Hallo Rolo,
Man müßte wissen, wie ein Mensch z. B. des
Mittelalters gefühlt hat.
Nanu? Vorhin ging’s doch noch um Napoleon.
Selbst wenn wir dies schaffen,
bleibt noch die philosophische Frage, ob wir die
gesellschaftlichen Zustände von damals, mit unseren heutigen
Augen genauso wahrnehmen würden, wie ein damaliger Zeitzeuge
es getan hat.
Ach, ich denke die Menschen waren „früher“ - ob das nun das Mittelalter ist, die Antike, oder das 19. Jahrhundert - viel normaler, als man das glauben könnte, wenn man nur in Büchern über sie liest. Es ist doch immer das Gleiche. Machtspielchen, heimliche Affären, dann versucht man noch, möglichst viel Besitz für sich selber zu sichern. Die äußeren Umstände ändern sich zwar, aber doch nicht die Menschen. Vor Kurzem habe ich gelesen, wie man im alten Russland versucht hat, Steuern zu umgehen: Man hat einfach mehrere Bauernhöfe zusammengelegt, denn die Steuer, das war damals eine Hofsteuer. Irgendwann hat der Zar dann daraus eine Kopfsteuer gemacht. Aber die Leute tricksen doch, wo sie können.
Deine Anmerkung mit der Werbung war
hier schon sehr nahe dran. Leider geht das beim MA nicht 
Hmm … ganz so sicher bin ich mir da nicht. Was ist denn eine Heiligenlegende anderes als die „Werbung“ für einen bestimmten Glauben, und vielleicht für die Stadt, in der der Heilige gelebt hat?
Natürlich gab es damals keine Werbung wie wir sie heute kennen. Aber es gab doch Texte, die weit verbreitet wurden. Auch wenn man nicht lesen konnte - sich etwas vorlesen lassen oder erzählen lassen, das konnte man.
Nicht nur der Inhalt der Texte sagt ja etwas über diese Zeit, sondern auch deren Art. Im Mittelalter hat man eben sehr viel Wert auf theologische Diskussionen gelegt, und heute ist man daran interessiert, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu verkaufen.
Insgesamt glaube ich aber, tendiert der heutige Mensch dazu,
Vergangenes zu glorifizieren.
Ja, stimmt. Also ich hätte überhaupt keine Lust, einen Winter in einem Haus zu verbringen, das nur mit Holz zu beheizen ist und in dem es keine Fensterscheiben gibt. Ich hätte auch keine Lust, mir ohne Betäubung von einem Dorfbader einen Zahn ziehen oder einen Blasenstein entfernen zu lassen.
Ich habe mal eine Statistik über Todesursachen gesehen. Ich weiß leider nicht mehr ganz genau, von wann die war, aber ich glaube aus dem 17. oder 18. Jahrhundert. Jedenfalls aus der Neuzeit. Als mit eine der häufigsten Todesursachen wurde „an den Zähnen“ genannt! … Das kann schnell gehen. Da muss nur eine Zahnwurzel vereitert sein, daraus entwickelt sich eine Sepsis, und eine Woche später ist wieder jemand „an den Zähnen“ gestorben.
Wenn ich z. B. nachgespielte
Ritterturniere sehe, frage ich mich oft, was würde ein echter
Ritter von damals dazu wohl sagen? Fände er es gut, dass man
diese Zeit so mystifiziert, oder wäre er wütend, weil es
damals ja auch eine sehr harte und beschwerliche Zeit war und
es uns materiell heute viel viel besser geht?
Mich stört es ein bisschen, dass in diesen großen Monumentalfilmen (über die alten Römer, oder auch über Ritter) alles so künstlich wirkt. Wenn man diese Soldaten so beobachtet, bekommt man den Eindruck, die sind alle ein bisschen auf den Kopf gefallen. Es ist interessant, was wir da für ein Bild in die Vergangenheit projizieren. Da hat jemand vor 2000 Jahren gelebt? Na klar, der kann nicht schlau sein. Das geht gar nicht.
Ich denke, wenn wir diese Menschen treffen könnten, würden wir uns wundern. Sie haben zwar in vielen Dingen anders gedacht. Und es gab noch nicht so viele Erfindungen und Entdeckungen. Aber deswegen waren sie doch nicht dumm! Man könnte mir so einem alten Römer oder mit einem Ritter bestimmt eine sehr gepflegte Unterhaltung führen, wenn man ein Thema wählen würde, über das beide Bescheid wissen.
Man muss sich
das mal überlegen. Da braucht es die franz. Revolution, um die
Menschen von Willkürherrschaft zu befreien …
Ja klar, die große Befreiung. Sagt dir „Terreur“ etwas? Die französische Revolution begann nur mit diesen hohen Idealen, aber dann ist die Stimmung umgeschwenkt. Wenn ich die Zahl richtig im Kopf habe, wurden etwa 35.000 Menschen hingerichtet! Das ist ein voll besetztes Stadion. (Ich gehe hier von einem Konzert aus.) Stell dir nur mal vor, was für einen Monsterstau diese 35.000 Menschen nach dem Konzert verursachen - und zwar auf der Straße und in der U-Bahn. Das dauert ja teilweise eine Viertelstunde, bis man aus dem Parkhaus gefahren ist! … Und all diese Menschen hat man geköpft, weil sie der Revolution im Weg standen? Ich meine, stell dir nur mal vor, wie lange das dauern würde.
Ich denke, manchmal werden Dinge rückblickend wirklich glorifiziert.
… und dann sind die
Menschen frei und sehnen sich ins Mittelalter zurück.
Ich denke, die Menschen sehnen sich ohne es zu wissen nach einem vergangenen Leben, in dem sie glücklich waren.
Schöne Grüße
Petra