Wie viele Perönlichkeiten kann ein Mensch haben?

Guten Morgen, alle zusammen!

In der letzten Zeit wird in den Medien ab und zu mal das Thema „multiple Pesönlichkeit“ (sorry, wenn der Begriff nicht ganz korrekt ist) diskutiert, was mir den Antoß gab, darüber nachzudenken.

Jemand, der eigentlich ein in sich gekehrter schweigsamer Mensch ist, verwandelt sich z.B. in der Öffentlichkeit plötzlich in einen durchaus aufgeschlossenen, dessen Redeschwal gar nicht zu stoppen ist. Klar, man kann sagen, er setzt sich eine Maske auf, doch irgendwann verschmilzt er mit dieser Maske und wird in meinen Augen eine völlig andere Person.
Jemand, der bei einem Freundenskreis als Unterhaltungskünstler, liebenswert, scharmant gilt, von dem gesagt wird: „mit ihm kann man Pferde steheln“, sitzt dann bei den anderen still in der Ecke und wird als hervorragender Zuhörer geschätzt. In beiden Rollen fühlt er sich dabei sehr wohl.
Was ist das, verschiedene Persönlichkeiten, die in einem zusammenleben? Spielt er in einem der Fälle nur die zur Situation passende Rolle? Wenn ja, dann ziemlich überzeugend, so überzeugend, dass er sich selbst das nicht (oder nicht mehr) bewusst ist.

Für Ihre Ideen wäre ich dankbar.

jarolep

Hallo,
IMO völlig normal, daß man durch unterschiedliche Reize in verschiedene Verhaltensmuster rutscht. Ich bin z.B. bei geistigen Tätigkeiten eher introvertiert, im Kontakt mit Menschen oder beim Sport eher extrovertiert. Das hat nichts mit „Maske aufsetzen“ zu tun, sondern ergibt sich aus der Situation und den damit verbundenen Anforderungen.

Gruss
Enno

Hallo Jarolep,

von multipler Persönlichkeit würde ich nur dann sprechen wenn
die Identität wechselt.

Ein Beispiel:

Ein Mann mit ca. 40 Jahren spricht mit einer seinem Alter entsprechenden Stimme und bezeichnet sich selbst als Mann.

Die Stimmlage und das GANZE Verhalten wechselt zu kindhaft
die Person bezeichnet sich als 10-jährigen Jungen.

Oder gar als 5-jähriges Mädchen.

Im Bewußtseinszustand des 5-jährigen Mädchens erzählt er eine
ganz andere Lebensgeschichte als im Bewußtseinszustand
des 40-jährigen Mannes.

Die beiden Persönlichkeiten wissen auch nicht was die jeweilige andere
tut.

So lange es einen identisch bleibenden Kern und EINE Identidät gibt.

ICH bin „xy“ ICH bin „z“ Jahre alt und wohne in „abc“

Würde ich immer von einer EINZIGEN Persönlichkeit sprechen.

Jeder Mensch hat ein ganzes Repertoir an unterschiedlichen Verhaltensweisen. Es wäre schlimm wenn wir das nicht hätten.

Dann würde unser Verhalten nur in ganz bestimmten Fällen angemessen sein.

Die beiden Fälle die Du beschreibst „charmanter Unterhaltungskünstler“ und „guter Zuhörer“ können durchaus in einer Persönlichkeit integriert sein. Für mich handelt es sich dabei nur um unterschiedliche Rollen.

Wenn sich diejenige Person in beiden Fällen wohlfühlt und man das
durch die Authentizität die sie ausstrahlt auch glaubt dann hat Sie beide Aspekte in Ihrer Persönlichkeit integriert.
(Wenn das eine Verhalten nur aufgesetzt wirkt oder man sich selber
im Kontakt mit dieser Person „irgendwie komisch“ fühlt wird es nicht authentisch sein. Man merkt das diese Person sich nicht wirklich so verhalten MÖCHTE.)

Es gibt so einen Ausspruch „ich war völlig außer mir“ = ich war nicht mehr ich selbst.

Ich sehe das so:

Jeder Mensch ist IMMER er selbst. Es kann höchstens sein das er
sich mit seinem Verhalten AUSSERHALB des Bereichs befindet den er
selbst akzeptieren oder befürworten kann.

