Zielstrebigkeit und Ausdauer trainieren

Hallo Experten!

In meinem Leben gibt es eine besonders bestimmende Kraft, die Euphorie heißt. Sie ist es, die meine Leidenschaft entfesselt, mich berauscht, mich lebendig macht. Und dann genauso schnell wieder erlischt wie ein Buschfeuer. Wenn dann nicht etwas Neues kommt, das mich mitreißt, stürze ich meistens in ein Loch.
Die Konsequenzen sehen für mich so aus, dass ich permanent etwas beginne, was mich ein paar Stunden oder Tage oder höchstens einige Wochen vollkommen beschäftigt und mir dann langweilig oder zu kompliziert wird.
Dinge, die ich mir vornehme, scheitern ständig an meiner Ausdauer. Ich halte nichts durch. Und das kotzt mich wirklich an!
Ich habe so viele Träume und Wünsche. Aber ich habe keine Ahnung, wie ich etwas kontinuierlich durchhalten und anstreben soll.

Habt ihr konstruktive Ideen und Ratschläge??? Ich verzweifle nämlich langsam.

Danke im Voraus,

Danielle

Buschfeuer
Hi Danielle

die von dir beschriebenen Eigenschaften sind sind durchaus bekannt und auch hier schon oft diskutiert worden. Daher hier erstmal ein Link zu einigen einschlägigen Posting von mir dazu:

http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…
(und meine Antwort dazu)

Ein hohes Maß an Interessiertheit, ein enormes Vermögen an Konzentration und Aufmerksamkeit, aber ein völliger Kollaps gerade dieser Eigenschaften ("…stürze in ein Loch"), wenn es in langfristige Planung und eintönig-reizlose Arbeit übergeht: das sind genau die Erscheinungen, die seit längerer Zeit unter dem Begriff „Hunter-Persönlichkeitstypus“ beschrieben werden.

Hier noch einige Links, bei denen du manches dir Bekannte wiederfinden wirst:

http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…

http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…

Diese Eigenschaft wirst du kaum verändern können, es wäre auch schade drum. Aber was man lernen kann (und sicher auch muß, um Schaden zu vermeiden), ist, diese Eigenschaften zu durchschauen und ein entsprechendes Selbstmangament zu entwickeln.

Eine wichtige Einführung in dieses Interpretationsmodell der Hunter-Persönlichkeit ist diese hier:

Thom Hartmann: Eine andere Art, die Welt zu sehen.
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3795007356/o/q…

Thom Hartmann: ADD: Veränderungen selbst bewirken. Einfache Übungen, die Ihr tägliches Leben verändern werden.
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3795007623/qid…

Deine Selbstbeschreibung vor allem auch in der ViKa (… Fallschirmspringen oder sich verlieben) trifft übrigens in dieser Richtung genau ins Schwarze :wink:

Grüße

Metapher

Hallo Danielle !

Ich finde es sehr schön und gut, dass Du positiv versuchst von Euphorie und Leidenschaft zu sprechen. Nutze diese Energie und versuche sie, in die richtigen (konstruktiven)Bahnen zu lenken.

Einige Tips hast Du schon bekommen, die ich vielleicht etwas engstirnig aus Sicht eines Psychiaters bzw. Verhaltenstherapeuten mit Schwerpunkt Selbstmanagement / ADHS beleuchten möchte. Dies ist nur ein kleiner Teil eines möglichen Gesamtbildes, aber immerhin…

Wie schon in der ersten Antwort angedeutet, kann man einen Teil dieser tollen Eigenschaften auf eine biologische Veranlagung (namens ADHS oder Hyperkinetisches Syndrom) zurückführen. Dies wäre aber eine „Störung“, die bereits im Kindesalter beginnt. Michael Garnatz von der Webseite www.hypies.de beschreibt sehr schön, dass dies keinesfalls nur eine „Krankheit“, sondern eher eine Besonderheit (oder vielleicht Abweichung von „der Norm“ ist. Der bereits erwähnte Thom Hartman führt dies in Büchern aus (ich könnte jetzt viel Negatives dazu schreiben, lass es mal lieber). Jedenfalls gibt er (auch unabhängig von dem Begriff ADHS) u.a. Tips zum konstruktiven Umgang mit soviel Energie und Multitasking-Fähigkeiten.

