Liebe Leute,
was glaubten die Menschen (auch gebildete) zur Zeit der Beginn der Reformation, also gegen 1530, woher die Babys kamen? Wie weit wurde der Nachwuchs aufgeklärt, und vor allem, in welcher Form? Gabs da schon den Storch? 
Ein kurzer Tipp reicht mir, es fließt in eine Geschichte mit ein…
Gruß + Dank im Voraus, Susanne
Hallo Susanne,
der älteste Beleg für den Storch als Kinderbringer im Wörterbuch der Brüder Grimm stammt vom Anfang des 17. Jahrhunderts (Zitat 2). Die „Ausrede“ ist bestimmt nicht damals erst erfunden worden.
Ein paar Beispiele:
in Göttingen-Grubenhagen êbëre, êbër (für das sonst gewöhnlich verwendete stork) ausdrücklich nur in seiner eigenschaft als kinderbringer (zur einkleidung des verbots für kinder, einen stall zu betreten; dâ drafst du nich rin, dâ sit de êbëre inne; de êbëre het dat kalf ebrocht SCHAMBACH 53a).
[Georg Schambach (1811 -1879)]
die Sachsen (Niedersachsen) nennen ihn heilbot, darumb das er den sommer verkündiget. etliche auch adebar und adeveer, welches ein flamisch wort ist. es nennen die Fleminger den storch oudevaer, das ist altvater, darumb das man die kinder beredet, er bringe ihnen die jungen brüder und schwestern, wie er sie unter den fröschen im wasser auslieset ROLLENHAGEN indian. reise 249
[Gabriel Rollenhagen (* 22. März 1583 in Magdeburg, † 1619?]
die störche müssen kinder tragen,
die fielen durch das schornsteinloch
HENRICI ernst. scherzh. u. sat. ged. 3 (1723), 332 (aus einem hochzeitsged.);
http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbu…
klapperstorch, langbein!
bring meiner mutter ein kind heim u. s. w.
kinderlied bei PRAETORIUS winterflucht der nord. zugvögel Lpz. 1678 s. 225;
http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbu…
Stichwort „Kinderbringer“, direkt anschließend kommt „Kinderbrunnen“
http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbu…
Die Lebensdaten einiger Verfasser von Zitaten von meiner Grimm-CD-ROM
Kirsch, Adam Friedrich, gest. 1716
Matthiae, Georg, 1708 - 1773
Henrici, Christian Friedrich (=Picander), 1700 - 1764
Tschüss
Pit
Liebe Susanne,
jetzt muß ich aus dem Gedächtnis referieren, weil ich die Quellen nicht hier habe.
Das 13., das 14. und teilweise noch das 15. Jhdt waren ausgesprochen sinnenfrohe Zeiten, in denen aus der Sexualität kein Geheimnis und um den Geschlechtsverkehr kein Gewese gemacht wurde. Es fand sehr vieles auch in der Öffentlichkeit statt. Die Privatsphäre und das damit verbundene Insistieren auf der Intimität ist erst eine verhältnismäßig späte Entwicklung.
Daß der Storch die Kinder bringt, geht auf eine Beobachtung und dann eine falsche Kausalität zurück: Störche bauen ihre Nester mit Vorliebe auf Häusern, die eine bestimmte geographische, geophysikalische o.ä. Qualität haben. In diesen Häusern (da gibt es Untersuchungen, echt!, sogar mit statistischen Belegen) wurden überdurchschnittlich viele Kinder geboren. Woran das lag, weiß ich nicht mehr - Wohlstand? Häufigere Frequenz geschlechtlicher Interaktion?
So kam es zu der Behauptung, der Storch bringe die Kinder. Das muß aber nicht zwangsläufig auch mangelnde Aufklärung der Kinder bedeuten!
Es ist also durchaus wahrscheinlich, daß die Kinder des 16. Jahdts sehr genau wußten, woher die Kinder kommen und wie sie zustandekommen!
„Adebar“, der Beiname des Storchs, bedeutet übrigens, wenn ich mich noch richtig an meinen Deutschunterricht erinnere, „Kinderbringer“.
Die Silbe „bar“ hat ja mit dem engl. to bear - tragen zu tun; fruchtbar, furchtbar, wunderbar sind solche Adjektive, die diese Silbe enthalten. Die „Bahre“ kommt auch daher. (Aber ich merke, ich schweife ab)
Gruß - Rolf
Hallo,
nun, ich denke, daß die Masse der Leute schon in etwa wußte, was da passiert. Auch wenn es die heutigen Erkenntnisse der Wissenschaft noch nicht gab - allein das Zölibat der Kirche zeigt doch, daß den Menschen der Zusammenang zwischen Mann und Frau und beischlaf und Kinder kriegen sehr wohl bekannt war. Schließlich wird ja Jesus als Sohn Gottes verehrt, weil Maria angeblich Jungfrau war (war sie aber nicht, das Märchen der unbefleckten Empfängnis hat die Kirche aufgebracht). Die ganzen alten Geschichten von „unberührt in die Ehe gehen“ und so was stammen ja aus solchen Voreiten und zeigen sehr wohl, daß man wußte, von was man redete.
