Hallo,
da Erziehung bekanntlich etwas ist, wo jeder mitreden kann, weil er selbst mal erzogen wurde
, gebe ich mal meinen Senf dazu.
Hier möchte ich ein Beispiel aus meiner Jugend (*sentimental werd*) anbringen, das auf den ersten Blick nicht viel mit deiner Frage zu tun hat.
In der Mittelstufe war das ja so, dass man nicht unentschuldigt fehlen durfte und die Entschuldigung nur von Eltern oder Arzt stammen durfte. Und so gibt es in der Schule normalerweise Kids, die also - bis auf die wenigen Tage, an denen sie wirklich krank sind - täglich zur Schule gehen und andere, die unentschuldigt schwänzen.
Nun, ich gehörte weder zu der einen noch zu der anderen Sorte. Ich durfte mit einem Segen meiner Eltern „schwänzen“. Das heißt, es gab Tage, da sagte ich, ich möchte heute einfach nicht in die Schule und meine Eltern schrieben dann halt einen Entschuldigungszettel. Viele Kids würden sich höllisch über ein solch kooperatives Verhalten der Eltern freuen und die Hälfte der Schulzeit schwänzen.
Aber, was nicht verboten ist, verliert seinen Reiz… Sprich, das geschah bei mir eher selten. Und meine Leistungen litten nicht darunter (im Gegenteil gehörte ich eher zu den besten in der Klasse, passte aber so überhaupt nicht in das Schema des braven Strebers, der nie fehlt
). Wem auch immer ich davon erzählte, zeigte sich sehr verwundert, dass meine Eltern mir so etwas Schlimmes erlaubten. Deshalb habe ich meine Eltern mal gefragt, warum sie das machten (schien ja sehr ungewöhnlich zu sein). Nun, Vertrauen hieß das Zauberwort. Sie meinten, sie vertrauten eben darauf, dass ich selbst einschätzen kann, was ich mir an Fehlstunden leisten kann, wann ich unbedingt in den Unterricht muss etc. Meine Eltern hatten das Ziel, mich als einen selbstverantwortlichen Menschen zu erziehen, der seine Stärken und Schwächen selbst realistisch einschätzen kann. Dafür bin ich ihnen heute dankbar. Denn auch heute gehe ich zu bestimmten Lehrveranstaltungen hin, weil ich weiß, dass sie mir etwas bringen, weil sie gut aufgebaut sind. Andere hingegen lasse ich sausen, anstatt aus Pflichtgefühl hinzugehen und lerne lieber selbstständlich zu Hause.
Was ich damit sagen wollte: Das Ziel von Erziehung sollte meiner Meinung nach nicht sein, das Kind nach den von Institutionen vorgegebenen Verboten zu erziehen. Diese sollten nur Richtlinien für die Erziehung sein. Zum Beispiel ist es eben eine Richtlinie für dich, dass du weißt, dass diese Spiele nicht für 14-jährige gedacht sind. Aber das entbindet dich nicht von der Pflicht, dir deine eigenen Gedanken über dein eigenes Kind zu machen - die Institutionen kennen deinen Sohn nicht, du (hoffentlich) schon.
Wie hier schon geschrieben wurde, kommt dein Sohn so oder so an diese Spiele/Songs ran. Verbote bringen da nichts, außer den Reiz des Verbotenen zu schaffen und ihn damit in dem Wunsch zu bestärken, heimlich diese Spiele zu spielen. Auf dem Weg zur Eigenverantwortlichkeit hilft diese Vorgehensweise keinesfalls weiter, eher im Gegenteil. Je weniger Drama du um die Sache machst, desto weniger reizvoll werden die Spiele für dein Kind und desto mehr Vertrauen wächst zwischen euch (dadurch erfährst du auch viel mehr aus seinem Leben und kannst eher Einfluss auf ihn nehmen!). Es ist wichtig, dass du mit ihm darüber sprichst, über deine Sorgen, über die Inhalte der Spiele/Songs. Aber es geht nicht um eine Standpauke.
Sei ehrlich zu deinem Sohn und sag ihm ruhig, dass du Angst hast. Stelle ihm die Fragen, die du uns hier gestellt hast: Was für eine Band ist Sido? Ist sie indiziert? Warum gefällt sie ihm? Worum geht es in den Songs? Sei nicht voreingenommen! Hör sie dir ruhig mit an, es kann sein, dass du gar nichts Schlimmes daran findest. Wenn sie dir nicht gefallen, kannst du ihm das sagen und begründen (!), warum. Aber nicht verbieten. Dein Sohn wird erwachsen, er muss lernen, selbst zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, sich seine eigene Meinung zu bilden. Du kannst seinen Horizont erweitern und ihn zum Überdenken bringen, indem du ihm neue Argumente erklärst, Aspekte nahebringst, die er selbst noch nicht gesehen hat. Du kannst ihm aber deine vorgefertigte Meinung nicht aufzwingen (nach dem Prinzip „Bild dir deine Meinung“ *lach*), nachdenken muss er schon selbst.
Du kannst ihm nicht jede Entscheidung abnehmen, ihm alles verbieten, was in deinen Augen „böse“ ist. Aber du kannst ehrlich zu ihm sein, du kannst ihm deine Ängste und Sorgen schildern - dann wird er dir mit dieser Ehrlichkeit antworten und du erfährst auch, was ihn beschäftigt. Ihr müsst das Vertrauen zueinander erlernen und das setzt voraus, dass du nicht einfach in seinen CDs rumsuchst und diese dann auch noch beschlagnahmst, sondern seine Privatsphäre respektierst und ehrlich zu ihm bist. Dass er die CDs „maskiert“ hat, zeugt nur davon, dass er dir sowieso nicht mehr vertraut.
Im Übrigen fand ich die Nachfrage nach den Tieren völlig berechtigt. Wenn es seine Tiere sind, dann ist ER dafür verantwortlich, sie zu pflegen. Tut er das nicht, muss er sie eben weggeben (nicht an dich, das würde ihm nur zeigen, dass die Mama es schon macht, wenn er keine Lust hat). Sind es deine Tiere, dann sollten sie auch in deinem Zimmer stehen, damit du nicht in Versuchung gerätst, dir seine Sachen allzu genau anzusehen. 
Ich wünsche euch beiden ein intensives, klärendes und vertrauensbildendes Gespräch heute abend.
Liebe Grüße,
Anja
PS: Wenn ich dein Sohn wäre, wäre ich auch SEHR verärgert über die Beschlagnahmung und wäre wütend und gleichzeitig enttäuscht und verletzt. Du zerstörst durch dein Verhalten den letzten Rest des Vertrauens, den es zwischen euch gibt. Wie Semjon schon schrieb, wird dein Sohn eine Lehre daraus ziehen - er lernt, seinen Kram noch besser vor dir zu verstecken. Dann brauchst du dir keine Sorgen mehr machen, du erfährst ja sowieso nichts darüber, was er für „schlimme“ Sachen macht. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß… Ist es diese Ruhe, die du dir wünschst? Oder fängst du dann mit systematischen Zimmerdurchsuchungen an?