Wie konnte die stilkunst aussterben?

guten tag, experten!

„normative stilistik“ lehrt prinzipien, mit deren hilfe man sich schriftlich klar ausdrücken soll. sie ist die lehre vom handwerk des schreibens.

sie „spielt heute nur eine marginale rolle“ (encarta enzyklopedie).
journalistik-guru wolf schneider predigt –erfolglos- vor kollegen, und sein vorbild ludwig reiners starb 1957.
neben sogenanntem „creative writing“ und deutschlehrer-belanglosigkeit ist kein platz mehr, zumindest in deutschland.

wie kommt das?
wie konnte ein schlüsselbereich der bildung, über den früher viel veröffentlicht wurde, so vergessen werden?

viele grüsse und danke
hannes

Es lebe die Stilkunst
Hallo Hannes,

nur, weil es keine normative Stilistik mehr gibt, heißt das ja nicht, dass die Stilkunst ausgestorben ist, sie ist nur nicht mehr normativ.

Eine Erklärungsmöglichkeit steht im Historischen Wörterbuch der Rhetorik, Bd.2, Sp. 966:

„In der Sprachpraxis wie in der Forschung läutet das 19. Jahrhundert die Abkehr von der aprioristischen, normativen Stilauffassung und die Hinwendung zu einer oft ungezügelten Stilvielfalt ein. […] Die romantischen und positivistischen Denk- und Schaffensmuster sind … dazu angetan, die Stilvielfalt und die immer wieder verschiedenen Stilbetrachtungen zu fördern. […]“

Diese Tendenz hat sich im 20. Jahrhundert dann weiter verstärkt.

Es ist also eher so, dass man das Individuum und damit auch die individuelle Stilkunst ins Leben gerufen hat. Jeder entscheidet selbst über die angemessenen Mittel seiner sprachlichen Formulierungen.

Gruß, Susan

P.S.: Proust hat übrigens gesagt: „Der Stil ist keineswegs, wie manche glauben, ein Mittel der Verschönerung, ja er ist nicht einmal ein technisches Problem, er ist vielmehr - genau wie die Farbe für die Maler - eine Art des Sehens und Imaginierens, die Enthüllung des partikulären Universums, das jeder von uns sieht, und das die anderen nicht sehen. Das Vergnügen, welches uns ein Künstler schenkt, liegt darin, dass er uns ein weiteres Universum kennen lernen lässt.“ (ebd. Sp. 971)

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