Im 16. Jahrhundert sprach man da recht offen über viele Dinge. Selbst Luthers Sprache ist ja da recht anschaulich. Ich glaube also kaum,. daß man gerade in dieser Zeit da gegenüber Kindern große Heimlichkeiten hatte (war auch auf Grund der extremen Enge in den Wohnungen armer Leute kaum möglich). Sicher gab es keine Aufklärung im heutigen pädagogischen Sinne - aber bestimmt auch keine religiös verbrämten Zwecklügen.
Gernot Geyer
Hallo Susanne,
ich hab grad keine Quellen dazu zur hand, kann aber Nachschlagen.
Was mir zunächst einfällt wäre, dass die gelehrten noch sehr auf den antiken griechisch römischen Quellen, die über die Araber nach Europa kamen, Medizin studierten und da gehörte das Kinderkriegen eben auch dazu (wenn auchnur theoretisch, für die Praxis gabs durchaus schon Hebammen). Und bei Galen gibt es eine Abhandlung über embryologie. Näheres findest du in einem Buch von erna Lesky
Die Zeugungs- und Vererbungslehren der Antike und ihr Nachwirken
/ Erna Lesky. - Mainz : Verl. der Akad. der Wiss. und der Literatur, 1951
Ausserdem gibt es in dem Reprint (ich hoffe dies ist der richtige, sonst meld dich nochmal)von
Orthopädie, oder die Kunst, bey den Kindern die Ungestaltheit des Leibes zu verhüten und zu verbessern. Alles durch solche Mittel, welche in der Väter und Mütter, und aller der Personen Vermögen sind, welche Kinder zu erziehen haben / Nicolas Andry. Aus dem Franz. übers. durch Philopädion. - Repr. der Ausg. Berlin, Rüdiger, 1744 / Hrsg. und Bearb. des Repr.: D. Wessinghage. - Stuttgart : Schattauer, 1987
Schriftenreihe: Reihe: „Reprints medizinhistorischer Schriften“ ; 1
einen gereprinteten Artikel als Vorwort, der um 1600 das Wissen der Zeit zusammenfasste uber die Kunst schöne Kinder zu bekommen. Darin geht es ua. darum, dass der Mann sich den linken Hoden abbinden sollte, um die Frau mit einem Knaben beglücken sollte oder zumindest von der rechten seite aus aufsteigen sollte…
Ausserdem ein Klassiker der Zeit:
Des aller fürtrefflichsten, höchsten vnnd [unnd] adelichsten gschöpffs aller Creaturen, von Got … erschaffen, Das ist, des menschen, (oder dein selbst) warhafftige beschreibung oder Anatomi … : … seines wunderbarlichen vrprungs, entpfängkniß [!], schöpffung inn mutter leib, vnd sorglicher geburt ; sampt künstlicher vnd artlicher Contrafactur, aller eüsserlicher vnd innerlicher glider vnnd glidstuck …
/ Ryff, Walther Hermann. - [Mikrofiche-Ausg.]. - Straßburg : Beck, 1541
Dies sollte eigentlich per Fernleihe in jeder Bibliothek zu bekommen sein. Dies ist natürlich die Gelehrte Meinung, die von der Praxis im Haushalt natürlich weit abweichen konnte. Selbst Hebammen hatten nicht unbedingt Lehrbücher sonder lernten durch zuschauen und Mitmachen.
erst nach 1600 gabs verbreitet Hebammenlehrbücher, von Ärzten geschrieben, die sich zunehmend in den bereich drägten.
eine Ausnahme ist ein weiterer Klassiker (von Arzt geschrieben doch von Hebammen genutzt, oft auch als Prüfungsgrundlage vor den stadtkämmerern verwendet)
Der swangern Frauwen vnd Hebamen Rosegarten
/ Rößlin, Eucharius. - Faks.-Dr. [der] 1. Aufl., Strassburg, Flach, 1513. - Wutöschingen-Horheim : Antiqua-Verl., 1994
weiter hilft evtl sekundärliteratur
Hebammen und heilkundige Frauen : Recht und Rechtswirklichkeit im 15. und 16. Jahrhundert / Sibylla Flügge. - 2. Aufl. - Frankfurt am Main [u.a.] : Stroemfeld, 2000
Schriftenreihe: Nexus ; 23
ISBN: 3-86109-123-2 Buch anschauen (DM 98.00, DM 68.00)
Elektron. Referenz: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/… [Buchrezension (H-Soz-u-Kult)]
oder …
Beistand in Kindsnöten : Hebammen und weibliche Kultur auf dem Land ; (1550 - 1910)
/ Labouvie, Eva. - Frankfurt am Main [u.a.] : Campus-Verl., 1999
ich kann deren wissenschaftliche Qualität nicht bewerten, aber nur zur Info
ansonsten hab ich noch eine echt altertümliche Geschichte der Hebammen
Sue des Jüngeren gelehrte und kritische Versuche einer Geschichte der Geburtshülfe oder Untersuchungen ueber die Gebraeuche, Sitten und Gewohnheiten der Aeltern und Neuern bey den Niederkuenften ihrer Frauen, ingleichen über die Einrichtung der Hebammen, der Geburtshelfer und der Ammen von beyden
/ Sue, Pierre. - Altenburg : Richter, 1786-1787
die Bücher findest du im Bibliotheks-Gesamtkatalog GKV. Deine örtliche Bibliothek oder Bücherei wird dir sicher bei der Suche behilflich sein, selbst die alten Bücher sind einsehbar,allerdings ggf. nicht fernleihbar. die oben genannten (ryff rößlin)sind soweit verbreitet, dass sicher ein Buch in der nähe zu finden ist, oder du nimmst eben das Fiche oder reprint wie angegeben.
