Servus Esmiralder,
die Entzündung, die die Kariesbakterien im sogenannten Zahnnerv verursachen, ist über lange Zeiten hinweg eine chronische. Bis auf ein bißchen Temperaturempfindlichkeit ist da nicht viel los. Ein Trauma ist es trotzdem.
Dann kommt der Zahnarzt und setzt ein mechanisches (langsamer, rumpelnder Bohrer) und ein thermisches (Kühlwasser der pfeifenden Turbine) Trauma oben drauf. So war es auch bei Dir: die Isolierschichten verfaulten Zahnbeins, die er weggebohrt hat, fehlen jetzt.
Der Nerv ist jetzt durch diese Vorgänge stellenweise akut entzündet, wie es jedes traumatisierte Gewebe ist. Jetzt setzen die Reparaturmechanismen ein, die halt einige Zeit brauchen.
Wenn Du Dir gestern mit scharfen Schneiden mehrere tausend mal in lebendiges Gewebe geschnitten hättest, würdest Du erwarten, daß es heute wehtut. Beim herausfräsen des kariösen Zahnbeins ist genau das passiert, denn das, was in diesem Bild
http://www.uni-mainz.de/FB/Medizin/Anatomie/Histolog…
als Odontoblast bezeichnet ist, steckt in jedem von tausenden Kanälchen im Zahn und enthält Nervenfasern
http://www.blzk.de/archiv/zbay/1_2_00/images/00_1-2s…
Diese Wunde muß jetzt heilen. ‚Verbunden‘ ist sie ja durch die neue Füllung. Wenn alles normal verläuft, wird in den nächsten Tagen der Schmerz geringer werden (man kann da durchaus mit ein paar Schmerztabletten nachhelfen) und dann wieder aufhören.
Es kann allerdings auch sein, daß das Loch schon zu tief ist. Dann sitzen Bakterien tief in der Pulpa (‚Nerv‘) und müssen dort von der Körperabwehr umgebracht werden. Je nach Zahl und Agressivität solcher Bakterien kann das entweder klappen (pulpitis serosa partialis), es kommt zur Defektheilung und gut is,
- oder nicht, dann kommt es zur Entzündung der gesamten Pulpa mit ihrem Untergang. Davon betroffene Patienten sind aber dann schon längst beim Zahnarzt, weil die damit verbundenen spontanen Dauerschmerzen auch von Helden nicht lange ausgehalten werden.
Die Theorie, daß eine Lokalanästhesie (Spritze) die Entzündung des Zahnnervs erst hervorrufen würde, kann man als ‚Vogel-Strauß-Theorem‘-, und als unsinnig abtun. Wenn ein Behandler zu bohren aufhört, weil ein Patient nicht mehr mitmacht, bleiben die gefährlichsten Bakterien (das sind die nahe an der Pulpa) halt im Zahn und machen weiter. Es kommt irgendwann dann genau zu der Entzündung, die mit dem Bohren eigentlich vermieden werden soll. Das Wimmern des Patienten als Maß für die Gründlichkeit der Kariesentfernung ist, wie man auf neudeutsch sagt, nicht zielführend ;-(. Ein Zahnarzt muß schon wissen, wann er aufhören kann, und zwar weil er sieht und fühlt, ob er genug gebohrt hat. Die Bakterien müssen kompromisslos restlos entfernt werden - alles andere schiebt das Problem nur etwas nach hinten.
Deshalb ist es auch masochistischer Unsinn, auf die Spritze zu verzichten. Nichts wird dabei besser, es tut weh und ist scheußlich. Ich kenne keinen Zahnarzt, der sich ohne Spritze behandeln läßt - alles klar?
Kai