Hilfe - ich stehe plötzlich vor unerwarteten Schwierigkeiten. Habe mit großer Anstrengung soeben meine Abschlussarbeit fertiggebracht und vom Thema, Inhalt, der Logik, dem Aufbau etc. ist sie angenommen. Einziger Hinweise des Begutachters: ich hätte „die Zeiten durcheinander gehauen“ und ich solle dies noch korrigieren. Es geht um die Beschreibung einer Beratungssituation. Ich erzähle, was die Klientin mir erzählt und die erzählt aus der Vergangenheit aber auch aus der Gegenwart und anscheinend ist mir da alles durcheinander gerutscht. Versuchte heute, das zu korrigieren und habe plötzlich ein Brett vor dem Kopf. Weiß in meiner eigenen Muttersprache nicht mehr, welche Zeit wohin gehört. Gibt es einen handfesten Tipp für mich? Ein Beispiel, wo ich nicht mehr weiß, wo hint und vorn ist:
Wenn ich über die Beziehungen der Klientin in der Vergangenheit erzähle und schreibe: "Ihr zweiter Freund, M., den sie mit 17 kennenlernte (kennengelernt hatte???), war (oder ist??) 8 Jahre älter als sie (gewesen???) und war (oder ist??) vor ihr mit einer etwa 30-jährigen Frau liiert (gewesen???). Oder soll ich den Satz überhaupt ganz zerteilen und von vorn beginnen?
Wie schaffe ich es, die verschiedenen Ebenen auseinander zu halten?
Kenn mich einfach nicht mehr aus und ich soll am Montag abgeben! Sollte ja nur „eine Kleinigkeit an Korrektur“ sein - haha.
Dankbar für jeden auch noch so kleinen Rat, Irene
Nur keine Panik!
Wenn ich über die Beziehungen der Klientin in der
Vergangenheit erzähle und schreibe: "Ihr zweiter Freund, M.,
den sie mit 17 kennenlernte (kennengelernt hatte???), war
(oder ist??) 8 Jahre älter als sie (gewesen???) und war (oder
ist??) vor ihr mit einer etwa 30-jährigen Frau liiert
(gewesen???). Oder soll ich den Satz überhaupt ganz zerteilen
und von vorn beginnen?
Du gibst wieder, was die Klientin erzählt hat, nämlich, dass ihr zweiter Freund acht Jahre älter war. Das geschah in der Vergangenheit, im Falle einer schriftlichen Wiedergabe also im Präteritum:
" Ihr zweiter Freund war acht Jahre älter als sie."
Das ist der Hauptsatz!
Sie lernte ihn mit siebzehn Jahren kennen. Das aber geschah am Anfang der Zeit, da sie mit ihm befreundet war, ist also zum Zeitpunkt der Freundschaft schon Vergangenheit. Was in der Vergangenheit schon ältere Vergangenheit ist, erzählen wir im Plusquamperfekt, der Zeit für die Vorzeitigkeit.
„Sie hatte ihn mit siebzehn Jahren kennen gelernt.“
Das wird der erste Relativsatz!
Und ebenfalls vor der Zeit der Freundschaft hatte dieser Freund mit einer 30-jährigen Frau eine Liaison; also wieder Plusquamperfekt:
„Er war mit einer 30-jährigen Frau liiert gewesen.“
Das ist der zweite Relativsatz!
Nun gebrauchen wir aber die Hilfverben ungern im Perfekt, so dass hier auch das Präteritum verwendet werden kann.
„Er war mit einer 30-jährigen liiert.“
Zusammen also:
" Ihr zweiter Freund ,
den sie mit siebzehn Jahren kennen gelernt hatte,
war acht Jahre älter als sie ;
und vorher mit einer 30-jährigen Frau liiert."
So sähe der Satz in meiner Schreibe aus. Ich könnte mir noch die Variante vorstellen:
" Ihr zweiter Freund ,
den sie mit siebzehn Jahren kennen gelernt hatte und der vorher mit einer 30-jährigen Frau liiert war,,
war acht Jahre älter als sie.
Dann hättest du in beiden Nebensätzen die Vorzeitigkeit.
Gruß Fritz
Wenn ich über die Beziehungen der Klientin in der
Vergangenheit erzähle und schreibe: "Ihr zweiter Freund, M.,
den sie mit 17 kennenlernte (kennengelernt hatte???), war
(oder ist??) 8 Jahre älter als sie (gewesen???) und war (oder
ist??) vor ihr mit einer etwa 30-jährigen Frau liiert
(gewesen???). Oder soll ich den Satz überhaupt ganz zerteilen
und von vorn beginnen?
Hallo Irene,
wenn Du als Beobachterin die Geschichte der Klientin chronologisch nacherzählst, muß es so heißen: „… M., den sie mit 17 kennenlernte, war 8 Jahre älter als sie und war vor ihr… liiert gewesen.“ Das Vergangenheits-Erzähltempus im Deutschen ist das Präteritum. Um Vorzeitiges zum Präteritum auszudrücken, benutzt man das Plusquamperfekt (das Perfekt wäre analog vorzeitig zum Präsens).
