Hallo Annette,
jetzt habe ich auch mal eine Frage. Wenn ich das richtig
verstehe, geht es hier hauptsächlich darum, die verdrängten
Erinnerungen durch eine Therapie wieder ans Tageslicht zu
holen, um sie zu verarbeiten.
fast. Man braucht der ursprünglichen Theorie zufolge die verdrängten Erinnerungen nicht zu verarbeiten, weil die Symptome sofort und dauerhaft verschwunden sind, wenn die Verdrängung aufgehoben wurde. Man muß sich „nur“ erinnern (und z.B. den damaligen Schrecken noch einmal in möglichst der gleichen Heftigkeit erleben).
BTW: Der Grund, warum Psychoanalytiker von Symptomverschiebung sprechen, besteht darin, daß alle andere Therapien außer der Psychoanalyse die Verdrängung angeblich nicht aufheben. Die anderen Therapien nehmen der psychische Energie, die mit den verdrängten Seeleninhalten verknüpft ist, angeblich nur die Möglichkeit, sich in Symptome umzuwandeln. Deshalb ist das Verdrängte aber nicht weg, sondern sucht sich über kurz oder lang eine neue Möglichkeit. Das behauptet zumindest diese Theorie.
Ich habe mal von jemandem gehört, bei dem ganz alte
traumatische Erlebnisse nach einem erneuten Schock von alleine
wiedergekommen sind, mit Bildern und dem Original- Wortlaut,
der damals gesprochen wurde. Sogar die Gefühle von damals
waren wieder da. Es war wie ein Film, sagte er. Kann so etwas
wirklich passieren, völlig unvorbereitet?
Ja, das gibt es. Es gibt noch drastischere Beispiele. Manche Menschen verlieren ihr Gedächtnis an ihr bisheriges Leben und gehen von dem Ort, an dem sie leben, weg. Sie beginnen anderswo - z.B. weit weg in einem anderen Land - ein neues unter einer neuen Identität, mit neuen Gewohnheiten, neuen Vorlieben usw. Irgendwann kann es geschehen, daß sich diese Menschen wieder erinnern, wer sie einmal waren und wo sie einmal lebten. So etwas nennt man eine dissoziative Fugue.
Oder hatte er Halluzinationen?
Ob die damaligen Ereignisse stattgefunden haben, kann man nicht wissen, wenn man nicht selbst dabei war oder irgendwelche Beweise heranziehen kann.
Ein Beispiel: Viele Vietnam-Veteranen klagten nach dem Krieg über psychische Beschwerden durch traumatische Ereignisse. Sie sagten z.B., daß sie in Gefechten oder in Gefangenschaft Schlimmes erlebt hätten. Bei vielen stimmt das sicherlich. Bei manchen stellte sich aber heraus, daß sie nicht in Gefangenschaft, nicht in Gefechten, manche nicht einmal in der Armee und manche nicht einmal in Vietnam waren.
Manchmal sind „Erinnerungen“ an traumatische Ereignisse keine Erinnerungen, sondern irgend etwas anderes. Besonders vorsichtig sollte man sein, wenn solche Erinnerungen unter Hypnose zustande gekommen sind, weil sie besonders unzuverlässig sind.
Grüße,
Oliver Walter