Wie valide ist das Polgar-Experiment?

Hallo,

bislang bin ich ja davon ausgegangen, dass extreme geistige Errungenschaften auch einfach etwas mit genetischen Anlagen zu tun haben. Aber das Polgar-Experiment beweist mir das Gegenteil (bin zufällig darauf gestoßen). Was haltet ihr von den Erkenntnissen dieses Experiments?

Grüße,

Ugi

Die Frage nach der Validität würde sich nur stellen, wenn das tatsächlich ein „echtes“ Experiment wäre (mit Kontrollgruppe, Zufallsaufteilung, Drittvariablenkontrolle usw.).
So aber lässt sich schwer sagen, obs die guten Polgar-Gene sind oder die gute Polgar-Aufzucht.
Die immerhin Quasi-Kontrollgruppe mit den Adoptivkindern hat Mama Polgar ja erfolgreich verhindert.

Generell würde ich sagen: Papa Polgar hat offenbar tatsächlich ein Händchen dafür, wie man Kinder zu siegreichen Schachspielern erzieht und hat seinen Kindern dafür gute Voraussetzungen geboten. Würden nun alle Kinder dieser Welt solche gleich guten Voraussetzungen haben, dann würde sich logischerweise eben doch sowas wie „Talent“ durchsetzen müssen, denn irgendwelche kleinen Unterschiede müssten sich dann ja in den Partien niederschlagen.

Gruß
F.

Wie @FBH bereits schreibt, handelt es sich gar nicht um ein „Experiment“. Außerdem ist damit das, was die Polgars „beweisen“ wollten, gerade nicht bewiesen worden. Man könnte sogar sagen, es ist widerlegt worden. Kontrollszenarien, die zu einem Experiment gehört hätten, gibt es überaus zahlreich: Familien, in denen ehrgeizige Eltern frühe Interessen (ohne gleich von „Begabungen“ zu reden) von Kindern „optimal“ fördern, indem sie diese bereits im Kindesalter auf isolierte Fähigkeiten trimmen, unter Ausperrung anderer kindlicher Interessen (von deren Fehlen die Kinder mangels Wissen ja - zunächst - nichts bemerken), gibt es zur Genüge: Die Mißerfolge solcher gewaltsamen Förderungen sind gewiß zahlreicher als die Erfolge. Biographien aus solchen Kontexten wie Klavierspiel oder Eiskunstlauf sind hinreichend bekannt.

Hier trifft sich ein Paar mit der Begabung eines exklusien Ehrgeizes und enormer Motivation und zeugt Kinder zu einem vorgegebenen Zweck:

Forty years ago, Laszlo Polgar, a Hungarian psychologist, conducted an
epistolary courtship with a Ukrainian foreign language teacher named
Klara. His letters to her weren’t filled with reflections on her
cherubic beauty or vows of eternal love. Instead, they detailed a pedagogical experiment he was bent on carrying out with his future progeny. […] Laszlo’s grandiose plan impressed Klara, and the two were soon married.

Und wenn ein Paar mit einer solchen psychischen Disposition sich vermehrt, dann kann eben dies passieren:

In 1973, when she was barely 4 years old, Susan, their rather hyperactive
firstborn, found a chess set while rummaging through a cabinet. Klara,
who didn’t know a single rule of the ancient game, was delighted to find
Susan quietly absorbed in the strange figurines and promised that
Laszlo would teach her the game that evening.
(„Susan“ = ung. „ZsuZsa“)

Und dann: Six months later, Susan toddled into Budapest’s smoke-filled chess club. Aged men sat in pairs, sliding bishops, slapping down pawns and yelling
out bets on their matches. „I don’t know who was more surprised, me or
them,“ she recalls. One of the regulars laughed when he was asked to
give the little girl a game. Susan soon extended her tiny hand across
the board for a sportsmanlike victory shake. […] Soon thereafter, she dominated the city’s girls-under-age-11 tournament with a perfect score.

(Die Zitate von → hier)

Und das war nach 6 Monaten ganz gewiß nicht das Resultat eines jahrelangen - wenn auch sicher hervorragend strukturierten - oktroyierten Trainings der 4-Jährigen durch den Vater.

