Wir brauchen Hilfe!

Letzen Freitag bekam ich einen Anruf von der Schule. Meine Tochter (12) wurde ertappt, als sie auf der Toilette Vandalismus betrieb. Die Lehrer und ich sind der Meinung, das es ein Hilferuf war und wir dringend psychologische Betreuung brauchen. Leider dauert es aber 4 Wochen bis ich einen Termin bekomme. Ich bin ziemlich ratlos und sitze jetzt rum ohne etws tun zu können. Wie soll ich mich gegenüber meiner Tochter verhalten. Sie ist nicht bereit mit mir zu sprechen. Vielleicht hat ja jemand einen Tipp.

Hallo Petra,

was hat Deine Tochter denn „betrieben“? Ist sie auch sonst auffällig und macht Dir Sorgen?

Ich kann mich irren, aber so, wie Du schreibst, klingt das Ganze etwas nach Mücke und Elefant. Wenn sie auf der Toilette mit einem Edding „Frau Müller ist scheiße“ verewigt hat, würde ich das noch nicht als Problem bezeichnen, sondern als die üblichen Auswüchse eines pubertierenden Mädchens. Denen muß man natürlich begegnen, aber deshalb würde ich sie nicht gleich zu einem Psychologen schleppen.

Wenn sie natürlich mit einem Baseball-Schläger Spiegel zertrümmert hat, könnte man das schon eher als Ausdruck versteckter Agressionen verstehen.

Generell kommt so etwas aber nicht über Nacht. Wenn Deine Tochter schon seit längerer Zeit „merkwürdig“ reagiert und Du Dir schon lange Gedanken machst, was sie wohl haben mag, frage ich mich, wieso Du nicht schon vor ihrem Hilferuf versucht hast, Zugang zu ihr zu finden und ihre Probleme zu verstehen.
Wenn nicht, wird ihr diese Aktion jetzt überdeutlich machen „Erst interessieren sie sich nicht für mich, jetzt wollen sie mich zu einem Seelenklempner abschieben“.

Versteh mich nicht falsch, ich unterstelle _nicht_, daß das so ist, sondern versuche nur, Dir zu zeigen, daß ein pubertierendes Mädchen das wahrscheinlich so auffassen wird.

Ich habe einfach das Gefühl, Du willst die Verantwortung abgeben:

Leider dauert es aber 4 Wochen bis ich einen Termin
bekomme. Ich bin ziemlich ratlos und sitze jetzt rum ohne etws
tun zu können.

Das klingt so, als könnte nur ein Psychologe Dir und Deiner Tochter helfen. Natürlich kannst Du was tun. OK, sie will nicht mit Dir reden - das wollen sie in dem Alter meistens nicht, zumindest nicht, wenn sie Probleme haben.
Du kannst Dich aber in den vier Wochen gründlich fragen, was für Probleme das sein könnten, und was Du dazu getan hast, daß sie entstehen (denn aus dem Nichts entstehen sie nie).
Und Du kannst immer wieder versuchen, mit ihr zu reden. Und zwar nicht strafgerichtlich („Was hast Du da bloß angestellt, was ist nur los mit Dir, so rede doch mit mir!“), sondern verständnisvoll. Unternimm mal was nur mit ihr, irgendwas, von dem Du weißt, daß sie es gerne tut. Beschäftige Dich mit ihr, geht zusammen weg, rede mit ihr über ihr Leben, über die Schule, über Gott und die Welt. Lach mit ihr. Vielleicht bringt Euch das wieder zusammen, und sie öffnet sich Dir. Vielleicht noch nicht an diesem Nachmittag, aber ein paar Tage später.

Du kannst in den vier Wochen eine Menge tun. Hilflos auf einen Psychologentermin warten sollte auf Deiner Liste weiter unten stehen.

Liebe Grüße,
Nike

Hallo Petra,

wo hast du denn die psychologische Hilfe gesucht?

Oftmals bekommt man in Psychosozialen Beratungsstellen, bei den freien Wohlfahrtsträgern (DRK, AWO, DPWV, DIAKONIE, CARITAS und auch direkt bei den Kirchen) in den Beratungstellen sofort Termine, so, daß man keine Wartezeiten hat.

