Zeitreisen

Hallo Thomas,

merkwürdig, dass du es immer wieder schaffst, mich zu einem
Antwortposting zu bewegen … :smile:

Warum muss das auch immer so ausufern.

> Wenn hier irgendetwas absurd ist, ist es das, was als
> wissenschaftlich vielfach verkauft wird.

Der Begriff „wissenschaftlich“ ist ziemlich vieldeutig, und es
ist die Frage, wie man diesen Begriff füllen sollte.

Jederzeit eindeutig reproduzierbare Ausage. Wäre jedenfalls ein Ansatz.

Kant hat den Zeitbegriff nicht „axiomiert“ - wie du behauptest

  • erstens weil es den Begriff „axiomiert“ gar nicht gibt (es
    muss wenn überhaupt „axiomatisiert“ heißen), und zweitens hat
    er den Zeitbegriff auch nicht axiomatisiert, weil
    Axiomatisierung ein Verfahren ist, das folgende Kriterien
    erfüllen muss: Es wird ein Axiom gesetzt, und ein Axiom ist
    ein Grundsatz, der weder bewiesen werden soll, noch bewiesen
    werden muss, noch bewiesen zu werden braucht, weil er
    unmittelbar einleuchtet.

Eigentlich tat er genau das. Er setzte in seinen Betrachtungen einen im Ursprung der Entstehung vorhandenen Zeitpfeil voraus. Siehe link anderes Posting. Hab nicht gefunden, dass er es so sagte, er verwendete aber das Axiom „Zeit“, die Uhrzeit.

Dieses Kriterium erfüllt der
Zeitbegriff Kants nicht.

Dann kläre mich bitte mal auf, ich möchte es vermeiden, das in seinen Texten zusammenzusuchen.

Du schüttest Axiomatisierung (die
Anwendung einer nicht zu beweisenden Voraussetzung),
transzendentale Begründung (den Versuch des Nachweises
unbedingter Voraussetzung aufgrund der Aufweisung der
Bedingungen der Möglichkeit von etwas), phänomenologische
Begründungsverfahren und andere sinnvolle Verfahren in einen
Topf, weil sie nicht zu deiner Theorie passen, an der du alles
messen möchtest.

Das ist nicht meine Theorie, sondern Betrachtungsweise. Die aber auch nicht von mir ist.

> interpretiert Marx aus seinem
> idealistischen Standpunkt, hat noch nichtmal die
Dialektik
> begriffen (–> Kant und Erkantnis), aber unterstellt
mir
> Absurditäten.

Der Begriff der Dialektik ist fast ebenso vieldeutig wie der
Wissenschaftsbegriff. Du benutzt denjenigen von Engels, ohne
ihn von dem Dialektikbegriff von Marx abzusetzen oder
zumindest die Differenz anzuerkennen.

Nein, ich sehe hier keine Differenz. Wieso sollte es da eine geben? Der Unterschied zwischen M und E liegt oft dort, dass Engels das aus dM Sicht zusammenfasste, was Marx akribisch und empirisch analysierte und schlussfolgerte.
Wenn ich hier von Dialektik rede, dann die moderne Gebrauchsweise. Also Methode der Darstellung seit Hegel. Den Unterschied beschrieb ich dir im Philobrett.

> Absurd ist definitiv, auf willkürlich festgelegten
Begriffen
> eine Wissenschaft aufzubauen. Das siehst du deutlich an
> solchem Quatsch wie Urknall (zuerst wohl auch bei Kant)
und
> sich daraus ergebender Unvereinbarkeit verschiedener
Zweige
> ein- und derselben Wissenschaft. In diesem Land hat noch
> nichtmal eine Form der Gesellschaftswissenschaften den
Hauch
> einer Wissenschaftlichkeit (wäre tödlich).

Du polemisierst. Die Urknalltheorie bei Kant anzusetzen, ist
genauso unsinnig, wie die Gesellschaftswissenschaften als
Prototyp von „Wissenschaft“ anzudeuten.

Nicht als Prototyp, das ist wieder eine Unterstellung. Aber aus Gesellschaftswissenschaften lässt sich eine genauso exakte Wissenschaft machen, wie Mathematik oder ähnlichem.

> Dafür habe ich aber gesuicht und bin logischerweise
fündig
> geworden, wo bei Marx genau das steht, was ich dir die
ganze
> Zeit versuche rüberzubringen:
> http://mlwerke.de/me/me40/me40_568.htm

Schönen Dank für den Link, allerdings verstehe ich nicht,
inwiefern dieser Link hier einschlägig sein soll, denn der von
dir verwendete Begriff der „Bewegung“ ist gänzlich anders
gemeint als hier bei Marx. Der Begriff der Zeit, über den wir
hier diskutieren, taucht in dem ganzen Text gar nicht auf, und
auch von Kant ist nirgends die Rede.

