Willenskraft im Buddhismus Viriya oder Cetana

Hallo zusammen,

Buddha sagte:„Handlungen geschehen, aber es gibt keinen Handelnden.“ So gesehen gibt es keinen freien Willen, sondern nur einen Ablauf von Handlungen wie in einem Film.

Doch unter http://www.kum-nye.de/texte/annata.pdf habe ich von der Willenskraft im Buddhismus Viriya gelesen.

Widerspricht sich das nicht? Gibt es somit nicht doch einen freien Willen im Buddhismus?

Gruß

Motive geschehen, damit auch die Handlungen
Hallo Alex,

das verstehe ich so:

vor den Handlungen stehen die Motive, die zu den Handlungen führen. Die Motive erschaffen wir nicht, sie treten auf, sie „geschehen“, und wir setzen sie in Handlungen um. Somit geschehen in weiterer Folge auch die Handlungen (sind durch Motive determiniert). Es gibt deshalb also keinen Handelnden, weil wir die Handlungen nicht erschaffen.

In der Achtsamkeitsmeditation werden zunächst die aufkommenden Impulse nur wahrgenommen, also nur registriert, sie werden nicht bewertet, weder verworfen noch aufgegriffen.

Und nun stelle ich mir vor, daß in einem Folgeschritt doch eine Bewertung stattfindet, es sollen sich sozusagen wesentliche oder wichtige Motive herauskristallisieren. Willenstärke würde bedeuten, diese planvoll und effektiv in Handlungen umzusetzen, ohne sich durch andere als weniger wichtig bewertete Impulse ablenken zu lassen.

Willensstärke sehe ich nur als Fähigkeit, Motive unbeirrt und effektiv in Handlungen umzusetzen. Da wir uns aber die Motive nicht frei erschaffen können, kann der Wille nur aufgreifen, was da ist und ist somit letztlich nicht frei.

Grüße,

I.

Hallo Alex,

Buddha sagte:„Handlungen geschehen, aber es gibt keinen
Handelnden.“

Auch wenn Du das in Anführungszeichen setzt - es dürfte Dir schwerfallen, dieses angebliche Zitat in den Sutren (Lehrreden Buddhas) nachzuweisen.

Ähnliche Aussagen finden sich allerdings in Buddhaghosas Visuddhimagga (im 5. Jahrhundert u.Z. entstanden) - einem vor allem in Theravadabuddhismus hochgeschätzten Kompendium der buddhistischen Lehre:

"_Im höchsten Sinne hat man alle vier Wahrheiten als leer zu betrachten, und zwar weil es da:
keinen Fühlenden, keinen Täter, keinen Erlösten und keinen auf dem Pfade Wandelnden gibt.

Darum heißt es:
Bloß Leiden gibt es, doch kein Leidender ist da.
Bloß Taten gibt es, doch kein Täter findet sich.
Erlösung gibt es, doch nicht den erlösten Mann.
Den Pfad gibt es, doch keinen Wand’rer sieht man da._ "
(Visuddhimagga XVI.8.4, Übers. Nyanatiloka)
oder:
"Keinen Täter sieht er außerhalb der Tat, keinen die Karmawirkung Erfahrenden außerhalb der Karmawirkung. Daß aber die Weisen sich nur einer bloßen konventionellen Bezeichnung (samaññā) bedienen, wenn sie hinsichtlich des Stattfindens einer Tat von einem ‚Täter‘ oder hinsichtlich des Eintrittes der Karmawirkung von einem ‚die Wirkung Erfahrenden‘ sprechen: das hat er in rechter Weisheit klar erkannt. Darum sagen eben die Alten Meister:
"Nicht findet man der Taten Täter,
Kein Wesen, das die Wirkung trifft,
Nur leere Dinge zieh’n vorüber:
Wer so erkennt, hat rechten Blick.
"
(Visuddhimagga XIX.7.4, Übers. Nyanatiloka)

So gesehen gibt es keinen freien Willen, sondern
nur einen Ablauf von Handlungen wie in einem Film.