Suche mal in http://www.hilfeatlas.de mit dem Suchbegriff „Psych Berat“ (genauso schreiben) und deiner Postleitzahl (abgekürzt auf 3 Stellen) dort findest du eine Menge an Beratungsstellen.

Anmerkung: Da du fragst, wie du dich deiner Tochter gegenüber verhalten sollst, diagnostiziere ich einfach mal, daß das genau das Problem ist: deine Kommunikationsstörung gegenüber deiner Tochter.
Frage deshalb gleich nach einer Familientherapie!

gruss

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Hey Mike, Hey Local

erstmal besten Dank für eure Antworten. Also meine Tochter hat die Abflüsse verstopft und die Klobrillen mit Uhu verschmiert. Ich war vom 2 Jahren schon einmal bei der Caritas und fand damals, das uns sehr geholfen wurde. Zumindest mir ging es hinterher viel besser und ich hatte den Eindruck auch meinen Kindern gehe es besser. Eigentlich dachte ich es wäre alles gut, aber das war wohl ein Irrtum. Natürlich versuche ich viel mit meiner Tochter zu unternehmen und mit ihr über Gott und die Welt zu plaudern. Ich habe aber inzwischen den Eindruck gewonnen, dass sie mich mit ihren Problemen nicht belasten will. Zur Caritas gehe ich auch, weil die Schule darauf besteht. Natürlich bin auch ich bereit, was zu unternehmen und Hilfe anzunehmen. Ich merke aber schon, das es mir hilft hier zu schreiben und andere Meinungen zu hören.

Hallo Petra

Kann Dir zu dem schon gesagten nur raten, erstens einfach völlig sachlich OHNE DIE GERINGSTE INTERPRETATION zu sagen, was geschehen ist, ähnlich wie Du es hier geschildert hast. Zweitens und das ist das wichtigste, Deiner Tochter einfach zu sagen, wie Du Dich jetzt fühlst und was in Dir abgeht. Schluss aus, dann einfach still sein und nichts sagen und wenn sie nach 10 Sekunden wider erwarten nichts sagt, einfach wieder wegzugehen.
Ich erwarte, dass sie sich auch öffnet, wenn Du vorher Dich und Dein Innerstes geöffnet hast.

Viel Glück
Beat

Hallo,
ich habe auch ein wenig Probleme mit dem was Du schreibst. Insbesondere mit dem „und ich“ im Satz „Die Lehrer und ich sind der Meinung …“. Das die Lehrer der Meinung sind, wundert niemanden aber was veranlaßt Dich dazu ? Du schilderst hier einen Einzelfall. Sicher unschön aber weder unüblich noch zwangsläufig ein Indikator für eine Fehlentwicklung der Persönlichkeit. Meine Frage daher - was gibt es sonst über Deine Tochter zu berichten, daß ein solches Prozedere rechtfertigen würde ?

Gruss
Enno

Hey Mike, Hey Local

Hallo Petra, (Nike heiß ich *g*)

Also meine Tochter
hat die Abflüsse verstopft und die Klobrillen mit Uhu
verschmiert.

Aha, danke für die weiterführende Info. Das ist natürlich etwas gravierender als Edding-Schmiererei. Es kann aber nach wie vor nichts weiter als ein Dummmädchenstreich sein. Was Du allerdings weiter schreibst, deutet nicht darauf hin:

Ich war vom 2 Jahren schon einmal bei der Caritas
und fand damals, das uns sehr geholfen wurde. Zumindest mir
ging es hinterher viel besser und ich hatte den Eindruck auch
meinen Kindern gehe es besser.

Ihr habt also schon mal Hilfe in Anspruch genommen. Was war damals der Grund?
Dir ging es danach besser. Woher weißt Du, daß es den Kindern danach besser ging? Du schreibst, „Du hattest den Eindruck“, haben sie es Dir nicht gesagt?

Ich habe den Eindruck, Ihr habt ein Kommunikationsproblem. Glaube mir, schon mit kleinen Kindern kann man über alles reden, man muß es nur altersgemäß verpacken. Mit zwölf ist Deine Tochter nicht mehr klein. Ich bin oft erstaunt, wie erwachsen die Tochter meines Freundes (10 Jahre) über Dinge reflektiert und redet.
Sie will informiert werden über Entscheidungen, die gefällt werden, sie will, daß man ihr Dinge erklärt und sie versteht auch, daß Erwachsene mit manchen Sachen ebenso Schwierigkeiten haben wie Kinder.

