Wie verhalten? (lang)

Hallo,

ich habe hin und her überlegt, in welches Brett das am Besten passt - ich habe mich hierfür entschieden.

Es geht um Körperverletzung und Gewalt an Patienten. Eine cholerische Kollegin, die schon immer einen zarten Geduldsfaden hatte, hat die Beherschung mehrmals jetzt schon verloren. Drei Zeugen, sechs Patienten, die sie verbal attackiert hat und auch handgreflich wurde, mit Hämatombildung und Kratzspuren.

Von den seelischen Schäden ganz zu schweigen.
Die Patienten sind leider so krank, dass sie sich nicht wehren können oder den Sachverhalt aufgrund ihrer Erkrankung nicht wiedergeben können, diese aber wohl mitkriegen und man ihnen auch die Angst anmerkt, was wiederum dazu führt, dass mehr Medikamente nötig sind, der Aufenthalt sich verlängert, Leidensdruck höher wird.
Mit Gewaltanwendung meine ich jetzt nicht ruppiges mobilisieren, sondern richtige Körperverletzung mit deutlich sichbaren Verletzungszeichen.

Tja, da wird natürlich das Cliché der bösen Psychiatrie vollends bestätigt. Ich habe überlegt, woran das liegen könnte. Die Patienten sind alle nicht sehr einfach, die eigene Geduld- und Ausdauerprobe wird tagtäglich aufs Neue gestellt - kurzum: man gerät sehr schnell an seine Grenzen. Auch ich.

Wenn ich merke, dass ich nicht mehr kann oder selber aggressiv werde (Erfolgserlebnisse sind da recht selten), dann gehe ich weg, schicke einen anderen Kollegen hin, gehe rauchen - was weiß ich. Aber ich lasse es nicht am Patienten aus.

Was folgte war der große Dienstweg: Mitarbeitergespräche, Pflegedirektion, Pflegedienstleitung, Lirum-Larum… Sie selber hat alles abgestritten, die Zeugen allesamt als Lügner dargestellt.

Wenn mir jemand sagt: Du hast dies und das gemacht, dann gehe ich doch zu dem hin und sage: „Was erzählst du denn da für einen Scheiß? Sag mal, hast du’n Sprung in der Rassel, oder was?!“. Sie selber ist dieser Diskussion allerdings aus dem Weg gegangen, was ich insgeheim als Schuldbekenntnis gedeutet habe. Wer lässt sich sowas schon gerne in die Schuhe schieben.

Naja, der große Sturm ist erstmal vorbei. Es folgten keine größeren nennenswerten Konsequenzen für sie.

Aber wie soll man sich so einer Person nun gegenüber verhalten? So tun als ob nichts wäre? Es ansprechen? Ignorieren und dann passiert das immer und immer wieder? Teamsitzung? Supervision?

Sie hat sich nun erstmal für zwei Wochen krankgemeldet nach dieser Aktion und sich somit aus dem Diskussions-Verkehr gezogen. Was, wenn sie wiederkommt?

Ist schon ziemlich komisch alles…

nachdenklich,

levi

Erstmal: Dass die Person Urlaub genommen hat lässt vermuten, daß sie das Problem zumindest ansatzweise selbst erkannt hat. Vielleicht tut sie sogar etwas dagegen (überlegt einen Berufswechsel oder eine Therapie)? Vielleicht erholt sie sich aber auch einfach von dem Stress der „falschen Anschuldigungen“.

Ich kann nur empfehlen (was nicht unbedingt heißt, daß die Empfehlung gut ist *g*), zunächst einmal ganz offen mit der Person zu reden (wenn du das nicht willst tut’s wohl auch ein Brief) nach dem Motto:

" Wir wissen beide, was los ist. Du musst dich jetzt garnicht verteidigen, denn ich will dich auch nicht angreifen. Ich will dir nur mitteilen, daß ich mich aufgrund deines Verhaltens genötigt fühle, einzugreifen ( - und anderen geht es genauso ). Das werde ich wohl oder übel auch tun müssen, wenn du es nicht irgendwie in den Griff kriegt. Am besten besprichst du das mal mit einem Psychologen deines Vertrauens, falls du das nicht schon getan hast. "

Naja… so ähnlich zumindest… Fang einfach mit „verständnissvoll“ an und rede bis auf halben Weg zu „scheinheilig-manipulativ“ weiter, während du versuchst irgendwie deine Botschaft rüberzubringen.

Wenn das nichts hilft, muss alles wohl gezwungenermassen in die nächsthöhere Instanz geschleift werden (oder der aktuellen Instanz zumindest vorgeschlagen werden, das zu tun, nach dem Motto: „Wir wissen beide, was los ist…“ *g* ).

Auf jeden Fall muss was passieren. Es sind viele Menschen mit psychischen Problemen in diesen Bereichen tätig (und viele Menschen die in diesen Bereichen tätig sind kriegen psychische Probleme *g*), aber die meisten machen ihren Job trotzdem g… öhm… angemessen. Wer aber Patienten in solchem Ausmass schadet, der gehört eindeutig auf deren Seite der… Institution. Oder zumindest einfach weg.