Was genau genetisch codiert und somit vererbbar ist, steht dahin. Niemand wird als Schachspieler geboren, dazu gehören vielmehr zahlreiche ganz bestimmte (und wohlbekannte) Fähigkeiten, die sich dann, bei gleichzeitig vorhandener Faszinationsfähigkeit und Beseitigung von „Ablenkungen“ auf dieses Medium fokussieren, in welchem die Fähigkeiten sich exprimieren können. Analoges bei anderen Künsten.

Etwas Analoges spielt sich übrigens auch auf zellmolekularer Ebene ab. Siehe → Genexpression, epigenetische Prägung usw. Damit ein strukturelles Potential sich manifestieren bzw. phänotypisch entfalten kann, müssen manchmal bestimmte Bedingungen der Umgebung vorhanden sein, die nicht ebenfalls genetisch festgelegt sind. Aber die Umgebungsbedingungen erzeugen nicht das genetische Potential. Ich kenne selbst zahlreiche Genie-Biographien aus Naturwissenschaften und Kunst: Sie alle sprachen von ihren frühesten Erinnerungen: „grenzenlose Neugier und Faszination - und die Eltern haben den Weg dazu freigemacht.“ Aber das alleine reicht nicht. Nicht alle Meisterklasse-Studenten von Horowitz sind weltberühmte Pianisten geworden, und nicht alle Schülerinnen von Eteri Tudberidze sind Weltmeisterinnen auf dem Eis.

Aus einem Ackergaul kann man kein Rennpferd machen. Wenn ein ehrgeiziger Psychologe und Schachspieler sich mit einer ebenso ehrgeizigen begabten Fremdsprachenlehrerin paart, dann ist es ein rein logischer faux pas, wenn man behauptet, daß zwei Schachgroßmeisterinnen und eine Schachweltmeisterin und eine Tochter, die als Pubertierende bereits 7 (sieben) Fremdsprachen fließend spricht, das Produkt ausschließlich trickreicher Trainingsmethoden sind.

Die Anfänge liegen immer in Faszination und Neugier des Kindes. Und dann noch etwas, wofür wir bis heute nur den religionssprachlichen Ausdruck „Begabung“ haben, ohne zu wissen, was es ist. Und, ja, möglicherweise (und naheliegend) ist es eine tatsächlich genetisch bedingte Hirnstruktur …

Gruß
Metapher

Ab einem gewissen Punkt lassen sich Fähigkeiten nicht mehr durch bloßes Training erlernen bzw. Erfolge sich dadurch allein nicht mehr erklären. Während wahrscheinlich jedes durchschnittlich begabte Kind bei entsprechendem Interesse und entsprechender Förderung ein durchschnittlich guter Schachspieler werden kann (um es in ELO-Zahlen auszudrücken: 1500-2000 Punkte), ist das bei dem, was die Polgar-Schwestern erreicht haben, nahezu auszuschließen.

Wir reden hier von Werten, wie sie nur von Großmeistern erreicht werden und davon gibt es derzeit gerade mal an die 2000. Judit hat gar einen Wert von über 2700 Punkten erreicht und gehört damit zu den besten 100 Spielern aller Zeiten. Ihre beiden Schwestern kommen nicht auf ganz so hohe, aber dennoch atemberaubende Werte.

Das allein durch Training erklären zu wollen, ist gelinde gesagt abenteuerlich. Wenn es reichen würde, Kinder gezielt in einer Sportart zu unterweisen, dann hätte es spätestens 2000 hunderte Boris Beckers und Steffi Grafs in Deutschland gegeben. Und genauso wäre die Welt voller phantastischer Schachspieler, was aber tatsächlich nicht der Fall ist.

Um einen Eindruck davon zu bekommen, um was für Leute es sich bei wahrhaft exzellenten Schachspielern handelt, kann man sich mal das Buch „Die Großmeister des Schach“ von Harold C. Schonberg durchlesen (von 1976 und wird nicht mehr aufgelegt, aber es gibt noch gebrauchte Exemplare). Alternativ ginge wohl auch „Genies in Schwarzweiß: Die Schachweltmeister im Porträt“ von Martin Breutigam, wobei ich das aus eigener Lektüre noch nicht bewerten kann.