Wird eine Kuh ihr Kalb säugen?

Mich würde interessieren, ob eine Kuh, die bereits ein paar Kälber geboren hat, die ihr sofort nach der Geburt entzogen worden sind, ein künftiges Kalb (wenn sie es nach der Geburt behalten kann) auch säugen wird oder ob sie dieses Ritual ablehnt, weil sie es schlichtweg nicht kennt…

Huhu!

Also ich glaube, sie würde ihr Kalb schon säugen in der Regel. Ich denke der Mutterinstinkt ist mit einer der stärksten Instinkte, und der würde sich durchsetzen. Zudem wäre es körperlich ja zumindest nichts großartig anderes, als wenn sie gemolken wird. Ich denke den Drang zum sozialen Kontakt zu ihrem Kalb würde sie, wenn sie die Gelegenheit hätte trotzdem entwickeln.
Natürlich gibts auch immer Ausnahmen… aber ich denke im Großen und Ganzen würde das schon so ablaufen wie es sollte. Ein wildes Huftier, welches vielleicht 2-3 mal hintereinander das Pech hatte, das Junge kurz nach der Geburt zu verlieren, würde sicherlich beim 4. Mal trotzdem wisse was zu tun wäre.
Aber natürlich ist mir klar, dass man eine hochgezüchtete Leistungskuh auch nicht ohne weiteres mit einem wilden Gnu oder so vergleichen kann.

Ich muss gestehen, dass das von meiner Seite nichts weiter als Spekulationen sind. Vielleicht hat ja noch jemand Erfahrungsberichte und weiß näheres.

lieben Gruß
aj

ob sie dieses Ritual
ablehnt, weil sie es schlichtweg nicht kennt…

Hallo,
wie aj kann ich auch nur spekulieren. Die Logik sagt mir nur, dass jede Kuh, es beim ersten Mal nicht kennt. Wo ist dann der Unterschied, dass sie zwischendurch kein Resultat der Schwangerschaft gefunden hat?
Grüße
Ulf

Hallo,

diese Frage werden Dir mit Sicherheit Natascha Hirschmann, Christa Blanke, Karin Mück & Jan Gerdes beantworten können, sie betreiben Gnadenhöfe für ausgediente Milchkühe: http://www.kuhaltersheim.de

Bei Christiane, einer Turbokuh, stellte sich heraus, dass sie schwanger war. Nun hat sie zum ersten Mal in einer langen Reihe von Schwangerschaften ihr Kalb behalten dürfen. Man merkt direkt, wie glücklich sie ist, sagt Hirschmann, eine untypische Bemerkung für sie, sonst wirkt sie eigentlich unsentimental. Die Kuh passt jede Sekunde auf das Kalb auf, rennt ihm eifrig hinterher, obwohl sie augenscheinlich bei jedem Schritt Schmerzen hat und die Knochen laut knacken. Die alte Kuh schwankt beim Gehen wie ein Betrunkener, ihr Euter schleift fast am Boden. Wenn das Kalb in ein paar Monaten groß ist, wird die Mutter vermutlich getötet werden müssen, es geht einfach nicht mehr, jede Bewegung ist eine Qual für sie. Aber immerhin, sagt Hirschmann, ein paar gute Monate hatte sie.
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/zeitung/Die-Dritte-Seite;…

Viele Grüße
Diana

Milchkuh-, Mutterkuh-, Ammenkuhhaltung
Servus,

im Lauf meiner Tätigkeit in der Milchkuhhaltung hab ich vielen Kälbern ans Licht der Welt verholfen.

Kurz dazu Folgendes:

Eine Milchkuh, die nicht kalbt, gibt keine Milch. Umgekehrt: Jede Milchkuh kalbt, es gibt keine Milchkühe, die nicht gedeckt werden und kalben.

Sobald das Kalb da ist, wird es von der Kuh von A bis Z mit kräftigen Zungenstrichen abgeleckt - diese Massage ist notwendig, um seine Sinne und seinen eigenen Kreislauf in Schwung zu bringen. Wenn eine Kuh das nicht macht, weil sie z.B. wegen Hypocalcämie zu schwach ist, muss der Geburtshelfer das mit Stroh oder einem groben Lappen besorgen.

Sobald Atmung und Kreislauf in Schwung sind - es geht um Minuten - versucht das Kalb, aufzustehen, schafft das auch ziemlich schnell und fängt sofort an, das Euter zu suchen. Stupst dann mit dem Maul gegen das Euter - daraufhin steigt die Milch in die Striche und das Kalb, von Geburt an mit einem ordentlichen Zug ausgestattet, kann seine ersten drei-vier Liter Biestmilch reinziehen. Die Biestmilch ist in den ersten Stunden anders zusammengesetzt als später, es ist u.a. für das Immunsystem des Kalbes sehr wichtig, dass es sie kriegt. Kriegt sie auch, auch bei den bösen, bösen landwirtschaftlichen Großbetrieben. Teils werden die Kälber von Anfang an an den Tränkeimer gewöhnt, indem man ihnen auch die Biestmilch gleich aus dem Eimer gibt.

