Zettel mit geheimnisvollem Spruch (gefunden in alter Bibel)

Liebe Community

In einer Dilherr-Bibel von ca. 1725 habe ich einen etwa 10 cm grossen Zettel mit einem geheimnisvollen Spruch gefunden. Was könnte der Sinn sein? Kann jemand noch mehr entziffern? Bis jetzt habe ich folgendes als Grundlage:

«Vor den Törichten Hunde gib / Ahah. Frah. Bah. Frah. / Brah. Frah. Joh rah. / auf eine Dotterb… / in die Butter geschrieben / die Lateinischen Worde und / zu.re… gegeben.»

Hier wird eine Art Zauberspruch im Zusammenhang mit Butter kurz erwähnt:
http://www.ederora-historica.de/mystisches.html
Könnte es etwas in diese Richtung darstellen? Weiss jemand mehr darüber, wie so ein Zettel gebraucht wurde?

Gruss
Flipflap

Hi,

dies ist offenbar ein Dokument bzw. ein „Beleg“ über die Anwendung eines Zauberspruchs ( = die 4x2 Silben in lateinischer Schrift).
Ich lese insgesamt dort:

Vor den Törichten Hundepis.

Ahah. Frah. Bah. Frah.
Brah. Frah. Toh rah.

auf eine Botterbemme
in die Butter geschrieben
die Lateinischen Worde und
zufressen gegeben

Trotz der in den Spruch eingebundenen Benennung der → Tora ist der Zauberspruch nicht einer bestimmten Magie-Tradition zuzuordnen (wie z.B. der lurianischen Kabbala des 18. Jhdts). Eine rhythmische Aneinanderreihung gleich-vokalischer und gereimter („Frah“), aber ansonsten sinnloser Silben und dies in lateinischen Buchstaben (also hier = Sakralschrift), lässt an Traditionen frühneuzeitlicher christlicher Volksmagie denken. Magisch wirksame Sprüche mussten nicht einem Sprüchekatalog entstammnen, sondern konnten individuell situativ gebildet werden.

Hier sollte offenbar auf einen Hund magisch eingewirkt werden: vielleicht Bestrafung („vor“ = „für“). Ihm wurde ein „Butterbrot“ zu fressen gegeben, auf das die Silben geschrieben wurden.

Gruß
Metapher

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PS: ja, etwas Analoges wird in deinem verlinkten Text erwähnt.

Danke, Metapher, für die vollständige Transkription und die inhaltlichen Erklärungen. Das gibt dem an sich unscheinbaren Zettel doch einen etwas einzigartigen Charakter. Also diesem Hund von damals möchte ich nicht begegnen… :slight_smile:

Vielleicht ein verlorener Teil der Merseburger Zaubersprüche?

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So ist es, und es ist ein nicht unbedeutendes Dokument, das dir da in die Hände gefallen ist. Du solltest es einmal in einem einschlägigen Museum oder an einer Uni mit Fachbereich „Reigionswissenschaft“ zeigen.

Nochmal mit etwas mehr Muße das Stück betrachtet, kann ich auch mehr dazu sagen: Es handelt sich um eine Anweisung, ein „Rezept“, wie der magische Spruch anzuwenden ist:

Es reiht sich der Form nach ein in die Tradition von Heilungsmagien, wie sie nicht nur frühneuzeitlich, sondern bereits in der Antike und Spätantike gebräuchlich waren. Hier geht es speziell um eine Abwehr gegen Tollwut:

Vor den Törichten Hundepis“ ist zu übersetzen:
„(Schutzzauber) vor dem Biss des tollwütigen Hundes“.
Abwehr- und Heilungsmagien waren gerade in der Zeit, aus der deine Dilherr-Edition stammt, besonders häufig gegen Tollwut in Anwendung.
Magische Formeln gehören (und gehörten) nie zum semantisch-informatorischen Gebrauch von Sprache, sondern zu einer magischen-operativen Sprache: Die Wirkung geht nicht über das Verstehen von Text, sondern sie liegt im Akt des Aussprechens bzw. des Hörens. Dem entsprechend bestehen sie auch meist aus Lautbildungen rhythmischer Cluster von Silben mit bestimmten Strukturen aus Konsonanten und Vokalen (sie haben den Fachterminus „voces magicae“). Und selbst dann, wenn eine Ableitung aus bekannten speziell religiös bedeutsamen Sprüchen noch zu erkennen ist, wie z.B. seit dem 17. Jhdt. „hokuspokus“ (und viele ähnliche Varianten) aus lat. „hoc est corpus …“, dann haben sie im magischen Gebrauch keinerlei semantischen Bezug mehr zu diesen.

