ZDF Serie: 'Seine Majestät Kaiser Wilhelm II.'

Liebe Experten und Interessenten,

die am Dienstag vom ZDF ausgestrahlte Dokumentation „Seine Majestät“ würde ich schlicht als unseriös bezeichnen.

Knopp wurde wohl vom selbsternannten „Biograph“ Wilhelm II., dem Kaiser-Hasser John C. Röhl zu seinen „Dokumentationen“ inspiriert.
Röhl, ist - wie der Kaiser - Sohn eines deutschen Vaters und einer englischen Mutter. Offenbar projiziert Röhl eigene, nicht bewältigte Vater-Sohn-Konflikte auf die Person des Kaisers - aber da könnte Ihnen ein Psychiater sicher genauere Auskünfte gegen.

Guido Knopp selbst sind anscheinend die NS-Themen ausgegangen, deshalb muss die deutsche Geschichte eben weitere „Tyrannen“ hergeben.
Ich würde Herrn Knopp als populistisch im schlimmsten Wortsinn bezeichnen: Er appelliert an die niedrigen Instinkte, vereinfacht über Gebühr und lässt keine Nuancen zu. Schlechtes handwerkliches Können kompensiert er mit Dramaturgie, wo ruhige Darstellung nötig wäre.
Ich bin ehrlich gespannt wann Bismarck durch den Schlamm gezogen wird, denn es gibt keine historische Persönlichkeit, die man nicht völlig verunglimpfen kann, von Mutter Theresa einmal abgesehen hat niemand einen absolut blütenweißen Lebenslauf, vor allem dann nicht, wenn man in der Öffentlichkeit steht.

Das Leben des Kaisers wurde völlig falsch beleuchtet. Die angewandte Methode würde man in der Literatur als Werksimmanente bezeichnen, man reißt das Stück, bzw. das Leben des Kaisers völlig aus dem Zusammenhang heraus und betrachtet es mit den Augen von heute. Was in der Literatur möglich ist, kann in der Geschichte absolut keine Anwendung finden.
Herr Knopp erwähnte mit keinem Wort die Ansicht der meisten Historiker, Wilhelm II. war der typischste Vertreter seiner Zeit. Das Bürgertum wartete auf große Worte, man legte viel Wert auf Prunk und Theatralik. Auch das Flottenprogramm war unglaublich populär. Selbst die Vertreter der Paulskirche forderten schon 1848, „dass die deutsche Saat nur in den Furchen des Columbus gedeihen kann.“
Auch die Hunnenrede kann man natürlich nicht in unsere Zeit transferieren, aber dass muss ich hier wohl kaum betonen.

Der Höhepunkt war jedoch, einen Vertreter der Herero auftreten zu lassen. Wilhelm II. hatte von diesem Völkermord erst hinterher erfahren.

Wenn man von der historischen Materie nichts wusste, suggerierte die Sendung ihrem Zuschauer, dass das gesamte Leben das Kaisers auf den 1. Weltkrieg zusteuerte, er wäre quasi die logische Folge von der angeborenen Behinderung des Monarchen.

Sämtliche Schwachpunkte einer dreißigjährigen (!!) Regentschaft wurden aufgezeigt, wobei der gravierendste Fehler des Kaisers, die Dailytelegraph-Affäre natürlich ausgespart blieb.

Mit keinem Wort wurde der schillernde Glanz dieser Persönlichkeit erwähnt, er gab der Bevölkerung was sie benötigte: einen festen Halt in der Welt.

Was halten Sie von dieser Sendung?

Mit freundlichen Grüßen.

Hallo !

Sämtliche Schwachpunkte einer dreißigjährigen (!!)
Regentschaft wurden aufgezeigt, wobei der gravierendste Fehler
des Kaisers, die Dailytelegraph-Affäre natürlich ausgespart
blieb.

Das stimmt so überhaupt nicht. Es wurde ganz deutlich gesagt : Wäre Wilhelm 2. 1913 gestorben, wäre er als der Kaiser einer glücklichen Zeit in die Geschichte eingegangen!!

,:Was halten Sie von dieser Sendung?

Wir halten nichts davon, dass www jetzt als Kritikforum gegen irgendwelche Journalisten dient.
mfgConrad

Hallo,

ich denke, es gibt sehr viele Menschen, die in diesem Forum Kritik üben. Und da wird lebhaft diskutiert. Ich habe die Sendung zwar nicht gesehen (kein Fernseher…), aber ich denke, man sollte Geschichtsdarstellungen durchaus kritisch betrachten. Auch und gerade wenn bekannte Journalisten sich damit profilieren. Gerade in letzter Zeit habe ich bei so mancher Darstellung (zu Gast bei Fernsehbesitzern) festgestellt, dass heute ausgesprochen viel populärwissenschaftlich dargestellt wird und damit innere Zusammenhänge völlig untergehen bzw. Schlussfolgerungen in der Luft hängen. Das fängt schon an bei mangelhafter Präzision in der Titel- und Dienstgradnennung von Widerstandsoffizieren unter Hitler (Freitagabend vergangener Woche, ARD oder ZDF)und reicht hin bis zu purer Stimmungsmache. Wir laufen eher Gefahr, alles zu schlucken als zu wenig - sinnvolle - Kritik zu üben. Kaiser Wilhelm II. mag da gewesen sein, wie er will. Und man mag zu Guido Knopp stehen wie man will.

