ich habe da mal eine Frage zu der es keine eindeutige Antwort gibt. Ich bin allerdings an eurer Meinung und vielleicht Erfahrungen interessiert.
Folgender Sachverhalt:
Ein Mädchen wird in Russland geboren, ihre Eltern sind englischsprachig, sie geht in einen russischen Kindergarten und hat auch ein russisches Kindermädchen, dass häufig russisch mit ihr spricht. Bevor sie eingeschult wird (mit vier oder fünf Jahren) ziehen die Eltern mit ihr in die USA zurück.
Dazu nun zwei Fragen:
Wie gut wird ihr russisch mit fünf Jahren ausgeprägt sein?
Ist davon noch irgendwas 15 Jahre später (also mit 20) vorhanden, wenn sie zwischendurch kaum Kontakt mit der Sprache hatte?
Ein Mädchen wird in Russland geboren, ihre Eltern sind
englischsprachig, sie geht in einen russischen Kindergarten
und hat auch ein russisches Kindermädchen, dass häufig
russisch mit ihr spricht. Bevor sie eingeschult wird (mit vier
oder fünf Jahren) ziehen die Eltern mit ihr in die USA zurück.
Dazu nun zwei Fragen:
Wie gut wird ihr russisch mit fünf Jahren ausgeprägt sein?
Ist davon noch irgendwas 15 Jahre später (also mit 20)
vorhanden, wenn sie zwischendurch kaum Kontakt mit der Sprache
hatte?
In dem Fall wird sie spätestens beim 2. Hirnumbau während der Pubertät fast alle Erinnerungen daran verlieren. Nur ein paar wenige emotional passende Worte bleiben hängen.
In dem Fall wird sie spätestens beim 2. Hirnumbau während der
Pubertät fast alle Erinnerungen daran verlieren. Nur ein paar
wenige emotional passende Worte bleiben hängen.
das finde ich seltsam.
Womöglich ist dies ja tatsächlich so, nur warum? Auch andere Erinnerungen aus den ersten fünf Lebensjahren gehen ja nicht in der Pubertät fast vollständig verloren.
Viele Menschen kennen noch ihre (schon vor der Einschulung auf Nimmerwiedersehn verräumten) Bilderbücher, Rituale aus dem Kindergarten, Spielzeug das es nur bei Kindergartenfreunden gab, Details aus einem Haus in dem sie früher mal gewohnt haben, etc.
im Gegensatz zu Stefan sehe ich es weniger rigide, auch wenn sich deine Fragen nicht grundsätzlich beantworten lassen - es hängen einfach zu viele Faktoren dran.
Ich selbst bin der Meinung, dass eine Sprache, die man einmal halbwegs vernünftig gelernt/gesprochen hat (davon gehe ich in dem von dir beschrieben Fall aus, weil Kinder verdammt schnell lernen, auch wenn es mit der kyrillischen Schrift in dem Alter vermutlich noch nix ist), hängen bleibt. Klar, nach Jahren scheint diese Sprache verloren gegangen zu sein, aber das stimmt nicht - sie ist nur verschüttet und muss nur freigebuddelt werden. Wenn du es so willst: sie wartet in den unendlichen Weiten des menschlichen (Gehirn-)Universums auf die Reaktivierung und die geht überraschender Weise ungeheuer schnell.
Ist davon noch irgendwas 15 Jahre später (also mit 20)
vorhanden, wenn sie zwischendurch kaum Kontakt mit der Sprache
hatte?
Ich behaupte: Ja! Ich überlege gerade, wann ich das letzte Mal russisch gesprochen habe… Es war 1986 (mein letztes Schuljahr in Polen, wobei ich dazu sagen muss, dass ich diese Sprache - obwohl ich sie gut beherrschte - regelrecht gehasst habe und froh war, dass ich sie los bin), seitdem nicht mehr. Trotzdem kann ich - auch wenn es nach so vielen Jahren seeehr mühsam ist - russisch immer noch halbwegs sprechen, lesen, schreiben und verstehen. Wie gesagt: die Sprache ist da, man muss sie nur aus dem Dornröschenschlaf wecken.
Grüße
Renee
PS.
Ich kenne genügend Leute, die nach einer Auswanderung im Erwachsenenalter (sic!) nach ein paar Jahren behaupten, sie würden ihre Muttersprache nicht mehr verstehen… Das nehme ich denen nicht ab.
