Hallo Marion,
zunächst zu den Äußerlichkeiten. Das Zeugnis muß…
- auf offiziellem Firmenpapier geschrieben sein
- darf nur geknickt sein wenn man es kopieren kann ohne daß die Knicke auf den Duplikaten sichtbar sind
- das Adressfeld darf nicht, wie bei einem Brief, ausgefüllt sein
- das Datum SOLLTE (ist aber nicht einklagbar) auf den Tag des Ausscheidens aus dem Unternehmen datiert sein (nicht etwa auf das Datum, an dem der Text geschrieben wurde)
- die Unterschrift muß von einem hochrangigen Vertreter der Firma (Chef, Leiter Personalabteilung, …) persönlich geleistet worden sein. „I. A. Müller, Sekretärin des Abteilungsleiters“ reicht nicht
- unter der Unterschrift müssen Name und Funktion des Unterzeichnenden nochmal in Maschinenschrift stehen.
Nun zum Inhalt.
Frau X war von … bis… in unserem Unternehmen tätig.
Kein negativer Satz für dich, aber ein Hinweis darauf dass der Zeugnisschreiber sowas nicht oft textet. Das läßt dann auch weitere ungeschickte Formulierungen etwas neutraler wirken weil klar wird: das ist nicht unbedingt schlecht gemeint, nur ungeschickt ausgedrückt weil nicht klar war wie das interpretiert werden könnte.
Der Satz würde besser lauten: Frau X, GEBOREN AM 12.3.4567 IN ABC-STADT, war vom … bis zum … als BERUFSBEZEICHNUNG in unserem Unternehmen tätig.
Das Aufgabengebiet von Fr. XXX umfasst folgende Tätigkeiten:
Wenn es ein Abschlußzeugnis ist sollte es „umfasstE“ heißen, denn das ist ja beendet. Bei einem Zwischenzeugnis: okay.
-Telefonische Annahme und Beantwortung gezielter
Kundenanfragen im Auftrag unserer Mandanten mittels spezieller
DV-Systeme
-Weiterleitung von Reklamationen an die entsprechenden
Serviceteams
-Klärung und Aktualisierung von Kundenadressen im Dialog
-Individuelle Verkaufsberatung und Betreuung von Kunden am
Telefon
-Verkauf von Alternativ-, Zusatz- und Sonderangeboten am
Telefon
Aus Prinzip füge ich gerne
- administrative Tätigkeiten
hinzu. Das heißt konkret nichts
klingt aber immer gut, und irgendwelche bürokratischen Sinnlosaufgaben gibt es in JEDEM Job, es paßt also immer. Macht das Zeugnis für den nächsten AG etwas interessanter…
Frau XXX verfügte jederzeit über eine hohe Arbeitsbereitschaft
und Pflichtaufassung. Sie war immer eine belastbare und
ausdauernde Mitarbeiterin.
OK.
Sie hat sich rasch eingearbeitet, ihr gute fachliche Kompetenz
und ihr überwiegend freundliches und zuvorkommendes Wesen
spiegelten sich zu jeder Zeit in der guten Qualität ihrer
Kundengespräche wider.
Richtig zusammengezuckt bin ich bei dem Wort „überwiegend“. Das ist nämlich sehr schlecht, es weist sehr deutlich darauf hin dass es nicht immer der Fall war, man bescheinigt hier also, ohne es klar zu sagen, dass du manchmal unfreundlich warst.
Das Wort „überwiegend“ muß in jedem Fall weg weil es das ganze Zeugnis extrem nach unten zieht!
Gut ist allerdings dass die immer gute Qualität deiner Arbeit gelobt wird.
Hervorzuheben waren ebenfalls ihre Sortimentsberatungen und
der erfolgreiche Verkauf von Zusatz- und Alternativangeboten
während der Gespräche.
Sehr gut - hier wirst du besonders gelobt.
Auf Grund ihrer guten Auffassungsgabe war es möglich, Fr. XX
für die Betreuung mehrerer Mandanten unseres Unternehmens
einzusetzen.
