Hallo Peter,
…Verstärkt haben dürfte die Zustimmung zum Gesetz, die mit
444 Ja-Stimmen gegen 94 Nein-Stimmen endete,…"
Jetzt mal eine Rechnung: anwesend 538 Abgeordnete (Die
Abstimmung wurde übrigens namentlich durchgeführt, sodass ich
hier diese Zahl als tatsächlich anwesend annehme.)
hinzuzurechnen: 107 Abgeordnete, Gesamtzahl also 645
Abgeordnete, davon 2/3 = 430 Abgeordnete.
(Max zitiert eine Stelle, wo 647 Mandate genannt werden)
2/3Anforderung war also sowohl hinsichtlich der
Anwesenheitsforderung wie auch der 2/3 Zustimmung gegeben.
damit haben wir, wenn ich richtig rechne, aus heutiger Sicht 15 Ja-Stimmen „zuviel“ aus dem bürgerlichen Lager, einschließlich Gladbecker Brieftaubenzüchterpartei und vergleichbarer Gruppierungen.
In diesem Zusammenhang die Frage, welche Wirkung die leeren Sitze hatten. Und die Vermutung, dass es den verbliebenen Reichstagsabgeordneten nicht entgangen war, dass die im „Stürmer“ so bezeichneten „Erholungsheime“ für u.a. die abwesenden Abgeordneten in der diesem Organ eigenen saft- und kraftvollen Ironie so bezeichnet wurden und vielleicht doch nicht so erholsam waren? Namentliche Abstimmung gegen die jeweils gültige political correctness unter diesen Bedingungen setzt einen Mut voraus, den nicht zu haben zwar von Schwäche zeugt, aber nicht von individueller Schwäche, sondern von einem Organisationsproblem.
In diesem Zusammenhang steht auch, dass ich dem Reichstagsbrand & Folgen eine so wichtige Bedeutung zumesse - und auch der Legende vom „durchgeknallten Einzeltäter“, der zum Tatzeitpunkt an so vielen Orten gleichzeitig sein konnte.
Aber egal: entscheidend war das Verhalten der sog.
bürgerlichen Mitte, und DIE stimmte zu.
Es ist nicht leicht, den Beteiligten, die man heute nicht mehr fragen kann, dieses oder jenes Motiv zu unterstellen. Die m.E. in Frage kommenden waren: Erstens, das Erkennen von potentiellen Verbündeten hinter der Fassade von roten Fahnen und wild bramarbassierender Hanswurstiade. Gerade bei den Abgeordneten der NSDAP, bei denen Proletarier und deklassierte Kleinbürger von Anfang an ihrer Zahl nach grad mal den Dreck unterm Daumennagel ausmachten, war es wohl nicht so schwer zu sehen, dass die Autonomen von der SA zwar publicitywirksam, aber nicht repräsentativ für die erklärten Ziele der NSDAP waren. Zweitens, in bloß formalem Widerspruch zum Gesagten, das grade Gegenteil: Nämlich ein diffuses Schaudern vor der „Roten Gefahr“ und vor dem „Terror der Straße“, ohne besonders deutliche Vorstellung davon, wer den Terror denn eigentlich auf die Straße gebracht hatte. In diesem Sinn könnten wohl heutige Verfechter der „wehrhaften Demokratie“ abstimmen. Drittens, und hier kommen die vieldiskutierten deklassierten Kleinbürger und -bauern, der Irrglaube, es handele sich bei der NSDAP um eine revolutionäre Bewegung, die willens und in der Lage sei, dem bösen Finanzkapital die durch das „Vorlck“ erarbeiteten Schätze zu entreißen und zu einer Art einträchtigem konkurrenzfreiem anarchosyndikalistischem Weiterwursteln den Kleinhandwerkern, Kleinhändlern, Kleinbauern und NS-Landkommunen zurückzugeben. Ein 14/18 nie über den Gefreiten hinausgekommener Freak, der seine Kleinstkunsthandwerkerei nichtmal selber zu hausieren gewagt hat, muss ja wohl „einer von uns“ sein.
Ohne das jetzt weiter in die Länge zu ziehen:
(1) Die von Dir dargestellte Rechnung zeigt zunächst, dass nach formalen Gesichtspunkten die Verabschiedung der Ermächtigungsgesetze selber als legal bezeichnet werden muss. Allerdings muss man dafür annehmen, dass das gewaltsame Ausräumen wesentlicher Teile des Parlamentes keinen Einfluss auf das Abstimmungsverhalten der verbliebenen Abgeordneten hatte.
(2) Wenn man versucht, sich ein Bild zu machen von der zweifellos breiten Zustimmung zur „Machtergreifung“ auch aus Kreisen, die daran nicht interessiert gewesen sein können, kommt man zu einem Eindruck von vorbildlichem Taktieren der NSDAP betreffend teils formale, teils inhaltliche Zweckbündnisse im jeweils richtigen Moment.
Und noch ne kleine Bemerkung, die natürlich überhaupt nichts mit Programm und Zielen der NSDAP zu tun hat, sondern bloß die Bedeutung solchen Taktierens aus heutiger Sicht illustrieren soll: Mein Käsehändler erinnert oft daran, dass der Minister unseres jetzigen Kabinetts mit dem heiligsten Gesicht, der früher mal gerne Botschafter im Vatikan geworden wäre, an der Startbahn West immer gern in der Nähe der hyperrevolutionären Wüteriche vom Schwarzen Block aufgetreten ist.
Schöne Grüße
MM