Hegel schrieb wohl bereits etwas über Kant, deshalb die Fortsetzung bei Hegel.
Bewegung benutze ich in Bezug darauf genau so wie bei Marx, als Betrachtung komplexer Bewegungsabläufe innerhalb komplexer Systeme.

[Die Fülle der wirklich interessanten Äußerungen von Marx zu
Hegel müsste man sich freilich im Einzelnen ansehen, um genau
zu prüfen, wo der Fehler steckt (es ist meines Erachtens -
kurz gesagt - die Forderung nach einer Aufhebung der
Abstaktion, die an sich nicht falsch ist, aber leider in das
Gegenteil umschlägt - die Diskussion würde hier wieder zu weit
führen).]

Wieso Forderung nach Aufhebung der Abstraktion? Im Gegenteil, deren logische Negation des äusserlich Betrachtem als von aussen Betrachtetes. Hier ist es sehr wichtig, die Betrachtung über das Selbstbewusstsein zu begreifen. Genau dort steckt der Punkt, an welchem er gewonnene Erfahrung als Erkenntnis negiert, um Ereignisse von aussen stehend zu betrachten. Deshalb war es ihm möglich, die menschliche Gesellschaft ebenfalls als Form der Materie zu betrachten und ihre „Bewegung“ zu analysieren. WEr begreift sich nicht mehr als gottgegebenen Teil der Natur, welches die Natur einfach widerspiegelt, sondern erfassendes, erkennendes Individuum, welches durch Negation gewonnenener Erfahrung fähig ist, sie zu verändern. Das als Grobzusammenfassung - ist wirklich Stoff für mehrere Doktorarbeiten.

> Wenn du von deinem idealistischen Standpunkt nicht
abkehrst
> und die eigene Aussagenlogik negierst, ist es unmöglich
mich
> zu verstehen, weil ich nicht an einem idealistischen
Weltbild
> weiterbasteln kann. Jegliches ist schon im Ansatz Unsinn.

Mit dieser Einstellung verhältst du dich nicht etwa
„wissenschaftlich“, sondern du verweigerst geradezu die
Diskussion (die doch für Wissenschaft konstitutiv sein sollte)

  • ein Verfahren, dass ich sonst nur aus der Esoterik kenne, wo
    immer gefordert wird, man solle doch endlich einmal den
    Widerstand gegen die Prinzipien (etwa der Astrologie)
    aufgeben, dann würde man schon sehen, dass es funktioniert.

Hier wieder der Verweis zum obigen link, wie er Idealismus und Materialsimus trennt. Weshalb Metaphysik und primitiver Realsimus auch nur Formen idealistischer Betrachtung sind.

> In obigem Text ist ganz klar der Unterschied zum
Idealismus
> herausgestellt. Kann man aber wohl nur erfassen, wenns
auch
> mit Hegels dialektischer Methode klappt.

Der Gegensatz, den Marx herausstellt, ist der Gegensatz der
Konzeptionen von Hegel und Marx, mehr nicht.

Aua, auf keinen Fall. Es ist der Gegensatz der Betrachtungsweise/richtung durch Umkehr Hegel´s dial. Methode.

Kant hat sich
gegen den Vorwurf des Idealismus gewehrt (ich hatte dir den
Link aus der „Kritik der reinen Vernunft“ schon einmal
gepostet).

Er ist aber Idealist, weil er das Wesen dessen mit Descartes und Hegel und anderen gemein hat. Er betrachtet die Welt aus sich heraus, nicht von ausserhalb, als subjektive Wirklichkeit. Nicht als objektive Realität, die es widerzuspiegeln gilt.

Außerdem hatte ich schon einmal dargelegt, dass der
Begriff des Idealismus häufig mit dem Begriff des
Spiritualismus verwechselt wird, was in der Geschichte der
Philosophie viel Unheil angerichtet hat. Der Idealismus
bezieht sich auf die subjektive Wirklichkeit von Erkenntnis,
der Spiritualismus auf das objektive Dasein eines Gedankens.
Diesen Fehler kann man meinetwegen Hegel gerne vorwerfen (wenn
man ihn so interpretieren will, wie Marx es tut - allerdings
halte ich es, wie gesagt, nicht für richtig oder zumindest
nicht für zwingend, Hegel so zu interpretieren); Kant hingegen
trifft dieser Vorwurf überhaupt nicht, sondern der Gegensatz
wirft geradezu ein Licht auf das Verhältnis zwischen
kantischem und einsteinschem Zeitbegriff und zeigt, dass beide
Zeitbegriffe durchaus vereinbar sind, nämlich weil sie
perspektivisch differieren.