Suchen nach dem Euter beim Kalb und Anregung des Milchflusses bei der Kuh sind Reflexe, die beiden brauchen sie nicht zu kennen. Beim Anrüsten zum Anlegen der Melkmaschine regt man den Milchfluss von Hand an - das kann bei Vollautomaten zu Schwierigkeiten führen, weil die das Anrüsten nur mit den Melkbechern machen.

Bei heutigen Milchleistungen kann eine Kuh etwa vier Kälber ernähren. Grünlandbetriebe, die wegen zu kleiner Flächen die Milchviehhaltung aufgegeben haben, oder bei denen das arbeitswirtschaftlich besser passt, erzeugen hochwertiges Fleisch aus der Weidemast von Kälbern in Mutterkuh- und Ammenkuhhaltung.

Nach all diesen Einzelheiten zurück zur Frage:

Jede Kuh, die abgekalbt hat, säugt jedes Kalb, das an ihr Euter kommt, egal ob es ihres ist oder nicht. Säugen lernen müssen Kühe nicht, und Kälber müssen nicht saufen lernen.

Schöne Grüße

MM

Vielen Dank für die Antworten, wir versuchen es also wenn es soweit ist und hoffen das Beste!

Grüße zurück…

Geburtshilfe bei Kühen
Servus,

kritischer als das Säugen selber sind ein paar andere Punkte:

  • Kalb kommt nicht mit dem Kopf voraus. Hier muss unbedingt der Tierarzt ran, auch viele Bauern mit langjähriger Erfahrung gehen da nicht selber ran.

  • Kalb kommt nicht richtig durch. Hier ist ein bissel Fingerspitzengefühl notwendig, um zu sehen, wann man eingreifen und mit Ziehen soll. Ohne Erfahrung sollte auch hier der Tierarzt rangeholt werden, wenn man glaubt, es ginge zu lange und die Kuh presste nicht ausreichend - spontan wird leicht zu früh am Kalb gezerrt, meistens kommen die Kühe selber zurecht, das dauert halt.

  • Wichtig: Auf Hypokalzämie (Milchfieber) achten. Wenn die Kuh nicht unmittelbar nach der Geburt aufstehen kann, sofort und dringend den Tierarzt holen. Hypokalzämie ist keine neue Erscheinung und nicht bloß bei Hochleistungsrindern ein bedeutendes Risiko beim Abkalben.

  • Am Kalb die abgetrennte Nabelschnur oberflächlich desinfizieren (z.B. mit Schnaps). Entzündungen/Infektionen sind da nicht schön.

  • Nach der Geburt darauf achten, dass die Plazenta vollständig draußen ist. Es passiert hie und da, dass sie sich nicht vollständig löst, das kann zu ziemlich problematischen Infektionen bei der Kuh führen.

Schöne Grüße

MM

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Hi

  • Kalb kommt nicht mit dem Kopf voraus. Hier muss unbedingt
    der Tierarzt ran, auch viele Bauern mit langjähriger Erfahrung
    gehen da nicht selber ran.

Schon ? Da kommt kein bein vorraus ? mhmm dann hab ich aber ne Komische geburt erlebt… da war auch kein tierarzt…

Aber es scheint beiden gut gegangen zu sein…

Gruss Sev

Servus,

ich beschreibe die Lage des Kalbes, nicht die Reihenfolge der einzelnen Körperteile. Alldieweil ein Kalb insgesamt vier Beine hat, wäre es sinnlos, die richtige Lage mit „zwei Beine voraus“ zu beschreiben, denn mit zwei Beinen voraus kann das Kalb genau verkehrt herum liegen, wenn das nämlich die Hinterbeine sind.

In diesem Sinne

MM

Oke macht sinn…

dürfte aber schwierig erkennbar sein für den Bauer oder nicht ? meine wie das Kalb jetzt liegt…

Grüsse Sev

Servus,

wenn die Fruchtblase geplatzt ist, sieht man beim ersten folgenden Pressen, was zuerst kommt. Dann ist noch Zeit, einzugreifen - allerdings Sache für einen Viehdokter.

Schöne Grüße

MM

… nachdem bei den Vorderbeinen auch sofort der flach darauf liegende Kopf mitkommt ist es nicht ganz SO schwer zu erkennen, ob vorn oder hinten, weil Kälber gewöhnlich hinten keine Köpfe haben … liegt der Kopf nicht auf den Beinen, die da rauskommen, ist es meistens eh zu spät dann noch den TA zu holen (umdsa Kalb zu retten - aber evtl. noch die Kuh) - die Geburten bei Großtieren sind derart schnell und dabei mit so gewaltigen Kräften… das kann man sich - wenn man es noch nicht miterlebt hat - kaum vorstellen

Gruß H.