Inwiefern soll das daraus folgen? Gäbe es nach buddhistsischer Auffassung tatsächlich einen strengen Determinismus, dann gäbe es entweder keine Befreiung (moksha) aus samsara oder aber man müsste zu dieser Befreiung nichts tun, sie erfolgte automatisch. Beides ist offensichtlich keine buddhistische Lehre.

Im Buddhismus wird die empirische Person (der ‚Handelnde‘ oder ‚Täter‘, wenn man so will), als ein zeitweiliges Zusammenwirken verschiedener psycho-physischer Prozesse (skandhas) aufgefasst. Die empirische Person ist in diesem Sinne ‚zusammengesetzt‘ (samskrta) und existiert aus den Ursachen und Bedingungen (hetupratyaya) dieser Prozesse heraus, verändert sich stetig und erlischt auch wieder entsprechend diesen Ursachen und Bedingungen. Die Existenz einer unabhängig davon existierenden personalen Essenz, eines ‚Wesenskerns‘ (etwa eines atman, jiva, Seele und was dergleichen mehr Konzepte sind), also eines ‚Trägers‘ der empirischen Person, wird verneint. Ähnliche Auffassungen findet man übrigens auch in der europäischen Philosophie, beispielsweise schon bei David Hume.

Eines der oben erwähnten skandhas ist nun samskara, die aktive, (karmisch) gestaltende Komponente der empirischen Person. Die wirkende Energie dieses samskaraskandhas nun ist cetana. Der Begriff cetana ist nicht ohne weiteres deckungsgleich mit ‚Wille‘ - er leitet sich von ceto/citta, ‚Geist‘, ab und bezeichnet die Aktivität dieses Geistes (bitte nicht mit dem abendländischen philosophischen Geistesbegriff verwechseln) - also absichtsvolles, zweckbedingtes, aktives Denken.

Nun ist auch dieser cetana (der Einfachheit halber nennen wir ihn ‚Wille‘) bedingt - und insofern unfrei, als er von den Bedingungen abhängig ist. Bedingt ist er durch seine Motive - Wille ist immer Wille zu etwas und von diesem Objekt nicht abzutrennen, er existiert nicht unabhängig davon. Die Motive werden unter zwei Kategorien subsumiert: lobha (wörtl. Gier) und dosa (wörtl. Hass). Das ist sehr ähnlich dem Lust-/Unlustprinzip in der klassischen Psychoanalyse. Auch diese beiden Grundantriebe lobha und dosa sind wiederum bedingt, und zwar durch avidya - Nichtwissen. Avidya ist vor ein Nichtwissen um die tatsächliche Natur der Dinge, insbesondere des Ich. Allerdings kein intellektuelles Nichtwissen, sondern ein existentielles - avidya könnte man als kognitive Fehlhaltung bezeichnen.

Das Auflösen dieses Nichtwissens, das lobha und dosa und damit auch den karma-erzeugenden Willen cetana versiegen lässt, ist bodhi, die sog. ‚Erleuchtung‘ (besser: ‚Erwachen‘). Um dieses avidya zu überwinden, gibt es eine Methode - ariyamarga, den sog. edlen achtfachen Pfad. Da es nicht, wie schon erwähnt, um ein Überwinden von Nichtwissen durch intellektuelle Einsicht geht, sondern vielmehr um die Korrektur einer kognitiven Fehlhaltung, genügt es nicht, die Sutren zu studieren, sondern man braucht eine Übungsmethode, einen Yoga - oder anders gesagt: eine Therapie. Eben dies ist der achtfache Pfad - eine ganzheitliche Therapie für Geist und Körper.

Sich diesem Pfad zuzuwenden, bedarf es natürlich zunächst einmal ebenfalls eines Motives und eines darauf gerichteten Willens sowie zusätzlich einer initialisierenden Erkenntnis - und in eben dieser Erkenntnis steckt wiederum das Moment der Freiheit.