Alle drei Punkte weisen darauf hin, dass du die Sache, um die
es dir geht, vereinfachst mit dem Ziel, deine Theorie
bestätigt zu bekommen. Das ist - positiv formuliert - ein
teleologisches Verfahren, das im Prinzip schon in der
Renaissance als dasjenige Verfahren entdeckt wurde, dass den
Erkenntnisfortschritt hemmt (anstatt ihn zu fördern), indem
nämlich im Mittelalter das Ziel darin bestand, dass am Ende
immer Gott herauskommt, bei dir kommt eben immer deine Theorie
heraus. Das ist zumindest suspekt.

Unverstanden Wertungen abzugeben ist aber auch lediglich ein Zocken am Verständnis :smile:

Herzliche Grüße

Thomas Miller

dito
Frank

Kants ‚Naturgeschichte‘
Hallo Frank,

http://gutenberg.spiegel.de/kant/naturg/naturg.htm (TS7)

danke schön für die Erinnerung, aber du hast übersehen, dass es sich bei diesem Text um eine Veröffentlichung aus dem Jahr 1755 handelt, quasi um ein Jugendwerk Kants, das natürlich die Erkenntnisse der kritischen Periode (ab 1781) noch nicht kennen konnte, also ganz im Banne Newtons steht.

Soll ich jetzt unfairerweise einen Marxtext dagegen stellen?

„Schöpferähnlich strömten Flammen
Rieselnd mir aus der Brust,
Hochweit schlugen sie zusammen,
Und ich nährt’ sie in der Brust.
Stahlend stand Dein Bild, wie Aeolsklingen,
Deckt die Gluten sanft mit Liebesschwingen.“
(Originalton Marx von 1837)

Das wäre wirklich unfair … :smile:

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Zeitbegriffe
Hallo Frank,

Jederzeit eindeutig reproduzierbare Ausage. Wäre jedenfalls
ein Ansatz.

immerhin, nur reicht das nicht ganz aus, weil wir uns ja schon über die Bedeutung von „eindeutig“ streiten. Und gerade die Dialektik von Marx geht ja von der Perspektivität aus, also gerade nicht von der Eindeutigkeit. Mit dieser Formulierung müsste man also Marx unwissenschaftlich nennen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du das meinst.

Kant hat den Zeitbegriff nicht „axiomiert“

Eigentlich tat er genau das. Er setzte in seinen Betrachtungen
einen im Ursprung der Entstehung vorhandenen Zeitpfeil voraus.
Siehe link anderes Posting. Hab nicht gefunden, dass er es so
sagte, er verwendete aber das Axiom „Zeit“, die Uhrzeit.

Was die naturwissenschaftlichen (also die frühen) Schriften angeht, gebe ich dir Recht, die will ich auch gar nicht verteidigen (das op. posth. lasse ich als Spezialfall mal außen vor). Kant ist nicht bedeutend als Naturwissenschaftler, sondern als Philosoph, und in dieser Funktion hat er die Zeit als „Form der Anschauung“ entdeckt. Dieser Zeitbegriff hat mit dem naturwissenschaftlichen Zeitbegriff nur insofern etwas zu tun, als er den naturwissenschaftlichen Zeitbegriff als Grundlage von Empirie überhaupt möglich macht, er hat aber mit gemessener Zeit nichts zu tun.

http://www.gutenberg2000.de/kant/krvb/krvb013.htm
(Hier die §§ 4-7, besonders § 6)

Dass das immer noch kontrovers zu diskutieren ist (allerdings auf relativ hohem philosophischen Niveau), zeigt vielleicht dieser Text:
http://www.hss.shizuoka.ac.jp/shakai/ningen/hamauzu/… .

Das ist nicht meine Theorie, sondern Betrachtungsweise. Die
aber auch nicht von mir ist.

Betrachtungsweisen sind Methoden für Theorien, jedenfalls in unserem Zusammenhang. Wir müssten also darüber diskutieren, welche Herangehensweise besser ist und warum. Du verweist immer darauf, dass du zu denselben Resultaten wie andere kommst, aber das ist kein Beweis, im Grunde nicht einmal ein Beleg.

Der Begriff der Dialektik ist fast ebenso vieldeutig wie der
Wissenschaftsbegriff. Du benutzt denjenigen von Engels, ohne
ihn von dem Dialektikbegriff von Marx abzusetzen oder
zumindest die Differenz anzuerkennen.

Nein, ich sehe hier keine Differenz. Wieso sollte es da eine
geben?

