Wo bleiben die etymologische Fragen?

He, Leute!

Fragt doch mal wieder nach der Etymologie von deutschen Wörtern.
Ich kann jetzt nämlich noch schneller antworten, da ich mir die Neuauflage des Kluge angeschafft habe.
Und da war ne CD dabei. Und jetzt habe ich den ganzen Kluge per Mausklick zur Hand.

Als Beispiel, wo wir doch vor Kurzem über Bezeichnungen für farbige Menschen redeten, und dabei auch das Wort „Kaffer“ fiel, hier die Etymologie:

_ Kaffer

Substantiv Maskulinum „dummer Kerl“; erweiterter Standardwortschatz vulgär (18. Jh.)
Entlehnung aus dem Rotwelschen, in dem es seit dem 18. Jh. bezeugt ist.
Dorthin kam es aus westjiddischen Kaf(f)er „Bauer, Dörfler“ (aus hebr. [nachtalmudisch] kafri „dörflich“ zu wjidd. kefar „Dorf“; Kaff).
Die afrikanische Stammesbezeichnung ist davon unabhängig: sie stammt aus span. cafre, port. cafre „Barbar“, das aus arab. kafir „Ungläubiger“ kommt.
Die beiden Wörter sind aber bei den Sprechern gleichgesetzt worden. Ebenso nndl. kaffer._

Gruß Fritz

Hallo Fritz!

Ich hoffe, ich bin jetzt der schnellste Anfrager!

Eine Fünftklässlerin (!) hat vorhin in ihrer Erlebniserzählung den Ausdruck „Schockschwerenot“ verwendet, fast richtig geschrieben und meines Erachtens sinnvoll gebraucht!

Was hat es mit dem Wort eigentlich auf sich?

Vielen Dank fürs Erste und herzlichen Gruß!

Wolfgang Zimmermann

Welch ein Schock!
Hallo, Wolfgang!

Ich hoffe, ich bin jetzt der schnellste Anfrager!

:wink:Nun, es war ja nicht gemeint, dass ich hier einen Jahrmarktstand eröffnen wollte.:smile:

„Schockschwerenot“
Was hat es mit dem Wort eigentlich auf sich?

ist ganz wörtlich: „eine Not, die ein Schock schwer ist“.

Ein Schock ist aber eine der alten Maß- und Zahlangaben, von denen heute nur noch das Dutzend allgemein bekannt ist. Scheffel, Mandel und Ries sind andere solche Maßangaben.

_ Schock

Substantiv Neutrum „Anzahl von 60“ peripherer Wortschatz archaisch (13. Jh.),
mhd. schoc(h), scho©k m, as. scok Stammwort. Herkunft unklar. Vielleicht zu mhd. schocken „Korn in Haufen setzen“ (also „ein Haufen von 60 Garben“?)_

Also ist die schockschwere Not, eine Not, die so schwer wie 60 Garben wiegt.

Als Zugabe noch:

_ Mandel

„Menge von 15 oder 16 Stück“ peripherer Wortschatz archaisch (15. Jh.)Entlehnung.
Ursprünglich auf Garben bezogen. Aus mndl. mandele „Garbenstand“, auch ml. (13. Jh.) mandala f. Weitere Herkunft unklar, vielleicht zu einem keltischen Wort für „Garbe“ (korn. manal, nbret. malan aus *manatlo-).
Krogmann, W. ZDPh 65 (1940), 26f. ?

Scheffel

Substantiv Maskulinum „Hohlmaß“ peripherer Wortschatz archaisch (8. Jh.),
mhd. scheffel, ahd. skeffil, as. skepil Stammwort. Ist eine Weiterbildung (Diminutiv?) zu Schaff, also „kleines Schaff“. Da es sich aber dennoch um ein verhältnismäßig großes Maß handelte (zwischen 50 und 250 Liter), bedeutet scheffeln „in großen Mengen (Scheffeln) an sich nehmen“.
Ebenso nndl. schepel; Schaff.
Röhrich 3 (1992), 1310. deutsch s. Schaff

Ries

Substantiv Neutrum (bezeugt als ris, rist, riz m./f./n.) "Papiermaß"peripherer Wortschatz fach.fachsprachlich (14. Jh.),
mhd. ris, rist, rz f./n./m. Entlehnung Mit unklarer Kürzung entlehnt aus ml. risma, it. risma f. (vgl. mndd. reseme f.). Dieses aus span. resma, port. resma f. aus arab. rizma. Das arabische Wort bedeutet eigentlich „Paket, Ballen“ und bezeichnet daneben auch das Papiermaß.
Ebenso nndl. riem, ne. ream, nfrz. rame, nschw. ris, nisl. rís._

Hach, ist das nicht toll!

