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- Klar, die Betreuung der Studis ist Klasse, aber die Auswahl
an Kursen ist nicht so üppig. Du hast ganz einfach die Auswahl
zwischen einem Übungstermin und einem Nebenfach.
Das ist im Grundstudium auch an den grossen Unis nicht anders. Meistens hat man gar keine Wahl und muss Chemie nehmen. In Bonn gabs auch noch Astronomie zur Auswahl. Obwohl man da gleich drei Vorlesungen mitmachen musste, gegenüber nur einer in Chemie, habe ich mich damals dafür entschieden. Trotzdem würde ich Bonn nicht unbedingt empfehlen.
Falls du beispielsweise gerne einen Sprachkurs willst: geht
oft nicht. Weil dein Grundstudium sehr verschult ist. Wenn die
Termine kollidieren hast du Pech gehabt, du kannst auf keine
andere Übung ausweichen.
Dito an grossen Unis. Wo gabs denn da „koordinierte Sprachkurse“? Die konnte man immer nur nebenbei machen. Das Angebot steht einem auch an kleinen Unis zur Verfügung.
In andere Fächer schnuppern ist
genauso schwer. Das ist gerade vor der DVP ungut, weil das
genau die Phase ist, in der du noch intensiv an deiner
Allgemeinbildung basteln kannst. Im Hauptstudium hast du
anderes zu tun.
Das sehe ich anders. Gerade im Grundstudium muss man zusehen, dass man mit der Materie und dem Studium an sich klar kommt. Für viele Blicke über den Tellerrand in Form von zusätzlichen Vorlesungen oder Seminaren bleibt da ganz sicher nicht. Von einigen Genies einmal abgesehen. Die sind sicherlich an grossen, renomierten Unis besser aufgehoben.
- Kleine Auswahl an Kommilitonen. Wenn du einer von 11 bist,
mußt du mit den anderen 10 auskommen, sonst gehst du ohne
Seilschaften ins spätere Leben. Andersrum gesagt: Wo hast du
schon die Möglichkeit 100 Leute gut kennenzulernen (sieh die
Masse auch mal positv! Klar sind kleine Parties auch fein.
Aber einfach 100 zukünftige Kollegen ist auch Klasse).
Naja, wenn Du ehrlich bist, hast Du von diesen 100 doch höchstens 20 gut kennen gelernt. Das ist an keiner Uni ein Problem. Ich habe übrigens die meisten Leute nicht im Studium, sondern im Wohnheim kennen gelernt. Einige Semester im Studentenwohnheim möchte ich hiermit sehr empfehlen. Vor allem, weil man da automatisch weit über den berühmten Tellerrand hinauskommt 
Wenn ich heute ein physikalisches Problem habe, das ich nicht
selbst lösen kann, kein Thema: irgendjemanden kenne ich schon,
der das drauf hat. Ein Telefonanruf und fertig.
Ich mache das meistens per email 
- Du hast keine Leistungskontrolle mehr: Wenn der Jahrgang aus
5 Leuten besteht kann man keinen mehr rausprüfen. Bei 200
macht es nichts aus, wenn 60% durchfallen.
Gaaanz toll. Das erinnert mich an die Klausur zum Elektronik-Praktikum in Bonn. Es wurde keine Punktzahl angegeben, mit der man sicher bestehen würde, sonder einfach lapidar gesagt: 1/3 fällt mindestens durch. Basta. Man musste also nur besser sein, als das letzte Drittel. Super Methode.
Bei fünf Leuten?
Du hast also keine Ahnung, ob dein Wissenstand wirklich gut
ist, oder ob du nur ein Einäugiger unter Blinden bist.
Man hat nach spätestens einem Semester ein ganz gutes Gefühl über den eigenen Wissensstand, auch wenn einem das die Professoren nicht ohne Prüfung glauben 
Da du bei dieser Variante später wechseln willst, ist das aber
wichtig, wenn du im Hauptstudium nicht auf die Schnautze
fallen willst.
Wieder subjektive Erfahrung: Die Leute, die von kleinen Unis gewechselt haben, hatten i.d.R. die Grundlagen wesentlich besser drauf, als die eigenen Leute. Bestätigt wurde das damals von einem neuen Prof, der selbst auch von einer kleinen Uni wegberufen wurde. Er war erschüttert über die praktischen Fähigkeiten mit dem abstrakten Wissen auch umgehen zu können.
- Das an kleinen Unis gute Profs sind ist auch nicht zwingend
zutreffend. Es gibt Universitätsstädte, die von
Hochschullehrern eher als Orte der Strafversetzung gesehen
werden. Ob die Motivation wieder weg zukommen ausreicht um
einen guten Unterricht zu machen?
Da hast Du sicherlich recht. Aber an kleinen Unis haben die Profs weit weniger Gelegenheit, sich zu verstecken. Negativ ist vielleicht, dass man auch weniger Chancen hat, bestimmten Leuten aus dem Weg zu gehen. Hinwiederum auch eine Chance, soziale Kompetenz zu erlangen 
- An einer zu kleinen Uni bekommt man keinen guten Überblick
über das Fach. Woher denn auch? Man wird lediglich die
Grundlagenfächer (Atom-, Kern-, Festkörper- und
Teilchenphysik) und die Forschungsgebiete der wenigen
Lehrstühle kennenlernen. Was es sonst gibt, erfährst du, falls
dein Prof über den Tellerrand blickt.