Der Unterschied ist erheblich, denn die Vorgehensweise von Marx wird bei Engels zum Dogma. Man kann natürlich darüber streiten, ob die Methode nicht schon bei Marx Dogma war, aber das würde ich nicht behaupten wollen, weil ich bei Marx noch Kritikfähigkeit erkenne. Der grundlegende innermarxistische Unterschied liegt in der Naturphilosophie von Engels, in der er die Dialektik auf alle natürlichen Erscheinungen ausweitet. Ich weiß, dass du das nicht anerkennst, aber so ist es in der Tat.

aus Gesellschaftswissenschaften lässt sich eine genauso exakte
Wissenschaft machen, wie Mathematik oder ähnlichem.

Aus meiner Sicht würde ich jetzt fragen, ob du die Gesellschaftswissenschaften genauso exakt machen möchtest wie die Naturwissenschaften oder die Naturwissenschaften genauso unexakt wie die Gesellschaftswissenschaften :smile: . Die Mathematik hat einen ganz anderen Status, denn die Mathematik ist eine formale Wissenschaft ohne materiellen Inhalt. Man kann natürlich auf beide der genannten Wissenschaftsformen Mathematik anwenden, aber das ist auch alles. Die einzige Wissenschaft, die genauso exakt ist wie die Mathematik, ist die (formale) Logik, aber die ist eben genauso inhaltsleer.

Hegel schrieb wohl bereits etwas über Kant, deshalb die
Fortsetzung bei Hegel.

Klar, und Kant hat etwas über Descartes geschrieben, der über Aristoteles und der wieder über Platon. Also können wir - wenn wir über Platon reden - auch gleich über Hegel reden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du das ernst meinst.

Bewegung benutze ich in Bezug darauf genau so wie bei Marx,
als Betrachtung komplexer Bewegungsabläufe innerhalb komplexer
Systeme.

Ich würde meinen, dass das der Hegelsche Bewegungsbegriff ist, den Marx übernommen hat. Hegel hat ihn logisch verwendet, Marx *sorry* metaphysisch, weil er ihn als Voraussetzung der Wirklichkeit (und nicht als Voraussetzung der Erkenntnis der Wirklichkeit!) interpretiert.

Wieso Forderung nach Aufhebung der Abstraktion?

Nur dass wir uns richtig verstehen: „Abstraktion“ bedeutet das „Abziehen“ der Form vom Inhalt.

Im Gegenteil, deren logische Negation des äusserlich Betrachtem als
von aussen Betrachtetes.

Das ist nicht „Abstraktion“, das ist „Synthese“, jedenfalls bei Hegel.

Das hier:

Hier ist es sehr wichtig, die Betrachtung
über das Selbstbewusstsein zu begreifen. Genau dort steckt der
Punkt, an welchem er gewonnene Erfahrung als Erkenntnis
negiert, um Ereignisse von aussen stehend zu betrachten.

und das hier:

Deshalb war es ihm möglich, die menschliche Gesellschaft
ebenfalls als Form der Materie zu betrachten und ihre
„Bewegung“ zu analysieren.

sind zwei verschiedene Schritte, ich hoffe, darüber sind wir einig - und die muss man separat betrachten.

WEr begreift sich nicht mehr als
gottgegebenen Teil der Natur, welches die Natur einfach
widerspiegelt, sondern erfassendes, erkennendes Individuum,
welches durch Negation gewonnenener Erfahrung fähig ist, sie
zu verändern. Das als Grobzusammenfassung - ist wirklich Stoff
für mehrere Doktorarbeiten.

Dann haben wir ja gar keine Chance, das hier zu klären (ich schreibe jedenfalls keine mehr *g*).

Hier wieder der Verweis zum obigen link, wie er Idealismus und
Materialsimus trennt. Weshalb Metaphysik und primitiver
Realsimus auch nur Formen idealistischer Betrachtung sind.

Du wirfst alles in einen Topf, rührst einmal herum - und dann kommt heraus: Idealismus = Metyphsik = (primitiver) Realismus. Genau das ist ein Verstoß gegen die von dir oben geforderte Eindeutigkeit. Es ist eben nicht alles dasselbe.

Der Gegensatz, den Marx herausstellt, ist der Gegensatz der
Konzeptionen von Hegel und Marx, mehr nicht.

Aua, auf keinen Fall. Es ist der Gegensatz der
Betrachtungsweise/richtung durch Umkehr Hegel´s dial. Methode.

Nein, Schmerz wollte ich dir nicht zufügen *g*, aber so ganz verstehe ich den Einwand nicht: Der Gegensatz der Betrachtungsrichtung ist kein Gegensatz in der Konzeption???

Kant hat sich
gegen den Vorwurf des Idealismus gewehrt

Er ist aber Idealist, weil er das Wesen dessen mit Descartes
und Hegel und anderen gemein hat.

Nochmal: Es ist nicht alles dasselbe, bloß weil es sich von Marx oder etwas anderem unterscheidet.

Er betrachtet die Welt aus sich heraus,

Nein, Kant nicht (es kommt natürlich darauf an, was du unter „Welt“ verstehst).

nicht von ausserhalb, als subjektive Wirklichkeit.