Das Motiv ist natürlich zunächst die Überwindung persönlicher Leiderfahrung, fällt also in die Kategorie dosa (Ablehnung von Unliebsamem). Die initialisierende Erkenntnis ist die, dass Leid (duhkha) nicht durch einen auf Lust und Unlust / lobha und dosa gerichteten Willen / cetana überwunden werden kann, sondern durch Erkenntnis, die durch eine bestimmte Art praktischer Lebensführung gewonnen werden kann. Diese initialisierende Erkenntnis (sie fällt unter den Aspekt samma ditthi, ‚Rechte Sicht‘, des achtfachen Pfades) wird poetisch als ‚Vernehmen des Löwenrufes‘ bezeichnet, was sich auf Buddha bezieht, der den Beinamen sakyasimha (Löwe [aus dem Klan] der Sakya) führte. Mit diesem Bild - dem Vernehmen eines Rufes - wird auch deutlich, dass die initialisierende ‚Rechte Sicht‘ nicht aus einer selbst karmisch erzeugten Ursache (hetu) resultiert, sondern dass man auf sie in Form einer begleitenden Bedingung (pratyaya) trifft. Hinzu kommt, dass nach buddhistischer Auffassung bodhi (das Erwachen / die Erleuchtung) emergent ist, also selbst in seiner höchsten Form (wenn auch höchst selten) spontan auftreten kann. So stimmen alle buddhistischen Schulen darin überein, dass Nirvana nicht ‚samskrta‘ ist - d.h. nicht bedingt und also von kausalen oder karmischen Bedingungen unabhängig. Es ist allerdings rein statistisch ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen, sich auf die Emergenz der Erleuchtung zu verlassen - also schafft man durch eine entsprechende religiöse Praxis, nämlich die des achtfachen Pfades, begünstigende Ursachen und Bedingungen. Speziell im Soto-Zen wird sogar die Auffassung vertreten, dass die religiöse Praxis (die in dieser Schule geübte, versteht sich) nicht das Setzen von begünstigenden Ursachen und Bedingungen für das Erwachen ist, sondern selbst unmittelbar die Emergenz des Erwachens.

Die Praxis des edlen achtfachen Pfades wiederum erfordert eine spezielle ‚Willensenergie‘, die nun als viriya bezeichnet wird. Etymologisch betrachtet ist viriya der ‚Zustand eines [starken] Mannes‘; der Begriff ist z.B. eng mit dem lateinischen ‚virtus‘ verwandt. Anders als cetana, das sich (bei allen genannten Vorbehalten) am besten mit ‚Wille‘ wiedergeben lässt, ist viriya treffender mit ‚Energie‘ im Sinne von Tatkraft, ‚Anstrengung‘, ‚Anspannung‘ übersetzt.

Vor allem aber ist viriya im buddhistischen Kontext anders als cetana nicht auf Befriedigung von lobha und dosa gerichtet, sondern auf Überwindung von avidya. Als Konnotation schwingt da immer die Ausrichtung auf bodhi, das Erwachen, mit. Wie weiter oben schon angesprochen, gibt es keinen ‚Willen‘ an sich, es gibt immer nur ein ganz konkrete Ausrichtung des Geistes, eine konkrete Aktivität. Wenn man also cetana mit ‚Wille‘ übersetzt, dann wäre für viriya die angemessene Übersetzung ‚Gegenwille‘.

Freundliche Grüße,
Ralf

Freiheit und Determinismus
Moin Alex,

da sprichst du einen ziemlich spannenden Punkt nicht nur im Buddhismus an. Da wir hier ja nicht im religiösen Sinn über „Glaubensfragen“ reden, sondern dieser Aspekt des Buddhismus versucht zu beschreiben, wie der menschliche Geist tatsächlich funktioniert, lohnt sich ein Blick über den Tellerand.