Ich (als ein Psychiater mit Schwerpunkt ADHS) würde je nach Leidensdruck entweder
a) Nichts-tun und mich über meine positiven Seiten freuen
b) mich mit dem Ansatz der Salutogenese von Antonovsky anfreunden und eher auf meine Ressourcen und Fähigkeiten konzentrieren
c) zu Selbstmanagementansätzen eines Kanfer oder anderer Psychotherapeuten tendieren
d) eine Verhaltenstherapie aufnehmen, um über Selbstbeobachtung und Anleitung zum Selbstmanagement etwas zu beeinflussen
e) überlegen, ob (bei bestätigter ADHS-Diagnose) eine Medikation mit Psychostimulantien (oder bestimmten Antidepressiva) im Rahmen eines Gesamtbehandlungsansatzes eine Veränderung erbringt.

Ehrlich gesagt : Wenn es sich um ADHS handelt, würde entweder Empfehlung a oder Empfehlung e etwas bringen.

Entweder man kann sein Leben so organisieren und sich Nieschen erobern, dass man keine Therapie braucht. Oder aber man sollte einen Therapieversucht mit Medikamenten ernsthaft erwägen.

Mehr zum Thema ADHS findet man
in einer tollen Mailingliste (namens [email protected])
meiner Internetseite www.adhs.ch
www.ads-hyperaktivitaet.de
www.bv-ah.de
www.auek.de
www.adhs-zentrum.de
und zahlreichen weiteren Seiten
und natürlich unter www.hypies.de

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hallo Metapher!

Vielen Dank für deine Antwort. Die Dinge, die du da schreibst, sind für mich vollkommen neu. Ich habe mich mit diesem Thema noch nie befasst - vielleicht mal am Rande, konnte mich damit aber wohl nicht identifizieren. Doch seitdem ich heute Morgen dein Posting gelesen habe, musste ich die ganze Zeit darüber nachdenken (wäre das auch schon wieder symptomlastig?!).

Ich denke, ich werde erstmal die ganzen Seiten durchlesen, die du mir geschickt hast, um mich mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Zur Info: Ich mache seit knapp 6 Jahren eine Psychotherapie und habe meine Probleme eigentlich immer bei meinen Depressionen und Essstörungen gesehen (bedingt durch eine alkoholkranke Mutter).

Wie schon beschrieben, habe ich viele euphorische Phasen. Allerdings habe ich auch das genaue Gegenteil - die Depressionen, die die meisten meiner Erfolge oder Pläne durchkreuzt haben.

Ich hatte letztes Jahr ein sehr schlimme Zeit, in der ich mich zu kaum etwas aufraffen konnte. Langsam klingt das wieder ab.

Aber was immer noch nachhaltig da ist, ist dieses Erleben der Welt wie durch eine Watteschicht. Meine Umwelt ist für mich oft nur diffus wahrnehmbar. Ich fühle mich nicht echt. Wenn ich Aufgaben und Ziele habe, dann kann ich diesem Cocoon-Zustand für eine Weile entkommen.

Es würde mich interessieren, ob dies nun auch zu deinen Formulierungen passt. Das wäre nämlich die andere Seite von mir.

Gruß,

Danielle

Hallo,

Es würde mich interessieren, ob dies nun auch zu deinen
Formulierungen passt. Das wäre nämlich die andere Seite von
mir.

Depressionen gepaart mit euphorischen Phasen lassen auch an bipolare Störungen (manisch-depressiv) denken. Vielleicht sind Deine euphorischen Phasen das, was man als hypomane Episode bezeichnet. Siehe http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…

In der Kriterienliste steht unter 5) auch etwas von erhöhter Ablenkbarkeit. Das lehrt uns, daß nicht jede gesteigerte Aktivität oder Unaufmerksamkeit gleich ADS ist!

