Wieviel verträgt ein Mensch? (lang)

Hallo zusammen,

ich bin kein quengelnder Mensch und auch so würde ich von mir behaupten, dass ich ganz schön tough bin, doch seit dieses Jahr begonnen hat, kommt eins nach dem anderen:

Erst weist mein Opa sich selbst in eine psychiatrische Klinik ein, woran meine Oma nervlich zugrunde geht.
Ich bin immer noch auf Ausbildungsplatzsuche und hab nach jeder Absage den Stress, alles falsch gemacht zu haben.
Heute hat die Schwester meines Freundes mir eröffnet, dass sie schwanger ist und ihren Vollidioten von Freund heiraten wird, mit fast 18.
Nach 15jährigem Kampf wollen meine Eltern jetzt alles auseinander reißen und getrennte Wege gehen.

Und die Krönung: Letztes Wochenende hab ich herausgefunden, dass meine Mum sehr wahrscheinlich Gebärmutterhalskrebs hat und ihr nicht mehr viel Zeit bleibt. Das alles mit den Worten „Ach, du brauchst mich eh nicht mehr, du schaffst das allein“.

Ich möchte einfach abtauchen und nichts mehr davon mitkriegen, denn ich hab echt Angst 'nen Knacks wegzubekommen.

Ich hab jetzt noch nicht den Tod meines Hundes vor 3 Jahren verkraftet und bekomm regelmäßig Heulanfälle.

Mein Puls ist immer extrem schnell und ich bin dauernervös, komm manchmal gar nicht runter.

Ich brauch nur irgendnen blöden traurigen Film zu gucken und ich löse mich total in Salzlake auf.

Selbst bei Streitigkeiten mit meinem Freund trete ich den Rückzug an, denn dafür hab ich keine Kraft mehr.

Nun frage ich mich: Was verträgt ein Mensch an Niederschlägen? Oder das Herz oder die Psyche?

Wie ihr seht, sind die Dinge, die ich aufzähle, von sehr unterschiedlicher Natur, aber sie treffen mich gleich hart.

Über die Fakten, die ich genannt habe, möchte ich im Grunde nicht diskutieren, da ich darüber eigentlich nicht reden möchte, denn es sind sehr persönliche Dinge.
Aber vielleicht ist das auch der Punkt, dass ich dauernd höre „Aber sag das keinem, das geht keinen was an“ - nur mein Kopf platzt bald.

Ich hoffe, ich kann mit seriösen Antworten rechnen und bedanke mich im Voraus.

LG, Bomba

Hi Bomba,

das sine keine guten Nachrichten, trotzdem geht davon die Welt nicht unter. Das ist leider so, und das muss man akzeptieren. Wenn du dir selbst helfen willst, musst du dich fragen, warum dich das alles so belastet. Und: eins nach dem anderen.
Grüße,
JPL

Wenn ich mich motivieren muss/musste (nach ähnlichen Rückschlägen) dann hab ich mir folgendes immer und immer wieder durchgelesen.
Ich habe es vor etwas 3 Jahren selbst aufgeschrieben und es gab mir Kraft, alles zu bewältigen, alle Probleme zu lösen, mit Geduld, denn alles brauch seine Zeit !

>>Nicht hängen lassen, die Welt dreht sich immer weiter, egal was passiert. Wenn man sich selbst aufgibt, kann einem niemand mehr helfen. Also, kein Selbstmitleid ! Kopf hoch und kämpfen! ! !

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viel!
hi,

du steckst bist zum hals im schmerz, den man bei trennung und verlust spürt, vielleicht nimmt er sogar noch zu. wieviel ein mensch verträgt, ist nicht zu beantworten, aber der gesamte körper, also physisch und psychisch, gerät in eine vorübergehende krise, die sich bei jedem verschieden äussert und die dazu dient, wahrzunehmen, was geschehen ist um anschliessend neue wege des weiterlebens zu sehen. diese phase ist von vielen schmerzhaften empfindungen begleitet, das gehirn ist dabei in alarmbereitschaft, da es uns überleben lassen will und neue synapsen miteinander verbindet. das ist prinzipiell ein sehr guter und heilsamer prozess, der geht aber auf kosten der allgemeinen leistungsfähigkeit (und der aufmersamkeitsleistung nach aussen) und man muss viel rücksicht auf sich selbst nehmen.

die gefühle, nämlich vorwiegend traurigkeit und schmerz, sind dazu da, einerseits zeit für den verarbeitungsprozess zu gewinnen und andererseits über die ausgedrückten und gezeigten emotionen andere an sich zu binden, um trost und hilfe zu bekommen.

drückst du deine gefühle nicht aus („keinem sagen…“) könnte diese hilfe ausbleiben.

ich empfehle dir dringenst das gegenteil vom schweigsamen rückzug, es sei denn vorübergehend, weil du mal alleine traurig sein willst, dann ist es gut.

