Wieso hat Zeitarbeit überhaupt eine Chance?

Hallo zusammen,

mich beschäftigt seit einiger Zeit eine Frage, vielleicht finde ich hier Antworten.

Wieso boomen Zeitarbeitsfirmen derartig? Die Zeitungen sind voll von Stellenangeboten von Zeitarbeitsfirmen, die wirklich alles anbieten! Und keine Zeitarbeitsfirma stellt einen Mitarbeiter ein, für den sie nicht schon einen Einsatz parat hat.

Zeitarbeiter kosten eine Firma doch viel mehr Geld (Miete) als wenn sie selbst Mitarbeiter beschäftigen würden! Und Angst, den Mitarbeiter schnell wieder mal loszuwerden braucht doch heutzutage eine Firma auch nicht mehr zu haben. Welche Makel am Mitarbeiter sollte man während der sechsmonatigen Probezeit, wo man jederzeit OHNE Angabe von Gründen die Leute wieder auf die Strasse setzen kann, nicht feststellen können? Ein halbes Jahr ist eine lange Zeit… Und selbst darüber hinaus kann sich jeder Arbeitgeber gegen wirklich alles absichern: durch befristete Verträge! Der Arbeitgeber hat doch heutzutage alle Vorteile auf seiner Seite und die Risiken gehen allesamt zu Lasten des Arbeitnehmers. Angst, einen Mitarbeiter nicht schnell genug loskriegen zu können muss doch heute echt keiner mehr haben.

Also, warum bitte rennen die Firmen zu Zeitarbeitsfirmen und zahlen viel mehr Geld an Miete, als sie an Lohn/Gehalt zahlen müssten? Ich versteh das wirklich nicht.

Amsel

Hallo Amsel,

Zeitarbeiter kosten eine Firma doch viel mehr Geld (Miete) als
wenn sie selbst Mitarbeiter beschäftigen würden!

Ich glaube, da unterliegst Du einem Irrtum. So viel mehr kostet ein Leiharbeiter auch nicht - immerhin müssen für ihn vom „Kunden“ keine Sozialabgaben bezahlt werden und auch kein Urlaub/Krankheit etc. Das übernimmt alles die Leiharbeitsfirma. Unter dem Strich kommt ein Leiharbeiter, soweit ich weiß (bin keine Expertin!), in etwa genauso teuer wie ein Festangestellter.

Und Angst,
den Mitarbeiter schnell wieder mal loszuwerden braucht doch
heutzutage eine Firma auch nicht mehr zu haben. Welche Makel
am Mitarbeiter sollte man während der sechsmonatigen
Probezeit, wo man jederzeit OHNE Angabe von Gründen die Leute
wieder auf die Strasse setzen kann, nicht feststellen können?

Angenommen, die Probezeit ist vorbei - dann wird’s schon wesentlich schwieriger. Klar kann man das mit befristeten Verträgen regeln, aber dafür gibt’s nun auch wieder gewisse Einschränkungen. Ich kenne die Details zwar nicht, aber befristete Verträge kann man nun mal nicht endlos wieder und wieder verlängern. Und Leiharbeiter kann man bei Bedarf (wenn z.B. nicht mehr genügend Arbeit da ist) nun mal von heute auf morgen loswerden, während bei Festangestellten immer eine Kündigungsfrist gilt.

Darüber hinaus sind meiner Erfahrung nach Leiharbeiter oft motivierter als Leute, die schon seit Jahren fest angestellt sind und ihren Job sicher haben. Leiharbeiter hoffen darauf, übernommen zu werden, und strengen sich daher oft mehr an.

Für die Firmen, die oft sehr kurzfristig jemanden brauchen, entfällt außerdem die zeitraubende und teure Suche nach passenden Leuten, da die „Verleihfirma“ im Idealfall genau die passende Kraft auswählt.

Gruß
„Raven“
(die Zeitarbeit zwar als Ausbeutung ansieht, aber auch weiß, daß viele Arbeitnehmer keine andere Wahl haben)

Hallo,

Wieso boomen Zeitarbeitsfirmen derartig?
Also, warum bitte rennen die Firmen zu Zeitarbeitsfirmen und
zahlen viel mehr Geld an Miete, als sie an Lohn/Gehalt zahlen
müssten? Ich versteh das wirklich nicht.