Bei Können würde ich passives (Lesen und Hören) und aktives (Schreiben und Sprechen) unterscheiden.
Eine Sprache, die man einmal verstanden hat, wird man immer verstehen. Es wird vielleicht ungewohnt und schwieriger zu folgen, aber sie verschwindet nicht.
Beim Sprechen ist es anders. Solange man eine Sprache spricht, kann man sie auch aktiv. Wenn man sie nicht mehr spricht, baut man sie ab. Bis man irgendwann gar nicht mehr sprechen kann. Aber auch das verschwindet nicht. Sobald man gezwungen ist sich auszudrücken, kommt das Wissen wieder.
Beim Schreiben ist es noch gravierender. Um richtig schreiben erstmal zu lernen (das Formulieren, die Grammatik und die Rechtschreibung, nicht unbedingt das Alphabet, aber das auch), muß man eine Schule besucht haben. Schreiben ist nichts, das man passiv erlernen kann wie Sprechen.
Bei manchen ist es dafür umgekehrt, die können zwar korrekt schreiben aber nicht sprechen (sgn. Schulenglisch).
Die Unterscheidung zwischen Muttersprache und Fremdsprache ist dabei nicht ganz logisch. Auch die Muttersprache geht nach und nach verloren, wenn man sie nicht mehr braucht. Schon nach relativ kurzer Zeit.
Das sind eigene Erfahrungen als Aus-, Um-, Rückwanderer.
aus Erfahrung stimme ich Stefan zu. Was eventuell bleibt ist eine Affinität für die Sprache.
Meine Erfahrungen: Neffe - lebte bis zum Alter von 5 Jahren in einem englischsprachigen Land, ging dort in den Kindergarten, hatte englische Freunde, englisches Kindermädchen.
Englisch verschwand rapide, allerdings hat er sich im Englischunterricht an der deutschen Schule relativ leicht getan (zumindest beim Sprechen).
Erfahrungen mit deutschen Kindern, die aus dem englischsprachigen Ausland zuziehen. Alter des Rückzugs: etwa Schuleintritt.
Sie gehen hier auf eine englischsprachige Schule (an der ich arbeite).
Ist der Übergang sofort, kann das Englisch erhalten bleiben, es muss aber zu Hause auch unterstützt werden - nur Englisch in der Schule ist nicht genug, um das Englisch wirklich gut zu erhalten. Liegt zwischen englischsprachigen Kindergarten und Schuleintritt etwa 1 Jahr (was im vorliegenden Fall etwa gegeben ist), müssen die Kinder in dem Jahr aktiv im Englischen unterstützt werden, um den Eintritt in eine englischsprachige Schule zu schaffen.
Allen, die etwas anderes schrieben, ist nicht klar, wie wenig die Sprache man mit 5 Jahren eigentlich hat. Vor allen Dingen ist der Wortschatz noch ziemlich limitiert und Grammatik nicht gefestigt. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass Kinder in diesem Alter sich meist weigern mit Menschen in einer anderen Sprache als die des Sprechers zu reden (d.h. mein dreijährigere Neffe weigerte sich mit mir Englisch zu reden, obwohl er alles verstand, was ich ihm sagte, antwortete er nur auf deutsch; es war im offensichtlich nicht eingängig, warum er mit jemandem Englisch reden sollte, der doch mit allen anderen Menschen um ihn herum, deutsch redete).
meine Eltern haben viele Jahre in arabischen Ländern gewohnt und gearbeitet und hatten dort viele Kollegen und Bekannte mit Kindern. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass, wenn die Kinder bis zum etwa 10. Lebensjahr arabisch gesprochen haben, die Sprache später behalten haben.
Waren die Kinder kleiner, haben sie nach kurzer Zeit alles vergessen, wenn sie das Land verlassen haben. Wie gesagt: nur eine persönliche Erfahrung. Ich weiss nicht, ob die vergessenen Sprachen vielleicht doch wieder leicht raktivierbar wären.
hallo!
