Ich habe den Eindruck, dass der Begriff ›Unwort‹ häufig gebraucht wird, um nicht die inadäquate sprachliche Gestalt eines Ausdrucks zu kritisieren, sondern – und das erscheint mir wenig sinnvoll – entweder das damit bezeichnete Konzept oder den Gebrauch des Begriffs. Für Letzteres findest du ein Beispiel in diesem Artikelbaum, das ich unten kommentiert habe; für Ersteres hast du selbst eines gegeben: ›Lohnabstandsgebot‹. Dabei handelt es sich gewiss nicht um eines der anmutigsten und transparentesten Wörter der deutschen Sprache, aber deine Begründung, dass damit »die Niedriglöhne durchgesetzt werden«, ist Sachkritik, die in der Tat in die Politikbretter gehört, nicht Sprachkritik. Die inhaltlichen Implikationen mögen unschöne sein; das Wort selbst bezeichnet auf halbwegs neutrale Weise, dass es geboten sei, einen Abstand zwischen Sozialleistungen und Arbeitsentgelten zu wahren – ein Verwaltungsbegriff wie so viele. Wenn man nach ›persönliches Unwort‹ googelt, findet man Hunderte weiterer Fälle, in denen das Wort geschlagen wird, obwohl der Gegenstand gemeint ist.
Begriffe, die eher treffen, was ich für den Kern der Idee halte, sind die von dir genannten ›Unwörter des Jahres‹. Erstens liegt da der Stein des Anstoßes für den Kritiker nicht in der Sache, etwa dem Vorhandensein von Betriebsräten, sondern in der als unangemessen empfundenen Bezeichnung dieser Situation, im konkreten Fall als ›Verseuchung‹. Zweitens konzentriert man sich offenbar auf Begriffe, bei denen die Bewertung des Wortes nicht ausschließlich auf emotionalen Faktoren beruht – wie das etwa bei Anglizismen der Fall wäre. Es ist jedenfalls, meine ich, durchaus ehrenhaft, dass die ›Unwort‹-Jury Versuche, sachlich Fragwürdiges über die sprachliche Hintertür salonfähig zu machen oder zweifelhafte Gesinnungen sprachlich zu tarnen, zu entlarven sich bemüht; was den Erfolg dieser Bemühungen angeht, hege ich indes gewisse Skepsis.
Und zu dem, was an anderer Stelle in diesem Thread geschrieben wurde:
Sogenannte. Weil das ein absolut nutzloses Wort ist.
Nein, es ist ein Mittel der sprachlichen Distanzierung. Im richtigen Zusammenhang besagt es: ›Ich zitiere im Folgenden ein Wort, das bzw. dessen Gebrauch ich nicht billige, aber dokumentieren möchte.‹. So könnte man vom ›sogenannten Dritten Reich‹ sprechen, um zu verdeutlichen, dass man sich der Verwendung des Ausdrucks als Propagandabegriff bewusst ist. Oder von den ›sogenannten weichen Drogen‹, wenn man Zweifel an einer derartigen Bewertung bestimmter Rauschmittel äußern möchte. Kritik an inflationärer Verwendung eines Begriffs sollte nicht darin münden, das Wort seines Gebrauchs wegen zum ›Unwort‹ zu erklären.
Gruß
Christopher