Grundlegend kannst du davon ausgehen, daß die Unternehmen davon erhebliche Vorteile haben, sonst würden sie keine Zeitarbeitsfirmen einsetzen.
Die Ausgaben für ZeitAN sind generell niedriger, ebenso der Personalverwaltungsaufwand. Eine Rechnung von der Zeitarbeitsfirma, statt X Gehaltsabrechnungen, Lohnsteuer, Krankenkasse usw.

ZeitAN haben im Betrieb auch keine oder stark verminderte Rechte. Etwa Berufsgenossenschaft, Gewerkschaft, Betriebsrenten, Mutterschaftsurlaub, usw. usw.

Auch die Kündigungsfristen sind bei Festangestellten generell länger. Kurzarbeit für diese muß bei Ämtern beantragt werden, bei den anderen reicht ein Anruf, usw.

Die Leidtragenden sind die Zeitarbeitnehmer - sind zwar fest angestellt, aber dennoch schnell gefeuert und werden generell viel schlechter bezahlt als die fest Angestellten. Die Arbeitsverträge sind zugunsten der Zeitarbeitsfirmen aufgesetzt u.ä.m.

Gruß,
Cantate

Ist nicht schwer zu verstehen.
Hallo,

Etwas übertrieben formuliert, aber offensichtlich wahr:

Sieh dir mal die Gesetzeslage hinsichtlich Arbeitnehmerrechte an.
Eine Firma wäre ja blöd, wenn sie sich mit Festanstellungen derart schwere Klötze ans Bein bindet, die sie so schnell nicht wieder losbekommt.
Die rechtlichen Möglichkeiten auf Arbeitgeberseite sind im Hinblick auf eine der wirtschaftlichen Lage angepassten Unternehmensführung sehr dürftig.

Heute im globalen Umfeld mit all den Implikationen sind Auftragslagen und Konjunkturen viel schwieriger abzuschätzen, und man stellt nur noch dann fest ein, wenn es nicht mehr anders geht.

Gruss,
TR

Wieso boomen Zeitarbeitsfirmen derartig?

Weil es eine relativ einfache Methode ist, mit wenig Aufwand Geld zu machen.
Die ZA Firma nimmt den MA nur, wenn er quasi schon vermittelt ist, und sobald er eingesetzt ist, prasselt das Geld. Selbst wenn die Marge nur gering wäre (2€/h Profit für die ZAF nach allen Kosten) macht es schnell die Menge: 100 Leute vermittelt, jeder arbeitet 150 Stunden im Monat (eher mehr) sind 30.000 Euro und man muß nur ein wenig Verwaltung und Jobsuche betreiben: wenn jemand sein Projekt verliert und nicht direkt weiter vermittelt werden kann, fliegt er halt…

Zeitarbeiter kosten eine Firma doch viel mehr Geld (Miete) als wenn sie selbst Mitarbeiter beschäftigen würden!

Wurde schon erklärt.

Und Angst, den Mitarbeiter schnell wieder mal loszuwerden braucht doch heutzutage eine Firma auch nicht mehr zu haben.

Aber „feste Mitarbeiter“ haben so komische Vorstellungen: Sonderurlaub, Mitbestimmung, Beförderung, Gehaltserhöhung, bäääh!
Das kann beim ZA Kollegen nicht passieren. Wenn der auf dumme Gedanken kommt wie zu Weihnachten Urlaub machen zu wollen, fliegt er halt…

Welche Makel am Mitarbeiter sollte man während der sechsmonatigen Probezeit, wo man jederzeit OHNE Angabe von Gründen die Leute wieder auf die Strasse setzen kann, nicht feststellen können?

Es gibt auch Leute, die genau die 6 Monate abwarten und dann den langen Lulatsch machen. Ich selbst hatte mal so einen Kollegen, der ist punkt einen Tag nachdem sein Vertrag sich in ein Festanstellungsverhältnis ohne Probe gewandelt hat, zum richtigen A* mutiert. Und hat tausend Paragraphen angeführt, warum man ihn nicht kündigen kann. Aber gearbeitet hat er nichts.

Ein halbes Jahr ist eine lange Zeit… Und selbst darüber hinaus kann sich jeder Arbeitgeber gegen wirklich alles absichern: durch befristete Verträge!

