Rede von Minister Jung anlässlich der Gedenkfeier des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge
Frankfurt, 18.11.2007.
Anlässlich der Gedenkfeier des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Kreisverband Frankfurt am Main, zum Volkstrauertag am 18. November 2007 in der Frankfurter Paulskirche, hielt der Bundesminister der Verteidigung, Dr. Franz Josef Jung, eine Rede
Sperrfrist: 18. November 2007, 11 Uhr
I. Immanuel Kant sagt: „Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, der ist nur fern; tot ist nur, wer vergessen wird.“ Heute ist ein Tag gegen das Vergessen. Es ist der Tag des nationalen Gedenkens und der Trauer um die Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Terrorismus. Es ist ein Tag des Innehaltens und des Mitgefühls. Wir trauern um die Opfer der beiden Weltkriege, um die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und um die Opfer von Krieg, Terror und Gewalt in unseren Tagen. Wir gedenken der Männer, Frauen und Kinder, die in den Weltkriegen starben, die in der Gefangenschaft oder bei der Vertreibung aus ihrer Heimat ums Leben kamen. Wir trauern um diejenigen, die wegen ihrer Nationalität, ihrer Rasse, ihres Glaubens oder ihrer Überzeugung verfolgt, gequält und getötet wurden oder in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern umkamen. Viele von ihnen haben kein Grab gefunden. Für ihre Angehörigen hat die Trauer keinen Ort, keine Stätte des stillen Gedenkens. Wir gedenken der tapferen Männer und Frauen im Widerstand, die gegen Unrecht und Diktatur aufstanden und für menschliche Würde und freies Gewissen ihr Leben gaben. Wir gedenken der Menschen, die in unseren Tagen Opfer grenzenloser Gewalt geworden sind: die Opfer von Krieg und Terror, von Stammesfehden, bewaffneten Konflikten, von Kriegen, Hungersnöten, Flucht und Vertreibung. Mein tiefes Mitgefühl gilt heute den Angehörigen der Frauen und Männer, die ihr Leben in der Erfüllung ihrer Dienstpflicht für Frieden und Freiheit auf der ganzen Welt verloren haben. Wir verneigen uns vor den Toten und Opfern aller Völker und Nationen.
II. Leid und Trauer dürfen uns nicht sprachlos machen. Von Augustinus stammt der Satz, dass „…unsere Toten nicht abwesend, sondern nur unsichtbar sind und uns mit ihren Augen voller Licht in unsere Augen voller Trauer schauen!“ Sie mahnen uns Lebende, dass wir unserer Verantwortung und unserer Verpflichtung für eine friedlichere Zukunft gerecht werden. Trauer darf nicht zur Resignation führen. Wir müssen Lehren ziehen aus der Geschichte. Die Opfer mahnen uns, unseren Auftrag zu erfüllen: weiter an einem friedlichen Europa mit einem demokratischen, verlässlichen Deutschland in seiner Mitte und einer besseren und sicheren Welt zu bauen. Auf den Trümmern haben wir etwas völlig Neues errichtet. Alte Feindschaften wurden überwunden, ein politischer Neuanfang wurde gewagt. Aus Gegnern von einst sind Verbündete und Freunde geworden. Heute können wir auf eine dauerhafte Friedensordnung in Europa blicken. Sie gründet auf der Herrschaft des Rechts und auf Frieden und Freiheit. Für uns erwächst daraus Dankbarkeit. Aus dieser Dankbarkeit entsteht jedoch die Verpflichtung, sich stets bewusst zu werden, wie wichtig es ist, sich immer wieder für ein friedliches und gerechtes Zusammenleben der Menschen einzusetzen.