Gruß Fritz

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He, Fritz!
Das ist doch toll, jetzt brauch ich das Buch nicht selbst zu kaufen, ich kenn ja dich!!

Und danke fuer die - indirekte - Bestaetigung meiner Kaffir-Definition - da ich ein suedafrikanisches Woerterbuch benutzte, konnte ich ja nur den einen Teil der Ethymologie finden :wink:, aber doppelgemoppelt (UND WO KOMMT DAS HER?) haelt wohl nicht nur besser, sondern in diesem Fall auch - leider - laenger!

Mach’s gut,
Elke

doppelt moppeln
Hallooo, Elke,

doppelgemoppelt (UND WO KOMMT DAS HER?)

Das Verb „moppeln“ ist in meinen Lexika nicht zu finden.
„moppen“ aber bedeutet mit dem „Mopp“, einem langhaarigen Besen, Flusen, Haare u. ä. aufkehren. Manchmal war der Mopp auch mit einer öligen Flüssigkeit getränkt.

Und zweimal gemoppt ist wohl sicherer.
Und aus dem „doppelt moppen“ machte ein sprachspielerisch begabtes Putzvolk eben: doppelt moppeln.

Meine Vermutung, durch nichts belegt.

Gruß Fritz

Moppen hilft bei Sand wohl nicht, oder?:smile:

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Hier fehlt noch das Groß (144) o.w.t.

nicht ganz so Groß…
die zwölf Dutzend hießen einfach Gros.

Grus Gruß Ralf

Hallo Wolfgang

Heisst das nicht „Gros“? Ich kenne es nur so…

Fragende Grüße

Weikko

Hallo Fritz,

Ich kann jetzt nämlich noch schneller antworten, da ich mir
die Neuauflage des Kluge angeschafft habe.
Und da war ne CD dabei. Und jetzt habe ich den ganzen Kluge
per Mausklick zur Hand.

Nicht tzufällig bei F…&K…?

fragt sich

Kubi

Pipifax?
Hallo Fritz,

…damit meine ich natürlich nicht die Neuausgabe des Kluge, sondern die Etymologie des Begriffs.
Kannst du mir da helfen?

Gruß
Kreszenz

Hier das Gros (sic!) (144) mit Text
Gros

Substantiv Neutrum „Hauptmasse“ erweiterter Standardwortschatz Erkennbar fremde (17. Jh.)Entlehnung.
Entlehnt aus frz. gros m., einer Substantivierung von frz. gros „dick, beträchtlich“, aus l. grossus.
Mit anderer Bedeutungsspezialisierung Grossist „Großhändler“, das im Deutschen gebildet wurde zu en gros „im Großen, in großen Mengen, im Großhandel“ (später auch ins Französische übernommen).
Die Bedeutung „zwölf Dutzend“ (mit der Aussprache [gros], arch.) ist entlehnt aus frz. gros m., dieses gekürzt aus frz. grosse douzaine f. „Großdutzend“.
Ebenso nndl. gros, ne. gross, nschw. gross, nnorw. gross; Groschen.
DF 1 (1913), 256;
Jones (1976), 369;
Brunt (1983), 328;
LM 4 (1989), 1726. französisch

Gruß Fritz

Hallo, Kreszenz!

Da sind zunächst die:

_ Faxen

Substantiv Plural „Narrheiten“ Standardwortschatz stilistisch (17. Jh.)Stammwort.
Älter ist für „(unruhig und meist nutzlos) hin- und herbewegen“ fickfacken, mit Fickesfacken „Possen“, aus dem Fackes, Facks abgelöst sein kann.
Auch einfaches ficken, facken, fucken für „hin- und herbewegen“, Fickmühle „Zwickmühle“ u.ä. Wenn die Form mit Vokalwechsel die älteste ist, kann eine Lautgebärde vorliegen.
Ein Ausgangspunkt von dem obszönen ficken ist aber denkbar und durch Parallelen zu stützen. S. auch fackeln, Federfuchser, Fex, ficken.
Lasch (1928), 198f.;
Röhrich 1 (1991), 422. deutsch_

Dazu kommt das auch sonst allseits bekannte „Pipi“, das die Nutzlosigkeit und Notwendigkeit des Aus- und Abscheidens einer Sache noch verstärkt.