Hallo Levi

Wenn ich merke, dass ich nicht mehr kann oder selber aggressiv
werde (Erfolgserlebnisse sind da recht selten), dann gehe ich
weg, schicke einen anderen Kollegen hin, gehe rauchen - was
weiß ich. Aber ich lasse es nicht am Patienten aus.

Das wäre doch auch ein Tipp für diese Person, wenn sie wieder aus dem
„Urlaub“ zurück ist.

Was folgte war der große Dienstweg: Mitarbeitergespräche,
Pflegedirektion, Pflegedienstleitung, Lirum-Larum… Sie
selber hat alles abgestritten, die Zeugen allesamt als Lügner
dargestellt.

Ist doch logisch: Wer will heutzutage schon seinen Job verlieren und
darauf läuft es doch hinaus, wenn sich nichts ändert.

Aber wie soll man sich so einer Person nun gegenüber
verhalten? So tun als ob nichts wäre? Es ansprechen?

Ich meine: Ansprechen und das Thema grundsätzlich angehen. Die Person
hat bestimmt keinen Spass an ihrem eigenen Verhalten.

Sie hat sich nun erstmal für zwei Wochen krankgemeldet nach
dieser Aktion und sich somit aus dem Diskussions-Verkehr
gezogen. Was, wenn sie wiederkommt?

Diese Krankmeldung lässt doch darauf schliessen, dass die Person
Hilfe von aussen braucht. So, wie ich das verstehe, sind ja Fachleute
in der Nähe, die helfen könnten.
Klar: es ist nie angenehm, wenn man vom Helfenden zu Hilfesuchenden
wird, aber das ist dieser Person nun mal passiert und um den heissen
Brei zu reden, hilft keinem.

Gruss
Heinz

hallo levi,
bitte denk daran, daß niemand hilfloser ist als Kinder, alte Leute und psychisch Kranke. Niemand, der sich so wenig beherrschen kann, vor allem puncto körperliche Gewaltabwendung, gehört in deren Nähe.
Das müßte ein ehernes Gesetz sein.
Ich vermute, Du stehst damit etwas allein (Vorsicht ist für die meisten der bessere Teil der Tapferkeit) - suche Unterstützung, durch Kollegen und Supervisor! Verabrede Gruppengespräch mit Kollegen, Supervisor und, ggfls., Personalvertretung über dieses Problem! Dessen Ergebnis Ihr ja der Kollegin mitteilen könntet, wenn sie wiederkommt. Wenn sie spürt, daß ihr ein klarer, fester, entschlossener Wille gegenübertritt, wird wie nicht nur vorsichtiger sein - sie wird sich auch geborgener fühlen! Seitens der Institution sollte ihr therpeutische Hilfe angeboten werden, vielleicht auch Versetzung in andere Abteilung. Gruß, I.

Hallo leviathan,
was mich sehr wundert ist, dass von Pflegedienstleitung/-direktion aus nichts unternommen wird. Was sagen deine Kollegen? Können sie deine Beobachtungen bestätigen? Es müssen doch alle ein Interesse daran haben, dass eure „Kunden“ optimal versorgt werden…

Wenn wirklich alles in diese Richtung hin unternommen wurde und sich nichts bei euch ändert, solltest du dich mit einer Beschwerdestelle in Verbindung setzen. Die Liste kann ich dir b.Bed. gerne zumailen.
Ich weiß… ist ne doofe Situation. Aber weiter „stillschweigend“ zugucken ist ja noch bescheidener.
Ignorieren ist der komplett falsche Weg. Jeder kennt Situationen in denen er sich absolut überfordert fühlt. Aber wer so weit geht sich an wehrlosen Patienten abzureagieren, sollte ganz schnell den Job wechseln.

Und ja… Supervison und Teamsitzungen sind eine wirklich große Unterstützung. Aber wenn die Pflegedienstleitung in der von dir beschriebenen Situation schon nicht aktiv wird kann ich mir nicht vorstellen, dass sie ein langfristig und dazu noch teures „Projekt“ mal eben so unterstützt.

Vielleicht findest du noch ein paar Denkanstöße:
http://www.antipsychiatrieverlag.de/versand/titel/br…

Mit Grüßen
Simone

Hallo levi,

hier ein Link auf einen Artikel der von gestern NZZ und zeigt, wie aktuell das Thema „Übergriff auf Behinderte und Betagte“ leider heute ist. http://www.nzz.ch/2006/03/22/ma/articleDNV84.html

Ich wünsch Dir auf jeden Fall viel Kraft im Umgang mit der Kollegin und dass Du einen Weg findest mit der Sache fertig zu werden, auch wenn ich persönlich denke, dass so jemand niemals mehr in die Nähe eines Pflegebedürftigen gehörte…

Liebe Grüsse
Y.-

danke für die meinungen…
Hi,

danke zunächst für die Antworten. Im prinzip kann ich mit allen Zustimmen. Dienstag und Mittwochen finden eine Teamsitzung und Supervision statt. Ich vermute mal, es wird um das Thema gehen.
Laut Buschtrommeln wird diese Kollegin die Station verlassen. Eine Möglichkeit mit ihr zu reden wird sich wohl nicht geben…

gruss levi