Wie konnte das tschechische ř überleben?

Hallo Forum,

dieser Artikel steht zwar mit meiner letzten Frage in Verbindung; ich denke jedoch, dass er prinzipiell von anderen Personen gelesen wird.

In der Tschechischen Republik müssen viele Kinder (ich glaube, es sind mehr als die Hälfte) zum Logopäden, weil sie dass ř nicht richtig sprechen können. Nun gibt es ja nicht schon immer Logopäden, und so frage ich mich, wie dieser Laut überhaupt überleben konnte (und nicht, wie z.B. im Polnischen, zu [ʒ]=ž geworden ist).
Das Erhaltenbleiben dieses eigentümlichen Lautes finde ich umso verwunderlicher, als Tschechien über lange Zeit (ca. 400 Jahre?) nicht als Staat existierte. Führt hier das Nationalbewusstsein in der Bevölkerung zur verbesserten Sprachbeherrschung in Familie und Freundeskreis? (Von wegen: „Bist Du Tscheche? Dann sprich auch wie einer, und nicht wie so’n Habsburger, der’s nicht richtig hinkriegt!“) Aber warum sind dann heute Logopäden nötig?

Liebe Grüße
Immo

Aber warum
sind dann heute Logopäden nötig?

Vielleicht, weil man sonst mit Zahnspange nicht bis drei zählen kann?
H.

Hi,

GEgenfragen:
Warum überlebt trotz Lispler ds deutsche s?
Warum sagt man in Bayern immer noch „Der Mann, wo da steht.“ - trotz Hochdeutsch an allen Schulen?

die Franzi

Hallo,
deine Frage ist ein blühender Unsinn. Du solltest geradewegs fragen:
Wie konnte die tschechische Sprache überleben?
Das tschechische Alphabet zählt 42 Buchstaben und alle sind nötig.

Hallo,

In der Tschechischen Republik müssen viele Kinder (ich glaube,
es sind mehr als die Hälfte) zum Logopäden, weil sie dass ř
nicht richtig sprechen können.

Diese Aussage verwundert mich, weil ich während meiner 10 Jahre in Tschechien keinen Tschechen getroffen habe, der/die das ř nicht aussprechen konnte. Meine (damals) kleinen Kinder haben es auch gelernt, und können es, mit ein bisschen Übung, heute (13 Jahre später) immer noch.

Das ř ist auch für einen Nicht-Tschechen relativ leicht zu lernen, wenn er/sie ein Ohr für Sprachen hat. Sprich: Wenn du Englisch, Portugiesisch und Mandarin kannst, macht dir so ein Laut kein Problem.

Cheers, Felix

Hallo Felix!

Das ř ist auch für einen Nicht-Tschechen relativ leicht zu
lernen, wenn er/sie ein Ohr für Sprachen hat. Sprich: Wenn du
Englisch, Portugiesisch und Mandarin kannst, macht dir so ein
Laut kein Problem.

Ich habe es auch gelernt, wobei ich nicht denke, dass andere Fremdspracherfahrungen nützlich sind – schließlich ist Tschechisch die einzige Sprache, die diesen Laut kennt.

Meine Information, dass die Kinder zum Logopäden gehen, stützt sich auf die Aussage einer Tschechin: Eine Freundin von mir macht grad ein Auslandsjahr in Olomouc, und ihre tschechische Mitbewohnerin fragte sie, welchen Buchstaben denn die deutschen Kinder nicht aussprechen könnten. Woraufhin meine Bekannte stutzte. Woraufhin die Tschechin ungläubig fragte: „Gehen denn bei Euch nicht alle Kinder zum Logopäden?“

Dass man diesen Laut lernen kann, heißt ja nicht, dass es alle können. Über den prozentualen Anteil in der Bevölkerung müsste man noch Quellen suchen.
Und dass alle erwachsenen Tschechen das ř sprechen können, wäre nicht einmal verwunderlich, wenn alle ohne Ausnahme als Kind beim Logopäden gewesen wären (was wohl nicht der Fall ist).

Liebe Grüße
Immo

Hallo Chose,

natürlich sind alle Buchstaben des tschechischen Alphabetes „nötig“, warum denn auch nicht? Das hindert doch einzige Laute nicht am Aussterben.
Natürlich weiß ich, dass horký und hořký nicht dasselbe bedeuten, aber wo wäre das Problem, wenn sich hořký zu hožký (zumindest in der Aussprache) entwickelt hätte?
Das Middle English kannte auch noch einen Unterschied zwischen „w“ und „wh“ (letzteres war stimmlos und ist es in Schottland bis heute). Dieser Unterschied war natürlich wichtig, wie man z.B. am Minimalpaar which/witch erkennt. Diese beiden Wörter sind nun im Standardenglisch homophon – was die Entwicklung weg vom stimmlosen „wh“ nicht verhindert hat.
Die Entwicklung des Polnischen „rz“ vom ř-Laut zum ž-Laut habe ich ja schon in der Ausgangsfrage erwähnt.
Fazit von alledem: Das Überleben eines schwierig zu artikulierenden Lautes steht in keinem Zusammenhang zum Überleben einer Sprache.

