Wozu eigentlich ein Arbeitszeugnis?

Hallo,

nachdem zunehmend das halbe Brett aus Beurteilungen von Arbeitszeugnissen besteht, möchte ich mal fragen, wie wichtig diese wirklich sind.

Ich habe selbst für meine Bewerbungen noch nie eines gebraucht, es wurde nie danach gefragt, und ich habe auch keine, die ich meinen Unterlagen anfügen hätte können. Ich halte es so, dass ich im Anschreiben anbiete, auf Anfrage Referenzen stellen zu können und dann, falls das gewünscht wird (kommt ganz ganz selten vor), leite ich die Kontaktdaten meiner ehemaligen Vorgesetzten weiter, mit deren Einverständnis natürlich. Ich halte es für den vernünftigeren Weg, da die Personaler so direkte und aktuelle unverklausulierte Auskünfte über mich bekommen als über irgendein, vielleicht schon Jahre altes Papier, das noch dazu jeder anders zu interpretieren scheint.

Ich habe irgendwie durchs Mitlesen hier den Eindruck gewonnen, das Arbeitszeugnis scheint v.a. in Deutschland nur ein (weiterer) Auswuchs des Drangs zu sein, alles was geht zu verschriftlichen, zu formalisieren und zu bürokratisieren, um möglichst viel Papier zur Hand zu haben, um alles und jeden bei Bedarf zu Tode analysieren zu können.

Außerdem gibts ja anscheinend völlig unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten der verschiedensten Formulierungen, was für mich die Brauchbarkeit der Zeugnisse nochmal reduziert. Was hab ich davon, wenn der Personaler eine Klausel, die mein Arbeitgeber höchst positiv gedacht hat, sehr kritisch deutet…?

Was meinen die HR-Menschen dazu? Ist das Arbeitszeugnis zu mehr zu gebrauchen, außer der Eitelkeit des Beurteilten zu entsprechen?

Schöne Grüße, Jerry

Das frage ich mich schon lange
Hi!

Außerdem gibts ja anscheinend völlig unterschiedliche
Interpretationsmöglichkeiten der verschiedensten
Formulierungen, was für mich die Brauchbarkeit der Zeugnisse
nochmal reduziert. Was hab ich davon, wenn der Personaler eine
Klausel, die mein Arbeitgeber höchst positiv gedacht hat, sehr
kritisch deutet…?

Jeder, der wirklich Ahnung von der Materie hat (und das sind wirklich nicht wenige Personaler) beurteilt die Teile eigentlilch annähernd gleich oder mit nur wenig Differenzen.

Was meinen die HR-Menschen dazu? Ist das Arbeitszeugnis zu
mehr zu gebrauchen, außer der Eitelkeit des Beurteilten zu
entsprechen?

Während meiner Weiterbildung brachte unser BWL-Dozent mal einen Bekannten von sich mit, der irgendwo in den Staaten Personalverantwortlicher war.
Er konnte überhaupt nicht begreifen, warum man hier in einem Zeugnis nicht Tacheles reden darf!

Irgendwo verstehe auch ich das nicht. Warum kann man nicht einfach zu den einzelnen Dingen Schulnoten vergeben?
Fachwissen: 2
Arbeitseinsatz: 3
Fleiß: 2
Personalführung: entfällt
Kollegialität: 1
.
.
.
usw.

Das könnte JEDER lesen und wäre wenigstens ehrlich. Außerdem wäre dadurch nicht jedes 3er-Zeugnis automatisch eher schlecht (bei 4 ist ja Schluss!).

LG
Guido, der nicht wirklich glücklich über die wohlwollend formulierten Zeugnisse ist

Auch hallo.

Ich habe irgendwie durchs Mitlesen hier den Eindruck gewonnen,
das Arbeitszeugnis scheint v.a. in Deutschland nur ein
(weiterer) Auswuchs des Drangs zu sein, alles was geht zu
verschriftlichen, zu formalisieren und zu bürokratisieren, um
möglichst viel Papier zur Hand zu haben, um alles und jeden
bei Bedarf zu Tode analysieren zu können.