Also ich habe hier eine Schuelerin, die bis zu ihrem 5. Lebensjahr in Deutschland gelebt hat und auch in einen deutschen Kindergarten gegangen ist. Ihre Eltern koennen zwar Deutsch, haben es aber nach der Rueckkehr nach England nicht mehr mit ihr gesprochen. Sie hat hier Deutsch als erste Fremdsprache, und ihre Aussprache ist oft deutlich besser als die der anderen, sie sagt auch, dass sie sich am Anfang sehr leicht getan hat, aber dass sie genauso viel lernen musste, sobald es schwieriger wurde (you know, that kind of things you just don’t talk about in Kindergarten!).
gerade läuft „Dances with Wolves“.
Vielleicht nicht gerade wissenschaftlich haltbar, aber das Problem einer Frau, die seit sie ungefähr 5 war, ihre Muttersprache nicht mehr sprach oder auch nur hörte, wird da (auch) problematisiert.
Bestätigt eher die These, dass man es fast ganz verliert.
Beim Schreiben ist es noch gravierender. Um richtig schreiben
erstmal zu lernen (das Formulieren, die Grammatik und die
Rechtschreibung, nicht unbedingt das Alphabet, aber das auch),
muß man eine Schule besucht haben. Schreiben ist nichts, das
man passiv erlernen kann wie Sprechen.
Da muss ich dir wiedersprechen: meine Schwester war grade mal 6J als wir nach Deutschland kamen, sie hat in Russland(da kommen wir her) nie eine Schule besucht, hatte dementsprechend nie Schreiben und lesen gelernt, wie haben es ihr auch nie versucht beizubringen. Und vor paar Jahren hat sie sich ein russisches Alphabet zugelegt und ganz von alleine, ohne irgendeine Unterstützung, sich das Lesen und Schreiben beigebracht! Meine Schwester ist zwar recht intelligent aber ganz bestimmt kein Genie, also kann es nicht von einer sprachlichen Begabung her kommen.
Und vor paar Jahren hat sie sich ein
russisches Alphabet zugelegt und ganz von alleine, ohne
irgendeine Unterstützung, sich das Lesen und Schreiben
beigebracht!
Aber da war sie keine Analphabetin, oder, d. h. sie war alphabetisiert mit dem lateinischen Alphabet? Natürlich kann man sich selbst eine neue Schrift beibringen, aber Lesen und Schreiben an sich ohne Lehrer zu erlernen stelle ich mir extrem schwer vor, wenn nicht unmöglich.
Außerdem ist Selbststudium eben auch Studium und kein natürlicher Erwerb. Vom reinen Hinschauen lernt niemand lesen, aber vom Zuhören lernt man sprechen. Das ist uns angeboren.
Hallo Anja,
Ich finde Deine Frage hochinteressant, deshalb antworte ich (wenn auch verspätet)
Folgender Sachverhalt:
Ein Mädchen wird in Russland geboren, ihre Eltern sind
englischsprachig, sie geht in einen russischen Kindergarten
und hat auch ein russisches Kindermädchen, dass häufig
russisch mit ihr spricht. Bevor sie eingeschult wird (mit vier
oder fünf Jahren) ziehen die Eltern mit ihr in die USA zurück.
Wenn du „Englisch“ durch „Spanisch“; „USA“ durch „spanien“ ersetzst und das Kind bereits eingeschult wurde, kann ich Dir aus meiner eigenen Familie berichten:
Entweder übt das Kind weiter Russisch (sooft es geht und so intensiv es geht), oder nach 15 Jahren hat das Kind das ganze Russisch vergessen. Nichts ist in dem von mir genannten Beispiel übrig geblieben, obwohl die Eltern vorzügliches Russisch reden (noch heute) und viele Gegenständen im Haushalt gibt, die diese Verbindung aufrechterhalten könnte. Auch persönliche Beziehungen zu Rußland sind nach wie vor da. Trotzdem: Das Kind kann kein Russisch.
Man hat diese Person aus meiner Familie mehrmals, sogar Fachkündige, gesagt, dass sollte sie mal Russich lernen wollen, wird sie sich wesentlich leichter tun als andere, die noch nie im Kontakt mit der Sprache waren. Aber lernen wird sie das von anfang an tun, also erst das Alphabet, etc…
Jemand anders hat zu mir gesagt, dass sollte der Mensch bis zur Mitte der Pubertät diese Sprache noch AKTIV pflegen bzw benutzen, wird er im Erwachsenenalter sich damit unterhalten und die Sprache weiter verwenden können.