Zahlenmanie

Hallo,

ich komme mit meinem Freund nicht mehr klar.

Er kocht, ich finde: Die Kombination Spinat mit Sauerkraut schmeckt mir nicht. Er argumentiert: Spinat hat soviel % Eisen, Sauerkraut hat soviel % Ballaststoffe. Und das ist richtig und gut.

Wir fahren in Urlaub an den Gardasee, ich fühle mich wohl und sage es auch. Er will weiterfahren und argumentiert: Hier hat es 70% Luftfeuchtigkeit, das ist ungesund, wir fahren Richtung Meer.

Wir politisieren, ich habe Fakten und Statistiken, aber die Zahlen stimmen nicht. Er hat die richtige Prozentzahl und nur diese ist richtig.

Wenn er im Bett nicht „kann“, redet er mit mir nicht darüber, warum das so ist und erklärt es mir, sondern verweist mich auf 60% der Männder, die ab 50 ein Problem damit haben und verweist mich auf einen Link.

Ich lese jeden morgen die Süddeutsche Zeitung und unsere Regionalzeitung, er liest die Frankfurter Allgemeine. Beim politisieren im Gespräch zu einer Statistik ist meine Quelle falsch und nur seine Quelle stimmt.

Es dreht sich alles bei ihm nur noch um Zahlen, um Statistiken, nicht mehr um den Austausch selbst zwischen uns.

Wie nennt man in der Psychologie das Phänomen und was kann ich tun?

Gruß
Karin

Hallo Karin,
mir ist nicht bekannt, dass es „dafür“ in der Psychologie einen bestimmten Begriff gibt.
Mir scheint nur dein Freund hängt sich sehr an den Zahlen auf, weil sie rationale Fakten sind. Er ist wohl sehr ein Kopfmensch.
So wie du es erzählst, klingt es als hätten für ihn auch wirklich nur Zahlen und Fakten Hand und Fuss und als rede er nicht gern über seine eigenen Gefühle.
Es ist sozusagen eine Art „Rückzug“ um zu reden, aber dennoch nichts von sich erzählen zu müssen.

Ich würde wahrscheinlich Fragen stellen.
Beispielsweise wenn er sagt „hier hat es 70% Luftfeuchtigkeit das ist nicht gut“, dann würde ich fragen „Wie riecht das Meer für dich? Wie fühlt sich die Sonne auf deiner Haut an, ist das nicht schön? Was hälst du von dem Wetter?“
Wenn er beim Essen mit den Prozenten kommt, würde ich fragen: „Aber wie schmeckt es für DICH? Was schmeckt dir gut?“
Bei dem Bettproblem würde ich fragen: „Wie fühlst du dich? Was denkst du?“

Hallo,
irgendwie „auffällig“ ist das Verhalten Deines Freundes ja schon - und es belastet Dich. Ich finde es geht auch nur indirekt um seinen Statistk-Wahn, sondern in erster Linie darum, dass er Deine Wünsche missachtet und sich durch sein „Wissen“ über Dich stellt. Er fühlt sich quasi in allen Lebenslagen qualifizierter als Du und lässt es Dich auch sehr direkt spüren. Das ist nicht unbedingt das, was man sich von einer Partnerschaft wünscht und das würde ich ihn auch genauso direkt sagen.

War das schon immer so? Was macht er beruflich?

Ich kann Dir ein sehr gutes Buch empfehlen „Das Einmaleins der Skepsis - über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken“ von Gerd Gigerenzer. Keine Angst, es ist ein sehr unterhaltsames Buch trotz der trockenen Thematik. Vor allem geht es darum, aufzuzeigen, dass die meisten Statistiken und Wahrscheinlichkeiten nicht nur von Fachleuten (insbesondere Ärzten) falsch interpretiert werden und an alltäglichen Beispielen sehr gut erklärt. Das kann Dir in Deiner Argumentation bestimmt weiterhelfen. Aber gib es nicht Deinem Freund zum lesen, sondern lies es selbst!

Viele Grüße

Hallo,
ich finde es richtig, wie Du schreibst ihn aufzufordern über Gefühle zu sprechen. Allerdings würde ich damit anfangen über MEINE Gefühle zu sprechen: MIR schmeckt es aber nicht. ICH fühle micht hier aber wohl usw.

Viele Grüße

Hallo!

Wir fahren in Urlaub an den Gardasee, ich fühle mich wohl und
sage es auch. Er will weiterfahren und argumentiert: Hier hat
es 70% Luftfeuchtigkeit, das ist ungesund, wir fahren Richtung
Meer.

Daran fallen zwei Sachen auf. Zum einen natürlich, daß für ihn Zahlen und Fakten eine größere Rolle spielen als Gefühle. Da würde mich auch interessieren, ob das schon immer so war, oder ob sich das erst verstärkt und entwickelt hat.

Zum anderen fällt aber auch eine gewisse Dichotomoie des Denkens auf, nämlich die Aufteilung der Welt in zwei Zustände (in diesem Fall „gesund“ und „ungesund“). Tatsächlich gibt es diese zwei Zustände aber nicht, man kann höchstens sagen, daß es am Meer gesünder und am Gardasaee weniger gesünder ist - und das ist ein Riesenunterschied.

Es gibt mit Sicherheit Orte, die noch gesünder sind als das Meer - man könnte Deinen Freund also darauf hinweisen, daß das eine höchst subjektive Entscheidung ist, wenn er das Meer als „gesund genug“ einstuft. Und das für Dich eben der Gardasee „gesund genug“ ist (verglichen mit dem Mittleren Ring im Stoßverkehr).

Wir politisieren, ich habe Fakten und Statistiken

Stopp! Ich würde nicht versuchen, ihn auf seinem eigenen Gebiet zu schlagen. Denn damit erkennst Du an, daß seine Denkweise richtig ist. Ich würde konsequent seinen Zahlen meine Gefühle entgegensetzen.

Gruß,
Max

Für mich scheint es eine an Zahlen und Fakten orientierte Zwangsstörung zu sein.

Anstatt zu sagen, „ich will lieber an das Meer“ und sich mit dir auf dieser Basis auseinanderzusetzen, werden vermeintliche Autoritäten (Statistiken bzw. Zahlen) bemüht. Unwissenschaftlich könnte man das auch als „Zahlenfetischismus“ bezeichnen.

Hallo,

Wie nennt man in der Psychologie das Phänomen

Altersstarrsinn?

und was kann ich tun?

Es locker nehmen und ggf. mal mit der Frage „Warum?“ entkräften.

Außerdem kannst du sagen, „Ich möchte bitte …“

Jedenfalls ist es für eure Beziehung nicht sehr wirksam, alle Schuld auf deinen Partner abzuwälzen.

Regards