Hallo Bomba,

Mich hat ein einziges Ereignis schon so aus der Fassung gebracht, dass es mir monatelang sehr schlecht ging, mit sehr körperlichen Ausmaßen.

Ein Mensch kann viel ertragen, aber es reicht schon das „richtige“ Ereignis, um ein aus der Bahn zu werfen.

Ich kann mich in einem Punkt den Vorrednern anschließen. Egal wie sehr Du Dich hängen lassen wirst, die Welt wird sich einfach weiterdrehen und sich nicht um Dich kümmern.

Such Dir jemanden zu reden, und wenn es ein Therapeut ist. Du musst die Chance erhalten, es verarbeiten zu können. Baue eine innere Schutzmauer auf, die nicht mehr alles an Dich ranlässt, und mach Dir klar, dass Dein Leben auch wichtig ist.

Es gibt hier bestimmt genügend Leute, die Dir zu hören.
In Zeiten von Flat Rate Telefonieren kann man mit Gott und der Welt telefonieren.

Und wirkliche Freunde werden Dir durch diese Zeit auch helfen, einfach durch zuhören. Den Rest musst Du durch Eigenantrieb schaffen.

Falls Du ein Ohr brauchst, mein Email Adresse siehst Du ja oben eingeblendet :smile:

Was wirklich wichtig ist, dass man sich die Zeit nimmt, und sich in Geduld übt, und nicht versucht alles über ein Knie zu brechen, dass musste auch ich lernen.

LG
Wölkchen

hallo bomba,

ich erzähle dir mal eine kleine geschichte: einer meiner 2 besten freundinnen hat 2 blinde, zuckerkranke kinder. sie werden ihr ganzes kurzes leben lang auf fremde hilfe angewiesen sein. zudem sind sie in ihrem alter (17 + 20) genau so schrecklich drauf wie viele (spät)pubertierende jugendliche.
die ehe meiner freundin ist schon vor langer zeit zerbrochen. die firma ihres vaters, einst eines wohlhabenden mannes, ging konkurs. die freundin hatte jahrelang versucht, diese firma zu retten. der vater war aber … ähnlich wie dein opa, bomba. jetzt hat sie eine eigene firma gegründet (das allein ist eigentlich schon belastung genug).
seit ich sie kenne, läuft sie hinter dem blindengeld oder sonstigen geldern, einschließlich der offenen rechnungen ihrer kunden her.

wenn man meine freundin sieht: ein nervöses hemd, kann nicht stille sitzen, ständig macht, tut, spricht, tippt, telefoniert rechnet sie was. oft macht 3 sachen gleichzeitig. sie wirkt wie die sprichwörtliche katze, die benzin gesoffen hat. 2 bis 3 mal im jahr bricht sie völlig zusammen - und dann denkt sie am mich und meine vita und ist beruhigt, daß man auch überleben kann, wenn es einem noch schlechter schlechter. (wenn es mir mal richtig schlecht geht, denke ich übrigens an sie und ihr leben.)

was ich dir damit sagen will: es immer jemanden, dem es noch schlechter als dir, grauenhaft tragische schicksale oft. man braucht oft ein halbes leben (und viele schaffen es nie!), um zu lernen, das es gerade die schicksalsschläge sind, die das leben ausmacht. DAS IST DAS LEBEN! wir haben keine eingebaute glücks- oder wohlfühlgarantie - auch wenn uns die werbung das immer einreden will.

lass dir versichern: ganz gleich, wie schlimm das ist, was dir jetzt widerfährt - die zeit glättet es und verschafft dir eine sicht, mit der du leben kannst. (und wenn wirklich nicht, kann man, wenn es gar nicht gelingt, mit therapeutischer hilfe nachsteuern.)

