Wortbildung in der deutschen Sprache
[Anmerkung MOD: Fritz hat seinen Text nochmals überarbeitet. Da er sehr gut gemacht ist, habe ich ihn als neues Posting eingesetzt, anstatt den alten Artikel abzuändern, der ja nur als Antwort geschrieben wurde. Einige Kommentare von Jonas sind ebenfalls von mir in den Text eingearbeitet worden, ohne ausdrücklich gekennzeichnet zu sein.]
In der deutschen Sprache gibt es etwa 400 000 bis 500 000 Wörter.
Davon sind:
50% Substantive,
25% Verben,
16% Adjektive,
(die anderen sollen jetzt unbeachtet bleiben)
dazu gibt es noch etwa 200 000 bis 300 000 Wörter in den Fachsprachen.
Ein Mensch allein kann wohl niemals alle diese Wörter kennen.
Und der Wortschatz eines einzelnen Menschen, der auf 30.000 bis 40.000 geschätzt wird - wie schafft man es, diese Masse an Worten zu lernen, und im Kopf zu organisieren?
Einteilung in Wortfamilien
Damit sind Wörter mit gleicher Herkunft gemeint:
gehen: r Geher, e Geherin, s Weitgehen, e Gehstrecke, r Gehsteig, gängeln, r Vorgänger, r Fußgänger, r Abgänger, r Gang, r Eingang, r Abgang,…
(Die Buchstaben r, e, s vor den Wörtern zeigen das grammatische Geschlecht an. Sie sind die Endbuchstaben der zugehörigen Artikel de r , di e , da s.)
und Wortfelder
Damit sind Wörter mit gleicher oder ähnlicher Bedeutung gemeint:
gehen: laufen, schlendern, spazieren, flanieren, rennen, marschieren, humpeln, hüpfen, passieren, …
So kann man die Unzahl der Wörter schon besser überblicken.
Simplizia
Zum Glück gibt es aber nur wenige tausend einfache Wörter,
Grundwörter, sogenannte Simplizia (Singular: Simplexwort), aus denen alle anderen Wörter gebildet wurden und werden.
Es gibt also einfache, ursprüngliche Wörter:
Haus, fahren, groß, viel, hier
zusammengesetzte Wörter:
Haustür, Fahrzeug, großartig, vielseitig, hierzulande
Ableitungen durch Vorsilben, Nachsilben, Ablaut usw.:
hausen, abfahren, r Größenwahnsinn
Die Struktur des Wortes
Ein deutsches Wort besteht normalerweise aus dem Wortstamm und verschiedenen Ergänzungen. Solche Ergänzungen können sein:
Präfixe d. h. Vorsilben, oder Suffixe d. h. Nachsilben.
Es gibt wortbildende (Wortbildungsmorpheme) und formbildende
(Flexionsmorpheme) Vor- bzw. Nachsilben.
Beispiel: Der Wortstamm: schön kann durch das wortbildende Suffix -heit ergänzt werden, daraus entsteht das Nomen: Schönheit;
oder: der Wortstamm geb- vom Verb geben wird mit den Formbildungspräffix ge- und dem Formbildungssuffix -en versehen; daraus entsteht das Partizip II:
gegeben.
(Die beiden Affixe ge- und -en zur Bildung des Partizip II werden von Sprachwissenschaftlern zusammengefaßt als „Zirkumfix“ ge…en betrachtet.)
In der folgendenden Tabelle bedeuten:
FP: formbildendes Präfix
WP: wortbildendes Präfix
Ws: Wortstamm
WS: wortbildendes Suffix
FS: formbildendes Suffix
FP WP Ws WS FS
ge- -red- -et geredet
un- -denk- -bar undenkbar
Tisch- -lein Tischlein
Miss- -wirt- -schaft- -en Misswirtschaften
un- -ver- -käuf- -lich unverkäuflich
ge- -recht- -fertig- -t gerechtfertigt
Die Komposition
Nun kann man auch durch das Zusammenfügen von zwei Wörtern neue Wörter bilden; dies wird Komposition genannt.
