Lieber Oliver !
Natürlich kann und sollte man nicht über das Internet eine Diagnose spekulieren. Aber es ist eben gerade eine üble Neigung der deutschen Psychiatrie nur checklistenartige die Kriterien abzufragen (Was ich natürlich dir nicht unterstelle, weil Du sehr sorgsam die Kriterien abwägst). Dennoch passt nicht alles in die Schublade Bipolar, was zunächst so aussieht… Die Bipolare Störung (auch die hypomanen Kriterien) lassen sich vergleichsweise gut von ADHS differenzieren (auf den Sonderfall der Komorbidität komme ich gerne zurück). In meiner Zeit an der Unipsychiatrie in Mainz habe ich häufig den Kopf geschüttelt, wie leichtfertig eine Diagnose einer Bipolaren Störung (oder auch schizoaffektiver Störungen) gestellt, aber ADHS nicht differentialdiagnostisch erwogen wird. Dies insbesondere vor dem Hintergrund das die Prävalenz von ADHS allgemein mit 4-6 Prozent angegeben wird, die der Bipolaren Störung oder gar schizoaffektiven Störungen oder Schizophrenie aber weit darunter liegt. Dennoch denkt man zunächst an das, was man kennt oder zu kennen glaubt.
Die Episoden einer Manie und einer Depression sind bei der Bipolaren Störung relativ klar voneinander zu differenzieren (auch wenn es die mixed states gibt). Meistens ist der Erkrankungsbeginn doch im jungen Erwachsenenalter, nicht aber (oder sehr selten und dann atypisch) im Kindesalter. Phasenwechsel treten vielleicht nach ein paar Tagen, aber doch typischer erst nach Wochen oder Monaten auf. Selten ist die Lebensgeschichte durch mangelnde Lernerfolge oder Abbrüche in der Ausbildung etc gekennzeichnet. Gerade die manischen oder submanischen Episoden sind doch Grandiositätsgedanken, Hypersexualisierung oder Kaufrausch etc. gekennzeichnet (sehr simpel beschrieben), aber doch eben auf diese Phasen beschränkt. Konzentration und Ablenkbarkeit können natürlich auch bei depressiven Episoden betroffen sein, aber dieses Bild unterscheidet sich sehr von der affektiven Beeinträchtigung bei ADHS. Nicht zuletzt ergibt die Familienanamnese Hinweise, ob eher eine genetische Veranlagung für ADHS oder affektive bipolare Störungen vorliegen könnte.
ADHS ist eine lebenslange biologisch geprägte (aber durch Lernerfahrung und Umgebungsfaktoren bestimmte) Symptomatik. Gerade bei Frauen ist aber (leider) die Diagnosestellung deshalb schwierig, weil eben hormonelle Faktoren (Wechselwirkung Dopamin, Serotonin und Östrogen) häufig erst mit der Pubertät die typischen Beschwerden zeigen. Charakteristisch für ADHS ist eine Selbstregulationsstörung bzw. Beeinträchtigung der sog. Handlungsfunktionen (Exekutivfunktionen), sowie starke affektive Schwankungen und Neigung zu impulsivem Verhalten. Die affektive Symptomatik der ADHS ist nicht in den offiziellen Diagnosekriterien vermerkt, wird aber von anerkannten ADHS-Experten (für Erwachsene) nicht in Frage gestellt.
Typisch ist hier eine sog. intermittierende Dysphorie. Dabei kann die Stimmung bisweilen am Tag mehrfach wechseln (KEIN rapid cycling!!!), und ist stark von Motivation und Umgebungsbedigungen beeinflusst. Typisch ist das „sensation seeking“, d.h. die mehr oder weniger starke Reizabhängigkeit bzw. Suche nach Stimulation. Dies kann auch zu Suchtverhalten führen. Interessant (in bezug auf die Fragestellerin) ist, dass es möglicherweise auch Verbindungen zu Essstörungen (insb. Bulimie und Binge eating Störungen gibt).
Übrigens hat die DGPPN jetzt Empfehlungen für Leitlinien herausgegeben (u.a. auf www.dgppn.de)
Ein Wort noch zur Komorbidität von ADHS und Bipolarer Störung. Sehr interessant, da es wahrscheinlich ein beeinflussender Faktor für den Verlauf „therapieresistenter“ Fälle der manisch-depressiven Störung sein könnte. Ich habe jedenfalls mehrere Patientinnen (allerdings zumeist mit schizoaffektiven Störungen) gesehen, die Kinder mit ADHS haben bzw. selber typische Anamnesen für ADHS (oder MCD) aufwiesen oder sogar in der Kindheit behandelt wurden. Leider setzten bisher die meisten Therapien mit der Pubertät aus… Den Sonderfall der juvenilen Bipolaren Störung möchte ich mal aussen vor lassen. Er ist aber gerade bei ADHS relevant und schwierig. Gerade hier wird aber dann die Komorbidität heiss diskutiert…
Zum guten Schluss : Ich möchte überhaupt nicht behaupten, dass überhaupt ADHS oder eine psychiatrisch klassifierte Störung vorliegt. Vielmehr sind ja viele Schwankungen oder Beschwerden völlig normal und nicht alles muss pathologisiert werden. Mir lag halt nur daran, auf die Besonderheiten der ADHS (speziell der ADHS bei Frauen) hinzuweisen, da dies so ziemlich unbekannt ist…
An Danielle !
Ehrlich gesagt, trifft vieles von dem von Dir geäußerten Dingen sehr auf ADHS zu. Es wäre nicht untypisch, dass Patienten 6 Jahre Analyse oder Gesprächstherapie machen und niemand dran denkt. Dennoch warne ich dich vor vorschnellen Entschlüssen oder Schlussfolgerungen. Lass Dir Zeit und beschäftige Dich eingehend mit dem Thema. Spricht den oder die Therapeutin an, nimm Kontakt zu Selbsthilfegruppen auf. Dann könnte ich noch einige wenige gute und viele schlechte Büchertips geben… Aber nicht alles jetzt.
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