Sich selbst genug sein
Hallo,
kleiner Beitrag von meiner Warte aus:
also ich frag mich,inwiefern bin ich,um mich wohlzufühlen auf
andere Menschen angewiesen?Wieso reicht man sich selbst nicht
aus?
Kommt drauf an, was du unter „ausreichen“ verstehst - sicherlich „braucht“ man seine Umwelt, andere für die Gestaltung des (Über-)lebens, woher willst du sonst deine Nahrung bekommen, deine Wohnung, dein Auto, deinen Job, dein Geld etc.
Wenn du allerdings den sozialen Aspekt meinst, muss ich sagen, KANN der Mensch sehr wohl auch sich selbst genug sein bis zu einer gewissen Grenze. Zwar ist der Mensch von Natur aus als Gemeinschaftswesen angelegt, aber unter best. Umständen (Erziehung, Umfeld, Lebensumstände etc.) kommt es durchaus vor, dass ein Mensch sich selbst genug ist.
Wieso kann man Einsamkeit nicht geduldig ertragen und sich
trotz fehlendem Austauschpartner an Pflanzen,Natur,einem Buch
erfreuen?
Ich unterscheide für mich ganz strikt zwischen „Einsamkeit“ und „Alleine sein“. Einsam zu sein, ist für mich eindeutig negativ besetzt, will heißen, dahinter steckt eine Sehnsucht, nicht mehr einsam sein zu wollen, sein Alleine-Sein zu beenden, weil es für einen unterträglich ist.
Aber „Alleine sein“ ist für mich ein Zustan, der nicht negativ sein muss, der für sich alleine „genug“ sein kann, positiv.
Ich bin ein klassischer Einzelkämpfer zeit meines Lebens. Begründet ist dies von Babyzeiten von mir her an. Es hatte etwas mit meiner Geburt zu tun, den Ängsten meiner Mutter in meiner Kindheit usw. usw., das würde hier zu weit führen. Jedenfalls bin ich so erzogen worden, so herangewachsen, dass ich zwar meine Eltern hatte, aber keine Gleichaltrigen um mich herum hatte. Also war ich als Kind zwangsläufig alleine. Mit den Jahren, der Kindheit, der Jugend, dem Erwachsen-Werden bzw. -sein hat sich das so „eingegraben“, so manifestiert, dass das jetzt mein ICH ist, da ich es gar nicht anders kenne. Ich bin quasi, wenn du so willst, ständig auf mich alleine gestellt, ich mache alles alleine, was getan werden muss, ich erkämpfe mir alles alleine, erarbeite mir alles alleine. Ich hab wohl eine sog. „beste Freundin“ und bis vor kurzem auch einen festen Partner - aber ansonsten bin ich „alleine“.
Ich bin aber und war nie einsam. Ich kenne das Gefühl eigentlich gar nicht, einsam zu sein. Ich bin mir quasi selbst genug, weil ich es nicht anders kenne. Im Gegenteil, ich fühle mich in Gesellschaft äußerst unwohl und „beschnitten“, es ist, wie wenn das einem die Luft raubt. Ich bin lieber alleine und erarbeite mir alles alleine.
Ich habe so viele Beschäftigungen, meinen Beruf, meine vielen Hobbys, ich kenne z.b. auch nicht sowas wie „Langeweile“.
Du siehst, ein Mensch kann sich durchaus auch selbst genug sein und zufrieden sein. Ich möchte an meinem Zustand nichts ändern, denn ich bin glücklich damit, sehr glücklich.
Ich bin zur Zeit eben wieder mal auf mich selbst
zurückgeworfen.
Perfekt! Endlich Zeit, es sich selbst gut gehen zu lassen, für sich selbst was zu tun, ohne Verpflichtungen anderen gegenüber, ohne dass einem jemand dauernd reingackert … herrlich 
Dann kommen eben so Dinge hoch,wie die anderen können sich
eben nicht wirklich auf einen einlassen,
Hm, ich wage mal vorsichtig zu behaupten, dass „der Grund allen Übels“ doch eher in sich selbst zu suchen ist denn bei anderen, die ja mehr oder weniger „nur“ „reagieren“.
dann verkrampf ich und
lass dann auch kaum mehr jemanden an mich ran.Ja es sind wohl
diese so hoch hängenden Erwartungen an andere.
