Tunnelblick
Hallo Sylvia
Es ist immer schwer, anderen Menschen bei ihren Problemen zu helfen,
selbst wenn man sie gut kennt. Letztlich muss jeder fuer sich
entscheiden. Aussenstehende koennen dir jedoch bei einem
Perspektivwechsel helfen. Damit meine ich, dass Menschen mit der Zeit
in bestimmten Dingen einen Tunnelblick entwickeln. Sie koennen sich
einfach nicht mehr auf einen anderen Standpunkt einlassen, zumindest
emotional nicht mehr. Nachvollziehen koennen sie andere Standpunkte
noch, aber ihn als echte Alternative anzusehen, das gelingt ihnen
dann oft nicht mehr.
Diese Aussage ist von dieser Art:
Wenn ich hier
nicht mitmache, ist Ende mit meiner Zukunft.
Das glaube ich nicht, auch wenn ich keinerlei Details kenne.
Gut, vielleicht ist Ende mit der Zunkunft, auf die du dich ueber
Jahre fixiert, auf die du hingearbeitet hast. Aber ist diese Zukunft,
die dir jetzt noch als einzig akzeptable erscheint, wirklich so toll,
wie du sie dir vorstellst? Ist deine jetzige Lage nicht vielleicht
schon Teil dieser Zukunft?
Viele Menschen schieben das Leben vor sich her. Sie glauben, dies
oder jenes unbedingt noch tun zu muessen, hier noch ein paar Monate
oder Jahre durchzuhalten und dann beginnt das schoene Leben. Aber so
ist das nicht. Du lebst jeden einzelnen Tag und im Prinzip kannst du
jeden einzelnen Tag geniessen, ausser natuerlich du lebst fuer die
schoene Zukunft, der du hinterherlaeufst wie einem Regenbogen.
Keineswegs will ich sagen, dass man alles hinschmeissen soll, wenn es
schwierig wird und natuerlich erreicht man viele wirklich
erstrebenswerte Ziele nur dann, wenn man sich eine ganze Weile
anstrengt. Aber wenn es so ist, wie bei dir, dass du naemlich nicht
mehr kannst und kein Land in Sicht ist, dann MUSST du nach
Alternativen suchen. Und bemuehe dich wirklich von der Vorstellung
loszukommen, es gaebe nur eine Moeglichkeit fuer dich zu leben.
Manche haben ihr Glueck dadurch gefunden, dass sie ihr Leben voellig
auf den Kopf gestellt, praktisch neu begonnen haben. Dazu gehoert
Mut, und klar kann man dabei auf die Nase fallen aber schlimmer als
deine jetzige Lage wird es wohl nicht.
Es gibt Leute, die waren ihr halbes Leben lang auf Karriere fixiert,
haben fleissig studiert mit Auslandsaufenthalt, haben sich keine
Partnerschaft gegoennt, weil die zuviel Zeit gekostet haette, haben 5
unbezahlte Praktika gemacht, sind dem Chef in den Arsch gekrochen,
haben sich jahrelang ausbeuten lassen bis ihr Traum endlich
Wirklichkeit wurde und sie ganz oben in der Chefetage angekommen
waren. Und dann stellen sie fest, dass es da oben ueberhaupt nicht
schoen ist, dass sie immer noch schuften muessen, dass sie staendig
in Zwickmuehlen stecken, weil sie tausend Verbindlichkeiten
eingegangen sind.
Dieses Ziel, da oben anzukommen, war die einzige Zukunft, die sie
sich vorstellen konnten, der raison d’être, aber das damit erhoffte
Glueck wollte sich nicht einstellen.
Manche haben es dann geschafft, andere Lebensmoeglichkeiten
wahrzunehmen und haben alles sein lassen und etwas voellig Neues
begonnen. Und dies nie bereut.
Schon mal den Film American Beauty gesehen? Der Geschaeftsmann lebt
auf, als er seinen Job kuendigt und bei McDonalds anfaengt und seinen
Koerper trainiert. Er haette es vielleicht nie fuer moeglich
gehalten, dass er je so leben und dabei auch noch gluecklich sein
wuerde.
Also: Es gibt immer Alternativen. Du musst versuchen, deine „eine
Zukunft“ loszulassen.
Gruss, Tychi