Liebe Grüße
Immo

Hi Franzi,

auf

GEgenfragen:

habe ich auch Gegenantworten:

Warum überlebt trotz Lispler ds deutsche s?

Weil ein gelispeltes s nicht bedeutend einfacher zu artikulieren ist als ein nichtgelispeltes. Beides sind mögliche Varianten des [s]-Lautes. Außerdem ist in den meisten Fällen gegen das Lispeln kein Logopäde nötig (der hat mir damals auch nicht helfen können), sondern nur intensives Training, welches vom Umfeld begünstigt wird. Vielleicht gilt der letzte Punkt ja auch für die fehlerhafte Artikulation des ř, die Idee kann ich ja mal weiterverfolgen.

Warum sagt man in Bayern immer noch „Der Mann, wo da steht.“ -
trotz Hochdeutsch an allen Schulen?

Weil sich Dialekte (beinahe) unabhängig von der Standardsprache entwickeln können. Auf den Lautstand hat die Standardsprache jedoch meist größeren Einfluss, je nachdem, wie präsent sie im Alltag ist. Ich höre jedenfalls Bayern in München und in beliebten Urlaubsorten ein viel „deutlicheres“ Bayerisch sprechen als z.B. in Landshut.
Und in dem Moment, wo eine Sprache vollständig zu verdrängen versucht wird, kann sie ihre ursprüngliche Lautung selten bewahren. So sprechen alle Sorben, die ich je sorbisch sprechen hörte, das ł als [v] aus (ich kann ja noch mal im MDR bei Zweikanalton darauf achtgeben, ob dies allgemein gilt).

Liebe Grüße
Immo

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Ich würde es andersrum drehen. Seit es Logopäden gibt, hat irgendwer entdeckt, dass man das ´r sprachvereinheitlichen könnte. Wie man uns Deutschen (und viel früher den Franzosen) die Dialekte mit Gewalt abtrainieren wollte.
Ich glaube nicht an die 50% die den Buchstaben falsch aussprechen sollen.

pp

Hi,

eine ganz ungewöhnliche Idee, nicht überprüft und den mitlesenden Bohemisten zur Diskussion gestellt:
In der CSSR waren Tschechisch und Slowakisch Dialekte einer Spraache, des Tschechoslowakischen. Mit dem Ende der CSSR und der Gründung Tschechiens und der Slowakei wurden Tschechisch und Slowakisch (wieder) zu zwei eigenständigen Sprachen. Ein Unterscheidungsmerkmal, dass das Tschechische vom Slowakischen abgrenzt, ist das ř. Und nun wird eben Wert darauf gelegt, dass man das ř auch richtig ausspricht -> Logopäden.

die Franzi

Hi,

ich denke, hier wurde etwwas flasch verstanden / falsch generalisiert. Ich verstehe das so:

welchen Buchstaben denn die deutschen Kinder nicht aussprechen könnten

Ich höre da: „… falls sie ein Sprachproblem haben.“ ‚Beliebt‘ ist in so einem Fall bei deutschen Kindern neben dem s auch das k.

„Gehen denn bei Euch nicht alle Kinder zum Logopäden?“

Ich höre hier wegen des Kontexts „alle Kinder, die ein Sprachproblem haben“.

Das ř ist ein durchaus komplexer Laut, bei dem es schon mal vorkommen kann, dass jemand länger braucht, ihn zu erlernen. Solange allerdings die Mehrheit das kann, wird er erhalten bleiben, da er bedeutungsunterscheidend ist. Sprache ist in ihrer entwicklung zwar demokratisch, aber eben nicht polemisch. Man kann nicht mal eben einen Aufruf / Volksentscheidstarten, um den Buchstaben abzuschaffen, weil eine Anzahl von Kindern „diskriminiert“ ist, weil sie zum Logopäden muss, und dass die nicht ignoriert werden dürfen [Kopie einer beliebigen Bildzeitungsargumentation zu einem polemmischen Thema] - solange es die Mehrheit kann, und es bedeutungsunterscheidend ist, bleibt es so.

die Franzi

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