… und die an dich selbst. Warum so hohe Erwartungen? In andere hohe Erwartungen zu setzen, kann meiner Ansicht nach meist nur in Enttäuschung enden. Sei es, weil die anderen sie nicht erfüllen können, sie nicht erfüllen wollen, weil sie merken, sie können dir eh nicht genügen oder sei es, dass du Dinge in sie hineininterpretierst, die unrealistisch sind. Erwartungen kann man haben, eher an sich selbst und an seine eigenen Reaktionen bzgl. seiner Umwelt - aber bei anderen bin ich persönlich eher vorsichtig: Menschen sind so individuell, oft so „unberechenbar“, da ist es oft „Energieverschwendung“, wenn man zuviel erwartet, hofft, meint und tut …
Aber ich habe eben ein riesige Lücke aus jahrelanger
Einsamkeit,bedingt durch adoleszente Krise,die hat mich in
eine Tiefe und zu einer gewißen Ernsthaftigkeit geführt und
jetzt steh ich da und weiß diese Eigenschaften nirgends
richtig einzubringen.
Siehe oben. Jahrelange Einsamkeit muss doch nichts Schlimmes, Negatives sein - im Gegenteil. Eine Chance für dich, dein Ich, mal in dich zu horchen, was DU brauchst, was DIR fehlt, was DU für DICH tun kannst - mal ohne irgendwelchen Senf von außen. Nur du mit dir alleine. Das ist eine Chance und keine Krise!
Es macht vielleicht Angst demjenigen, der es nicht gewohnt ist, aber ich finde es bereichernd, sich damit auseinanderzusetzen, denn es werden im Leben immer Zeitabschnitte kommen, wo man auf sich alleine gestellt ist und einsam ist - was ist erst, wenn du ins Alter kommst?
Da sollte man doch in jungen Jahren „lernen“, auch alleine und auf sich allein gestellt Zufriedenheit mit sich selbst zu schaffen.
Ich will dieser Einsamkeit einfach auf offenem Feld begegnen
und mich da selbst umarmen,aber mir gelingt das nicht so
recht.
Och, ich denke, das ist einfach Übung. Und eine innere Haltung, die dafür vonnöten ist: solange du dieser „Einsamkeit“ wie einem „Feind“ innerlich begegnest, als etwas Negativem, Schlimmem, einer „Krise“, solange werden sich auch nicht die dazu paradoxen Gefühle wie „Umarmen“, „Zufriedenheit“ einstellen KÖNNEN.
Feile ganz langsam aber stetig an deiner inneren Einstellung zu „einsamen Zeiten“. Sieh darin eine Chance für dich: endlich mit dir alleine, endlich was ganz für dich tun, es dir nur mit dir gut gehen lassen - such dir Hobbies, die du ganz gezielt nur alleine ausüben kannst, also keinen Gemeinschaftssport z.B., so kannst du auch step by step für dich die Erfahrung machen, dass man mit sich alleine richtig Spaß haben kann.
Für mich ist das in unserer hektischen Welt eine Insel, ein Auftanken, wenn ich mit mir alleine bin. Im Job hab ich ständig ein Schnattern um mich rum, jeder will was, jeder fragt was, jeder quatscht einen an, keiner kann mal was alleine probieren … da bin ich manchmal froh, wenn ich mit mir ganz und gar alleine bin, denn dann kann ich in mich horchen, was brauche ich, was will ich jetzt, was kann ich mir jetzt Gutes tun … und das tue ich dann, und dadurch tanke ich wieder Kraft für das „Leben draußen“, eben z.B. den Job, wo man den anderen ja nicht „ausweichen“ kann.
Ist den Einsamkeit irgendwo gleichzusetzen mit Tod,dem
Ausgeliefertsein?
Ich denke, es ist eine Einstellungssache, wie ich dir oben schon beschrieben habe. Sieht man „Einsamkeit“ als etwas Bedrohliches, einen Feind an, der einem „im Griff“ hat, mag es wohl mit diesen Begriffen gleichzusetzen sein.
Aber ich sagte ja schon, dass ich zwischen Einsamkeit und Alleinsein unterscheide. Alleinsein ist für mich was Positives, das Rückbesinnen in dieser „lauten Welt“ auf mich selbst nur mit mir alleine - das ist ein positiver Zustand. Einsam sein ist für mich ein Zustand, den man nicht selbst gewählt hat und den man auch ablehnt, nicht haben will, abschaffen will. Alleine sein ist ein Zustand, den man selbst wählt und gutheißt.
Also müsste man daran arbeiten für sich selbst, den Zustand „einsam“ in ein „alleinsein“ zu transferieren, sprich, sich eine andere Sicht der Dinge anzutrainieren.
Einsamkeit gehört zum Leben und kann jeden treffen.Und wird
wohl viele und vor allem jetzt mich immer wieder treffen.Das
ist eigentlich auch ein Gefühl,das sich bei mir eingenistet
hat,diese Melancholie,dieser Schmerz.