Doch, Kant schon (jedenfalls auch).

Nicht als objektive Realität, die es widerzuspiegeln gilt.

Das hingegen stimmt, das „Ding an sich“ ist bei Kant unerkennbar. Aber das hat nichts mit Widerspiegelungstheorie zu tun.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Re: Zeitbegriffe und lesen können :smile:

Hallo Frank,

Jederzeit eindeutig reproduzierbare Aussage. Wäre jedenfalls
ein Ansatz.

immerhin, nur reicht das nicht ganz aus, weil wir uns ja schon
über die Bedeutung von „eindeutig“ streiten. Und gerade die
Dialektik von Marx geht ja von der Perspektivität aus, also
gerade nicht von der Eindeutigkeit. Mit dieser Formulierung
müsste man also Marx unwissenschaftlich nennen. Ich kann mir
nicht vorstellen, dass du das meinst.

Dort steht aber „eindeutig reproduzierbar“, nicht „eindeutig, reproduzierbar“. Das bedeutet, dass die Aussage es zulässt, dass das Ereignis, welches nicht eindeutig sein muss, jederzeit unter gleichen Voraussetzungen in gleicher Weise stattfindet. JederZEIT bedeutet dabei in egal welchem Entwickungsstadium, Bewegungszustand.

Kant hat den Zeitbegriff nicht „axiomiert“

Eigentlich tat er genau das. Er setzte in seinen Betrachtungen
einen im Ursprung der Entstehung vorhandenen Zeitpfeil voraus.
Siehe link anderes Posting. Hab nicht gefunden, dass er es so
sagte, er verwendete aber das Axiom „Zeit“, die Uhrzeit.

Was die naturwissenschaftlichen (also die frühen) Schriften
angeht, gebe ich dir Recht, die will ich auch gar nicht
verteidigen (das op. posth. lasse ich als Spezialfall mal
außen vor). Kant ist nicht bedeutend als Naturwissenschaftler,
sondern als Philosoph, und in dieser Funktion hat er die Zeit
als „Form der Anschauung“ entdeckt. Dieser Zeitbegriff hat mit
dem naturwissenschaftlichen Zeitbegriff nur insofern etwas zu
tun, als er den naturwissenschaftlichen Zeitbegriff als
Grundlage von Empirie überhaupt möglich macht, er hat aber mit
gemessener Zeit nichts zu tun.

http://www.gutenberg2000.de/kant/krvb/krvb013.htm
(Hier die §§ 4-7, besonders § 6)

Dass das immer noch kontrovers zu diskutieren ist (allerdings
auf relativ hohem philosophischen Niveau), zeigt vielleicht
dieser Text:
http://www.hss.shizuoka.ac.jp/shakai/ningen/hamauzu/… .

Das ist nicht meine Theorie, sondern Betrachtungsweise. Die
aber auch nicht von mir ist.

Betrachtungsweisen sind Methoden für Theorien, jedenfalls in
unserem Zusammenhang. Wir müssten also darüber diskutieren,
welche Herangehensweise besser ist und warum. Du verweist
immer darauf, dass du zu denselben Resultaten wie andere
kommst, aber das ist kein Beweis, im Grunde nicht einmal ein
Beleg.

OK. Betrachten wir das Universum nicht so, dass wir ein Teil dessen sind. Betrachten wir das Universum mal als auf unserer Hand liegendes, erfassbares. Betrachten wir, welche Wege einzelne Bausteine nehmen und deen Effekte. Das nach der von mir beschriebenen Methode.
Diese wird bei Marx nicht offensichtlich, niemand hätte ihn verstanden. Er hat aus bürgerlicher Sichtweise (Sprache/Anschauung…) analysiert und Schlüsse gezogen. Engels das zusammengefasst mit weniger Worten, übersichtlicher. Die Anschauungsweise war beiden gleich.

Der Begriff der Dialektik ist fast ebenso vieldeutig wie der
Wissenschaftsbegriff. Du benutzt denjenigen von Engels, ohne
ihn von dem Dialektikbegriff von Marx abzusetzen oder
zumindest die Differenz anzuerkennen.

Nein, ich sehe hier keine Differenz. Wieso sollte es da eine
geben?

Der Unterschied ist erheblich, denn die Vorgehensweise von
Marx wird bei Engels zum Dogma. Man kann natürlich darüber
streiten, ob die Methode nicht schon bei Marx Dogma war, aber
das würde ich nicht behaupten wollen, weil ich bei Marx noch
Kritikfähigkeit erkenne. Der grundlegende innermarxistische
Unterschied liegt in der Naturphilosophie von Engels, in der
er die Dialektik auf alle natürlichen Erscheinungen ausweitet.
Ich weiß, dass du das nicht anerkennst, aber so ist es in der
Tat.