III. Die Staatsgründung der Bundesrepublik Deutschland berücksichtigt die Lehren der Geschichte. Die Geburtsfehler der Weimarer Republik sollten vermieden werden. Weimar war auch daran gescheitert, dass es zu wenig Demokraten gab. Die Rückbesinnung auf ältere demokratische Tradition stand dabei von Anfang an im Zentrum. Die Paulskirche steht für diese Tradition. Dieser Ort symbolisiert wie nur wenige andere die demokratische und freiheitliche Tradition in der deutschen Geschichte. So haben es die Mütter und Väter unseres Grundgesetzes in der Präambel festgeschrieben: Deutschland soll „dem Frieden der Welt dienen“. Diese Verantwortung ist eine immerwährende Aufgabe. Denn in unserer unvollkommenen Welt wird Frieden stets durch Krieg und Gewalt bedroht sein. Frieden fällt uns nicht in den Schoß. Wir müssen uns für den Frieden einsetzen, jeden Tag aufs Neue. Auf dem Weg zum Frieden begegnen uns immer wieder neue Formen von Krieg und Gewalt. Heute sind es die tückischen Anschläge des internationalen Terrorismus mit ihrer erschreckenden Brutalität. Menschenwürdiges Leben ist nur in Frieden und in Freiheit möglich. Wir können und dürfen deshalb die Augen nicht vor dieser Gewalt verschließen, wir müssen ihr entschieden ent-gegen treten. Den Frieden zu wahren und zu fördern, das verlangt konkretes, verantwortliches Handeln. Deutschland stellt sich diesen Herausforderungen. Unser Land hat seit dem Ende des Kalten Krieges Schritt für Schritt mehr Verantwortung für den Frieden in der Welt übernommen. Die Bundeswehr ist Instrument dieser Politik – nicht das einzige, aber ein wichtiges. Wo und wie wir uns mit der Bundeswehr engagieren, dafür sind die Werte unseres Grundgesetzes, die Interessen unseres Landes und die eingegangenen internationalen Verpflichtungen maßgeblich. Bislang haben sich über 200.000 Soldaten der Bundeswehr in den Krisengebieten der Welt engagiert. Gegenwärtig befinden sich gut 7.000 Soldatinnen und Soldaten auf drei Kontinenten der Erde im Einsatz. Diese Einsätze sind Ausdruck dafür, dass die Bundesregierung zusammen mit unseren Freunden, Partnern und Verbündeten in ihren Bemühungen für den Frieden in der Welt nicht nachlassen wird. Auf diesem Weg müssen wir auch die Menschen in den Einsatzgebieten mit einbeziehen. Unsere Hilfe ist dort immer auch Hilfe zur Selbsthilfe. Wir können nur den Rahmen schaffen, der es den Menschen vor Ort ermöglichen soll, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Deshalb ist auch der Dialog zwischen den Kulturen so wichtig. Dialog schafft Vertrauen, und dieses Vertrauen brauchen wir, weil wir auf dem Weg zum Frieden eng mit der einheimischen Bevölkerung zusammen wirken wollen. Wir dürfen uns den Menschen anderer Kulturen nicht entgegenstellen. Wir müssen uns viel mehr gemeinsam mit ihnen über den richtigen Weg zum Frieden verständigen. Diese Einstellung bestimmt das Denken und Handeln unserer Soldatinnen und Soldaten im Einsatz. Unsere Soldatinnen und Soldaten dienen dem Frieden. Sie sind Verteidiger von Freiheit, Recht und Frieden. Dabei kann es auch darum gehen, Menschen und Völkern aus Not und Gefahr zu helfen, zerstörte Städte und Dörfer wieder aufzubauen, Friedensstörer in die Schranken zu weisen, selbst wenn sie weit entfernt von Deutschland aktiv sind. Dieser Einsatz für Frieden und Freiheit hat seinen Preis. Immer wieder müssen wir schmerzhaft erfahren, dass unsere Friedenseinsätze auch mit Tod und Verwundung verbunden sind. Soldatinnen und Soldaten im Einsatz tragen besondere Risiken. Wenn Bundesregierung und Bundestag unsere Soldaten in die Einsätze schicken, sollen wir uns dessen stets gegenwärtig sein. Die Soldatinnen und Soldaten tragen diese Risiken ohne Aufhebens. Für ihre verantwortungsvolle Aufgabe brauchen sie daher einen starken politischen und gesellschaftlichen Rückhalt. Darauf gründet ganz wesentlich die Einsatzmotivation und die Überzeugung, das Richtige zu tun. Sie leisten in ihren Einsätzen Hervorragendes. Dafür verdienen sie Anerkennung und Würdigung.Mit der Würdigung der Arbeit der Soldatinnen und Soldaten sowie der zivilen Mitarbeiter der Bundeswehr hat auch die Initiative für ein Ehrenmal der Bundeswehr zu tun, das wir auf dem Gelände des Bendlerblocks errichten wollen. Es wird öffentlich zugänglich sein und jedem die Möglichkeit eröffnen, der Toten der Bundeswehr auf angemessene Weise zu gedenken.