Sicherlich ist das momentan für dich ein Schmerz, weil du es vielleicht nicht gewohnt bist, das macht dann Unwohlsein, macht vielleicht sogar Angst, Trauer …
Aber lies dir ruhig öfter mal meine Worte durch, man kann aus einsamen Zeiten ungeheuer viel lernen, viel für sich tun, wofür sonst einfach keine Zeit, kein Raum bleibt, wenn ständig etwas oder jemand um dich rumwuselt.
Alleinsein heißt Stille, die Möglichkeit, die uns dadurch gegeben wird in sich zu hören, was brauche ich selbst, was kann ICH mir selbst Gutes tun - ich stell mir das immer wie eine Robinson-Insel vor, ich alleine auf der Insel … nein, nichts Bedrohliches hat sie, sie birgt eine Chance, dass ich jetzt nur für mich da sein KANN und DARF und WILL, vorallem: KANN!
Irgendwie gäbe mir das
eben auch eine Bestätigung,auch zu bestehen,wenn ich ganz auf
mich alleine zurückgeworfen bin,überhaupt auch gar nicht den
Druck zu verspüren zu anderen Kontakt aufnehnem zu müssen.
Siehe oben - ein langer Prozess, das geht nicht von heute auf morgen. Aber nehm dir bewusst, ganz bewusst, alle paar Tage oder am Wochenende ein paar Stunden für dich, wo du ganz gezielt dich abschottest und nur horchst, was du dir jetzt im Alleinsein Gutes tun kannst: spazierengehen, die Gedanken kreisen lassen, Traumluftschlösser bauen ob deiner Zukunft, ein Buch lesen, irgendwas anfangen zu lesen, dich damit zu beschäftigen, was dich schon immer brennend interessiert hat …
Und wenn ich nochwas sagen darf, was ich immer wieder feststelle in Sachen Partnerschaft:
nur die Menschen sind fähig, eine glückliche, lang anhaltende, zufriedene Partnerschaft einzugehen und zu leben, die fähig sind, MIT SICH ALLEINE ZUFRIEDEN UND GLÜCKLICH leben zu KÖNNEN!
Können sie dies nicht, artet es oft in Klammern aus, in Vorwürfen, wenn der andere mal wieder nicht die Zeit für einen hat … und was da dann alles draus resultiert von Streit, Leid, Tränen, Fremdgehen, Entzweien, Entfremden wissen wir alle.
Ich achte also bei meinem potentiellen Partner immer darauf, dass es niemand ist, der sein Glück der Erde in mir sieht. Ich möchte, dass nicht ICH sein „Ein und alles“ bin, sondern er sich selbst. Man kann nur Liebe und Fürsorge an einen anderen in Liebe weitergeben, die man für sich selbst ERSTMAL HABEN MUSS.
ich würde mir wünschen,von diesem Druck befreit zu sein,andere
kennenlernen zu müssen,sondern unbefangen und frei zu
sein.
Da kommst du ganz sicher hin, wenn du die Dinge einmal von einer anderen Warte aus zu betrachten dir angewöhnst - step by step, wie ich es oben beschrieben habe.
Dann heißt es ja auch sowas wie Einsamkeit sei ein
Gefängnis und man könne es nur von innen öffnen.
Ich will aber nicht den Druck haben,an dieser Einsamkeit
unbedingt was ändern zu müssen.
Definier es um: du bist nicht „einsam“ (= Gefängnis, = schlecht, = negativ besetzt), sondern du bist „alleine“ (= Chance, = Möglichkeit, in sich zu lauschen, = es sich gut gehen lassen ohne das Gegacker der Außenwelt, = Chance ohne Herdendruck etc.).
So lass ich das jetz mal stehen,mal sehen wer damit was auf
nachdenklich Art und Weise anzufangen weiß.
Ich hoffe, ja, ich wünsche dir so eine Art Umdenken, erstmal was die Begrifflichkeiten „einsam“ und „alleinsein“ angeht, denn darin liegt der erste Schritt verborgen.
Und lass dir von mir sagen, ja versprechen: ein Leben weitgehend auf sich gestellt, ganz autonom, kann sowas von glücklich sein, zufrieden sein, soviel Inhalt haben, das ahnst du gar nicht … ich bin ein Beispiel für solche Menschen.
Es gibt wenige, denn der Mensch ist ja eigentlich von Natur aus eher ein „Herdentier“. Aber ich liebe und lebe meine Einzelkämpfernatur, das gehört zu mir, das bin ich - und ich muss mich nicht mit etwas „Negativem“ arrangieren, sondern es macht mich glücklich, dass ich auch autonom mich glücklich machen KANN und mein Glück nicht immer von anderen abhängig ist.
Ich wünsch dir ein ganzes Wochenende voll von tollen Erkenntnissen und tollen Erlebnissen nur mit dir alleine. Und wenn du ja mal ganz traurig und einsam bist, kannst du mir gerne mailen.
Alles Gute,
Christina