Wie sinnvoll ist ein Fachabitur?

Hallo,
Der Sohn einer Bekannten möchte nächstes Jahr (dann Klasse 11) vom Gymnasium abgehen und in die nächstgrößere Stadt ziehen um dort sein Fachabitur in sozialer Arbeit zu machen.
Wie sinnvoll ist dieser Schritt, und hat vielleicht jemand Erfahrungen mit Bafög für Fachschüler bei freiwilligen Wegzug aus dem Elternhaus.
Vielen Dank
Stephanie

Hallo,

zum BAFöG kann ich ncihts sagen, aber zum Fachabitur.
Warum sollte er diesen schritt nicht machen? Wenn er schon weiß, was er studieren will, dan nreicht das doch. Das Fachabitur berechtigt zum Studium ausgewählter Studienrichtungen an einer Fachhochschule. Welche das sind, hängt vom gewählten Zweig ab. Und wenn ihm das für sein Studienfach und seinen Wunschberuf reicht, warum nicht?
Hier in Bayern (ich weiß nicht, wo du bist) kann man auch an der Fachobershcule sein allgemeines Abitur machen. Man muss dazu Kenntnisse in einer zweiten Fremdsprache haben (dazu reicht, dass man am Gymnasium von der 7. bis zur 10. Klasse eine zweite FS hatte und in der 10. Klasse mind eine 4 hatte) und die 13. Klasse der FOS besuchen. Ohne zweite Fremdsprache hat man „nur“ die fachgebundene Hochschulreife. Man kann also je nach Zweig, den man an der FOS besucht hat, bestimmte Fächer an UNi, FH und TU studieren.
Nachteil ist nur, dass die FOS bis zur Fachhochschulreife 2 Jahre dauert, bis zum allgemeinen Abitur / zur fachgebundenen Hochschulreife 3 Jahre. Dafür ist aber ein Praktikum integriert (das macht das so lang), und der Stoff ist nicht so schwierig wie am Gymnasium (auch wenn der Stundenplan sehr sehr voll ist), die Erfolgschancen dürften also
bei entsprechendem Fleiß sehr hoch sein. Fleiß steigert sich in der REgel, weil die Trauben weniger hoch hängen und Gymnasiasten selten sind, eher kommen die Schüler von der Realschule und Hauptschule, daher sind die Gymnasiasten an der neuen Schule etwas weiter oben in der Hackordnung, unter Umständen ein angenehmer psychologischer effekt :wink:

Ich hoffe, geholfen zu haben.

Viele GRüße,

Franziska Franke

H wie Hola.

Zuerst ein Hinweis: Bitte nicht vom „Fachabitur“ sprechen, das gibt
es schon Urzeiten nicht mehr in Deutschland, auch wenn Bayern an dem
Wort festhält.

Es gibt entweder eine „Fachhochschulreife“ oder eine „fachgebundene
Hochschulreife“ neben der „allgemeinen Hochschulreife“
(vollwertiges Abitur).

Fachabitur als solches existiert nicht.

Sofern damit gemeint ist, daß Du eine allgemeine Hochschulreife
an einer Oberstufe erwirbst, die eine Klasse länger als üblich dauert
(also dreijährig, Abitur nach 13 Jahren), und in der neben
dem vollwertigen Abitur zusätzlich berufsrelevantes Fachwissen
vermittelt wird, dann kann ich helfen.
Ich habe einen solchen Bildungsweg in Sachsen absolviert
(Schwerpunkt Technik).
Ich habe als Kind der Arbeiterklasse auch Schüler-BaföG bekommen. :smile:
(Andernfalls hätte ich kein Abitur ablegen können.)

