Wie segmentiert man Gewerkschaftsvorsitzende?

Hallo zusammen!
Ich muss für ein Sprachwissenschaftsseminar in der Uni einen Strukturbaum (IC-Analyse) für das Wort „Gewerkschaftsvorsitzende“ erstellen. Teile ich nun das Wort in „Gewerkschaftsvorsitz + -ende“ oder in „Gewerkschaftsvorsitzend + -e“?
Ich hoffe jemand kann mir hier weiterhelfen.
MfG

Hi,

Ge/werk/schaft/s/vor/sitzen/d/e

die Franzi

Nicht?

Ge/werk/schaft/s/vor/sitzen/d/e

Ge/werk/schafts/vor/sitz/en/de
?

Moin,

das:

Ge/werk/schaft/s/vor/sitzen/d/e

ist die Segmentierung nach Morphemen.

das:

Ge/werk/schafts/vor/sitz/en/de

die nach Silben.

Ich habe auch an das erstere gedacht, aber möglich ist natürlich, daß der UP an deine Variante dachte…

Gruß

Kubi

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Hi,

Ge/werk/schaft/s/vor/sitzen/d/e

Nee, bei „sitzen/d“ haut’s nicht hin. Wenn, dann eher:

Ge-werk-schaft-s-vor-sitz-end-e

Gruß,

  • André
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Hi,

so als nichtgermanistin… besteht das Suffix des Partizip I aus en+d, oder ist es ein vom Infinitivsuffix unterschiedenes, eigenes Suffix?

die Franzi

Naja, von der Funktion her gesehen… ich sehe keinen Grund, warum in -end das -en für den Infinitiv semantisch enthalten sein könnte. Und wenn, was fügt dann das -d der Form hinzu? Wie würde man -d nennen, welche Funktion hat es? Historisch, denke ich, dürfte der Infinitiv auch keine Rolle gespielt haben.
Daher die Glossierung in vor-sitz-end-e, nicht in *vor-sitz-en-d-e (du hattest „sitzen“, das Wort besteht aber schon aus mehreren Morphemen).

Leider lässt es sich schwer überprüfen, da praktisch alle deutschen Verben im Infinitiv auf -en enden und das Partizip-I-Suffix eben immer auf -end endet.
Ausnahmen sind hier „sein“ (das man als Kopula vllt. nicht als Verb zählen sollte) und „tun“, die das Partizip I beide auf „seiend“ und „tuend“ (für letzteres musste ich bei canoo.net nachschlagen), allerdings dürften die Verben beide früher auch „seien“ und „tuen“ geheißen haben.

Viele Grüße,

  • André

Hi,

ich sehe keinen Grund, warum in -end das -en für den Infinitiv semantisch enthalten sein könnte.

(ich entschuldige mich im Voraus bei den mitlesenden Germanisten, etwas holpert da…)
Naja, das Partizip I des Deutschen ist das Partizip Aktiv. Es drückt aus, dass eine Handlung vom Sinnsubjekt durchgeführt wird. Das Partizip wird verwendet, um die Gleichzeitigkeit zweier Handlungen auszudrücken. Beispiel: Oma saß lesend im Sessel. = Oma saß im Sessel und las (gleichzeitig, währenddessen). -les- bringt die lexikalische Bedeutung, -en- sagt, dass es eine Tätigkeit ist, und -d- die Gleichzeitigkeit.

Und wenn, was fügt dann das -d der Form hinzu? Wie würde man -d nennen, welche Funktion hat es?

siehe oben. -d- wäre ein grammatisches Morphem, ein gebundenes Morphem sowie ein Derivationsmorphem, da es ja die Wortklasse „Partizip I“ bildet.
http://www.schneid9.de/sprache/linguistik/ling08.pdf

die Franzi

Hallo,

ich sehe keinen Grund, warum in -end das -en für den Infinitiv semantisch enthalten sein könnte.

(ich entschuldige mich im Voraus bei den mitlesenden
Germanisten, etwas holpert da…)

Ich bin kein Germanist (sondern Linguist), deine Erklärung ist ja schon verständlich (holpert da also nicht), aber…

Naja, das Partizip I des Deutschen ist das Partizip Aktiv. Es
drückt aus, dass eine Handlung vom Sinnsubjekt durchgeführt
wird. Das Partizip wird verwendet, um die Gleichzeitigkeit
zweier Handlungen auszudrücken. Beispiel: Oma saß lesend im
Sessel. = Oma saß im Sessel und las (gleichzeitig,
währenddessen). -les- bringt die lexikalische Bedeutung, -en-
sagt, dass es eine Tätigkeit ist, und -d- die
Gleichzeitigkeit.

Die Begründung macht in meinen Augen nicht viel Sinn. Da -d als Suffix in dieser Bedeutung meines Wissens nirgendwo sonst angewendet wird, und Gleichzeitigkeit als produktiver Vertreter einer grammatischen Kategorie nur in den Verben vorkommt, erübrigt sich logisch ein weiteres Suffix zur Anzeige der Wortart (was -en evtl. wäre). -d hätte hier einfach die Bedeutung des andauernden Aspekts (progressiv oder imperfektiv), und Aspekt ist eine Verbalkategorie. Ein -en fügt der Konstruktion mit -en keinerlei Bedeutung zu.
Daher sehe ich keinen zwingenden Grund für die Annahme, hier läge -en (Infinitiv) und -d (imperfektiver Aspekt) vor. Für mich wirkt die klassische Ansicht, -end sei einfach das Partizip-Aktiv-Suffix viel einleuchtender.

Nach Ockham’s Razor soll man der Theorie glauben, die mit den wenigsten Annahmen die gleichen Vorhersagen und Erklärungen treffen kann, das wäre in dem Fall die, dass -end ein monomorphemisches (also nicht weiter aufspaltbares) Suffix ist.

Aber man darf natürlich abweichende Theorien und Hypothesen formulieren. Vielleicht hat das sogar schon wer gemacht. Man müsste aber eine weitreichendere Erklärung bieten und genau erklären, warum man das Suffix auftrennen möchte, was -en und -d im Einzelnen hier bedeuten und warum letzteres nicht allein auftritt.

Und wenn, was fügt dann das -d der Form hinzu? Wie würde man -d nennen, welche Funktion hat es?

siehe oben. -d- wäre ein grammatisches Morphem, ein gebundenes
Morphem sowie ein Derivationsmorphem, da es ja die Wortklasse
„Partizip I“ bildet.
http://www.schneid9.de/sprache/linguistik/ling08.pdf

Das wäre auch -end. Die Funktion von „deinem“ -d wäre ja mit „meinem“ -end identisch. Gibt es die Annahme, -d sei im deutschen ein eigenständiges Morphem, schon irgendwo?

die Franzi

Gruß aus China,

  • der André

Hi,

so kann man das auch sehen. Wie es die Germanistik handhabt, und was schon diskutiert wurde oder nicht, weiß ich nicht.

aber ich denke, die / der UP hat seine Hausaufgabe vollständig gelöst bekommen :smile:

die Franzi