du kannst dich dabei unterstützen, indem du dir freiräume/-zeiten schaffst, in denen du NICHTS an dich heranläßt. du brauchst sie. geh ins kino, schwimmen, zur massage, spazieren oder lies ein gutes buch - ganz wie es dir beliebt. aber schaffe dir diese stunden, in denen dich NIEMAND stören darf - auch wenn die welt untergeht nicht.

herzliche grüße & alles gute
ann

Liebe Bomba,

es ist tatsächlich so, dass wir Menschen eine ganze Menge aushalten können. Wenn man glaubt, man hat den Gipfel erreicht, wird nochmal eine Schippe aufgelegt. Aber trotz allem kann ich Dir nur sagen, dass ich durch all diese Niederlagen und schwere Zeiten zu dem Mensch geworden bin, der ich jetzt bin. So bescheuert es klingt, ich wurde jedesmal ein bißchen stärker.
Was ich allerdings auch glaube ist, dass eine positive Grundeinstellung dem Leben gegenüber helfen kann. Meine Oma hatte immer diesen alten Spruch parat „wenn Du glaubst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her“ und in meinen fast 42 Jahren war auch tatsächlich immer irgendwo ein Licht (o.k. manchmal schwer zu finden). In mir war immer die Hoffnung, dass es besser wird, man kann es schon fast als Gottvertrauen bezeichnen.
Es ist wichtig, dass Du auch erkennst, dass Traurigsein und auch Wut Reaktionen sind, die Dir zustehen. Manche Schmerzen, wie der Verlust eines geliebten Menschen oder auch Tieres vergehen nie, aber man weiß nach einiger Zeit, wie man damit umgehen kann und nimmt sie dann als Teil des Lebens auf und dann nach einiger Zeit tut es einfach nicht mehr so ganz arg weh - aber ganz weg klappt bei mir auch nicht. Versuche nie die Freude am Leben zu verlieren, gib nie die Hoffnung auf und schrei wenn es nötig ist auch Deinen Schmerz hinaus, damit Du nicht platzt - mir hat das immer gut geholfen.
Ich wünsche Dir alles Gute.
Viele Grüße
Simone

Hallo Bomba,

ich schließe mich meinen VorschreiberInnen an und möchte noch folgendes dazu sagen.

Es gibt Dinge, die Du nicht ändern kannst. Darüber kannst Du traurig sein, sicherlich. Aber hardere nicht damit!
Es ist einfach so! Du bist nicht dafür verantwortlich! Weder für die Vorkommnisse an sich, noch für die Problemlösung (um es mal so auszudrücken).

Viel helfen kann ich Dir aus der Ferne nicht, aber Du hast ja bereits viele wertvolle Tipps bekommen. Mach’ was draus!

Fühl Dich bitte von mir gedrückt!

Andrea

Ein Rundumknuddel!
Hallo ihr Lieben,

eure Antworten gerade alle auf einmal zu lesen, hat mir sowas wie einen Powerschub gegeben. Das tat richtig gut!

Jeder weiß, dass es immer noch schlimmer geht, aber das, was man da erstmal hat, scheint einen so zu erdrücken, dass man den Überblick verliert.
Gestern war so ein Tag, wo alles grau erschien, weswegen ich den Artikel auch verfasst habe. Heute geht’s wieder was besser.

Wenn ich erstmal einen Ausbildungsplatz habe, hab ich auch genug Ablenkung und eine Aufgabe, auf die ich mich konzentrieren kann.

Bis dahin werd ich versuchen, nicht durchzudrehen.

Danke für eure Aufmunterungen, Tipps und Erfahrungen!!

LG, Bomba

hallo,

der mensch verträgt sehr viele niederschläge.
sie zu ertragen und zu verarbeiten ist das andere.
aus deinen schreiben kann ich dir empfehlen, dir hilfe zu nehmen.
du hast geschrieben das deine mutti krebs hat- es gibt auch krebs der
operativ behandelt werden kann und viele frauen noch wunderschöne jahre leben und noch lebt deine mutti.
verlassen zu werden ist eine traurige angelegenheit ( aber auch befreiend sein kann) du mußt lernen -loslassen- zu können, lerne auch wieder das schöne zu sehen.
das leben besteht nicht nur aus schicksals-schlägen.
ich weiß wie es ist wenn ein lieblingstier stirbt, wenn eine mutter
monatelang und langsam stirbt. und das leben ist trotzdem wieder schön.
o.k. such dir einen guten psychologischen ansprechpartner zur verarbeitung deiner ängste, tu es für dich. lg konstanze