So gilt es heute in den Neurowissenschaften als erwiesen, dass es den „Beobachter im Gehirn“ oder ein „Konvergenzzentrum“, in dem die Signale der verschiedenen Sinnesorgane konvergieren, mit gespeicherten Inhalten verglichen und nach erfolgter Deutung in Handlungsentwürfte umgesetzt werden, schlichtweg nicht gibt. (Vergl. Wolf Singer, „Der Beobachter im Gehirn“, s. 144.

Also auch keine „unabhängige Instanz“, die quasi völlig frei all diese Informationen auswertet und zu einer Entscheidung gelangt.

Siehe auch folgendes Interview:
http://www.sueddeutsche.de/wissen/360/480837/text/

Worum geht es hier eigentlich? Singer sagt es in seimen Interview deutlich: „Der Wille wird nicht in Frage gestellt“. Wir haben also einen Willen und somit auch einen gewissen Entscheidungsspielraum, auch nach moderner neurologischer Auffassung.

Ähnlich sieht es auch der Buddhismus, wenn er sagt „Es gibt keinen Handelnden, sondern nur Handlung“. „Handelnden“ im Sinne von „unabhängige Instanz“, die quasi völlig frei all diese Informationen auswertet und zu einer Entscheidung gelangt. Aber dennoch gibt es selbstverständlich „Willen“ und Entscheidungsprozesse, auf die Einfluss genommen werden kann, z.B. durch bewusste „Gewöhnung“ des Gehirns an bestimmte Prozesse (z.B. durch die Meditation und Geistesschulung).

Für weitere Literatur empfehle ich das von Singer und dem Buddhisten Ricard verfasste Buch „Hirnforschung und Meditation“ ISBN-13: 978-3518260043 Buch anschauen

Zu ähnliches Schlussfolgerungen kommt auch Thomas Metzinger (der die Frage eher von einer philosophischen Sichtweise angeht) in seinem Buch „Der Ego Tunnel“ auf Seite 180: „Aber beachten wir erneut, dass weder der „Geist“ noch das Selbstmodell ein kleiner Mann im Kopf ist. Es gibt kein kleines Männchen, das erzeugt, vergleicht und entscheidet. Wen die Theorie dynamischer Systeme zutrifft, dann ist all dies ein Fall von dynamischer Selbstorganisation im Gehirn“. Und er greift auch hier das Thema vom „Freien Willen“ auf, indem er auf Seite 186 postuliert: „Die schönste Idee ist vielleicht die, dass Freiheit und Determinismus friedlich koexistieren können: Wenn unser Gehirn auf die richtige Weise kausal determiniert ist, wenn es uns für moralische Überlegungen und rationale Argumente kausal empfänglich macht, dann macht uns genau diese Tatsache frei. Determinismus und freier Wille sind miteinander vereinbar“.

In genau diesem Korridor zwischen Determinismus und freier Wille bewegt sich meiner Meinung nach auch der Buddhismus, der sich ja als „Geistesschulung“ versteht, also eben die „richtige Weise der Kausalen determination des Gehirns“ und du kannst dir sicher vorstellen, dass für einen Buddhisten, der auch mal über den Tellerand hinaus blickt, diese derzeit sehr dynamischen Entwicklungen in den Neurowissenschaften in Verbindung mit entsprechender Philosophie hochgradig interessant sind :smile:

Gruß
Marion

Vielen Danke für Eure Antworten!
Hallo nochmal,

bin noch nicht ganz durch mit der Antwort von Tychiades, wollte aber mich trotzdem schon für Eure Beiträge bedanken.

Eines kann ich aber jetzt schon mit einbringen. Wir leben in einer Welt der Gegensätze. Alles kann nur existieren, wenn es einen Gegenpol gibt.
So müsste auch zum unfreien Willen ein freier Wille existieren.

Gruß