Wie sinnvoll ist dieser Schritt, und hat vielleicht jemand
Erfahrungen mit Bafög für Fachschüler

Zäumen wir das Pferd mal von hinten auf:
Relevant ist nicht nur das Vorhandensein einer Nebenwohnung!
Der tägliche Schulweg muß auch mind. 2 Stunden in Anspruch nehmen.
Das heißt, Busfahrzeiten, Umsteigezeiten, Wartezeiten, Laufwege -
alles zusammen - müssen den Oberschüler über 2 Stunden des Tages kosten.(*)
(Ich war damals über 3 h unterwegs.)

Außerdem muß - wie auch beim Studenten-BaföG - das Einkommen der
Eltern entsprechend niedrig sein. Das Übliche eben: nicht vermögend,
sozial schwach. Nur dann baut sich ein Förderungsanspruch auf.

Aber. Da das bei mir schon Jahre her ist, unbedingt im Internet
erkundigen, wie die aktuellen Förderrichtlinien lauten!

Zum Bildungsgang selber kann ich nichts tatsächlich Brauchbares beisteuern,
denn es geht sicherlich nicht um das Bundesland Sachsen.

Im allgemeinen kann man jedoch festhalten, daß das Kombinationsabitur
aus vollwertiger Hochschulreife + Fachbildung der allgemeinen Hochschulreife
deutlich überlegen ist.

Die Notengebung bei uns war konstruktiver als die am Regelgymnasium,
denn es wurde außerordentlicher Wert auf ingenieurwissenschaftliche
Arbeitsweise, methodisches Vorgehen, Anwendung und weitschweifiges
Verständnis gelegt. Faktenwissen dagegen hatte nur die minimal mögliche
Bedeutung, d.h. soviel wie nötig, sowenig wie möglich.

Schon für 13 Notenpunkte (1-) mußte man einiges zeigen!
War sicherlich auch Glück für mich dabei, daß das Kollegium bei uns
von der alten Schule war, die Zensierung verdammt ernstnahm,
den anspruchsvollen Zensurenmaßstab eisern durchdrückte,
so daß man sich die Zensuren in der Tat verdienen mußte.

Im Gegenzug wußte man allerdings: Die erteilten Noten spiegeln mit
großer Sichereit die reale gezeigte Leistung wider -
etwas, was ich bei weniger und weniger Abiturienten beobachte.

Wie weiter oben schon erwähnt, lag das Schwergewicht einerseits auf
dem geistigen, logischen Durchdringen des Stoffes, andererseits
auf der vielfältigen kreativen und praktischen Anwendung der
erlernten Denkweisen und des methodischen Handwerkszeugs.
Der Unterricht sah dementsprechend aus. Leute, die für ihre Zensuren
hauptsächlich pauken, pauken, nochmals pauken hatten es mitunter
verteufelt schwer.
Ein Gymnasiast vom Regelgymnasium hätte bei uns vermutlich über 50%
der Klausuren angefechtet, da es meistens
„Stoff an unbekannten Beispielen“ und „noch nicht explizit behandelter Stoff“ war.

Die Faustregel, die Referendare für Regelschulen beigebracht bekommen,
etwa 70% der Klausuraufgaben aus Bekanntem zu stricken, galt nicht.

Die Verteilung war etwa 20% Faktenwissen, 50% Anwendung an
praxisrelevanten Beispielen, 30% Transfer auf explizit unbekannte Aufgabenstellungen.

Wie gesagt, so war das damals zu meiner Zeit.
(Da waren die Schwerpunkt-Lehrpläne rappelvoll und unerprobt.
Seit 3 Jahren sind sie jetzt evaluiert mit einigen Einschnitten
und für meine Begriffe gesenkten Anforderungen.)

Was gibt es noch zu sagen?
Man sollte nicht auf das Geschwätz von der „11. Klasse als Wiederholungsklasse“ hören;
nichtmal in Mathe oder Deutsch wurde *nur* aus der Realschule
bzw. Mittelstufe wiederholt. Das zusätzliche Jahr wurde im Ggs.
zur normalen westdeutschen dreijährigen Bummeloberstufe intensiv
für erweiterten Stoff genutzt.
(U.a. wurden bekannte Themen völlig anders als von der Realschule
gewohnt angegangen. Nicht zu vergleichen.)
Das Unterrichtsniveaus selbst war wie Regelgymnasium, oft noch eine schippe schärfer (Mathematik, Physik, Technik, …), da eben
die Ansprüche anders lagen. Häufig unterrichteten Ingenieure (Dipl.-Ing, Dr.-Ing.) oder Ingenieurhochschullehrer (Dipl.-Ing. paed.).