Dabei spielen Kompositionsfugen eine große Rolle.
Solche sind etwa:
das Fugen-S: Arbeit-s-platz, Weihnacht-s-geld, Leistung-s-prämie etc.
Es signalisiert die Nahtstelle zwischen den beiden Wörtern, bei der Trennung bleibt es beim vorangehenden Wortteil.
Das S war wahrscheinlich ursprünglich das Genitiv-S des vorangehenden Wortes.
Das Glück: das Kind des Glücks => das Glückskind;
Das Leben: die Lüge des Lebens => die Lebenslüge,
Der Anfang: das Wort des Anfangs => das Anfangswort.
Dieses S wurde aber aus Analogiegründen auch in Kompositionen benutzt, deren Anfangswort eigentlich kein „S“ im Genitiv hat:
die Arbeit, der Arbeit, aber der Arbeitsplatz
die Wohnung, der Wohnung, aber die Wohnungsmiete
die Sauberkeit, der Sauberkeit, aber Sauberkeitsfanatiker
Gerade diese Praxis macht das „S“ oft so unsinnig.
Andere solche Kompositionsfugen sind:
-es: der Tag-es-beginn - Genitiv Singular Maskulinum
der Beginn des Tages
-en: die Bär-en-tatze - Genitiv Singular Maskulinum
die Tatze des Bären
-er: die Hühn-er-haltung - Genitiv Plural
die Haltung der Hühner; warum aber nicht die Haltung von Hühnern?
-e: die Hundesteuer - Nominativ/Genitiv/Akkusativ Plural
die Steuer der Hunde, die Steuer für die Hunde
-s: die Leistungsprämie - Genitiv Singular Femininum (analog, aber falsch)
die Prämie der Leistungs (!?!)
Wann aber welche Kompositionsfuge gebraucht wird, ist nicht durch Regeln eindeutig geklärt. Man kann eine Komposition auseinander nehmen und dann sehen, welche Fugung benutzt wurde, aber nicht sagen, warum. Z. B.:
Tagesbeginn => der Beginn des Tages;
Bärentatze => die Tatze des Bären;
Kindstaufe => die Taufe des Kinds;
warum aber nicht Kindestaufe => die Taufe des Kindes;
Es gibt aber viel mehr andere Zusammensetzungen, bei denen der Genitiv keine Rolle spielt:
Holzteller => der Teller aus Holz
Hundesteuer => ist Steuer für die Hunde;
Kindergarten => der Garten für die Kinder;
Affentheater => ein Theater von oder für Affen aufgeführt.
Feierabendbeschäftigung => eine Beschäftigung zur Feier des Abends (?),
doch eher: eine Beschäftigung für den Feierabend.
Manchmal so scheint es, als hätten die Sprachformer vergangener Zeiten die Fügungen nach dem Prinzip: Wie klingt es am besten? verteilt.
Hundesteuer: das klingt angenehmer als Hunzsteuer.
Eben so oft könnte man aber denken, sie seien äußerst harthörig gewesen:
Kalbsschnitzel: s-sch-tz in einem Wort; ein Leckerbissen für ausländische Deutschlerner.
Die Kompositionsfuge wird also schon lange recht willkürlich gehandhabt:
Arbeitnehmer neben Arbeitsvertrag;
Rindfleisch neben Rindsbraten und Rindermagen.
Diese unterschiedliche Wortbildung wird aber auch zur
Bedeutungsdifferenzierung gebraucht:
der Landmann => Bauer; der Landsmann => aus derselben Gegend stammend.
Weil der Gebrauch der Kompositionsfugen so willkürlich ist, muss im Einzelfall gelernt werden, wie ein zusammengesetztes Wort heißt.
Verfasst unter Zuziehung der Dudengrammatik und der Bertelsmanngrammatik.
Fritz Ruppricht