„War es möglich“ klingt so ein bisschen nach „weil es nicht anders ging haben wir es gemacht und es klappte gerade so“. Wahrscheinlich ist das nicht so gemeint, man will hier wohl hervorheben dass du gut warst, es ist nur wieder mal sehr ungeschickt formuliert. Besser wäre: Auf Grund ihrer guten Auffassungsgabe haben wir Frau X für … eingesetzt.
Fr. XXX wurde als kompetente und hilfsbereite
Gesprächspartnerin anerkannt und geschätzt.
Von wem? Von den Kunden, den Mitarbeitern, den Vorgesetzten? Dieser Satz gehört hier auch noch nicht hin, denn wir sind noch im Bereich der Leistungsbeurteilung. Das Sozialverhalten wird erst im nächsten Abschnitt abgehandelt.
Da es vermutlich um deinen Umgang mit Kunden geht sollte das klarer eingegrenzt werden und es muß deutlich werden dass es hier noch um deine fachliche Leistung geht, nicht dein Verhalten. Besser wäre also: Frau X kümmerte sich stets gut und kompetent um die Bedürfnisse unserer Kunden.
"
ie Fr. XXX übertragenen Aufgaben wurden selbstständig,
gewissenhaft und stets zu unserer vollen Zufriedenheit
ausgeführt."
„Übertragen“ wird oft als Hinweis darauf, dass jemand aus eigenem Antrieb nicht in die Gänge kam, verstanden. Zwar wird das hier gleich negiert, man will also schon sagen dass du selbstständig warst. Dann wollte das „übertragen“ aber auch gestrichen werden, besser wäre: Frau X erledigte ihre Aufgaben stets selbstständig…
Ihre Zuverlässigkeit sowie die Bereitschaft zu Mehr- bzw.
Zusatzarbeit waren vorbildlich.
OK
Fr. XXX war eine sehr vertrauenswürdige und
verantwortungsbewusste Mitarbeiterin. Ihr Verhalten zu
Vorgesetzten, Kollegen und Kunden war zu jeder Zeit korrekt.
„War“ vertrauenswürdig? Also bist du es jetzt nicht mehr? Bessere Formulierung: IST eine vertrauenswürdige…
„War zu jeder Zeit korrekt“ ist negativ, denn es war offenbar gerade mal eine Stufe über „schlecht“. „Korrekt sein“ bedeutet dass man dir gerade so nichts vorwerfen kann. Begeisterung über eine angenehme Mitarbeiterin sieht anders aus.
Nachdem weiter oben schon mal ein harter Seitenhieb auf deine nur „überwiegend freundliche“ Art kam ist das jetzt ein erneuter Schlag in diese Kerbe. Da dieses Verhalten gegenüber „Vorgesetzten, Kollegen und Kunden“ genannt wird bleibt als Info hängen: Frau X kann manchmal ein richtige Zicke sein und schlägt dann gegen jedermann um sich. Das „korrekt“ sollte also gegen ein besseres Adjektiv getauscht werden, z. B. „sehr freundlich“ oder so…
Frau XXX verlässt das Unternehmen auf eigenen Wunsch. Wir
bedauern dies sehr und wünschen Frau XXX auf Ihrem weiteren
Lebensweg alles Gute und weiterhin viel Erfolg.
In Ordnung, ist ein guter Schlußsatz, wobei ganz perfekt wäre wenn „Lebensweg“ durch „beruflichen und privaten Lebensweg“ ergänzt würde.
Insgesamt ein gutes Zeugnis, du kommst nicht schlecht weg. Von der Benotung her ist das völlig in Ordnung, aber ein paar Sachen sind nicht ideal formuliert. Es ist zwar schnell klar dass man dir keinen reinwürgen will sondern nur blöd formuliert hat, auch das muß ja nicht unbedingt sein.
Deutlich negativ ist allerdings der einzelne Punkt dass du manchmal unfreundlich und zickig wirst. Das sollte auf jeden Fall „neutralisiert“ werden, weil das wirklich schlecht rüberkommt und sicherlich vielen nicht gefallen wird, die das über dich lesen.
Gruß,
MecFleih