So ist es, und es ist ein nicht unbedeutendes Dokument, das dir da in die Hände gefallen ist. Du solltest es einmal in einem einschlägigen Museum oder an einer Uni mit Fachbereich „Reigionswissenschaft“ zeigen.
Nochmal mit etwas mehr Muße das Stück betrachtet, kann ich auch mehr dazu sagen: Es handelt sich um eine Anweisung, ein „Rezept“, wie der magische Spruch anzuwenden ist:
Es reiht sich der Form nach ein in die Tradition von Heilungsmagien, wie sie nicht nur frühneuzeitlich, sondern bereits in der Antike und Spätantike gebräuchlich waren. Hier geht es speziell um eine Abwehr gegen Tollwut:
„Vor den Törichten Hundepis“ ist zu übersetzen:
„(Schutzzauber) vor dem Biss des tollwütigen Hundes“.
Abwehr- und Heilungsmagien waren gerade in der Zeit, aus der deine Dilherr-Edition stammt, besonders häufig gegen Tollwut in Anwendung.
Magische Formeln gehören (und gehörten) nie zum semantisch-informatorischen Gebrauch von Sprache, sondern zu einer magischen-operativen Sprache: Die Wirkung geht nicht über das Verstehen von Text, sondern sie liegt im Akt des Aussprechens bzw. des Hörens. Dem entsprechend bestehen sie auch meist aus Lautbildungen rhythmischer Cluster von Silben mit bestimmten Strukturen aus Konsonanten und Vokalen (sie haben den Fachterminus „voces magicae“). Und selbst dann, wenn eine Ableitung aus bekannten speziell religiös bedeutsamen Sprüchen noch zu erkennen ist, wie z.B. seit dem 17. Jhdt. „hokuspokus“ (und viele ähnliche Varianten) aus lat. „hoc est corpus …“, dann haben sie im magischen Gebrauch keinerlei semantischen Bezug mehr zu diesen.
Beispiele anderer gebräuchlicher Sprüche:
abrakadabra (seit dem 2. Jhdt. bekannt)
hax. pax. max. deus adimax
oder
brax. pax. max.(seit dem 16. Jhdt)
ablanathanalba (ägyptisch)
arfaxat marfaxat parfaxat
usw.
Und wie ich inzwischen sah: Auch der Spruch auf deinem Blatt hat eine analysierbare traditionelle Struktur. Aber er hat keine semantische Relevanz.
Das wietere ist dann, wie wird so ein Spruch verwendet: Und wenn es um leibliche Gefahren- bzw. Krankheitsabwehr geht, dann kommt zum Sprechen/Hören die Einverleibung dazu. Natürlich erst Recht, wenn es darum geht, ein gefährliches Tier unschädlich zu machen.
Und genau das geschieht ja hier in diesem Rezept: Das Butterbrot (alltägliches Element menschlciher Nahrung) wird in Umkehrung, wie bei jedem → apotropäischen Zauber, dem gefährdenden Tier zu Fressen gegeben. Wie bei einer äußerlich harmlcosen Tablette mit einem Wirkstoff als Inhalt, wird der wirksame Zauberspruch daraufgeschrieben. Belegte Beispiele sind außer Brot: Oblaten oder Käsestücke.
Der Rezept- bzw. Anweisungscharakter des Zettels zeigt sich übrigens im Gebrauch des Partizips Perfekt „in die Butter geschrieben … zu fressen gegeben“. Das ist kein Bericht über eine vollzogene Handlung (wie ich zuerst glaubte), sondern ein implizierter Imperativ in einem Rezept (analog z.B. etwa „in Wasser gelöst und getrunken“.
„lateinische Wörter“ heißt hier lediglich, daß die Silben in lat. Buchstaben zu schreiben sind (hier in besonders hervorgehobener verzierter Schrift). Die Silben haben also keine Assoziation an bekannte lat. Vokabeln, sondern sie haben einen bestimmten magiespruch-typischen Aufbau in den Kategorien
Kernlaut
Variation
Rhythmus
Abschlusslaut
Gruß
Metapher