Trotzdem: keine Ahnung, wie das alles bei euch ist.

Praktische Tätigkeit spielte auch eine Rolle.
Wir mußten zwei längere Praktika während der Klassenstufe 11 absolvieren,
ein Praktikum in angewandter Elektronik und eines in Metalltechnik.
Dazu kam ein kürzeres Praktikum an der Drehmaschine.

Immer wieder gab es im Leistungsfach auch speziellen offenen
Unterricht im Stile des ehemailgen DDR-Oberstufenfaches wpA
(„wissenschaftlich-praktisches Arbeiten“).
Dort wurden uns Projektaufgaben erteilt, die langfristig einzeln, öfter
jedoch in Gruppen, zu lösen waren.
Als Beispiele: Entwicklung & Demonstration eines komplexen CNC-Programms an einer echten Industriemaschine; Entwicklung und Vorführung einer durch Mikrocontroller geregelten Pumpenanlage;
Planung einer SPS-kontrollierten intelligenten Ampelsteuerung usw. usf.

Dann gab es noch die Anforderung, daß jeder 2 Belegarbeiten anfertigen mußte,
eine in Klasse 11, die andere in der 12. oder 13. Klasse.
(von eigener Hand angefertigte, wissenschaftliche Abhandlung zu
einem Thema, was unter Zulassung & Betreuung durch einen Fachlehrer
von etwa 30 Seiten)

Außerdem gab es immer wieder Praktikumsversuche in Laboren (einschließlich
anzufertigender Protokolle) oder Praxisstunden, in denen man sich
unter mäßiger Beteiligung des Lehrers diversen Stoff eigenverantwortlich erarbeiten mußte. Computersimulationen inbegriffen.

Pro Halbjahr standen in einigen Fächern auch kleinere Abhandlungen
von 10 bis 15 Seiten regelmäßig als Pflicht nebenher (sowas wie
Langzeithausaufgaben).

Im Grunde hatte ich also eine verdammt gute Schule erwischt. :smile:

Die Belastung lag immer so um 35 bis 40 Wochenstunden.
(dreimal die Woche 10. Stunde bis 16.30 Uhr wegen unvermeidlicher
Freistunden zwischendurch).
Zu den Unterrichtseinheiten kam dann der übliche Aufwand für Protokolle,
Hausaufgaben, Stoff ab und an nacharbeiten, Referate,
Aufsätze, Collagen et cetera.
Manchmal schon ein bißchen anstrengend, aber geschadet hat die
straffe Gangart nicht. Über das maßlos übertriebene Gezeter
bezüglich des G8-Abiturs kann ich da nur laut lachen.
Am Wochenende blieb mir immer mehr als genug Freizeit, um entspannt
und ohne Psychosen einem Sozialleben nachzugehen. :smile:

Die Schule bot übrigens einen üppig ausgestatteten Aufenthaltsraum -
gerne genutzt für Gequatsche, Hausaufgabenerledigung, erholsamem
Kurzschlaf auf dem Sofa oder, oder, oder.
Die in Ostdeutschland überall selbstverständliche Schulküche gab es
natürlich auch. Verhungert ist also niemand. :wink:

Wie bin ich froh, nicht an ein schnödes Regelgymnasium gegangen zu sein. :smile:

Ahoi

weniger wäre wahrscheinlich mehr gewesen

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lieber zuviel als zuwenig :smile:

Danke

für die sehr guten ausführlichen Antworten. Das macht es uns sicher ein wenig leichter den richtigen Schritt zu gehen.
Stephanie