derselbe Text, nur neu formatiert
Hallo Frank,
[ich hatte durch das Kopierverfahren den Text schwer lesbar gelassen, daher hier nochmal in neuer Formatiertung (sorry)]
merkwürdig, dass du es immer wieder schaffst, mich zu einem Antwortposting zu bewegen … 
Ich lasse jetzt mal sämtliche Polemik raus, um zu zeigen, wo genau das, was du schreibst mir widersinnig erscheint.
> Wenn hier irgendetwas absurd ist, ist es das, was als
> wissenschaftlich vielfach verkauft wird.
Der Begriff „wissenschaftlich“ ist ziemlich vieldeutig, und es ist die Frage, wie man diesen Begriff füllen sollte. Darüber eine Diskussion zu führen, scheint mir jetzt nicht sinnvoll, weil es zu sehr ausufern würde. Darüber können wir im Einzelnen mal im Philosophiebrett diskutieren.
> Da kommt dann sogar ein Miller und behauptet (!), Kant hätte
> den Zeitbegriff nicht axiomiert,
Kant hat den Zeitbegriff nicht „axiomiert“ - wie du behauptest - erstens weil es den Begriff „axiomiert“ gar nicht gibt (es muss wenn überhaupt „axiomatisiert“ heißen), und zweitens hat er den Zeitbegriff auch nicht axiomatisiert, weil Axiomatisierung ein Verfahren ist, das folgende Kriterien erfüllen muss: Es wird ein Axiom gesetzt, und ein Axiom ist ein Grundsatz, der weder bewiesen werden soll, noch bewiesen werden muss, noch bewiesen zu werden braucht, weil er unmittelbar einleuchtet. Dieses Kriterium erfüllt der Zeitbegriff Kants nicht. Du schüttest Axiomatisierung (die Anwendung einer nicht zu beweisenden Voraussetzung), transzendentale Begründung (den Versuch des Nachweises unbedingter Voraussetzung aufgrund der Aufweisung der Bedingungen der Möglichkeit von etwas), phänomenologische Begründungsverfahren und andere sinnvolle Verfahren in einen Topf, weil sie nicht zu deiner Theorie passen, an der du alles messen möchtest.
> interpretiert Marx aus seinem
> idealistischen Standpunkt, hat noch nichtmal die Dialektik
> begriffen (–> Kant und Erkantnis), aber unterstellt mir
> Absurditäten.
Der Begriff der Dialektik ist fast ebenso vieldeutig wie der Wissenschaftsbegriff. Du benutzt denjenigen von Engels, ohne ihn von dem Dialektikbegriff von Marx abzusetzen oder zumindest die Differenz anzuerkennen.
> Absurd ist definitiv, auf willkürlich festgelegten Begriffen
> eine Wissenschaft aufzubauen. Das siehst du deutlich an
> solchem Quatsch wie Urknall (zuerst wohl auch bei Kant) und
> sich daraus ergebender Unvereinbarkeit verschiedener Zweige
> ein- und derselben Wissenschaft. In diesem Land hat noch
> nichtmal eine Form der Gesellschaftswissenschaften den Hauch
> einer Wissenschaftlichkeit (wäre tödlich).
Du polemisierst. Die Urknalltheorie bei Kant anzusetzen, ist genauso unsinnig, wie die Gesellschaftswissenschaften als Prototyp von „Wissenschaft“ anzudeuten.
> Dafür habe ich aber gesuicht und bin logischerweise fündig
> geworden, wo bei Marx genau das steht, was ich dir die ganze
> Zeit versuche rüberzubringen:
> http://mlwerke.de/me/me40/me40_568.htm
Schönen Dank für den Link, allerdings verstehe ich nicht, inwiefern dieser Link hier einschlägig sein soll, denn der von dir verwendete Begriff der „Bewegung“ ist gänzlich anders gemeint als hier bei Marx. Der Begriff der Zeit, über den wir hier diskutieren, taucht in dem ganzen Text gar nicht auf, und auch von Kant ist nirgends die Rede.
[Die Fülle der wirklich interessanten Äußerungen von Marx zu Hegel müsste man sich freilich im Einzelnen ansehen, um genau zu prüfen, wo der Fehler steckt (es ist meines Erachtens - kurz gesagt - die Forderung nach einer Aufhebung der Abstaktion, die an sich nicht falsch ist, aber leider in das Gegenteil umschlägt - die Diskussion würde hier wieder zu weit führen).]
> Wenn du von deinem idealistischen Standpunkt nicht abkehrst
> und die eigene Aussagenlogik negierst, ist es unmöglich mich
> zu verstehen, weil ich nicht an einem idealistischen Weltbild
> weiterbasteln kann. Jegliches ist schon im Ansatz Unsinn.
Mit dieser Einstellung verhältst du dich nicht etwa „wissenschaftlich“, sondern du verweigerst geradezu die Diskussion (die doch für Wissenschaft konstitutiv sein sollte) - ein Verfahren, dass ich sonst nur aus der Esoterik kenne, wo immer gefordert wird, man solle doch endlich einmal den Widerstand gegen die Prinzipien (etwa der Astrologie) aufgeben, dann würde man schon sehen, dass es funktioniert.
> In obigem Text ist ganz klar der Unterschied zum Idealismus
> herausgestellt. Kann man aber wohl nur erfassen, wenns auch
> mit Hegels dialektischer Methode klappt.
Der Gegensatz, den Marx herausstellt, ist der Gegensatz der Konzeptionen von Hegel und Marx, mehr nicht. Kant hat sich gegen den Vorwurf des Idealismus gewehrt (ich hatte dir den Link aus der „Kritik der reinen Vernunft“ schon einmal gepostet). Außerdem hatte ich schon einmal dargelegt, dass der Begriff des Idealismus häufig mit dem Begriff des Spiritualismus verwechselt wird, was in der Geschichte der Philosophie viel Unheil angerichtet hat. Der Idealismus bezieht sich auf die subjektive Wirklichkeit von Erkenntnis, der Spiritualismus auf das objektive Dasein eines Gedankens. Diesen Fehler kann man meinetwegen Hegel gerne vorwerfen (wenn man ihn so interpretieren will, wie Marx es tut - allerdings halte ich es, wie gesagt, nicht für richtig oder zumindest nicht für zwingend, Hegel so zu interpretieren); Kant hingegen trifft dieser Vorwurf überhaupt nicht, sondern der Gegensatz wirft geradezu ein Licht auf das Verhältnis zwischen kantischem und einsteinschem Zeitbegriff und zeigt, dass beide Zeitbegriffe durchaus vereinbar sind, nämlich weil sie perspektivisch differieren.
Alle drei Punkte weisen darauf hin, dass du die Sache, um die es dir geht, vereinfachst mit dem Ziel, deine Theorie bestätigt zu bekommen. Das ist - positiv formuliert - ein teleologisches Verfahren, das im Prinzip schon in der Renaissance als dasjenige Verfahren entdeckt wurde, dass den Erkenntnisfortschritt hemmt (anstatt ihn zu fördern), indem nämlich im Mittelalter das Ziel darin bestand, dass am Ende immer Gott herauskommt, bei dir kommt eben immer deine Theorie heraus. Das ist zumindest suspekt.
Herzliche Grüße
Thomas Miller