Beispiele anderer gebräuchlicher Sprüche:
abrakadabra (seit dem 2. Jhdt. bekannt)
hax. pax. max. deus adimax
oder
brax. pax. max.(seit dem 16. Jhdt)
ablanathanalba (ägyptisch)
arfaxat marfaxat parfaxat
usw.
Und wie ich inzwischen sah: Auch der Spruch auf deinem Blatt hat eine analysierbare traditionelle Struktur. Aber er hat keine semantische Relevanz.

Das wietere ist dann, wie wird so ein Spruch verwendet: Und wenn es um leibliche Gefahren- bzw. Krankheitsabwehr geht, dann kommt zum Sprechen/Hören die Einverleibung dazu. Natürlich erst Recht, wenn es darum geht, ein gefährliches Tier unschädlich zu machen.

Und genau das geschieht ja hier in diesem Rezept: Das Butterbrot (alltägliches Element menschlciher Nahrung) wird in Umkehrung, wie bei jedem → apotropäischen Zauber, dem gefährdenden Tier zu Fressen gegeben. Wie bei einer äußerlich harmlcosen Tablette mit einem Wirkstoff als Inhalt, wird der wirksame Zauberspruch daraufgeschrieben. Belegte Beispiele sind außer Brot: Oblaten oder Käsestücke.

Der Rezept- bzw. Anweisungscharakter des Zettels zeigt sich übrigens im Gebrauch des Partizips Perfekt „in die Butter geschrieben … zu fressen gegeben“. Das ist kein Bericht über eine vollzogene Handlung (wie ich zuerst glaubte), sondern ein implizierter Imperativ in einem Rezept (analog z.B. etwa „in Wasser gelöst und getrunken“.

„lateinische Wörter“ heißt hier lediglich, daß die Silben in lat. Buchstaben zu schreiben sind (hier in besonders hervorgehobener verzierter Schrift). Die Silben haben also keine Assoziation an bekannte lat. Vokabeln, sondern sie haben einen bestimmten magiespruch-typischen Aufbau in den Kategorien
Kernlaut
Variation
Rhythmus
Abschlusslaut

Gruß
Metapher

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Danke, Methapher, für diese weiteren sehr interessanten Hintergrundinformationen, die du mir zusammengestellt hast. Ich bin überrascht, was da alles dahintersteckt.
Über die Herkunft weiss ich leider nichts genaueres. Ich hatte die Bibel von einem ehemaligen Schriftsetzer abgekauft, der mittlerweile gestorben ist. In der Bibel habe ich eine Postkarte gefunden:
Poststempel 8.4.(19)05 Narsdorf. «Herrn Karl Vollert, … Dölitssch b. Narsdorf» «Lieber Bruder! Wir werden dich morgen Sonntag besuchen. Achtungsvoll Emil Vollert. Obergräfenheim den 8. April 1905»
Weitere Beobachtungen habe ich in der Ausschreibung notiert: „Biblia, Das ist: die gantze Heilige Schrifft, deß Alten …“ (Martin Luther / Johann Michael Dilherr) – Buch antiquarisch kaufen – A02Jivy901ZZy
Da ich noch eine weitere Dilherr-Bibel besitze, die besser erhalten ist, habe ich dieses Exemplar zum Verkauf ausgeschrieben.
Viele Grüsse
Flipflap

Die Postkarte mit dem Stempel

gibt natürlich keinen Hinweis auf die Herkunft des Blattes. Das Blatt stammt meiner Einschätzung nach aus der ersten Hälfte bis Mitte des 18. Jhdts. Denn: Die Schrift, mit Federkiel (!) geschrieben, entspricht noch exakt der von Hilmar Curas aus der Kanzleischrift entwickelten und 1714 in Preußen als Normschrift an den Schulen eingeführten Deutschen Kurrent. Aber die Orthographie („-pis“ statt „- biss“, „Worde“ statt „Worte“, „zufressen“ in 1 Wort) ist noch individuell auditiv geprägt.

Das Blatt wird du ja sicher nicht zusammen mit dem Buch verkaufen!? :flushed_face:

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Danke für die Datierung.

Nein, das Blatt behalte ich als Fundstück - erst recht, nachdem ich nun so viel von dir erfahren habe.

Servus,

von den Merseburger Zaubersprüchen sind insgesamt zwei erhalten. Beide sind in Althochdeutsch verfasst und sie weisen den selben Aufbau aus - einen vollkommen anderen als der vorgelegte Text.

Moral: Das kann vieles sein, aber jedenfalls kein zusätzlicher Merseburger Zauberspruch.

Schöne Grüße

MM

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