Stimmt genau.
Man merkt aber, dass ein AZ Vor- wie Nachteile hat.
Vorteil: man hat (bei entsprechend guter Note) was Vorzeigbares in der Hand. Ausserdem spricht es bei entsprechender Gestaltung auch für das (professionelle) Auftreten der Firma.
Nachteil: ebendiese wohlwollenden (aber wenigstens standardisierten) Formulierungen. Und im Fall einer Schlechtleistung kann sich ein solches AZ als Hindernis erweisen. Sofern man ein misslungenes Arbeitsverhältnis zugestehen muss…

In anderen Ländern gelten im Bezug auf AZ’e zwar andere Sitten, aber auch dort gilt: Gleich und Gleich gesellt sich gern. Soll heissen, wer (aus welchem Grund auch immer) nicht zur Stelle passt, wird i.A. versetzt.

mfg M.L.

Ach Jerry…
… nur gut, daß wir nicht paranoid sind, sonst würden wir bei dieser - heutzutage durchaus berechtigten - Frage folgende globale Verschwörung wittern:

Die Arbeitgeber haben sich mit der Post und mit den Medizinern, und mit den Medien, Forenbetreibern, Möchtegern-Zeugnisdeutern (Anwesende selbstverständlich ausgeschlossen) und weiss der Geier wem sonst noch verschworen; inwieweit der Vatikan involviert ist, vermag ich nicht zu beurteilen. :wink: Der Kreislauf ist logisch aufgebaut und fängt durchaus harmlos an:

Du liest eine Stellenanzeige und schickst eine Kurzbewerbung (eine Seite Brief plus na, sagen wir mal: zwei bis maximal drei Seiten Vita, je nachdem, wie turbulent dieselbige war), macht an Porto 0,55 € - die Sache läuft. Ein Postzusteller wirft beim potentiellen AG einen Standardbrief ab.

Ab hier gibt es zwei Wege:

A) Kurzbewerbung?! Auf unsere nichtssagende Chiffre-Anzeige??? Frechheit! Deine Bewerbung landet im Rundordner - Du hörst nichts mehr. Die Verschwörungstheorie mündet höchstens in wilde Spekulationen über Bewerbungsbriefe fressende Postzusteller und/oder Rundordner.

B) Kurzbewerbung? Aaaahaaa! Spannend! Mal schauen, was der Bengel so drauf hat - lassen wir uns die eeeeeeeigentlich schon anstatt des Wischs namens Kurzbewerbung erwarteten ausführlichen und vollständigen Bewerbungsunterlagen schicken.

Ab hier nimmt das eigentliche Unheil seinen Lauf, denn bei vielen Bewerbern setzt mit Zugang dieser Aufforderung die Logik aus und der Narzissmus respektive das fanatisch-infantile ‚Mami, Mami, guck mal, was ich kann‘-Denken ein. Jedenfalls kopiert, scannt, retouchiert (für gewöhnlich nur farbtontechnich, nicht inhaltlich) der Bewerber jeden pupsigen Wisch über jedes, wirklich JEDES auch nur einstündige ‚Seminar‘, so daß sich der Personaller - so sich der Postzusteller keinen Bruch hebt - mit einer 1,5 kg schweren Bewerbungsmappe mit derart wichtigen Zertifikaten wie ‚Wie bediene ich ein Telefon‘ bzw. ‚Wie setze ich einen Schritt vor den anderen, ohne auf die Fresse zu fliegen‘ amüsieren darf. Aber, was soll es? Man weiß nie, wozu das noch gut sein kann. Einen Computer-Führerschein besitzt heutzutage schließlich auch nicht jeder, der sich großspurig IT-ler schimpft, nicht wahr?

Was sagt uns nun das Objekt der Begierde - namentlich das Arbeitszeugnis - an sich? Nun… Seitdem man Arbeitszeugnisse staatlich reglementiert wie bei Malen nach Zahlen zu gestalten hat: nichts, nothing, nic, niente… Jeder Arbeitgeber hat Schiss, vor den Kadi gezerrt zu werden und hält sich sklavisch an die von den Gewerkschaften vorgeschriebenen Formulierungen.

Der Arbeitnehmer wird zur Formel und jeglicher Individualität beraubt - das ist schade. Fesseln im Schlafgemach sind OK, aber das, was im Moment auf dem Arbeitsmarkt los ist, grenzt an Gattaca. Ich gehöre übrigens zu den Verklausurierungsverweigerern, auch wenn ich wegen der Zeugnisse, die ich geschrieben habe, Stunden am Telefon verbrachte. Nicht mit den ehemaligen Angestellten - mit den potentiellen Arbeitgebern.

