Hallo!
Ganz unabhängig vom zockenden Ballspielvereinsmenschen: Wozu
brauchen wir Freiheitsstrafen?
Das ist eine schwierige Frage. In Wahrheit deshalb, weil uns nichts besseres bisher eingefallen ist. Es hat sich gezeigt, dass Freiheitsstrafen zwar meistens relativ schlechte Auswirkungen haben, dass aber der vollständige Verzicht darauf auch nicht funktioniert.
Man geht aber bei uns davon aus, dass Freiheitsstrafen die ultima ratio sein sollen.
Es gibt Täter, insbesondere Gewalttäter, vor denen sich die
Gesellschaft schützen muß. In solchen Fällen hat Einsperren
einen erkennbaren Sinn, einen gesellschaftlichen Nutzen.
Ja, gerade auch aus meiner Sicht, ist das ein wesentlicher Punkt, der von manchen radikalen Gegner von Freiheitsstrafen unterschätzt wird.
In
allen anderen Fällen sollte man den Sinn von Freiheitsstrafen
hinterfragen.
Hinterfragen sollte man den Sinn immer. Ein weiterer Punkt ist die abschreckende Wirkung, die ist aber nicht so hoch, wie man oft glaubt. Sie hängt aber auch von der Art der Straftat ab.
Irgendeine strafbare Tat wurde begangen. Sie läßt sich nicht
ungeschehen machen und der Täter sieht ein, Mist gebaut zu
haben. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Es geht mir nicht
darum, Straftaten womöglich nicht zu verfolgen. Es geht mir
vielmehr um den Sinn von Freiheitsstrafen und darum, ob wir
durch Nachdenken zu einer anderen, möglicherweise besseren
Methode kommen können, Straftaten zu ahnden.
Darüber wird aber eh ständig nachgedacht, ist aber ein umstrittenes Thema. Ich persönlich stehe Strafen zwar prinzipiell auch kritisch gegenüber, meine aber, dass man sie braucht.
Die Diskussion in der Öffentlichkeit schwankt oft zwischen zwei relativ hirnlosen Extremen: Die einen sind die rachsüchtigen Sündenbocksucher, denen (die anderen) nie hoch genug gestraft werden können, die anderen die politisch Korrekten, nach denen sich stets die Gesellschaft bei einem Täter entschuldigen dafür muss, dass sie den Täter dazu gezwungen hat wehrlose Menschen zu verprügeln.
Ich denke ein Staat, dem es in erster Linie darum geht Menschen wieder auf den rechten Weg zu führen, der muss prinzipiell eine positive Einstellung auch gegenüber einem Straftäter haben und soll ihm auch Chancen geben. Nur ist eben wichtig, dass eine Konsequenz insoferne dahinter sein muss, dass Tätern klar wird, dass sie sich das nicht aussuchen können, ob sie die Hilfe in Anspruch nehmen oder nicht.
Im Regelfall (vielleicht nicht bei Herrn Hoeneß, aber um den
geht es mir gar nicht) wirkt eine Gefängnisstrafe über den
Freiheitsentzug hinaus existenzvernichtend.
So ist es und das ist auch in der Praxis ein riesengroßes Problem. Freiheitsstrafen machen deshalb ja oft aus einem Kleinkriminellen einen richtig Kriminellen.
Die Folgen trägt
der Betroffene, aber auch die Gesellschaft in Euro und Cent
verdammt teuer. Außerdem wird u. U. wertvolles Potential durch
Stigmatisierung dauerhaft der Gesellschaft entzogen. Besonders
betroffen ist das persönliche Umfeld des zu Freiheitsstrafe
Verurteilten. Familien werden zerstört, soziale Bindungen
gekappt. Das alles kann kein sinnvolles Ziel von
Strafverfolgung sein.
So ist es. Ich finde daher auch sanftere Formen der Haft, wie z.B. der elektronisch überwachte Hausarrest (weiß nicht, ob das in Deutschland auch schon so möglich ist). Das ist zwar auch eine Strafe, nur halt sanfter, weil zu Hause, gleichzeitig ist der Täter aber gezwungen sich von Bewährungshelfern betreuen zu lassen und auch verpflichtet jeden Tag zur Arbeit zu gehen, widrigenfalls er ins Gefängnis muss. Das ist wesentlich effektiver als die echte Haftstrafe.
Zugegeben, eine Patentlösung habe ich nicht parat.
Wenn du eine echte Patentlösung hättest, wäre das mehrfach nobelpreisverdächtig…
Die bisher praktizierten Methoden erscheinen mir
mittelalterlich, obrigkeitlich tradiert, für die Betroffenen
dauerhaft fatal und das Gemeinwesen wird durch Kosten und den
Entzug von menschlichen Ressourcen belastet. Gibt es bereits
konstruktivere Ansätze als die überwiegend unsinnigen
Freiheitsstrafen?
Wie gesagt, das versucht man eh. Nur glaube ich schon, dass man solche Strafen auch braucht. Dabei gehts aber nicht darum, möglichst hoch zu bestrafen, ich glaube nicht das weir höhere Strafen brauchen, nur geht es um Konsequenz.
Aus meiner Sicht gibt es zwei Dinge, die mir jedenfalls bei uns negativ auffallen (und ich glaub in Deutschland ist das nicht viel anders). 1) alles was mit Vermögen zu tun hat, inkl. Steuern, steht tendenziell unter höherer Strafe als Taten gegen Leib und Leben und 2) (an sich richtige) sanfte Maßnahmen stehen zu lange nicht unter konsequenter Strafdrohung
Beispiele:
ad 1) Ich kenne einen Fall, da hat ein junger Kleinunternehmer Umsatzsteuer hinterzogen. Sicherlich eindeutig vorsätzlich hinterzogen über ein österreichisch - deutsches Firmenkonstrukt. Unbescholten und geständig war der. Strafe war 500000,- EUR…das heißt praktisch: es wird zunächst sein gesamtes Privatvermögen vom Staat verwertet bzw. verscherbelt, wo auch Haus und alles, wo der mit Familie wohnt dazu gehört, und weil das dann geldmäßig nicht reicht, muss er auch noch eine Ersatzfreiheitsstrafe antreten - heißt also vollständige Existenzvernichtung. Ich war da als Zuschauer beim Prozess und hab nur den Kopf geschüttelt, wie ich das Urteil gehört habe.
ad 2) dieses Problem findet man oft bei jugendlichen Tätern, die den Hang zur Gewalt haben und sich deshalb zu Intensivtätern entwickeln. Wenn man da nur mit sanften Maßnahmen kommt dann wirkt das nicht (bzw. der Effekt ist praktisch verkehrt, solche Leute fühlen sich dazu ermutigt weiter zu machen, das sagen dir mir als Verteidiger im Vieraugengespräch auch direkt so). Da wäre ich für mehr Härte, aber nicht im Sinne von höheren Strafen, sondern von mehr Konsequenz. D.h. solche Leute sollen die beste Betreuung durch Bewährungshilfe, Sozialarbeit etc. erhalten, ihnen muss aber klar sein, dass sie sofort einsitzen, wenn sie diese Hilfe nicht annehmen, also z.B. eine Bewährungsauflage nicht einhalten. In solchen Fällen sind Freiheitsstrafen z.B. durchaus wirksam.
Gruß
Tom