Okay. Diese Sache wollen wir mal anhand eines
Gedankenexperiments überprüfen. Das betrachtete System ist ein
vierdimensionaler Kasten, der durch folgende Flächen begrenzt
ist:
x=0, x=a
y=0, y=a
z=0, z=a
t=0, t=3s.
Das einzige, was sich ändert, ist die Art der
Systemgrenzen. Zusätzlich zu den räumlichen Grenzen kommen
Beginn und Ende einer Zeitreise als zeitliche Grenzen des
Systems.
Warum ausgerechnet Beginn und Ende der Zeitreise? Wenn ich den
Energiesatz ernst nehme, dann kann ich jede beliebige
Systemgrenze wählen.
Nicht wenn das System abgeschlossen sein soll. Darauf komme ich weiter unten nochmal zurück.
Wenn das oben genannte System „abgeschlossen“ ist, ist es
ziemlich langweilig, denn dann darf es durch die Fläche t=0
keine Energie oder Materie aus der Vergangenheit erben.
Warum nicht? Ob die Energie des Systems zeitlich konstant ist, hängt doch nicht davon ab, wo sie her gekommen ist. Zum Zeitpunkt t=0 hat es irgend eine Energie und die behält es bis zum Zeitpunkt t=3s bei.
Nehmen wir daher lieber eine etwas exotische Form des
thermodynamischen Gleichgewichts: Die Energiemenge, die durch
t=0 aufgenommen wird, wird auch über t=3s abgegeben.
Dann sind wir nicht mehr bei der Energieerhaltung, sondern beim ersten Hauptsatz, der ja nicht auf abgeschlossene Systeme begrenzt ist.
Angenommen in diesem vierdimensionalen Kasten befände sich
eine Zeitmaschine, und sie würde zum Zeitpunkt t=2s auf zu
einer Zeitreise aufbrechen (und zwar in die Vergangenheit) und
käme zum Zeitpunkt t=1s an.
Dann hast Du innerhalb des Kastens zwei Systemgrenzen, an denen Energie ausgetauscht wird. Um das zu berücksichtigen, mußt Du das System in drei Teilsysteme mit identischen räumlichen, aber unterschiedlichen zeitlichen Grenzen zerlegen: System A von t=0 bis t=1, System B von t=1 bis t=2 und System C von t=2 bis t=3.
Die Zeitmaschine hat eine
Ruheenergie von E=mc². Von 0 bis 1s beträgt der Energieinhalt
des Kastens genau E, von 2s bis 3s ebenfalls. Aber wie groß
ist die Energie von 1s bis 2s? Ist das mit dem Energiesatz
vereinbar?
Rechnen wir es doch einfach mal aus:
Ohne Zeitreise wird zu jedem Zeitpunkt genauso viel Energie aus der Vergangenheit übernommen, wie in die Zukunft weiter gereicht wird. Die Innere Energie U bleibt also konstant.
Zum Zeitpunkt t=1 nimmt das System B aber zusätzlich zur Energie aus dem System A noch die Energie E der Zeitmaschine auf. An dieser Stelle gilt also nach dem ersten HS ΔU=E. Da innerhalb von B wieder zu jedem Zeitpunkt die gleiche Energie an die Zukunft weiter gegeben wird, die aus der Vergangenheit übernommen wurde, bleibt die innere Energie auch innerhalb des Systems B konstant, ist aber um die Energie E höher, als im System A.
Zum Zeitpunkt t=2 wird ein weiteres Mal nicht dieselbe Energie in die Zukunft weiter gereicht, wie aus der Vergangenheit aufgenommen wurde. Die vom System B an das System C weitergereichte Energie ist um die Energie E der Zeitmaschine geringer. Nach dem 1. HS gilt an dieser Stelle also ΔU=-E. Die mittlere innere Energie des Systems C ist also wieder genauso groß, wie die des Systems A.
Wenn man sich jetzt jedes System einzeln ansieht, dann stellt man fest, daß die Summe der über die Systemgrenzen aufgenommenen und abgegebenen Energie in jedem Fall Null ist. System B nimmt zwar bei t=1 die Energie E der Zeitmaschine auf, aber dafür gibt es sie bei t=2 wieder an sich selbst ab. Da die Energiebilanz ausgeglichen ist, kann man die Systeme also als abgeschlossen betrachten und da ihre Energie konstant bleibt, ist auch die Energieerhaltung erfüllt. Würde man die Systemgrenzen anders setzen, dann könnte es passieren, daß die Energiebilanz nicht mehr ausgeglichen ist. Deshalb ist es bei der Verwendung des Energieerhaltungssatzes nicht egal, wie man die Systemgrenzen wählt.
Ich behaupte: Wenn ich prinzipiell Zeitreisen zulasse, dann
ist der Energieinhalt eines Raumzeitwürfels vollkommen
unbestimmt.
Nein. Die Energiebilanz wird nur komplizierter.
(Es sei denn, ich werte die Energie einer
Zeitmaschine auf dem Weg in die Vergangenheit negativ.)
Die Richtung der Zeitreise ist egal. Entscheidend ist, ob die Energie aus dem System heraus oder in das System hinein fließt. Vom Systemstandpunkt aus muß man die Energie bei der Abreise also negativ und bei der Ankunft positiv werten. Zwischen Beginn und Ende einer Zeitreise wird die Innere Energie dann bei einem Sprung in die Vergangenheit um die Energie der Zeitmaschine erhöht und bei einem Sprung in die Zukunft um die Energie der Zeitmaschine verringert.