Mehrschichtigkeit
Guten Abend Marion!
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Die Diskussion läuft parallel in mehreren Dimensionen, über viele Begriffe, Inhalte. Dahinter stecken viele unterschiedliche Ressentiments. So gut wie jeder von uns ist nur dazu fähig, diese bei den anderen, nicht bei sich selbst zu entdecken. Deren Aufdeckung geschieht bei der Empfindlichkeit des Themas (fast) immer mit dem erhobenen Zeigefinger, worauf der Betroffene kaum imstande sein kann, sich selbst zu analysieren, sondern eher und schneller zur Abwehr neigt. So verläuft und zerläuft die Diskussion, wie wir schon mehrfach in diesem Forum erlebt haben.
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Du hast neulich eine von mir sehr hoch eingeschätzte Fortsetzung unserer Diskussion über Mehrheit und Minderheit gebracht. Da hast du (sinngemäß) formuliert, daß der Impuls von der Mehrheit in die Richtung der Minderheit ausgehen soll und muß, damit die Annäherung aneinander möglich wird.
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Der öffentliche Diskurs über Hohmann-Affäre zeigt Mehrstimmigkeit und auch Zerspaltung der Gesellschaft. Eine Diskussion ist erst dann in diesem Kontext möglich, wenn man sich über den Gegenstand, die Wortwahl und Benimmregeln geeinigt hat. Sonst bleibt sie aus. Es ist wie in der Pubertät. Die Demokratie ist in der Pubertät, sozusagen. Die Eliten sind noch nicht da, um als Autoritäten den Lauf der Diskussion zu bestimmen. Sie sind noch nicht vorhanden. Richtige (aus meiner Sicht) Worte werden von sehr wenigen Normalbürgern akzeptiert. Das Wertesystem brodelt.
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Die Argumente von Benz und Witze von Broder wenden sich (ursprünglich) an verschiedene Adressaten, sind als codierte Botschaften konzipiert. Es soll einerseits einfach so gelesen und vernommen werden, und es kann andererseits auch im Kontext der Geschichte verstanden werden. Diejenigen, die Benz nicht verstehen wollen, werden von Broder entweder sich abgestoßen fühlen, wie seine brilliante Internetseite immer wieder zeigt, oder jeweils einen nur witzigen Aspekt für sich nehmen, den, der gerade passt.
Benz liefert rationale Argumente für die, die nach Argumenten suchen. Broder ist dagegen ein Skeptiker, er konfrontiert uns mit Grenzen der Erkenntnis. Soll es denn heißen, es ist alles vergeblich und vergebliche Mühe?..
Antisemitismus in Reinform
funktioniert aber anders.
„An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“
Im übrigen werde ich den Verdacht
nicht los, dass es beim Motiv Hohmanns wesentlich mehr
um die „Reinwaschung“ der Deutschen geht und weniger um das
„Anschwärzen“ der Juden. Ähnlich sieht es IMHO auch Broder:„So paraphrasiert er einen Tatbestand, der noch simpler
ist als sein Gemütszustand: Je unschuldiger die Deutschen im
Laufe ihrer Geschichte werden, desto schuldiger werden die
Juden - vorgestern als Bolschewiken in Russland, heute als
Zionisten in Palästina. Es findet ein historischer
Lastenausgleich statt, bei dem die Deutschen nur gewinnen, die
Juden nur verlieren können.“
Ich bin damit völlig einverstanden, mit dir und mit Broder 
Liebe Grüße