Gruß,

Oliver Walter

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Hi Danielle

Ich mache seit knapp 6 Jahren eine Psychotherapie
und habe meine Probleme eigentlich immer bei meinen
Depressionen und Essstörungen gesehen (bedingt durch eine
alkoholkranke Mutter).

Nur du oder auch dein(e) Therapeut(in)?
Abgesehen davon, daß das nicht mein Metier ist, ist es sicher nicht sinnvoll, dir hier „vielleicht-auch“-Diagnose-Vorschläge zu machen. Und meine Hinweise sollen auch nicht so verstanden werden. Dein(e) Therapeut(in) wird dir dazu doch sicher in den 6 Jahren Sinnvolles gesagt haben, was dich weiterbringt? Und das fehlende Durchhaltevermögen war dabei doch gewiß auch schon Thema?

Im Prinzip enthält aber der zuerst von Hartmann eingebrachte _Interpretations-_Vorschlag einer Persönlichkeitsstruktur auch Reaktionen in dieser von dir angedeuteten Richtung: Mit der geringen Frustrationstoleranz sind ja jede Menge Enttäuschungen zu verarbeiten, die das Selbstbild irritieren und damit auch das Realitätsbewußtsein.

Es war also nur als Vorschlag gemeint für dich, zusätzlich das Ganze auch einmal wenigstens vorübergehend in einem anderen Licht zu betrachten. Der Hartmannsche Ansatz wird in der therapeutischen Praxis inzwischen auch in D reichlich diskutiert …

Grüße

Metapher

Hallo Oliver!

Danke für die Antwort!Mit der hypomanen Episode kann ich mich nicht identifizieren.

  1. Ich habe immer ein sehr schlechtes Selbstwertgefühl
  2. Und brauche ausreichend Schlaf (mind. 8 Stunden, was ja normal sein soll)
  3. kenne ich schon, aber nur weil ich momentan privat sehr wenig Kontakte habe und ich daher viel in der Arbeit nachhole
  4. Ideenflucht kenne ich schon
  5. Ich bin extrem gut abzulenken, wenn ich mich mit Dingen befasse,
    die mir nicht wirklich Spaß machen
  6. Diese Unruhe hatte ich Anfang 2003, aber da hatte ich auch eine
    sehr gute Phase; hatte 10 Kilo abgenommen, war von meinem langjährigen Freund getrennt, bin umgezogen und habe die Zeit als sehr schön empfunden
    7)Angenehme Aktivitäten sind zwar bei mir sehr wichtig, aber sie arten eigentlich nicht aus. Wenn ich kein Geld habe, habe ich keins mehr zum Ausgeben
    C) Ich habe schon sehr launische Tage, wo ich bestimmt auch weniger arbeitsfähig bin als sonst
    D) was auch sicherlich zu beobachten ist
    E) Ich habe mich im letzten halben Jahr extrem stark von sozialen Kontakten zurückgezogen. Meine Gewichtszunahme sah ich als ausschlaggebenden Grund, da ich Gespräche darüber nicht vertragen kann
    F)Mit Drogen habe ich an sich keine Probleme. Ich bin „nur“ Raucherin,
    trinke ab und zu etwas. Aufgrund schlimmer Periode-Beschwerden nehme ich zu anstehenden Zeiten regelmäßig Tabletten ein, was ich als einzig kritisch betrachte

Grundlegend kann ich mich mit den Symptomen, die Metapher aufgezählt hat, eigentlich recht gut erkennen. Aber ich muss das vertiefen. Ich glaube, dass, falls ich wirklich „betroffen“ bin, ich wahrscheinlich unter nicht allzu extremen Wirkungen leide. Mir fällt es nämlich schwer, mir vorzustellen, dass mein Psychotherapeut nicht auf die Diagnose gekommen sein soll oder mir diese zumindest nicht mitgeteilt hat.

Momentan bin ich wirklich sehr am grübeln…

Gruß,

Danielle

Hallo Martin!