So bekommt „Pipifax“ die Bedeutung:
(ugs. abwertend): überflüssiges, törichtes Zeug, Unsinn.

Gruß Fritz

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Etymologie???
Wieso Etymologie?

Ich denke das ist dies neuartige Gerät zur elektronischen Fernübermittlung von Urinproben?!?

Mußichmich wohl verpissen nu…

moin, manni

Hallo Fritz,

du, Kluge, Röhrich & Konsorten - ein Dreamteam!

Fickmühle „Zwickmühle“ u.ä.

Dazu fällt mir ein: Mein Mann amüsiert sich noch heute darüber, wie verwundert seine Mutter beim Mühlespiel im Familienkreise immer reagierte, wenn ihre Sprösslinge (je nach Alter und Geschlecht) jedes Mal heftig kicherten oder erröteten, sobald sie von der „Fickmühle“ sprach. (Ich glaub, sie weiß es heut noch nicht!)

Gruß
Kreszenz

Hi Manni,

Ich denke das ist dies neuartige Gerät zur elektronischen
Fernübermittlung von Urinproben?!?

hatten wir den nich schonma?

Mußichmich wohl verpissen nu…

Guten Verlauf!
Kreszenz

Jaja, aber
ich wußte garnicht, dasses sooo gespritzt hat, überall, meinich

Baaatschi, moin, manni

Hallo Fritz!

Vielen Dank für Deine Auskünfte!
Mittlerweile habe ich auch mein „Etymologisches Wörterbuch“ (Pfeifer, dtv) herausgekramt und noch gefunden, dass sich der Ausdruck „Schwerenot“ besonders im 17. Jhdt. auf das Krankheitsbild der Epilepsie bezieht.

Herzlichen Gruß!
Wolfgang Zimmermann

Schwerenot und Schwerenöter!

„Schwerenot“ besonders im 17. Jhdt. auf das Krankheitsbild der Epilepsie bezieht.

Hallo, Wolfgang,

das war mir bisher nicht klar. Und als ich weitersuchte, kam auch noch das zu Tage:

_ Schwerenöter

Substantiv Maskulinum erweiterter Standardwortschatz obsolet (18. Jh.)Stammwort.
Die schwere Not ist zunächst wörtlich zu nehmen (etwa als Geburtswehen), wird dann aber zu einer Bezeichnung der Fallsucht (Epilepsie).
Da man dieses Leiden nach der Volksmeinung anwünschen konnte, sind Verwünschungen, die die schwere Not über jemanden bringen (oder sie nur nennen) verhältnismäßig häufig.
Deshalb schwerenötern „fluchen“ und Schwerenöter am ehesten „jmd., der die ganze Zeit flucht“.
Als Schimpfwort wird das Wort aber ganz gleichwertig verwendet wie Schwerenot (also etwa „daß dich die Schwerenot treffe“).
Wie viele extreme Schimpfwörter verliert auch dieses seine Kraft und wird heute in der Regel als Bezeichnung für jemanden verwendet, der gerne mit dem weiblichen Geschlecht anbändelt._

Man staunt immer wieder, was in den alten Wörtern so steckt!

Ebenfalls beste Grüße
Fritz

kleines Gros und großes Gros
Hi Wolfgang,

beim Stöbern habe ich noch etwas gefunden (Reclam, Maße und Gewichte):

 Stück
 
Gros, kleines Gros 144, 12 Dutzend
großes Gros 1728, 12 kleine G.
Hundertgros 120
Tausendgros 1200

Gruß Ralf

noch was Abgefacktes
Hallo Kreszenz,

Dazu fällt mir ein: Mein Mann amüsiert sich noch heute
darüber, wie verwundert seine Mutter beim Mühlespiel im
Familienkreise immer reagierte, wenn ihre Sprösslinge (je nach
Alter und Geschlecht) jedes Mal heftig kicherten oder
erröteten, sobald sie von der „Fickmühle“ sprach. (Ich glaub,
sie weiß es heut noch nicht!)

Gefällt mir, diese Geschichte :smile:. Dazu fällt mir ein, dass mein
Vater immer sagte, diese Jacke („Kittel“) könne er nicht mehr
anziehen, da sie an den Ärmeln schon so abgefickt sei
(=abgewetzt).
Ciao
Bolo2L