Ich nehme aber an, daß das nicht das ist, was Du tun willst - die Geschichte chronologisch von Deinem Standpunkt aus nacherzählen. Ich verstehe Dich so, daß schon die Erzählsituation in der Vergangenheit liegt (also das Gespräch mit der Klientin, in dem diese von sich berichtet). Dann rückt alles in die Vorvergangenheit, also ins Plusquamperfekt. Was sowieso schon Plusquamperfekt ist, bleibt auch so (Vor-Vorzeitigkeit gibts dann doch nicht). Also: „kennengelernt hatte“ und „war… liiert gewesen“. Daß er 8 Jahre älter „war“, würde ich nicht ins Plusquamperfekt setzen, hier greift das Zeitverhältnis nicht, denn der Altersunterschied besteht ja unabhängig von den Zeitstufen.
Sollte es sich um längere Textpassagen handeln, in denen es immer nach demselben Muster zugeht - Klientin erinnert sich rückblickend, das Ganze in der Vergangenheit -, würde ich dennoch nicht alles ins Plusquamperfekt setzen, sondern ins Präteritum wechseln - jedenfalls dann, wenn es mehr auf die Abfolge der Ereignisse und Situationen ankommt als auf die Erzählsituation. Aber was hier im Vordergrund steht, kann ich letzten Endes nicht beurteilen. Zumindest nicht aufgrund dieses einen Beispielsatzes.
Gruß
Aia
(kurze Frage an die Deutschlehrer unter uns bzw. Euch: wie sind eigentlich die Regeln für Zeitformen in der erlebten Rede? denn so ähnlich kommt mir das hier vor…)
Ich bedanke mich ganz herzlich
bei beiden Helfern! Ich bin immer wieder begeistert von derartig fundiertem Wissen. Ich bemerke, und das ist das Traurige, dass man auch in seiner eigenen Muttersprache aus der Übung kommen kann. In meiner Schulzeit wäre es mir nie in den Sinn gekommen, hier zu zweifeln. Es flutschte einfach. Ich habe Eure Ausführungen gut verstanden und kann sie auch anwenden. Nur eine Frage hätte ich noch: der Begriff „Präteritum“ irritierte mich anfangs. Ich musste mich erst informieren, dass Präteritum = Imperfekt. Und dazu jetzt die Frage: wurde das Imperfekt immer schon Präteritum genannt und wenn ja, gibt es Eurem Wissen nach regionale Unterschiede? Oder hat es sich erst eingebürgert und hieß es früher Imperfekt? Oder nennt man es nur im Lateinischen Imperfekt und im Deutschen Präteritum?
Und eine Frage noch an Aia: Du schlägst vor, bei längeren Textpassagen ins Präteritum zu wechseln - würde das bedeuten, dass ich das Gespräch mit dem Präsens beginnen muss? „In der ersten Stunde berichtet die Klientin über ihre bisherigen Erfahrungen in Beziehungen…“.
Also, jetzt mach ich mich auf jeden Fall an die Arbeit und nochmals herzlichen Dank! Bei meiner Abschlussfeier werde ich ein Gläschen für Euch mittrinken!
Irene
Hallo Irene,
so weit ich weiß, sind Präteritum und Imperfekt das selbe.
von regionalen Unterschieden weiß ich nichts, bin aber nicht sicher.
Und eine Frage noch an Aia: Du schlägst vor, bei längeren
Textpassagen ins Präteritum zu wechseln - würde das bedeuten,
dass ich das Gespräch mit dem Präsens beginnen muss? „In der
ersten Stunde berichtet die Klientin über ihre bisherigen
Erfahrungen in Beziehungen…“.
Will zwar Aia nicht vorgreifen, glaube aber nicht, dass das gemeint war. Man kann in dem Fall durchaus das Gespräch in der Vergangenheit schreiben, dann aber aus den von Aia genannten Gründen die vorherige Handlung, die normalerweise Plusquamperfekt wäre, ins Präteritum setzen.
Viele Grüße und viel Glück bei dem Text
Fredun
Imperfekt = Präteritum
Frage: wurde das Imperfekt immer schon Präteritum genannt und
wenn ja, gibt es Eurem Wissen nach regionale Unterschiede?
Nein. Präteritum und Imperfekt sind wirklich das selbe.
Oder nennt man es nur im Lateinischen Imperfekt und im Deutschen Präteritum?
Imperfekt und Perfekt sind von der lateinischen Grammatik beeinflusste Begriffe.
Im Lateinischen gibt es einen Unterschied. Das Imperfekt ist die Form für eine längst schon vergangene Handlung; das Perfekt dagegen für eine Handlung, die eben erst abgeschlossen wurde.
Diese Unterscheidung wollte man auch auf das Deutsche übertragen. Aber im Deutschen gibt es diese temporale Unterscheidung eigentlich nicht.
Im Deutschen ist das Imperfekt und das Perfekt zeitlich identisch.
Es gibt aber einen stilistischen Unterschied.
Das Präteritum ist die Erzählform für schriftliche und sachliche Mitteilungen - also für Polizeiberichte etwa -, das Perfekt eher für mündliche und persönliche.
Gruß Fritz
I see
wie der Lateiner sagt
)
Danke für die Nachhilfestunden! Irene