Grüße
Renee

Zustimmend nickend…
und ergänzend:

Mich stört auch die Art und Weise, in der man jede ganz gute Leistung in den höchsten Tönen loben soll. Warum kann gut nicht einfach gut heißen, sondern muss noch mit … immer … stets … jederzeit … in besonderem Maße … flankiert werden? Manchmal möchte ich gerne schreiben, was ich wirklich meine. Und: Wieso gibt es auf breiter Flur scheinbar nur noch Leute,die gut oder sehr gut sind? Was ist so schlimm daran, wenn jemand zufriedenstellende Leistungen bringt?

Da könnte ich ewig drüber diskutieren …

Gruß

meine. Und: Wieso gibt es auf breiter Flur scheinbar nur noch Leute,die gut oder sehr gut sind? Was ist so schlimm daran, wenn jemand zufriedenstellende Leistungen bringt?

Ich würde sogar noch weiter gehen:
Wenn jemand die Kunden/den Chef „zufrieden“ stellt („zufrieden“ also so, wie das Wort meint: Kunde hat, was er braucht, Kunde ist glücklich, Kunde kommt wieder … ) ist er dann schlechter als jemand der „im Verhalten gegenüber Kunden/Vorgesetzen äußerst korrekt“ war?

Wäre es nicht das allerbeste Zeugnis, wenn der Chef einfach schreibt "Mit bin ich vollauf zufrieden "?

Gruss,
Michael
(der mit den Formulierungen selbst öfters nicht klar kommt)

Hi!

Außerdem gibts ja anscheinend völlig unterschiedliche
Interpretationsmöglichkeiten der verschiedensten
Formulierungen, was für mich die Brauchbarkeit der Zeugnisse
nochmal reduziert. Was hab ich davon, wenn der Personaler eine
Klausel, die mein Arbeitgeber höchst positiv gedacht hat, sehr
kritisch deutet…?

Er konnte überhaupt nicht begreifen, warum man hier in einem
Zeugnis nicht Tacheles reden darf!

Ganz einfach ein Arbeitszeugnis soll durchweg positiv eschrieben sein. Deshlb gibt es Verklauselierungen oder sogar geheime Zeichen, die aber allesamt anfechtbar sind.

Irgendwo verstehe auch ich das nicht. Warum kann man nicht
einfach zu den einzelnen Dingen Schulnoten vergeben?
Das wird ja durch die Formulierungen. Stele dir mal en vostes Glas vor, gibt es nicht. Voll ist nicht weier steigerbar (grammatik)meint aber eine 1.

Bsp. Er erledigte seine Arbeiten zur vollsten Zufriedenheit = 1
Er erledigte seine Arbeiten ohne Beanstandungen = 4
er erledigte seine Arbeiten im Großen und Ganzen erwartungsgemäß = 5

Das könnte JEDER lesen und wäre wenigstens ehrlich.

Grundsätzlich würde ich das auch so sehen.

(bei 4 ist ja Schluss!)

Das ist mir allerding neu.

LG
Guido, der nicht wirklich glücklich über die wohlwollend
formulierten Zeugnisse ist

Ja stimmt Arbeitszeugnisse sind zum k* besser wäre ein referenzschreiben, wie es in USA und vielen anderen Ländern üblich ist.

In meiner Beratung von ALG Empfängern habe ich leider viel zu häufig Zeugnisse, wo ein Chef meint „Scmutzige Wäsche“ waschen zu müssen. Das geht dann sehr schnell in den uneren Bereich von dem, was noch verträglich ist.
Gruß PeRö

Hi!

Er konnte überhaupt nicht begreifen, warum man hier in einem
Zeugnis nicht Tacheles reden darf!

Ganz einfach ein Arbeitszeugnis soll durchweg positiv
eschrieben sein.

Nien, es muss wohlwollen formuliert sein. Da in der Zeugnissprache andere Regeln gelten, ist das eben nicht immer positiv.

Bsp. Er erledigte seine Arbeiten zur vollsten Zufriedenheit =
1
Er erledigte seine Arbeiten ohne Beanstandungen = 4
er erledigte seine Arbeiten im Großen und Ganzen
erwartungsgemäß = 5

Das ist so ohne Zusammenhang nicht feststellbar, auch wenn es immer und immer wieder selbst in Lehrbüchern so geschrieben steht!

(bei 4 ist ja Schluss!)

Das ist mir allerding neu.

Dann schau Dir die Rechtsprechung an!

LG
Guido