Da sehe ich den Widerspruch nicht. Wieso soll die eine Methode da richtig, dort falsch sein? Methode als Weg zum Ziel sollte imho dieselbe sein. In der Physik ist sie es nicht, deshalb passt Qúantenphysik auch nie mit RT zusammen :smile:

aus Gesellschaftswissenschaften lässt sich eine genauso exakte
Wissenschaft machen, wie Mathematik oder ähnlichem.

Aus meiner Sicht würde ich jetzt fragen, ob du die
Gesellschaftswissenschaften genauso exakt machen möchtest wie
die Naturwissenschaften oder die Naturwissenschaften genauso
unexakt wie die Gesellschaftswissenschaften :smile: .

Die Gesellschaftswissenschaften sehe ich bei Marx sehr wohl als exakt wisenschaftlich. Was daraus gemacht wurde, durch Personenkult seine Schriften als kommunistische Bibel zu handhaben anstatt sich der Methodik klar zu werden, steht auf einem anderen Blatt. Das konnte nicht funktionieren.

Die
Mathematik hat einen ganz anderen Status, denn die Mathematik
ist eine formale Wissenschaft ohne materiellen Inhalt. Man
kann natürlich auf beide der genannten Wissenschaftsformen
Mathematik anwenden, aber das ist auch alles. Die einzige
Wissenschaft, die genauso exakt ist wie die Mathematik, ist
die (formale) Logik, aber die ist eben genauso inhaltsleer.

Ja, beide sind nur abstrakte Gebilde. M. Dialektik ist allerdings schon daher exakter in der Methodik, da keiner Axiome bedarf.

Hegel schrieb wohl bereits etwas über Kant, deshalb die
Fortsetzung bei Hegel.

Klar, und Kant hat etwas über Descartes geschrieben, der über
Aristoteles und der wieder über Platon. Also können wir - wenn
wir über Platon reden - auch gleich über Hegel reden. Ich kann
mir nicht vorstellen, dass du das ernst meinst.

Im Gegenteil, deren logische Negation des äusserlich Betrachtem als
von aussen Betrachtetes.

Das ist nicht „Abstraktion“, das ist „Synthese“, jedenfalls
bei Hegel.

Analyse bei Marx, Synthese ist nach aussen gerichtet.

Das hier:

Hier ist es sehr wichtig, die Betrachtung
über das Selbstbewusstsein zu begreifen. Genau dort steckt der
Punkt, an welchem er gewonnene Erfahrung als Erkenntnis
negiert, um Ereignisse von aussen stehend zu betrachten.

und das hier:

Deshalb war es ihm möglich, die menschliche Gesellschaft
ebenfalls als Form der Materie zu betrachten und ihre
„Bewegung“ zu analysieren.

sind zwei verschiedene Schritte, ich hoffe, darüber sind wir
einig - und die muss man separat betrachten.

Selbstverständlich.

WEr begreift sich nicht mehr als
gottgegebenen Teil der Natur, welches die Natur einfach
widerspiegelt, sondern erfassendes, erkennendes Individuum,
welches durch Negation gewonnenener Erfahrung fähig ist, sie
zu verändern. Das als Grobzusammenfassung - ist wirklich Stoff
für mehrere Doktorarbeiten.

Dann haben wir ja gar keine Chance, das hier zu klären (ich
schreibe jedenfalls keine mehr *g*).

Ist nicht einfach. Den link müßte man akribisch durcharbeiten, wort für wort.

Hier wieder der Verweis zum obigen link, wie er Idealismus und
Materialsimus trennt. Weshalb Metaphysik und primitiver
Realsimus auch nur Formen idealistischer Betrachtung sind.

Du wirfst alles in einen Topf, rührst einmal herum - und dann
kommt heraus: Idealismus = Metyphsik = (primitiver) Realismus.
Genau das ist ein Verstoß gegen die von dir oben geforderte
Eindeutigkeit. Es ist eben nicht alles dasselbe.

NEIN! Ihr Wesen, nicht alles. Du differenzierst an stellen, die sich nicht eignen und vermengst an Stellen, die es zu differenzieren gilt. Nicht Punkte betrachten, sondern deren Bewegungsabläufe.

Der Gegensatz, den Marx herausstellt, ist der Gegensatz der
Konzeptionen von Hegel und Marx, mehr nicht.

Aua, auf keinen Fall. Es ist der Gegensatz der
Betrachtungsweise/richtung durch Umkehr Hegel´s dial. Methode.

Nein, Schmerz wollte ich dir nicht zufügen *g*, aber so ganz
verstehe ich den Einwand nicht: Der Gegensatz der
Betrachtungsrichtung ist kein Gegensatz in der Konzeption???

