Hallo, ihr Lieben,
das ist jetzt ein bisschen geplaudert, aber eine ernste Frage steht dahinter.
Könnt ihr euch vorstellen und mir erklären, was
Berufswahlfindung
ist?
Zur Zeit fährt ein vom Arbeitsamt ausgestatteter Bus - sechs Terminals, viele CD-Roms, sonstiges Informationsmaterial - durchs Musterländle und hilft jungen Leuten, die noch keinen Ausbildungsplatz haben, einen solchen zu finden.
Und die Besatzung sagt: „Wir helfen bei der Berufswahlfindung.“
Hallo, Fritz,
hauptsache es klingt wichtig! Da haben sich wahrscheinlich irgendwelche Werbe- und Marketingfuzzies sind stundenlangen Meetings die Köpfe zerbrochen und haben sich dann weil keinem was Rechtes einfiel, „Aber machen müssen wir schon etwas!“ auf diesen Schmarrn geeinigt.
Es kreißte der Berg und gebar - nein, keine Maus, sondern ein Sprachungeheuer.
Dabei wäre es doch so einfach gewesen: Berufsberatung, Ausbildungsinformation, Beratung zur Berufswahl, heiteres Beruferaten …
naja, ich glaube eher nicht, daß es Werbefuzzies waren; deren Sprachschatz ist doch blumiger, euphorischer. Da waren irgendwelche Beamtenhirne am Werk, denen einfache Sprache nicht pompös genug ist.
Sagen wir mal so: Die „Zielsetzung“ dieses Ausdrucks ist „optimal ungünstig“.
Alpträume wünsche ich denen und daß sie, wenn sie dereinst mal hingeschieden sein werden, die ganze Ewigkeit ihre eigene Sprache hören müssen.
Euch allen eine GUTE Nacht - Rolf
wie ein jeder hier weiß, liebe ich die Deppen. Auch Deppen haben Anspruch darauf, ernstgenommen zu werden. Und Du störst Dich bereits an
Berufswahlfindung?
Fritz, es hätte schlimmer kommen können. Stell Dir vor, die Guten hätten ihr Vorhaben Berufswahlsuchung genannt. Jetzt lach nicht, dafür ist das Thema viel zu ernst. Die deutsche Sprache erlaubt nun mal die beliebige Reihung von Hauptwörtern, und das ist ja auch gut so, sorgt diese Regelung doch für die Ausschüttung von Glückshormonen ohne Zahl! Wie soll da ein Creativer, der für viel Geld in eine Wortfindungskommission berufen wurde, auch noch verstehen, was er da erfunden hat?
Lieber Fritz.
Ich wundere mich, dass Du Dich wunderst über wundersame Sprachungeheuerschöpfungengsereignisse!
Das zu bekämpfen ist sinnlos, man kann nur darauf angemessen reagieren.
Man muß die Leute lächerlich machen, Ihnen eine ‚Schelle‘ umhängen, denn nichts fürchtet der Kleingeist mehr als nicht ernst genommen zu werden, denn mangelnde Kompetenz muß mit scheinbarer Reputation kompensiert werden.
Die Würzelchen dieses Wildwuchses findest Du aber bereits in den Sprachbrettern hier im Forum. Ich habe vor einiger Zeit einmal Dampf abgelassen in dieser Sache bei der Einführung eines absolut exotischen Fremdbegriffes, bei gleichzeitiger Verfügbarkeit von vier guten deutschen, und auch gebräuchlichen Bezeichnungen. Du glaubst nicht wieviel Gründe gefunden werden um mit exotischen Wörtern ‚cool‘ zu erscheinen.
Aber viele predigen Wasser und saufen Wein!
Ich frage dann schon mal so in die Runde, wenn ein ‚Global-Marketing-Manager‘ sagt:„Diese Probleme lösen sich ad hoc mit einer ‚gegenseitigen Kostenrefinanzierung‘“, ob man, um das zu verstehen die Sonderschule mit ‚rite‘ abgeschlossen haben muß?
dass die da nicht hingeschrieben haben:
BERUFSWAHLFINDUNGSHILFE,
denn das wäre doch noch logischer, oder? Wenn die wirklich Hilfe anbieten …
Aber mir scheint, dass sich da verschiedene Abteilungen der zuständigen Behörde
mal wieder nicht einigen konnten, was da stehen sollte: Berufsfindung?
Berufsberatung? Hilfe bei der Berufswahl? Und so wurde der kleinste gemeinsame
Nenner gesucht und gefunden (nur war der halt nicht so klein …). Vielleicht
aber steckt auch ein Proporzdenken dahinter, dass nämlich die Unionsmitglieder
der Behörde die Findung propagierten, die SPD-Mitglieder die Wahl, und dann hat
man daraus einen Kompromiss gebildet. Wie auch immer: Sowas ist schon sehr
(beamten)deutsch.
Gruß
Bolo