Jemand, der eigentlich ein in sich gekehrter schweigsamer
Mensch ist, verwandelt sich z.B. in der Öffentlichkeit
plötzlich in einen durchaus aufgeschlossenen, dessen
Redeschwal gar nicht zu stoppen ist. Klar, man kann sagen, er
setzt sich eine Maske auf, doch irgendwann verschmilzt er mit
dieser Maske und wird in meinen Augen eine völlig andere
Person.

Wenn es eine Maske ist ist es wie bei einer Maske nur „aufgesetzt“

Er zeigt nach außen hin ein bestimmtes Verhalten. Im inneren würde er sich jedoch gerne anders Verhalten oder er verbirgt zumindest einen
Teil seiner Gefühle.

Wenn er bis zu seinem innersten Kern ja sagen kann zu dem Verhalten
das er gerade zeigt. Dann ist es keine Maske mehr sondern ein ASPEKT seines Wesens, seiner Persönlichkeit.

So jetzt bin ich gespannt was Du zu meinem Standpunkt sagst.

viele Grüße

Stefan

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Perönlichkeiten
Hi Jarolep

zu der Problematik der „multiplen Persönlichkeit“ (resp. „dissoziativen Persönlichkeitsstörung“) wurde in diesem Brett schon viel gesagt und diskutiert.

Was du ansprichst, hat aber damit nichts zu tun. Aber unter den Stichworten „Rollenspiele“ und „Persönlichkeit“ haben wir schon manches ausgetauscht, das dir vielleicht nützlich sein wird, um deine Frage zu beantworten:

[Rollenspiele]
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…

[Identität]
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…

[Maske]
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…

Grüße

Metapher

Hallo Jarolep,

am besten kann meines Erachtens dieses von Dir beobachtete und faszinierende, aber dennoch normalpsychologische Phänomen die Verhaltensanalyse erklären. Bei der verhaltensanalytischen Auffassung handelt es sich allerdings um eine Alternative zur gängigeren Persönlichkeitsdefinition durch andere psychologische Richtungen. Deshalb sollte man sich am alternativen Gebrauch des Wortes „Persönlichkeit“ nicht stören.

Nach verhaltensanalytischer Vorstellung ist „Persönlichkeit“ eine Menge von miteinander in Verbindung stehenden Verhaltensweisen bei einer Person, die durch in der Umwelt vorhandene Regelmäßigkeiten (sogenannte Kontingenzen) gebildet und aufrechterhalten wird. Da die menschliche Umwelt komplex ist, gibt es viele Gruppen dieser Kontingenzen, die deshalb verschiedene „Persönlichkeiten“ hervorbringen.

Konkret: Das Verhalten, das ein junger Mensch im Kreis seiner Familie erwirbt, bildet eine „Persönlichkeit“; das Verhalten, das er in der Bundeswehr oder im Zivildienst erwirbt, bildet eine andere, weil es sowohl in der Familie als auch im Wehr- oder Ersatzdienst andere Regelmäßigkeiten / Regeln gibt, die anderes Verhalten erfordern / hervorrufen. Das Verhalten unter Freunden stellt eine dritte „Persönlichkeit“ dar, das Verhalten im Beruf eine vierte, das Verhalten im Sportverein eine fünfte usw. usf.

Von der Angemessenheit dieser Sichtweise kann sich jeder überzeugen, der bestimmte Bereiche seines Lebens mehr oder wenig voneinander getrennt hat und dann in eine Situation gerät, in der zwei oder mehr Bereiche („Welten“) aufeinander treffen (z.B. wenn man dem Chef im Urlaub oder in der Sauna begegnet). Die Irritation und das Unwohlsein bei einem solchen Zusammentreffen zweier Welten rühren nach verhaltensanalytischer Sicht daher, daß man sich in diesem Fall in einer Situation befindet, in der es Hinweisreize sowohl für Verhaltensweisen der einen „Persönlichkeit“ wie der anderen „Persönlichkeit“ gibt, was zu Konflikten führt, die sich u.a. in Irritation und Unwohlsein äußern (können).

Obwohl ich die verhaltensanalytische Auffassung für ausgesprochen nützlich halte, will ich noch hinzufügen, daß ich sie nicht als vollständig ansehe. Denn es gibt meines Erachtens grundlegende Eigenschaften des Menschens, die nicht durch die in der Lebensgeschichte eines Menschen auftretenden Kontingenzen erklärt werden können. Ich meine vererbte Eigenschaften. Diesen Aspekt hat die Verhaltensanalyse zwar nicht geleugnet, aber leider lange sträflich vernachlässigt.

Gruß,

Oliver Walter