Konzeption als Betrachtung der Welt? Welche?

Kant hat sich
gegen den Vorwurf des Idealismus gewehrt

Er ist aber Idealist, weil er das Wesen dessen mit Descartes
und Hegel und anderen gemein hat.

Nochmal: Es ist nicht alles dasselbe, bloß weil es sich von
Marx oder etwas anderem unterscheidet.

Er betrachtet die Welt aus sich heraus,

Nein, Kant nicht (es kommt natürlich darauf an, was du unter
„Welt“ verstehst).

Welche Weltsicht würdest du ihm dann zuordnen?

nicht von ausserhalb, als subjektive Wirklichkeit.

Doch, Kant schon (jedenfalls auch).

Hier hast du meinen satz auseinandergerupft. Klar. logo.

Gruß
Frank

Hallo Thomas,

aus: http://www.gutenberg2000.de/kant/krvb/krvb013.htm

„2. Die Zeit ist eine notwendige Vorstellung, die allen Anschauungen zum Grunde liegt. Man kann in Ansehung der Erscheinungen überhaupt die Zeit selbst nicht aufheben, ob man zwar ganz wohl die Erscheinungen aus der Zeit wegnehmen kann. Die Zeit ist also a priori gegeben. In ihr allein ist alle Wirklichkeit der Erscheinungen möglich. Diese können insgesamt wegfallen, aber sie selbst (als die allgemeine Bedingung ihrer Möglichkeit,) kann nicht aufgehoben werden.“

Hat er sie also nicht axiomatisiert und als a priori gegeben festgelegt?
Mit meiner Betrachtung durch antagonistische widersprüche und nicht durch feste Punkte kann ich getrost auf den Ausdruck Zeit komplett verzichten. Sie ist also NICHT a priori!, wie es Kant so für sich festgelegt hat.

Gruß
Frank

Hallo Frank,

Dort steht aber „eindeutig reproduzierbar“, nicht „eindeutig,
reproduzierbar“.

soso, du willst also etwas als „eindeutig reproduzierbar“ behaupten, ohne den Begriff „eindeutig“ festzulegen …

Das bedeutet, dass die Aussage es zulässt,
dass das Ereignis, welches nicht eindeutig sein muss,
jederzeit unter gleichen Voraussetzungen in gleicher Weise
stattfindet. JederZEIT bedeutet dabei in egal welchem
Entwickungsstadium, Bewegungszustand.

Das ist „kontraintuitiv“, wie ich schon einmal jemanden habe sagen hören. :smile:

Da sehe ich den Widerspruch nicht. Wieso soll die eine Methode
da richtig, dort falsch sein? Methode als Weg zum Ziel sollte
imho dieselbe sein.

Das ist doch ganz einfach: Eine Methode ist immer nur so gut, wie ihr Anwendungsgebiet es zulässt. Ich kann nicht mit Bremsklötzen Zähne reparieren oder mit Zahnspangen Autos anhalten.

Ja, beide sind nur abstrakte Gebilde. M. Dialektik ist
allerdings schon daher exakter in der Methodik, da keiner
Axiome bedarf.

Sie bedarf aus deiner Sicht keiner Axiome, weil sie selbst aus deiner Sicht das Axiom ist.

Du wirfst alles in einen Topf, rührst einmal herum - und dann
kommt heraus: Idealismus = Metyphsik = (primitiver) Realismus.
Genau das ist ein Verstoß gegen die von dir oben geforderte
Eindeutigkeit. Es ist eben nicht alles dasselbe.

NEIN! Ihr Wesen, nicht alles. Du differenzierst an stellen,
die sich nicht eignen und vermengst an Stellen, die es zu
differenzieren gilt. Nicht Punkte betrachten, sondern deren
Bewegungsabläufe.

Was ist denn das, was das „Wesen“ von Metaphysik ausmacht und gleichzeitig das „Wesen“ des Realismus?

verstehe ich den Einwand nicht: Der Gegensatz der
Betrachtungsrichtung ist kein Gegensatz in der Konzeption???

Konzeption als Betrachtung der Welt? Welche?

Wieso soll ich denn das beantworten? Du hast doch im Nachsatz deinem Vorsatz widersprochen. Die Frage verstehe ich nicht.

Welche Weltsicht würdest du ihm dann zuordnen?

