von Euch muß den klaren Kopf behalten.
Insofern ist der Vorschlag durchaus sinnvoll, daß Du Dir bei Leidensgefährten (Angehörigen Depressiver) bezüglich aktueller Situationen Rat oder wenigstens Trost holst.
Mit den besten Wünschen
Rumpelstelz
Hallo,
den Schlüssel hältst Du in Deiner Hand. Was erwartest Du vom Leben? Anstand und Respekt Dir gegenüber? Das ist das Mindeste. Gerade holst Du für Dich Verständnis von anderer Seite her ein, was Dir von Deinem Mann aus versagt wird. Mit Erfolg. Berücksichtige, auf dieser Wissensseite sind die Antworten freiwillig. Die selbe Situation findest Du genauso auch zu Hause vor. Was Deinen Mann zu Gute zu halten ist, gilt genau so auch für Dich. Es wird ja wohl noch andere Momente geben, in denen ihr Euch belangloser unterhaltet. Diese Momente bieten sich dazu an, um klar zu machen, dass beide Partner etwas für das Beziehungsglück tun können. Tun sollten. Kein müssen, mit Rücksicht darauf, dass alles nur von Herzen kommen kann. Genau so wenig sollte Dein Ehemann davon ausgehen, dass Dein Verständnis für seine Lebenssituation selbstverständlich oder gar selbstlos wäre. Er kann (vernünftiger Weise) nur Verständnis vorfinden, wenn er darum - wirbt. Und dann die Frage an ihn: Wenn das auf jeden Menschen zutrifft, sollte das nicht dann für den Lebenspartner genau so gelten?
Das Thema ist in jeder Beziehung aktuell. Von daher stehst Du nicht auf einsamen Posten.
Das möchte ich nicht als einzig denkbaren Königsweg hinstellen. Man sollte bei aller Liebe, jedenfalls das, was einem wirklich wichtig ist, nicht aufgeben.
Von daher ist es wichtig allen Ratgebern gegenüber kritisch zu bleiben. Erst recht wenn sie dabei noch die Hand aufhalten.
Gruß mki
Hi,
ich kann mich „Flaschenpost“ nur anschließen: Der Zeitpunkt ist gekommen, für DICH etwas zu tun. Wenn du jetzt denkst „Ich? Ich kann doch jetzt meinen Mann nicht im Stich lassen!“, dann google mal das Wort „Co-Abhängigkeit“ 
Deiner Erzählung ist nämlich zu entnehmen, daß dein Mann zwar schon viele Hilfsangebote bekommen hat, diese jedoch nicht oder nur unzureichend oder gar halbherzig wahrnahm - oder er konnte es nicht besser. Fakt ist jedoch: Du kannst deinen Mann nicht fröhlich quatschen und das ist auch gar nicht deine Aufgabe. Kümmere dich um DICH, denn nur wenn es DIR gut geht, bist du in der Lage, es anderen gut gehen zu lassen.
Hallo!
Bei einer
endogenen Depression nützt Psychotherapie nur dem Therapeuten.
Ganz hast Du da nicht Recht. Eine Psychotherapie kann auch da sehr viel helfen in dem Sinn, dass der Patient mit seinen Depressionen besser umgehen kann. Die Veranlagung kann natürlich nicht wegtherapiert werden, aber es hilft schon sehr viel, wenn man durch die Therapie erfahren kann, wie man sich selbst hilft. In sehr vielen Fällen besteht ja gerade bei endogenen Depressionen keine Krankheitseinsicht, und die Therapie kann hier helfen, diese Einsicht herzustellen, sodass dann vielleicht eher die Bereitschaft vorhanden ist, die notwendigen Grundmedikamente auch wirklich einzunehmen, die dazu beitragen, dass die immer wieder auftretenden Schübe nicht ganz so krass sind.
Beste Grüße
Waldi
Hallo Waldi,
ich kann Dir nicht zustimmen, denn (nicht nur) ich verstehe unter Psychotherapie etwas wesentlich anderes, als daß Arzt oder Psychologe den Patienten anleiten, mit seiner Krankheit und den verordneten Medikamenten „umzugehen“. Das ist doch das tägliche Geschäft in der Allgemeinpraxis, die sich ja nicht auf das Ausstellen von Rezepten beschränkt. Beweis, falls erforderlich: siehe GOÄ. Zugegeben: Der Psychotherapeut wird wahrscheinlich mehr Zeit aufwenden als der Hausarzt, wird aber auch der Krankenkasse mehr Zeit berechnen (Kosten des Gesundheitswesens) und den Patienten mehr Zeit kosten - bei zugegeben mäßiger Wirkung.
Faßt Du den Begriff Therapie so weit, dann therapiert jeder Handwerksmeister seinen Stift. Therapie und Pädagogik sind zwei Paar Stiefel.
Es kommt halt darauf an, welchen Maßstab man anlegt, im gegebenen Fall: welchen Maßstab der „Psychotherapeut“ an seine Arbeit. Den „Umgang“ mit etwas zu lehren, ist wohl ein etwas dürftiger Anspruch.
mfg
Rumpelstelz
Hallo,
Du machst da ganz schön was durch! Ganz schön stark von Dir!
Wie möchtest du mit dir umgehen?
Hallo,
aus meiner Sicht stellt sich eher die Frage: Wie möchtest du mit dir umgehen?
Einem Menschen zu helfen, ist eine schöne Motivation.
Einem nahen, geliebten Menschen zu helfen, kann für beide eine große Belastung sein.
Zu helfen, kann bei dem anderen das Gefühl der Minderwertigkeit erwecken.
So nach dem Motto: Alleine wird mir die Lösung nicht zugetraut.
Schwierig wird es aus meiner Sicht vor allem dann, wenn man das Problem des anderen lösen möchte, weil man selber damit nicht klar kommt.
Dann stellt sich die Frage: Möchte ich das Problem des Anderen oder eher mein Problem lösen?
Das Gefühl der eigenen Hilflosigkeit kennen zu lernen, ist aus meiner Erfahrung eine schwierige Prüfung. Dieses Gefühl zu akzeptieren, bedeutet aus meiner Sicht einen großen Schritt. Es nimmt den Druck von einem und meistens auch dem Druck vom Partner. Signalisiert es doch: Du brauchst nicht auch noch ein schlechtes Gewissen wegen mir haben.
Aus meiner Sicht können wir Situationen nur bedingt ändern.
Indem wir unsere Einstellung und unser Handeln ändern.
Das verändert die Konstellation. Nicht mehr aber auch nicht weniger.
Liebe Grüße
Joachim