Gruß,

Susanne

Und man mag zu Guido Knopp stehen wie man will.

Mit Knoop fing man aber an, sich für die eigene Geschichte zu interessieren.
Dass ihm Fehler unterlaufen!!! Wer ist ohne Fehler, vor allem in der Geschichtsschreibung? Die deutsche mußte jedensfalls nicht nur einmal umgeschrieben werden.

mfgConrad

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Hallo,

ich habe die Sendung nicht ganz gesehen, also nicht den Anfang. Ich schaltete irgendwann ein, als Wilhelms Reiselust besprochen wurde.

Durch mein Studium habe ich mich mit der Wilhelminischen Ära und Wilhelm beschäftigt. Ich habe Röhl genauso gelesen, wie andere. Mag sein das Röhl Wilhelm schärfer beurteilt. Doch auch die anderen Bücher, ob über Wilhelm selbst, sein persönl. Regiment oder die Ära an sich, sprechen von ihm nicht gerade als friedliebenden, überlegt handelnden, sympathischen Menschen. Natürlich war auch er Produkt seiner Umwelt und prägte seine Zeit, die Pomp liebte und ihren Reichtum zeigen wollte. Wilhelms Ausfälle und Sonderlichkeiten kann man aber nicht unter den Tisch kehren, wenn er einen Admiral dazu zwingt wie ein Hund auf allen vieren zu kriechen und zu bellen. Bismark ist für mich auch keine schillernde Vaterfigur die bis zur Selbstaufgabe nur Deutschland (Preussen) diente. Die Daily Telegraph Affäre war typisch für Wilhelm, um nur ein Beispiel zu nennen.

Und was willst du denn noch alles an Infos in einen kurzen Film stecken? Das eulenburgs Enkel sprach, okay, ob das einen Nährwert hatte, darüber kann man streiten. Ich fand Wilhelm nicht verzerrt und in den Dreck getreten. Ich fand die Doku recht gut, auch wenn einige Dinge mit einem anderen Grundton hätten gesagt werden können.

Gruß
Helena

Was will man sagen…
Es ist eben Knopp.

Geschichtsschreibung ist immer subjektiv. Jeder legt die Geschichte so aus, wie es in sein Weltbild passt. Das machen Laien ebenso wie Historiker. Wobei letztere aber dafür sorgen sollten, ein möglichst ausgewogenes Bild zu erzeugen. Und dabei ist es bestimmt nicht einfach, Fakten und Fiktionen zu trennen (dazu siehe auch http://www.ceca.de/forum/thread2954.html) - man denke an z.B. römische Geschichtsschreiber (Livius’ „Ab urbe condita“), die auf den ersten Blick zuverlässig und chronologisch erscheinen mögen und erst bei genauerem Hinsehen ihre Schwächen offenbart.

Schon im Grundstudium der Geschichte lernt man, dass man für eine Hausarbeit nie nur ein Buch, nur eine Position zu verwenden ist: zu unreflektiert!
Knopp-Geschichte(n): gut und schön. Aber oft auch viel zu exemplarisch. Für den Laien ganz nett anzuschauen, aber in seiner bruchstückhaften Behandlung von Geschichte unter „echten“ Historikern ebenso vorzeigbar wie die „DDR-Shows“ auf RTL.

Mit Knoop fing man aber an, sich für die eigene Geschichte zu
interessieren.

Echt? Bei mir waren es die Geschichten meiner Oma, die von früher erzählte…

Dass ihm Fehler unterlaufen!!! Wer ist ohne Fehler, vor
allem in der Geschichtsschreibung?

Siehe oben. „Reflexion“ heißt das Zauberwort. Seine filmischen Hausarbeiten würden wohl von vielen Professoren kein „ausreichend“ mehr bekommen.

Die deutsche mußte
jedensfalls nicht nur einmal umgeschrieben werden.

Und woran liegt das? Am Lauf der Geschichte selbst.

Gruß sannah

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jedensfalls nicht nur einmal umgeschrieben werden.

Und woran liegt das? Am Lauf der Geschichte selbst.

Wohl kaum, die hat sich nicht verändert!

*stutz*
Ich glaube, wir (beide) haben da ein Problem mit verschiedenen Definitionen.

Gruß sannah

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Hallo!

Mit keinem Wort wurde der :schillernde Glanz dieser
Persönlichkeit erwähnt, er :gab der Bevölkerung was sie
benötigte: einen festen Halt in der Welt.

Es muß sich wohl um selektive Wahrnehmung handeln :smile:. Ich fand die Darstellung insgesamt gut gelungen.
Geistig ein bißchen zu klein geraten, unfähig zum Interessenausgleich in Europa, bis ins Alberne übersteigerter Pomp und Dekadenz als Lebensmaxime mögen beim Namen genannt nicht in das Wunschbild mancher Leute passen, aber dafür sind nicht die Verantwortlichen der Sendung zuständig.

Keineswegs der deutsche Kaiser alleine, aber immerhin mit einem wesentlichen Anteil an der Katastrophe des 1. Weltkriegs beteiligt, kann er bestenfalls als tragische Figur in der Geschichte dargestellt werden. Was willst Du von Leuten sagen, deren Beschränktheit zu über 10 Millionen Toten führte?

Gruß
Wolfgang