Viel Spaß beim Lesen
Susanne
[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]
Jeder städtische Haushalt hatte auch Vieh und Pferde.
Diese pflanzten sich mit viel Getöse, auch im Beisein der Kinder, fort. Da gab es schon lange keine Geheimnisse mehr.
Für Bauernkinder sowieso nicht.
Vielleicht hatte der Adel da einigen Nachholbedarf. Dort wurden dann die jungen Frauen in der Hochzeitsnacht von ihren Männern „aufgeklärt“.
Auch heute weiß jedes Bauernkind schon mit 4 Jahren, warum die Kuh gedeckt wird. Oder wwarum die Sau zum Eber muß.
Man schlief damals, zumindest beim Nichtadel, in Gemeinschaftsbetten mit der gesamten Familie. Da blieb nichts verborgen.
Je schlechter die Zeiten oder die Umstände, umso weniger bedurfte es einer Aufklärung oder einem Hinweis auf den „Klapperstorch“.
Siehe auch nach 1945, als in einem Zweifamilienhaus zehn Familien wohnten.
mfgConrad
„Adebar“, der Beiname des Storchs, bedeutet übrigens, wenn ich
mich noch richtig an meinen Deutschunterricht erinnere,
„Kinderbringer“.
Bevor mich jemand korrigiert - und ich bedürfte in diesem Zusammenhang der Korrektur dringend! -, will ich das selber tun: Ich habe nochmal im etymologischen Wörterbuch nachgesehen, und dort wird „Adebar“ auf eine indoeuropäische Wurzel aud-, ued-, ud- für Wasser und bar auf faran = gehen, fahren turückgeführt. A. wäre also der Sumpfgänger.
*odabaro (der Asterisk steht für eine konstruierte Form) als „Glücks-, Segensbringer“ wäre eine Volksetymologie.
Gruß - Rolf
Liebe Leute,
danke für eure ausführlich und mühevoll zusammengetragenen Antworten! Dass die Zeiten erst allmählich katholischer und damit prüder wurden, war mir schon bekannt… Aber dass aus der rechten Hodenseite „Jungs ausgeschüttet“ werden, war mir neu…
Guter Tipp!
Gruß, Susanne
„Adebar“, der Beiname des Storchs, bedeutet übrigens, wenn ich
mich noch richtig an meinen Deutschunterricht erinnere,
„Kinderbringer“.
Unsere Lehrerin für Atemtherapie an der Massageschule sagte damals, dass sich das von „odem bare“ (welcher Sprachstamm das ist weiß ich nicht mehr)= „Atem geben“ ableitet.
Über das Alter dieses Ausdruck sagte sie nur Mittelalter.
Hallo,
„Adebar“, der Beiname des Storchs, bedeutet übrigens, wenn ich
mich noch richtig an meinen Deutschunterricht erinnere,
„Kinderbringer“.
Die Silbe „bar“ hat ja mit dem engl. to bear - tragen zu tun;
fruchtbar, furchtbar, wunderbar sind solche Adjektive, die
diese Silbe enthalten. Die „Bahre“ kommt auch daher. (Aber ich
merke, ich schweife ab)Gruß - Rolf
Gemäss Duden bedeutet ‚adebar’ - seit dem Mittelalter in Gebrauch - ‚Glücksbringer’ und wird von der Lautform her als wortgeschichtliche Umdeutung einer früheren Bezeichnung für den Storch als ‚Sumpfgänger’ erklärt. Aus der neuen Bedeutung konnte sich der Glaube entwickeln, der Storch bringe dem Hause Segen, auf dem er nistet. Von da war es nicht weit bis zur Beschwichtigung kindlicher Wissbegierde, der Storch bringe die Kinder. Sie wurde im Laufe der Zeit zu einem festen Bestandteil des Volksglaubens. Als Meister Adebar ist der Storch zuweilen aus Fabeln der Kinderliteratur und aus Sprichwörtern bekannt.
und viel mehr prosaisch:
Daß der Storch die Kinder bringt, geht auf eine Beobachtung zurück:
Der Storch fängt die Frösche und wenn du einen Storch mit einem Frosch im Schnabel aus der Ferne siehst, wie sieht das aus…?
Gruss
Jaro