Keinen Druck machen
Hallo Matthias,
bin eine Betroffene, Depression als Folgeerscheinung einer anderen psychischen Störung.
Der Tip mit dem Kompetenznetz Depression ist sehr gut - vor allem im Forum unter „Angehörige“ kannst Du einiges lesen.
Was mich am meisten belastet:
- „Treib halt einfach Sport, dann gehts Dir besser“
- „Na schau, die Sonne schein“
- „Aber Dein Lächeln wär doch so schön“
- „Reiß Dich mal zusammen und fang wieder an zu leben“
- „he, Du hast ja grade noch gelacht, Dir gehts dann doch schon viiieeellll besser!!! Na also, hab ich doch gesagt!!“
Nichts mit solchen Aussagen bitte. Mir persönlich hilft es am meisten, wenn ich so normal wie möglich behandelt werde - andererseits aber auch Freunde haben, die einfach nur zuhören, ohne groß zu antworten. Keine Ratschläge. Ich hab mich vielfach schlau gemacht über die Krankheit Depression - die Ratschläge kenn ich alle. Natürlich kann ich nicht behaupten, dass alle Depressiven alle Ratschläge schon kennen, aber es belastet mich zum Beispiel zusätzlich, wenn mir Freunde durch ihre Ratschläge das Gefühl geben, ich wäre zu dumm, das alles selbst zu wissen. Wenn ich können würde, würd ich doch das alles befolgen, was ich gelesen habe - aber es geht eben nicht. Und das ist für Außenstehende schwierig zu verstehen und belastet sie natürlich auch, schließlich wollen sie nur helfen.
Was Du auf gar keinen Fall machen solltest: Sie unter Druck setzen.
Mir ging es so, meine beste Freundin, mit der ich lange zusammenwohnte, hat mir ein Ultimatum gesetzt. Sie gab mir sechs Wochen Zeit, Schritte vorwärts zu tun - und mich nach den sechs Wochen bei ihr zu melden, sie bei sich und ihrem Freund zu besuchen. Die sechs Wochen werden erst Ende Juni vorbei sein, aber ich kann mir nicht vorstellen, sie dann anzurufen.
Das fühlt sich so an, als ob ich ein Schulkind wäre, dass eine Hausarbeit beim Lehrer abgeben soll. Der Lehrer schaut sich dann die Arbeit an und entscheidet, ob er ne 1 oder ne 6 gibt, Klasse bestanden oder nicht. Und das kann nicht sein. Ein Freund darf nicht darüber richten, welche Schritte richtig sind und eine Freundschaft weiter wert sind.
Nicht falsch verstehen, ich kann sie schon verstehen, es ist für Freunde äußerst anstrengend, einem psychisch kranken Menschen zu helfen zu wollen und nichts fruchtet. Es ist anstrengend, sich ewig das gleiche vom Depri anzuhören, keine Veränderungen zu sehen. Es ist auch schwierig, weil viele Depris kein Intersse daran haben, von den „gesunden“ Freunden was zu hören und sei es, dass die Freunde von Partys oder Liebeserklärungen ihrer Partner erzählen. Der Depri hat den Kopf mit sich selbst voll. Das ist dann auch enttäuschend für die Freunde, dass ihre Gedanken nicht wahrgenommen werden, dass der Depri kein Interesse für ihr Leben hat.
Ich denke natürlich auch viel darüber nach, dass diese Freundin mit dem Ultimatum mir dadurch nur helfen wollte, mir nen „Arschtritt“ geben. Mich vorwarnen wollte, dass sie die Freundschaft nicht weiterführen will, wenn ich ihrem Ultimatum nicht folge und mir so zu helfen. Und natürlich ist mir auch klar, dass ich das Ultimatum ja nicht „für sie erfüllen“ soll, um weiterhin die Legitimation zu haben, mit ihr befreundet zu sein, sondern um etwas für mich zu tun.
Jeder kann daraus eine Konsequenz ziehen und die kann auch sein, dass man die Freundschaft zum Depri entweder auf Eis legt oder sie abbricht. Das kann man niemanden verübeln. Aber wenn sich jemand einen wirklichen Freund nennen will, dann wäre es wichtig, dass sich der- oder diejenige bewusst dafür entscheidet und sich darüber im Klaren ist, welche Belastung das sein kann. Aber die Entscheidung muss man mit sich selbst ausmachen: Freundschaft ja/nein, man darf sie nicht davon abhängig machen, was der Depri dazu sagt.
Desweiteren, wie auch schon geschrieben wurde, sollte man auch einen „gesunden“ Freundeskreis haben, bei dem man wieder „auftanken“ kann. Das ist verdammt wichtig - man muss auf sich selbst achten und sich auch Auszeiten vom Depri-Freund gönnen.
Naja, wie gesagt, am besten mal im Kompetenz-Netz nachlesen.
Viele Grüße
Alexa