IV. Der Volkstrauertag ist auch ein Tag der Versöhnung. Schon 1922, als der Volkstrauertag eingeführt wurde, standen Gedenken und Versöhnung im Mittelpunkt. Den Gedanken der Versöhnung setzte Reichstagspräsident Paul Löbe in der ersten offiziellen Feierstunde zum Volkstrauertag im Reichstag in seiner viel beachteten Rede um, als er einem feindseligen Umfeld Versöhnung und Verständigung entgegensetzte: „Leiden zu lindern, Wunden zu heilen, aber auch Tote zu ehren, Verlorene zu beklagen bedeutet die Abkehr vom Hass, bedeutet die Hinkehr zu Liebe, und unsere Welt hat die Liebe not.“ Dies spiegelt sich auch im Motto des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge wider: „Versöhnung über den Gräbern – Arbeit für den Frieden“. Die Pflege von zwei Millionen Kriegsgräbern auf 827 Friedhöfen dieser Welt ist gelebte Versöhnung und Verständigung der Völker über alle Grenzen hinweg. Jean Claude Juncker hat einmal gesagt: „Wer zweifelt, wer an Europa verzweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen.“ Wir dürfen die Geschichte nicht ver-gessen, und wir dürfen unsere Toten nicht vergessen. Deshalb ist die Arbeit des Volksbundes so wichtig. Und es ist richtig, bei dieser Arbeit gerade auch die jüngere Generation in den Blick zu nehmen.
Ich bin deshalb dankbar, dass der Volksbund Fahrten zu den Kriegsgräbern vermittelt, Ju-gendlager zur Pflege von Soldatenfriedhöfen veranstaltet und in Schulen und Schulfreizeiten informiert. Ich danke dem Volksbund Deutsche Kriegs-gräberfürsorge für sein unermüdliches und wichtiges Engagement für Frieden und Versöhnung und besonders für die Arbeit mit unseren jungen Menschen. V. Marion Gräfin Dönhoff hat in einem ihrer ersten ZEIT-Artikel über Totengedenken 1946 geschrieben: „Wir Spätgeborenen, die wir in den Trümmern einer zusammenstürzenden Kulturepoche aufgewachsen sind, in der sich die alten Ordnungen auflösen und alle überlieferten Werte in Frage gestellt wurden, wir stehen mit leeren Händen in einer entzauberten Welt. Opferbe-reitschaft, Heldentum, Ehre, Treue, das alles ist fragwürdig geworden, leer und schal, weil ein materialistisches Zeitalter diese Begriffe aus dem metaphysischen Zusammenhang heraus-gelöst hat.“ Daran gemessen, ist die Entwicklung Europas seitdem ein Wunder. Diejenigen, die unmittelbar nach dem Krieg das friedliche Europa aufgebaut haben, sind zu großen Teilen heute nicht mehr unter uns. Ihr Vermächtnis an die Gegenwart bleibt: ihre Leistung für den Frieden und Versöhnung. Und auch wir werden eines Tages den Stab an die nächste Generation weitergeben. So entsteht Kontinuität. Als Nation sind und bleiben wir die Gemeinschaft der Heutigen, derjenigen, die vor uns waren und derjenigen, die nach uns kommen werden. Das Erbe verpflichtet uns zum Frieden und zur Versöhnung. Wir sind es unseren Toten schuldig.
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