Hallo Uwe,
ich wage die Prognose, daß Du mit den MIL-Specs Wochen (!) mit dem genauen Studium verdaddelst und hinterher immer noch nicht weißt, was Dein Kunde wirklich will.
Früher als Entwickler in militärischer Technik, später in der Medizintechnik für den US-Markt nach UL-Bestimmungen, machte ich die Erfahrung, daß jedes Regelwerk interpretationsbedürftig ist und daß etliche Punkte Gegenstand endloser Sitzungen und Rücksprachen mit dem Kunden sind.
Natürlich mußt Du die Normschriften beschaffen und zwar in der aktuellen Version. Irgendein Uraltkram, der noch irgendwo herum liegt, nützt herzlich wenig. Und Du mußt das Zeuchs querlesen, um wenigstens beurteilen zu können, ob die Vorschriften für Dein Produkt überhaupt relevant sind. Aber das alles bewahrt Dich und Deinen Kunden nicht davor, die wichtigen Daten explizit heraus zu arbeiten und zu benennen. Andernfalls gehen ein oder zwei wichtige Daten in vielen Seiten nicht zutreffender Anforderungen unter.
Firmen, die sich regelmäßig mit solchen Problemen beschäftigen, haben die Regelwerke für ihre eignenen Bedürfnisse bearbeitet. Sie verwenden Übersetzungen nur der für ihre Produkte interessanten Teile, haben sich bei Interpretationsmöglichkeiten auf eine durchgängige Vorgehensweise festgelegt und das Ganze zur handhabbaren Hausnorm gemacht, die man auch Zulieferern auszugsweise an die Hand gibt.
Kernpunkt von MIL-Specs sind Umwelt- und Einsatzbedingungen. Das reicht vom Temperaturbereich, über mech. Schockfestigkeit bis zur Funktionsfähigkeit bei Über- und Unterspannung, Luftdruckschwankungen, EMV, Anwesenheit aggressiver Medien. Wenn es auf diese Dinge hinaus laüft und Du ein übliches Industrieprodukt hast, bist Du ohne einschlägige Erfahrung arm dran. Der mil. Temperaturbereich macht vielen Dingen den Garaus und bei Schock- und Rütteltests pflegen sich die meisten Produkte in ihre Bestandteile zu zerlegen. Manche Leiterplatte ist hinterher regelrecht entstückt. Kommen dann auch noch heftige Druckwechsel dazu, machen viele Bauelemente buchstäblich dicke Backen oder sehen wie unter den Schuh geraten aus. Deshalb ist MIL-Technik regelmäßig richtig teuer.
Die minimale Ausstattung, über die man wegen intensiven Gebrauchs selbst verfügen muß, ist ein Temperaturprüfschrank, der Temp.-Wechsel zwischen -40 bis +125°C erlaubt. Besser ein noch etwas größerer Bereich. Alle anderen Prüfungen kann man außer Haus machen lassen.
Also frage den Kunden, auf was es ihm besonders ankommt, damit Du schon mal die Denkrichtung kennst.
Gruß
Wolfgang