Auch dir herzlichen Dank für deine Mühe!

Ich werde den Nachmittag erst einmal dazu nutzen, eure Informationen zu verarbeiten, da ich auf diesem Gebiet wirklich kaum Ahnung habe.

Es wäre toll, wenn ihr mir vielleicht ggf. morgen noch einmal Rede und Antwort stehen würdet.

Es fällt mir nämlich momentan schwer, die Fragen herauszufiltern, die ich stellen könnte, ohne ihre Beantwortung woanders erlesen zu können.

Gruß,

Danielle

Hallo Danielle,

danke für Deine Antwort. Einige Dinge passen schon, oder? Und es müssen ja auch nur mindestens 3 sein. Aber egal, denn ein Durchgehen der Liste, so informativ es in diesem Fall auch gewesen ist, stellt noch keine richtige Untersuchung dar. Zwei Dinge sind mir auf die Schnelle aufgefallen:

a) Wieso bezeichnest Du Deine Phasen als „euphorisch“, wenn Du doch meinst, ständig ein niedriges Selbstwertgefühl zu haben?
b) Du schreibst einmal von 10 Kilogramm Gewichtsverlust und dann wieder von Gewichtszunahme. Trifft beides zu oder war das eine ein Vertipper?

Ach ja, Kriterium F bezieht sich darauf, daß die hypomanen Symptome NICHT auf Medikamente, Drogen etc. zurückzuführen sind.

Dann möchte ich noch hinzufügen, daß die hypomanen Phasen nur die eine Seite eines umfassenden Problems darstellen. Die andere Seite - Depression - ist in [FAQ:1346] beschrieben. Manchmal gibt es dieses Abwechseln von depressiven Phasen (Traurigkeit, niedriges Selbstwertgefühl u.a.) und hypomanen Phasen, was bipolare Störung (Bipolar II) genannt wird. Daran dachte ich bei Deiner Beschreibung von Depression und Deinen euphorischen Phasen, nicht nur an hypomane Phasen.

Momentan bin ich wirklich sehr am grübeln…

Hoffentlich kein depressives Grübeln! :smile:

Gruß,

Oliver Walter

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Hallo Metapher!

Nur du oder auch dein(e) Therapeut(in)?
Abgesehen davon, daß das nicht mein Metier ist, ist es
sicher nicht sinnvoll, dir hier
„vielleicht-auch“-Diagnose-Vorschläge zu machen. Und meine
Hinweise sollen auch nicht so verstanden werden. Dein(e)
Therapeut(in) wird dir dazu doch sicher in den 6 Jahren
Sinnvolles gesagt haben, was dich weiterbringt? Und das
fehlende Durchhaltevermögen war dabei doch gewiß auch schon
Thema?

Ja, das war bereits Thema. Sehr oft sogar. Allerdings hat er mir ggü. nie eine konkrete Diagnose geäußert - und ich habe nie danach gefragt. Schließlich hätte ich ja am besten wissen müssen, weswegen ich da bin und immer wieder verlängert habe.

Im Prinzip enthält aber der zuerst von Hartmann eingebrachte
_Interpretations-_Vorschlag einer Persönlichkeitsstruktur
auch Reaktionen in dieser von dir angedeuteten Richtung: Mit
der geringen Frustrationstoleranz sind ja jede Menge
Enttäuschungen zu verarbeiten, die das Selbstbild irritieren
und damit auch das Realitätsbewußtsein.

Es war also nur als Vorschlag gemeint für dich,
zusätzlich das Ganze auch einmal wenigstens
vorübergehend in einem anderen Licht zu betrachten. Der
Hartmannsche Ansatz wird in der therapeutischen Praxis
inzwischen auch in D reichlich diskutiert …

Welcher Ansatz es nun von wem ist, ich habe aber ganz stark das Gefühl, dass an deinen Aussagen etwas dran ist. Ich versuche das erst einmal zu verarbeiten. Dann werde ich mal einen ausführlichen Text über mich erstellen und versuchen abzugleichen.