Hast Du all das mit Deiner Tochter besprochen? Was sagt sie zu der Entscheidung, zu einem Psychologen zu gehen? Ist sie einverstanden? Hast Du Ihr, wie schon von Beat angeregt, einfach mal erzählt, wie es Dir geht, ohne von ihr eine Rechtfertigung zu verlangen?

Ich habe aber inzwischen den
Eindruck gewonnen, dass sie mich mit ihren Problemen nicht
belasten will.

Wenn Du selbst Probleme hast, ist das gut möglich. Bist Du allein erziehend? Kinder erspüren sehr gut, wenn Eltern überfordert sind und versuchen dann, sie zu entlasten und selbst Verantwortung auf sich zu nehmen. Das ist aber etwas, was sie nicht tun sollten. Ich traue Kindern vieles zu, aber sie sollen nicht die Probleme der Erwachsenen mit tragen. Es ist aber oft bei Kinder so, daß sie das von sich aus tun, weil sie ihre Eltern entlasten wollen. Da besteht dann dringender Handlungsbedarf, denn mit so einer Haltung überfordert sich Deine Tochter selbst.

Zur Caritas gehe ich auch, weil die Schule
darauf besteht.

Wegen der Vandalismus-Sache? Oder gibts noch andere Gründe?

Natürlich bin auch ich bereit, was zu
unternehmen und Hilfe anzunehmen. Ich merke aber schon, das es
mir hilft hier zu schreiben und andere Meinungen zu hören.

Das freut mich ja auch, deswegen frage ich weiter nach.
Liebe Grüße,
Nike

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Ich würde den Vorfall als Aggressionsabbau werten, Ferndiagnose ist nat. sehr unzuverlässig.

Kommt in dem Alter ab und an vor, zudem kommt noch der Ort hinzu, das WC, also hat das Ganze auch einen psychosexuellen Hintergrund. Auch nicht sonderlich untypisch für dieses Alter.

Wenn Du gute Beratung suchst musst Du viel mehr Infos rüberwachsen lassen, Psychologie ist immer holistisch (gesamtheitsorientiert).

Generell gleich von „Hilferuf“ zu sprechen halte ich für voreilig. Auch bist Du mir zu schnell der Meinung der Lehrer.

Könnte auf einen „unechten Selbstmelder“ rauslaufen, dh. dass nicht Deine Tochter Beratung braucht, sondern diejenige Person, die sie dort hinbringt. Dieses Phänomen tritt va. in der Familienpsychologie häufig auf, die Betroffenen reagieren mit Aggression und Verneinung des Problems. Häufig wurd von ihnen behauptet, dass dies nicht sein kann und ein Irrtum sein muss, ein Abbruch kann die häufige Konsequenz sein.

So ganz subjektiv würde ich mal sagen, dass sich das Problem mit spätestens 16-17 Jahren „ausgewachsen“ hat, auch ohne professionelle Beratung.

Hallo an euch alle,

besten Dank für euer Interesse. Einige haben von mir eine Email erhalten, den anderen kurz das neueste:
Am Montag habe ich kurzfristig einen Termin bei der Caritas bekommen. Inzwischen denke ich, warum meine Tochter das tat ist gar nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, was ich tun kann, damit es nicht mehr vorkommt. Ich halte euch aber weiter auf dem laufenden. Besten Dank

Petra

Also, heute waren wir bei der Caritas und ich konnte mit großer Freude feststellen, daß ihr mit euren Anregungen Recht hattet. Der Psychologe meinte auch, dass es sich nur um einen Streich handelt. Dann kann ich ja jetzt beruhigter sein. Auch hatte ich heute morgen ein tolles Erlebnis. Meinem Sohn ging es nicht so gut und ich habe mich intensiv um ihn gekümmert. Plötzlich hat meine Tochter einen Schrei gelassen: „Um mich kümmert sich keiner“. Ich habe ihr daraufhin erklärt, daß ich mich nicht zerreissen kann und sie sich einen Moment gedulden möge. Das hat sie akzeptiert und ich habe mich anschließend um sie gekümmert. Ich denke wir schaffen es unser Kommunkationsproblem zu lösen. Ich danke euch aber nochmals allen für euren Zuspruch.