Hallo Sebastian!
Ich habe wiedermal ein Schreiben erhalten…
Unabhängig von der aktuellen Offerte: Eine Immobilie kauft man nicht nach Aktenlage, nicht nach Prospektbeschreibung und nicht nach von anderen Leuten prognostizierten Mieteinnahmen. Man braucht eigene Kenntnis nicht nur von der Wohnung, sondern von der gesamten Wohnanlage und auch des Umfelds. Was nützt Dir die Kenntnis des laufenden Beitrags für die Instandhaltungsrücklage, wenn morgen Dach, Regenrinne oder Heizungsanlage zu erneuern sind? Was nützen prognostizierte Mieteinnahmen bei längerem Leerstand? Rechnet sich die Finanzierung womöglich nur bei ununterbrochener Vermietung und der Annahme eines über Jahrzehnte durchgängig hohen pers. Steuersatzes? Kannst Du die Verpflichtung auch noch tragen, wenn die Wohnung leer steht, gleichzeitig Sanierungskosten anfallen und Du nichts abschreiben kannst, weil Du gar kein entsprechendes Einkommen erzielst? In welchem Verhältnis stehen Kaufpreis und prognostizierte Jahresmiete? Wenn Du Dir die Wohnung und das Umfeld ansiehst: Würdest Du dort leben wollen? Hast Du die Möglichkeit, Dich selbst um Vermietung und Verwaltung zu kümmern? Und schließlich: Welchem Ziel soll die ganze Aktion dienen? Wenn Du Dich von Steuervorteilen locken läßt und jeden Monat Geld zubutterst, kommt vorhersehbar der Zeitpunkt, an dem irgendeine der ursprünglichen Voraussetzungen nicht mehr stimmt. Sei es, die Wohnung ist oder wird unvermietbar, sei es, Dein Steuersatz ist plötzlich ein ganz anderer oder hundert andere Gründe.
Unter den passenden Voraussetzungen kann Immobilienbesitz etwas Feines und lukrativ sein. Aber zu diesen Voraussetzungen gehört ganz gewiß nicht, einer von vielen Eigentümern eines Betonlochs mit 'nem Haufen Verpflichtungen an der Backe zu sein. Wer sich dann auch noch mit der Hoffnung auf Abschreibung und Steuerersparnis in furchtbar langfristige Verpflichtungen treiben läßt, gehört vorhersehbar zum Heer der Anleger, die alles tun, um aus der Nummer wieder heraus zu kommen.
Jeden Tag gibts Zwangsversteigerungen, wo Du für wenige zig tausend Euro ein ganzes Mietshaus kaufen kannst. Dabei muß man nicht ausgerechnet beim Plattenbau mit 100 Wohnungen mit DDR-Standard in entvölkerter Gegend zuschlagen. Sowas gibts nachgeschmissen. Aber für etwa 10-fache Jahresmiete gibt es durchaus voll vermietete Objekte in ordentlichem Zustand. Entscheidend ist weniger die besonders teure Stadtlage, sondern einzig die Tatsache, daß sich in der Region genügend Mieter finden lassen, die bereit und in der Lage sind, eine Miete zu zahlen, mit der Du unter Einrechnung gelegentlichen Leerstands einer einzelnen Wohnung wirtschaften kannst. Wer dabei Reparaturstau vermeidet und so ein Objekt selbst klug verwaltet, ist auf klapprige Abschreibungsmodelle überhaupt nicht angewiesen, sondern erwirtschaftet tatsächlich Gewinn. Und wenn Du mich fragst: Gewinnerwartung hat die einzige Veranlassung für eine Investitiuon zu sein. Wenn von z. B. 6 Wohnungen mal eine leer steht und Du verstehst etwas vom Vermietergeschäft und der Kalkulation einer Miete, so daß Dich nicht schon eine einzige Wohnung in die Verluste treibt, erzielst Du tatsächlich Einkommen aus der Vermietung. Was Dir aber präsentiert wurde, ist ein Modell, bei dem Du von vornherein zubutterst! Du butterst sogar unter Einrechnung eines hohen persönlichen Steuersatzes und Vollvermietung zu! Ja, was ist denn das für ein Scheiß?! Vernebelt allein die Aussicht, im Moment ein paar Steuergroschen zu sparen, das Hirn so vollkommen, daß Du bereit bist, Monat für Monat Geld mitzubringen?
Solche Offerten gehören in den Müll, dürfen aber kein Anlaß sein, auch nur einen Moment lang ernsthaft in Erwägung gezogen zu werden. Schon die Überschrift des Postings offenbart den Fehler. Da ist nämlich von „Wertanlage“ die Rede. Welchen Wert hast Du denn, wenn Du über Jahrzehnte einen Betrag unbekannter Größenordnung bezahlt hast? Wenn Dir eines Tages eine der Steinhöhlen mit einem winzigen Bruchteil eines Grundstücks gehört, ist der Wert genau das, was ein Käufer zu zahlen bereit ist. Es kann durchaus sein, daß sich gar kein Käufer findet. Dann kann man auch nicht von Wert reden.
Wenn Du investierst, muß die Investition mindestens ihre Zinsen laufend einspielen. Ist das nicht der Fall, bist Du Mutter Theresa oder dumm oder Du läßt die Finger davon.
Gruß
Wolfgang