Ich danke dir nochmals! Ich glaube, du hast mich heute echt weitergebracht!

Gruß,
Danielle

Grüße

Metapher

Hallo Walter

Hallo Danielle,

danke für Deine Antwort. Einige Dinge passen schon, oder? Und
es müssen ja auch nur mindestens 3 sein. Aber egal, denn ein
Durchgehen der Liste, so informativ es in diesem Fall auch
gewesen ist, stellt noch keine richtige Untersuchung dar. Zwei
Dinge sind mir auf die Schnelle aufgefallen:

a) Wieso bezeichnest Du Deine Phasen als „euphorisch“, wenn Du
doch meinst, ständig ein niedriges Selbstwertgefühl zu haben?

Mein Selbstwertgefühl steht bei einer Euphorie mehr im Hintergrund. Wenn mich ein (neues) Thema richtig beschäftigt, rückt alles andere in den Hintergrund. Dann ist mein Aussehen, meine Figur, mein Essverhalten nicht mehr wichtig. Ich lasse mich dann sehr schnell gehen, esse was ich will und ziehe andauern dieselben Klamotten an.

Es (das Selbstwertgefühl) wird nur gesteigert, wenn ich mich (mal wieder) extrem mit meinem Körper auseinandersetze und eine Gewichtsreduzierung erwirke. Doch das ist dann auch wieder nur wie eine Phase angelegt.

b) Du schreibst einmal von 10 Kilogramm Gewichtsverlust und
dann wieder von Gewichtszunahme. Trifft beides zu oder war das
eine ein Vertipper?

Nein, kein Vertipper. Ich habe Anfang 2003 10 Kilo abgenommen, und dann Ende des Jahre 10 Kilo zugenommen. Frustration und Stress zeigt sich bei mir immer an dem was ich esse und in welcher Menge respektive auf der Waage. Und letztendlich wieder am Selbstbewusstsein.

Wenn ich eine Krise habe, dann holt mich eine neue Beschäftigung da heraus. Ich bezeichne mich selbst als sehr wankelmütig; sei es in physischer, psychischer oder emotionaler Hinsicht.

Ach ja, Kriterium F bezieht sich darauf, daß die hypomanen
Symptome NICHT auf Medikamente, Drogen etc. zurückzuführen
sind.

Dann möchte ich noch hinzufügen, daß die hypomanen Phasen nur
die eine Seite eines umfassenden Problems darstellen. Die
andere Seite - Depression - ist in [FAQ:1346] beschrieben.
Manchmal gibt es dieses Abwechseln von depressiven Phasen
(Traurigkeit, niedriges Selbstwertgefühl u.a.) und hypomanen
Phasen, was bipolare Störung (Bipolar II) genannt wird. Daran
dachte ich bei Deiner Beschreibung von Depression und Deinen
euphorischen Phasen, nicht nur an hypomane Phasen.

Momentan bin ich wirklich sehr am grübeln…

Hoffentlich kein depressives Grübeln! :smile:

Kein depressive Grübeln, eher ein nachdenkliches Grübeln. :wink:
Ich denke, ihr habt mich heute auf eine Spur gebracht, auf die ich selbst nicht gekommen wäre. Ich werde erstmal weitergrübeln!

VIELEN DANK für die schnellen und informativen Eingebungen!

Gruß,

Danielle

Gruß,

Oliver Walter

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Lieber Oliver !

Natürlich kann und sollte man nicht über das Internet eine Diagnose spekulieren. Aber es ist eben gerade eine üble Neigung der deutschen Psychiatrie nur checklistenartige die Kriterien abzufragen (Was ich natürlich dir nicht unterstelle, weil Du sehr sorgsam die Kriterien abwägst). Dennoch passt nicht alles in die Schublade Bipolar, was zunächst so aussieht… Die Bipolare Störung (auch die hypomanen Kriterien) lassen sich vergleichsweise gut von ADHS differenzieren (auf den Sonderfall der Komorbidität komme ich gerne zurück). In meiner Zeit an der Unipsychiatrie in Mainz habe ich häufig den Kopf geschüttelt, wie leichtfertig eine Diagnose einer Bipolaren Störung (oder auch schizoaffektiver Störungen) gestellt, aber ADHS nicht differentialdiagnostisch erwogen wird. Dies insbesondere vor dem Hintergrund das die Prävalenz von ADHS allgemein mit 4-6 Prozent angegeben wird, die der Bipolaren Störung oder gar schizoaffektiven Störungen oder Schizophrenie aber weit darunter liegt. Dennoch denkt man zunächst an das, was man kennt oder zu kennen glaubt.