Jetzt drängt sich doch noch eine Frage aufgrund eines Beitrags von Martin auf: eine Kuh kann bis zu vier Kälber ernähren… Jetzt hat sie aber nur eins, das säugt. Muss man diese Kuh dann zusätzlich noch melken oder stellt sie ihre Milchproduktion dann auf den Abnehmer Kalb ein?

Hallo,

wie Martin schon schrieb. Kalben und gemolken (=säugen) werden kennt die Kuh. Das ist für sie normal.

Aber es ist nicht nur die Gewöhnung. Der Instinkt vergeht nicht, sondern bleibt auch über das Säugen hinaus aktiv.

Ich selbst habe schon erlebt, daß Milchkuh ungewollt auf der Wiese kalbte. Nicht nur, daß sie das Kalb versorgt und gesäugt hat, sondern die gesamte 17-köpfige Milchkuhherde verteidigte Kuh und Kalb und stellte sich mit den Hörnern nach außen im Kreis drumherum, als der Bauer Mutter und Kind reinholen wollte.
Das war schon beeindruckend anzusehen.

Gruß Steffi

Servus,

das kommt drauf an, welche Leistung sie in früheren Laktationsperioden gebracht hat, wie sie gefüttert wird und wie alt sie ist. Eine Kuh, die sonst 25 Liter und mehr gegeben hat, kann man auch, wenn sie über fünf Jahre alt ist, nicht so leicht durch zurückhaltende Fütterung in der Leistung „drosseln“, sie ist genetisch auf ihre Milchleistung programmiert.

Aber ein Stück weit passt sie sich schon an; ältere Kühe lassen eh in ihrer Leistung nach, und mit verhaltener Fütterung (kein Klee, keine Maissilage, keine Rüben, kein Schrot) kann man die Leistung auch ein Stück reduzieren.

Ein Risiko bei nicht ausreichend geleertem Euter besonders in den ersten Wochen mit hoher Milchleistung ist Mastitis (Euterentzündung), die ziemlich bös werden kann. Wenn die Milch nur für das Kalb ist und nicht getrunken werden soll, reicht es aus, wenn man Mastitis bei den ersten Anzeichen - Euter und Striche leicht verhärtet, später auch fühlbar heiß, Klümpchen in der z.B. in eine Tasse gemolkenen Milch sichtbar - behandelt. Wenn Symptome erkennbar sind, lieber nicht mit homöopathischen Dingen wie Bienengift D50, sondern sinnvoll gleich mit einem geeigneten Antibiotikum rangehen.

Schöne Grüße

MM

Noch einmal herzlichen Dank für die fachmännische Aufklärung. Sollte sich Fragen auftun, weiß ich ja jetzt, wohin ich mich wenden kann. Allerdings müssen wir uns noch bis Ende April gedulden, bis das Kalb dann kommt.

Danke nochmals…!!

Ha no, bis dahin kannst Du noch Melken lernen, deucht mir? Ein Liter mehr oder weniger wird das Budele kaum umbringen - und bevor es zu kurz kommt, macht sich das bemerkbar. - Im Ernst jetzt: Beim Handmelken hat man die Technik schnell raus, das Schwierige ist eher das Training, wenn man einige Kühe am Stück leer kriegen will. Da spürt man Muskelkater an Stellen, wo man gar nicht geglaubt hätte, dass da Muskeln sind. Aber das steht ja bei Euch nicht zur Debatte…

Neugierhalber: Was ist denn Deine Dame für eine? Im Südwesten hat es ja noch einige recht scharmanten Rassen, z.B. die Hinterwälder:

http://www.bullroarer.de/hinter/hinter.htm

Schöne Grüße

MM

Nein, das Melken steht nicht zur Debatte, da hast Du recht :smile: Meine Eltern hatten vier Milchkühe, nebenher noch fünf Kälber (Fresser). Mein Vater hat einen Schlaganfall bekommen und die Hobbylandwirtschaft war plötzlich Teil von uns allen. Drei Milchkühe haben wir (einfach aus Zeitgründen) verkauft, die vierte Kuh haben wir behalten, zumal sie in diesem Zustand niemand will (entweder üppig Milch oder aber kurz vor dem Kalben). Naja, jetzt haben wir noch die fünf Kälber, die aber über das Milchalter hinaus sind… und die Kuh. Die wollen wir behalten und eben das Kalb dann säugen, aber die Melkmaschine sollte für ein- und allemal ausbleiben. Es ist eine Fleckviehkuh, allerdings eine recht üppige, im Vergleich zu den anderen riesengroß (annähernd 1,70 cm Stockmaß) und eigentlich eine ganz liebe Kuh, etwa fünf bis sechs Jahre alt wird sie sein, ich müsste im Pass schauen…
Wir versuchen unser Glück, Dir Martin dennoch vielen Dank für die hilfreichen Antworten!