Äh, im Grundstudium hat man meistens mit den Spezialitäten des Faches wenig zu tun. Man bekommt Grundlagen mit, es liegt an einem selbst, damit in die Fachdisziplinen hineinzuschnuppern (Fachliteratur, Zeitschriften, Internet … stehen an kleinen Unis meistens überproportional gut zur Verfügung).
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- Standort (Merke: Wo Studenten sind, ist Abends eh immer was
los, egal in welcher Stadt
Hmm, kommt auf deine kulturellen Wünsche an. Nicht jedes
Provinztheater hat ein erstklassiges Ensemble 
Stimmt. Aber ich wahr da einfacher gestrickt, mir haben ein gutes Kino, Uni-Aktivitäten (Orchester, Chor, Theater etc.) sowie etliche gemütliche Kneipen gereicht.
- Verhältnis Professoren/Studenten
heute eigentlich überall in erfüllt
Das mag wohl in der Tat momentan so sein. Physik zählt nicht gerade zu den Modefächern 
- Räumliche Ausdehnung der Uni (Campus ist besser als 30 auf
eine grosse Stadt verteilte Standorte)
Gut, dass war bei meinem Studium zwar lästig (LMU), mehr aber
auch nicht. Ich würde es eher als unwichtiges Kriterium
einstufen.
Ein Campus fördert das gegenseitige Kennenlernen und macht Extra-Aktivitäten einfach. Insbesondere, wenn auch noch das Wohnheim auf dem Campus ist. Das finde ich an manchen US und Englischen Unis so schön. Ich habe es immer vermisst.
- Aussagen von Deinen Vorgängern (ist klasse, weil …)
jau
Das kann man gar nicht hoch genug bewerten. Frage die Studenten, wie sie ihre Uni einschätzen.
- Angebot an Veranstaltungen ausserhalb des regulären
Lehrbetriebs (sind die Profs engagiert oder ist es nur ein 9
bis Mittag Job)
Tja, das findest du aber immer erst hinterher raus.
Auch wahr. Aber wie gesagt, an kleinen Unis in kleinen Städten ist es schlechter mit dem verstecken.
Danach erkundigen kannst Du Dich auf den Webseiten der
Universitäten. Schau doch auch mal bei unseren europäischen
Nachbarn vorbei. Auch dort lässt es sich mitunter recht gut
studieren.
Genau dieses (Auslandsstudium) solltest du rechtzeitig in die
Wege leiten. Auslandsstipendien haben unglaublich große
Zeitkonstanten.
Der DAAD ist ein lahmer, elitärer Haufen (so wie ich ihn kennen gelernt habe). Ich habe mich dann einfach selbst um alles gekümmert. Das ging dann erstaunlich schnell.
Fazit:
Geh an eine große Uni. Selbst dort sind die Studentenzahlen
soweit zurückgegangen, dass das Verhältnis Studis/Prof super
ist.
Den Massenbetrieb gibt es zur Zeit in Physik einfach nicht.
Dafür bekommst du früh einen guten Überblick und du lernst die
Gurus früh kennen. Und vergiss das Auslandsjahr nicht.
Die Gurus wollen meistens nur die besonderen Überflieger kennen lernen. Der Rest der Studenten ist für solche Leute eher eine Belästigung. Insbesondere im Grundstudium habe ich den Eindruck gehabt, als wären wir so eine Art Ungeziefer. Nach dem Vordiplom werden Studenten erst interessant, weil es dann darum geht, den Doktoranden-Nachwuchs zu rekrutieren. Irgendwer muss die Arbeit ja machen 
PS.: Lieber Jens, klar, zu unserer Studienzeit war das anders,
überfüllte Praktika und Übungen, aber die Studentenzahlen sind
heute überall niedrig.
*Seufz* Ja, in Deutschland sieht es mit den Natur- und Ingenieurwissenschaften nicht gerade rosig aus. Das Studium ist zu wenig sexy und die Industrie hat noch nicht richtig gemerkt, dass sie demnächst ein massives Problem mit zu geringen qualifizierten Leuten in dem Bereich haben werden. Daher sind die Gehälter zur Zeit im Vergleich zur „IT“ Branche ein Witz. Warten wir mal ein paar Semester – dann wird da das Katzenjammern auch anfangen.
Vielleicht investieren die Regierungen dann mal die Portokasse (so rund vier Milliarden schwer wie es scheint) anstatt in eine große Promi-Party in der niedersächsischen Pampa mal in den Ausbau von Schulen und Universitäten. Aber halt … da hat man ja gerade erst großzügig 400 Mio. zur Verfügung gestellt. Verteilt auf die nächsten 20 Jahre versteht sich. Und so darf es in deutschlands Schulen weiter durchs Dach regnen, während Oberdumpfbacke Feldbusch auf Steuerzahlers Kosten im Golfkarren über vergoldete Expo-Wege brettert. Was tut man nicht alles für die Bildung.
Gruss
Jens