Erkenntnistheoretischer Kritizist.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Eben nicht
Hallo Frank,

aus: http://www.gutenberg2000.de/kant/krvb/krvb013.htm

„2. Die Zeit ist eine notwendige Vorstellung, die allen
Anschauungen zum Grunde liegt. Man kann in Ansehung der
Erscheinungen überhaupt die Zeit selbst nicht aufheben, ob man
zwar ganz wohl die Erscheinungen aus der Zeit wegnehmen kann.
Die Zeit ist also a priori gegeben. In ihr allein ist
alle Wirklichkeit der Erscheinungen möglich. Diese können
insgesamt wegfallen, aber sie selbst (als die allgemeine
Bedingung ihrer Möglichkeit,) kann nicht aufgehoben werden.“

Hat er sie also nicht axiomatisiert und als a priori gegeben
festgelegt?

nein, wenn schon, dann hat er die Zeit als apriorische Gegebenheit induktiv erschlossen - wohlgemerkt: als apriorische Gegebenheit. Axiomatisiert hat er sie deshalb nicht, weil er die Apriorität ja keineswegs als unmittelbar einleuchtend hinstellt - das wäre eine Axiomatisierung gewesen. Das aber tut Kant gerade nicht, er versucht sogar einen Beweis (ob der Beweis gelungen ist, ist dann wieder eine andere Frage). Und als a priori festgelegt, hat er sie auch nicht, denn auch dies ist erschlossen - und außerdem sagt er damit nur etwas über die Zeit als apriorische Gegebenheit aus, nicht etwa etwas über die messbare Zeit, die in der Physik gebraucht wird (wie gesagt: das opus posthumum zu besprechen, wäre eine ganz andere Geschichte).

Mit meiner Betrachtung durch antagonistische widersprüche und
nicht durch feste Punkte kann ich getrost auf den Ausdruck
Zeit komplett verzichten. Sie ist also NICHT a priori!, wie es
Kant so für sich festgelegt hat.

Ob die Kennzeichnung als a priori die Notwendigkeit unbedingt nach sich ziehen muss (wie Kant behauptet), ist in der Forschung noch kontrovers. Mit anderen Worten: Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass Apriorisches nicht notwendig ist (Saul A. Kripke), was im Umkehrschluss natürlich bedeuten würde, dass das „also“ in deinem Satz oben nicht zwingend wäre. Aber das ist wieder eine separate Frage.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

H Thomas,

Mit meiner Betrachtung durch antagonistische widersprüche und
nicht durch feste Punkte kann ich getrost auf den Ausdruck
Zeit komplett verzichten. Sie ist also NICHT a priori!, wie es
Kant so für sich festgelegt hat.

Ob die Kennzeichnung als a priori die Notwendigkeit unbedingt
nach sich ziehen muss (wie Kant behauptet), ist in der
Forschung noch kontrovers. Mit anderen Worten: Es besteht
durchaus die Möglichkeit, dass Apriorisches nicht notwendig
ist (Saul A. Kripke), was im Umkehrschluss natürlich bedeuten
würde, dass das „also“ in deinem Satz oben nicht zwingend
wäre. Aber das ist wieder eine separate Frage.

Das Problem könnte ich ja mit meiner Determinismuslösung der Forschung problemlos abnehmen, wenn man dies auch als Methode und den Rest dazu verstünde. Ich muß noch nicht mal Bewegung als solche als Axiom oder a priori festlegen, da sie eh Daseinsweise der Materie ist. Keine Bewegung -> keine Erkenntnis.
Verstehe die Lösung als das, was tagtäglich in unseren Köpfen passiert. Hier liegt der Unterschied zu Idealismus und Materialismus, dass Idealismus Zufall mit ODER verknüpft, Notwendigkeit mit UND, Materialisten umgekehrt. Wenn du im Minkowskidiagramm beispielsweise den 0-Punkt als in deinem Gehirn befindlich verstehst, ziehe ich somit Erkenntnisse aus der Vergangenheit, negiere sie nochmals und erhalte das Werkzeug, in die Zukunft zu schauen - ausschließlich. Das mehr oder weniger exakt.
Idealisten schauen dagegen ausschliesslich in die Vergangengheit und versuchen diese zu erfassen und durch Begriffe zu klären, ich durch Abläufe und Abhängigkeiten. Die Betrachtungsweisen sind diametral verschieden.
Der Witz ist, dass ich somit schneller in der Lage bin, meinen Verstand zu schärfen, da ich mir gestellte Prognosen entweder bestätigt bekomme oder nicht und dann nach dem Denkfähler suchen kann. Genau daraus habe ich diese Determinismuslösung entwickelt, die sich bislang überall bestätigte.
Sie ist Methode. Mathe wird nur noch zur Detailbetrachtung benötigt, ist eh nicht universell anwendbar (Zufall fehlt ganz). Wieso soll sie nicht für jegliche Anwendungsgebiete gleichsam gültig sein? Ich hab doch eh nur einen Kopf, mit dem ich Erkenntnis gewinnen kann.
Die von mir beschriebene scharfe Trennung von Idealismus und Materialismus gibt es so in der Realität nicht. Mischformen sind das Normale.

Gruß
Frank