Hallo,
das ist eine ganz schwierige Frage, weil Lügen allein keinerlei strafrechtliche Relevanz hat. D.h. zunächst wäre es nur ein moralisch/ethisches Problem, wenn ein Anwalt (wie auch jeder andere) lügt.
Strafrechtliche Bedeutung bekommt eine Lüge erst, wenn man dadurch versucht z.B. einen Irrtum zu erregen, der dann zu Vermögensverfügungen führt (Betrug). Und auch da gibt es natürlich keinen Unterschied zwischen Anwälten und Nichtanwälten.
Problematisch wird aber der Bereich, wo es um die Wahrnehmung der Mandateninteressen geht. Dort wird es dann mit der „wissentlichen Unwahrheit“ schwierig, weil im streitigen Verfahren ja nun mal zwei Seiten existieren, die beide behaupten die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Und diese Wahrheiten widersprechen sich nunmal zwangsläufig. Der Anwalt als Partei muss dann natürlich die „Wahrheit“ seines Mandanten vertreten, das ist sein Job. D.h. wenn der Mandant sagt, dass die Ampel grün war, dann muss der Anwalt dies auch tun, auch wenn natürlich die Gegenseite behauptet, sie sei rot gewesen, und hierfür vielleicht sogar drei Zeugen benennt. Und selbst wenn das Gericht sich dann der Gegenmeinung anschließt, darf und muss der Anwalt sogar ggf. durch zwei weitere Instanzen dabei bleiben, dass die Ampel grün gezeigt hat, solange der Mandant hieran festhält.
Und glaube es, oder glaube es auch nicht, aber es gibt durchaus genug Fälle, die dann in der Berufung noch mal kippen und plötzlich zu einem anderen Ergebnis als die Vorinstanz kommen (sonst könnten wir uns ja auch den ganzen Rechtsweg und Instanzenzug sparen), z.B. weil plötzlich herauskommt, dass die drei Zeugen bestochen waren, und durch das nunmehr vorliegende Protokoll der Ampelanlage klar ersichtlich ist, wie die Ampel tatsächlich stand. D.h. der Anwaltskollege, der sich da vorschnell von der Wahrheit des Gegner überzeugen lassen würde, wäre ein schlechter Anwalt.
Sieh es also einfach so, dass so nunmal die Spielregeln sind, und nimm es dem Kollegen nicht persönlich. Er macht auch einfach nur seinen Job und versucht ihn im Interesse seiner Mandanten gut zu machen. Er muss einfach glauben, was sein Mandant ihm sagt, und stehen dem ersten Anschein nach auch noch so viele Dinge dagegen. Man weiß vorher eben nie, wie die Sache ggf. nach drei Instanzen steht und kann gar nicht anders als seinem Mandanten daher zumindest nach außen hin blind zu vertrauen. Wie man dem Mandanten ggf. intern den Kopf für allzuviel Blödsinn wäscht, ist eine andere Sache.
Gruß vom Wiz
[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]