Hallo Nike,
Dafür haben „Ossis“
dann einen ganz anderen Rahmen der Allgemeinbildung, zum
Beispiel können viele von ihnen Russisch.
die meisten, die ich treffe, bestreiten, wirklich richtig russisch gelernt zu haben, oder sie sagen, sie hätten alles wieder vergessen. Im Westen ist es wohl mit so ähnlich mit Englisch.
Von der reinen Schulbildung her wurden Ost-Kinder besser
ausgebildet, weil die Schulen leistungsorientierter
waren. Dafür war die Bildung natürlich durch politische Zensur
geprägt.
Ich habe Schwierigkeiten mit der Zuordnung „besser, weil leistungsorientiert“. Das halte ich nicht für zwingend. Ich denke, dass es auch in der Schule - ja, prinzipell auch im Beruf - eine Art Freiraum geben sollte (den man sich im Zweifel selbst erhalten muss). Wo bliebe denn die Phantasie, die man für Thomas Mann durchaus braucht, wenn man nur auf die Noten schauen würde, die der Lehrer vergibt, wenn man dessen Meinung bloß wiederkaut?
Im besten Falle jedoch ist von den Zusammenhängen losgelöstes
Wissen sinnlos.
Im schlechtesten Fall ist es schädlich …
Es geht also weniger darum, was man weiß, als, wie fundiert
man dies weiß? Nun, dann aber sind wieder die Grenzen zum
Fachwissen gesetzt. Denn, wie wir oben schon sagten:
Breitgefächertes Wissen setzt voraus, dass man diese Dinge
dann eben NICHT so fundiert weiß. Oder?
Na, ich habe ja nicht behauptet, dass man bis in die letzten Tiefen gehen muss im Bereich des Allgemeinen. Ich erzähl dir mal ein Beispiel, das ich gerade erlebt habe. Eine hiesige Lehrerin (Sek. II) unterrichtet Deutsch und Russisch und wird nun dazu verdonnert, Ethik zu unterrichten, weil man das eben gerade braucht. Beiläufig lässt diese Lehrerin dann im Gespräch fallen, dass sie jetzt so merkwürdige philosophische Richtungen wie den „Utilismus“ (so ihre Terminologie, richtig natürlich „Utilitarismus“) lernen müsse. Wenn ich so etwas höre, könnte ich die Wände hochgehen. Nicht weil es sich um Philosophie handelt und ich meine dass man das wissen müsse, nein, sondern weil diese Frau es noch nicht einmal für nötig hält, sich selbst - die sie ja Kinder und Jugendliche in diesem Fach unterrichten (!) will - für die einfachsten Begrifflichkeiten dessen, was sie lehrt (!), überhaupt zu interessieren (!). An solchen Punkten muss Allgemeinbildung AUCH ansetzen, denke ich, also vielleicht die Vermittlung einer Art „Motivationswissen“ (oder „Verantwortlichkeitswissen“) für sich selbst und andere im Rahmen der Grund- und Mittelstufen und darüber hinaus. Das ist kein inhaltlicher, sehr wohl aber ein überaus notwendiger formaler Aspekt von Bildung, der im normalen Konzept von Allgemeinbildung bisher überhaupt keinen Platz hat.
Das Dumme ist nur, das letzen Endes fast alle beispiele
zweischneidig sind. Denn obwohl ich den Zauberberg für
elementar wichtig halte, könnte ich Dir als Advocatus Diaboli
genau erkläre, warum das Wissen um dieses literarische Werk
völlig unerheblich ist.
Der Zauberberg selbst ist vielleicht auch nicht elementar, aber die Voraussetzungen für dessen Lektüre schon. Denn ohne die Kenntnis dieser Voraussetzungen kann ich das Buch nicht verstehen. Und dass ich ein Buch genießen bzw. daraus lernen kann, ohne es zu verstehen, bezweifle ich. Zu diesen Voraussetzungen gehören sprachliche Dinge wie der Konjunktiv oder das Futur II, aber auch die historischen Bedingungen, die dazu führten, den Zauberberg zu schreiben.
Aber der name Kolumbus ist doch Allgemeinbildung, oder? In
unserem kleinen Quiz, das die Diskussion auslöste, kamen
sowohl das Datum als auch die Santa Maria vor.
Welchen Sinn hat es zu wissen, wie das Schiff hieß? Ich sehe darin keinen Sinn außer der Belegung von Gehirnbytes *g*. Das Datum hat natürlich eine Bedeutung, aber auch da könnte man sich darüber streiten, ob nicht die ungefähre Angabe „Ende des 15. Jahrhunderts“ vielleicht ausreichen könnte, um als allgemein gebildet zu gelten.
Dennoch möchte ich wetten, das gerade über den Fall
Konstantinopels und Byzanz’ heute kaum jemand etwas weiß.
Die Frage ist, wozu man über Byzanz etwas wissen muss - und in welchem Rahmen. Ich kenne Menschen, die sehr gut zurechtkommen, ohne dies ad hoc zu wissen, die aber durchaus in der Lage wären, in einem Geschichtsbuch bis zur Jahreszahl 1453 zu blättern.
Ja, aber hochinteressant.
Durchaus!
Ich diskutiere über diese Frage leidenschaftlich gern, wie du siehst. 
Herzliche Grüße
Thomas Miller