Zum Erdbeben /Nachbeben bei Istanbul?

Kann man sich jetzt nach Istanbul hintrauen und dort ruhig schlafen? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit von „stärkeren“ Nachbeben jetzt noch? (Frage wegen eines 3 Tage vor dem Beben gebuchten Flugs, der bezahlt werden muss). N.W.

N.W. schrieb:

Kann man sich jetzt nach Istanbul
hintrauen und dort ruhig schlafen? Wie
groß ist die Wahrscheinlichkeit von
„stärkeren“ Nachbeben jetzt noch?
gebuchten Flugs, der bezahlt werden
muss).

Sehr geehrte Frau N.W. !

Das „besagte“ Gebiet befindet sich als Strike-Slip-Störung
an der Nordanatolischen Horizontalverschiebung („NAH“).
Diese morphologisch ausgeprägte und seismisch aktive Störung
zieht sich über eine Länge von ca. 1200 km entlang der
nordanatolischen Schwarzmeerküste von der Ägäis bis
zum ostanatolischen Karliova.
Die tektonische Bedeutung dieser Blattverschiebung ist durchaus mit
der
kalifornischen San-Andreas-Verwerfung vergleichbar.

Entlang der NAH verschiebt sich die zum ehemaligen Gondwana-Kontinent
gehörende Anatolische Platte dextral nach Westen, das zum ehemaligen
Laurasia-Kontinent gehörende Schwarze Meer relativ nach Osten.

Die NAH ist periodisch seismisch aktiv, die derzeit aktive Phase
begann 1939 und ist durch Erdbeben mit Magnituden zwischen 6 und 7
bei einer Herdtiefe von zwischen 40 bis 60 km gekennzeichnet.

Aktive Perioden sind durch Ruheperioden von durchschnittlich 150
Jahren
gekennzeichnet.

Erdgeschichtlich kann man die NAH auf das Pliozän (vor ca. 24 Ma)
Seit dieser Zeit konnte ein dextraler Versatzbetrag von ca. 85 km
festgestellt werden.

Der Ursprung der NAH ist in der Konsequenz der Kollision der
Arabischen
und der Anatolischen Plattform (während des späten (mittleren ?)
Miozäns
zu sehen.

Seither „gleitet“ die anatolische Plattform, von den konvergierenden
eurasischen und arabischen Plattform „getrieben“ wie ein Keil in die
Ägäis und beeinflußt die Entwicklung des östlichen Mittelmeerraumes.

Weitere Infos unter:

http://www.iaag.geo.uni-muenchen.de/sammlung/Tuerkei…

http://www.iaag.geo.uni-muenchen.de/sammlung/Tuerkei…

Soweit die Forschung.
Ob Sie dort letztendlich hinfahren müssen Sie selbst entscheiden.
Eine genaue Erdbebenvorhersage ist heutzutage *leider* noch nicht
möglich, obwohl Ansätze schon zu erkennen sind.

Die Möglichkeit von Nachbeben (welcher Stärke auch immer) dort
meiner Meinung nach durchaus noch gegeben.

Ob das Erdbeben vom 17. August 1999 (Stärke 7,4) um das Hauptbeben
handelt, ist _noch_ nicht feststellbar, aber sehr wahrscheinlich.
Auch im Südosten der Türkei gab es übrigens am 27. Juni 1998 an der
Ostanatolischen Störung ein Erdbeben der Stärke 6.2.

In einigen Ländern (z.B. auch Japan) müssen *und können* die Menschen
mit diesen Naturgewalten *tagtäglich* leben.
Dadurch, daß jedoch die Bauvorschriften in Japan streng sind und auch
*so* durchgesetzt werden, werden die Opferzahlen bei eventuell
auftretenden
Erdbeben *verhältnismäßig* gering gehalten.

Die Anzahl der Opfer beim Erdbeben in der Türkei am 17. August 1999
sind
meiner Meinung nach jedoch durch die eklatant mißachteten
Bauvorschriften
in fataler Weise potentiert worden.

Tatsache ist, daß Flüge nach Istanbul und die Unterkunft dort sehr
billig
sind und viele Urlauber (die offensichtlich ähnliche Überlegungen
hierzu
bewogen haben) _trotzdem_ *ob nun berechtigterweise oder nicht* auf
andere
Reiseziele ausweichen.

In Japan, wie auch an der San-Andreas-Verwerfung wird übrigens
demnächst
ein sehr starkes Erdbeben erwartet.

Unter:
http://www.iaag.geo.uni-muenchen.de/sammlung/geoforu…
u.a. aktive Vulkane und aktuelle Erdbeben

Freundliche Grüße
Oliver

mailto: [email protected]
Panta rhei - alles fließt
(philosophische Erkenntnis der alten Griechen)

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