Die Episoden einer Manie und einer Depression sind bei der Bipolaren Störung relativ klar voneinander zu differenzieren (auch wenn es die mixed states gibt). Meistens ist der Erkrankungsbeginn doch im jungen Erwachsenenalter, nicht aber (oder sehr selten und dann atypisch) im Kindesalter. Phasenwechsel treten vielleicht nach ein paar Tagen, aber doch typischer erst nach Wochen oder Monaten auf. Selten ist die Lebensgeschichte durch mangelnde Lernerfolge oder Abbrüche in der Ausbildung etc gekennzeichnet. Gerade die manischen oder submanischen Episoden sind doch Grandiositätsgedanken, Hypersexualisierung oder Kaufrausch etc. gekennzeichnet (sehr simpel beschrieben), aber doch eben auf diese Phasen beschränkt. Konzentration und Ablenkbarkeit können natürlich auch bei depressiven Episoden betroffen sein, aber dieses Bild unterscheidet sich sehr von der affektiven Beeinträchtigung bei ADHS. Nicht zuletzt ergibt die Familienanamnese Hinweise, ob eher eine genetische Veranlagung für ADHS oder affektive bipolare Störungen vorliegen könnte.

ADHS ist eine lebenslange biologisch geprägte (aber durch Lernerfahrung und Umgebungsfaktoren bestimmte) Symptomatik. Gerade bei Frauen ist aber (leider) die Diagnosestellung deshalb schwierig, weil eben hormonelle Faktoren (Wechselwirkung Dopamin, Serotonin und Östrogen) häufig erst mit der Pubertät die typischen Beschwerden zeigen. Charakteristisch für ADHS ist eine Selbstregulationsstörung bzw. Beeinträchtigung der sog. Handlungsfunktionen (Exekutivfunktionen), sowie starke affektive Schwankungen und Neigung zu impulsivem Verhalten. Die affektive Symptomatik der ADHS ist nicht in den offiziellen Diagnosekriterien vermerkt, wird aber von anerkannten ADHS-Experten (für Erwachsene) nicht in Frage gestellt.
Typisch ist hier eine sog. intermittierende Dysphorie. Dabei kann die Stimmung bisweilen am Tag mehrfach wechseln (KEIN rapid cycling!!!), und ist stark von Motivation und Umgebungsbedigungen beeinflusst. Typisch ist das „sensation seeking“, d.h. die mehr oder weniger starke Reizabhängigkeit bzw. Suche nach Stimulation. Dies kann auch zu Suchtverhalten führen. Interessant (in bezug auf die Fragestellerin) ist, dass es möglicherweise auch Verbindungen zu Essstörungen (insb. Bulimie und Binge eating Störungen gibt).

Übrigens hat die DGPPN jetzt Empfehlungen für Leitlinien herausgegeben (u.a. auf www.dgppn.de)

Ein Wort noch zur Komorbidität von ADHS und Bipolarer Störung. Sehr interessant, da es wahrscheinlich ein beeinflussender Faktor für den Verlauf „therapieresistenter“ Fälle der manisch-depressiven Störung sein könnte. Ich habe jedenfalls mehrere Patientinnen (allerdings zumeist mit schizoaffektiven Störungen) gesehen, die Kinder mit ADHS haben bzw. selber typische Anamnesen für ADHS (oder MCD) aufwiesen oder sogar in der Kindheit behandelt wurden. Leider setzten bisher die meisten Therapien mit der Pubertät aus… Den Sonderfall der juvenilen Bipolaren Störung möchte ich mal aussen vor lassen. Er ist aber gerade bei ADHS relevant und schwierig. Gerade hier wird aber dann die Komorbidität heiss diskutiert…