Der Arbeitgeber hat doch heutzutage alle Vorteile auf seiner Seite und die Risiken gehen allesamt zu Lasten des Arbeitnehmers.

Ich empfehle mal, ein kleines Unternehmen zu gründen und ein paar Mitarbeiter einzustellen. Dann wirst Du sehen, wie lustig deutsches Arbeitsrecht für Arbeitgeber sein kann.

Angst, einen Mitarbeiter nicht schnell genug loskriegen zu können muss doch heute echt keiner mehr haben.

Selbst wenn man eine faule Nuß nur einen einzigen Monat länger bezahlen muß als diese da ist, bei den heutigen Lohnnebenkosten reden wir da ganz schnell von mittel-vierstelligen Summen.
Sicher stört das einen Konzern nicht, aber ein KMU?

Also, warum bitte rennen die Firmen zu Zeitarbeitsfirmen und zahlen viel mehr Geld an Miete, als sie an Lohn/Gehalt zahlen müssten? Ich versteh das wirklich nicht.

Das einfachste Argument ist hier die Qualifikation:
Es ist sehr einfach, bei einer ZAF einen 100% in kürzester Zeit für eine hochspezialisierte Aufgabe Leute zu bekommen, denn wenn er nicht paßt gibt’s kein Geld. Einen festangestellten Mitarbeiter fortzubilden um diese Aufgabe zu erledigen kostet Zeit und Geld, solche Kosten entfallen bei ZA-MA.
Und wenn’s um solche Dinge geht wie Oracle Zertifizerung oder so, was ganz schnell mal 4-5000 Euro kostet plus die Zeit, die der Mitarbeiter wegen Fortbildung nicht für produktive Arbeit zur Verfügung steht…
Dann ist es oft so, dass fortgebildete Mitarbeiter dem Unternehmen noch die Daumenschrauben anlegen und statt sich für die teure Qualifizierungsmaßnahme zu bedanken, abwandern zum nächsten Unternehmen, was ein höheres Gehalt bietet: Dieses Risiko entfällt bei ZA-MA komplett!

Das Argument, dass aufgrund des deutschen Arbeitsrechts die Leistung von entliehenen Arbeitnehmern weit über der von festen MA liegt kann ich auch nur bestätigen:
Der Grund, warum der geliehene MA so arbeitet ist halt ganz banal: einerseits die Hoffnung übernommen zu werden und andererseits die Drohung „Wenn nicht, dann tschüß!“
Sowas wie ein vereinbartes Aufgabengebiet, das man sich arbeitsrechtlich einklagen kann gibt’s ja nicht: „Die vereinbarte Aufgabe ist beendet, Auf Wiedersehen“

Gruß,
Michael

Hi,

ZeitAN haben im Betrieb auch keine oder stark verminderte Rechte. Etwa Berufsgenossenschaft, Gewerkschaft, Betriebsrenten, Mutterschaftsurlaub, usw. usw.

Das stimmt so nicht ganz: BG, Betriebsrente, Mutterschaftsurlaub haben die ZAN ja schon von ihrem AG.

Die ZAN dürfen nicht benachteiligt werden gegenüber den „eigenen“ AN.

Die dürfen z. B. ebenfalls während der Arbeitszeit zum Betriebsrat der Auftragsfirma, obwohl die vielleicht auch einen eigenen in der ZAF haben.

Grüße
D.

Nachtrag
Hallo,

weil ich diese krasse Fehleinschätzung jetzt erst so richtig bemerke:

Der Arbeitgeber hat doch
heutzutage alle Vorteile auf seiner Seite und die Risiken
gehen allesamt zu Lasten des Arbeitnehmers.

Genau das Gegenteil ist der Fall.
AG werden zugeballert mit Vorschriften und AN-Rechten, die sehr oft im Gegensatz zu einer der wirklichen Lage angepassten Unternehmensführung stehen.
Ich selbst bin kein AG und bin auch nicht mit einem AG irgendwie besonders verbunden.
Aber im Bereich Qualitätsmanagement bekommt man sehr viel davon mit, was einen AG so alles plagt.

Solange hinreichend viele Leute denken wie du, wird sich am Boom von Zeitarbeit nichts ändern.

Gruss,
TR