Zum guten Schluss : Ich möchte überhaupt nicht behaupten, dass überhaupt ADHS oder eine psychiatrisch klassifierte Störung vorliegt. Vielmehr sind ja viele Schwankungen oder Beschwerden völlig normal und nicht alles muss pathologisiert werden. Mir lag halt nur daran, auf die Besonderheiten der ADHS (speziell der ADHS bei Frauen) hinzuweisen, da dies so ziemlich unbekannt ist…

An Danielle !

Ehrlich gesagt, trifft vieles von dem von Dir geäußerten Dingen sehr auf ADHS zu. Es wäre nicht untypisch, dass Patienten 6 Jahre Analyse oder Gesprächstherapie machen und niemand dran denkt. Dennoch warne ich dich vor vorschnellen Entschlüssen oder Schlussfolgerungen. Lass Dir Zeit und beschäftige Dich eingehend mit dem Thema. Spricht den oder die Therapeutin an, nimm Kontakt zu Selbsthilfegruppen auf. Dann könnte ich noch einige wenige gute und viele schlechte Büchertips geben… Aber nicht alles jetzt.

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Lieber Martin,

Aber es ist eben gerade eine üble
Neigung der deutschen Psychiatrie nur checklistenartige die
Kriterien abzufragen (Was ich natürlich dir nicht unterstelle,
weil Du sehr sorgsam die Kriterien abwägst).

Danke. :smile:

Dennoch passt
nicht alles in die Schublade Bipolar, was zunächst so
aussieht…

Meinst Du damit, daß sich der Anfangsverdacht einer Bipolar Störung nicht immer bestätigt? Zweifellos. Diese Störungen sind auch eher selten.

Die Bipolare Störung (auch die hypomanen Kriterien)
lassen sich vergleichsweise gut von ADHS differenzieren (auf
den Sonderfall der Komorbidität komme ich gerne zurück). […]

Ja, danke für die Zusammenfassung.

Übrigens hat die DGPPN jetzt Empfehlungen für Leitlinien
herausgegeben (u.a. auf www.dgppn.de)

Ah! Danke für den Hinweis.

Ein Wort noch zur Komorbidität von ADHS und Bipolarer Störung.
Sehr interessant, da es wahrscheinlich ein beeinflussender
Faktor für den Verlauf „therapieresistenter“ Fälle der
manisch-depressiven Störung sein könnte. Ich habe jedenfalls
mehrere Patientinnen (allerdings zumeist mit schizoaffektiven
Störungen) gesehen, die Kinder mit ADHS haben bzw. selber
typische Anamnesen für ADHS (oder MCD) aufwiesen oder sogar in
der Kindheit behandelt wurden. Leider setzten bisher die
meisten Therapien mit der Pubertät aus…

Interessant. Die Informationen dieses Abschnittes waren mir neu.

Zum guten Schluss : Ich möchte überhaupt nicht behaupten, dass
überhaupt ADHS oder eine psychiatrisch klassifierte Störung
vorliegt.

Ich schließe mich an.

Vielmehr sind ja viele Schwankungen oder Beschwerden
völlig normal und nicht alles muss pathologisiert werden.

Ich bin sogar der Meinung, daß nicht alles pathologisiert werden sollte!

Mir
lag halt nur daran, auf die Besonderheiten der ADHS (speziell
der ADHS bei Frauen) hinzuweisen, da dies so ziemlich
unbekannt ist…

Männer sind ja auch viel häufiger von ADS betroffen. Insofern ist Deine aufklärerische Absicht durchaus berechtigt.

Übrigens fand ich Dein Posting in Medizin neulich, als es um ADS ging, ebenfalls sehr hilfreich. Du hattest die wichtigsten Informationen auf den Punkt gebracht.

Beste Grüße,

Oliver Walter

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