Zur Diskussion gestellt: Ernst Jünger

In „Religion und Ethik“ wurde die Frage berührt, ob Ernst Jünger an die Naziherrschaft angepasst war oder nicht. Meine persönliche Meinung ist, dass er wohl wenige in Deutschland gebliebene Leute gab, die sich weniger anpassten als er.
Allerdings genoss er, nach allem, was wir vermuten können, auch nach dem 20.Juli das persönliche Wohlwollen Hitlers, um das er sich jedoch nie bemüht hatte - in Gegenteil.
Zudem hat er es nach 1945 aus, wie ich finde, honorigen Gründen abgelehnt, zum Widerstand gerechnet zu werden.

Abgesehen von der Gretchenfrage jedes Deutschen im 20. Jahrhundert („Wie hältst Du’s mit dem Nationalsozialismus?“) - ist Jünger ein großer Literat?

Andreas

Frage zurück:
Was macht einen „großen Literaten“ aus?

Vorschlag, um zur Sache zu kommen

Was macht einen „großen Literaten“ aus?

Dass er für würdig befunden wird, gelesen zu werden. Und das bedeutet im bürokratischen Deutschland z.B. Aufnahme in den Lehrplan.

Alle anderen Argumente sind eine eigene Diskussion wert: Sprachbeherrschung, Sprachschönheit, inhaltliche Aussagen usf.

Immerhin gibt es bei Jünger Leute, die ihn als rechten Propagandisten sehen, und von daher jedwede literarische Beschäftigung mit ihm ablehnen. Also: wie hältst Du’s mit Jünger?

Andreas

Obwohl ich…
Jünger noch nie gelesen habe (die Sujets reizen mich nicht sonderlich) eine allgemeine Aussage dazu:

Literatur dient nicht der moralischen Erbauung - wer die sucht, mag meinethalben Traktate lesen. Der Einwand, ein Werk sei propagandistisch oder tendenziös ist daher zweifelhaft - es kann allenfalls schlecht geschrieben sein.

Dantes "divina commedia? Hochpolitischer Reißer - Walter von der Vogelweide? Agitationspropaganda - nur erkennt in diesen Werken heutzutage kaum noch jemand den zeitgenössischen Gehalt.

Eine Diskussion über Literatur, die den Stil übersieht und sich NUR an der politischen Korrektheit ausläßt, verfehlt ihr Ziel. Literatur dient nicht der Erbauung, sondern der Auseinandersetzung.

Abgesehen davon: Bei der Schilderung von Gewalt kommt es z.B. letztendlich nicht sehr darauf an, ob Gewalt verherrlicht oder verdammt wird. In beiden Fällen wird die Sinnhaftigkeit von Gewalt nicht in Frage gestellt.

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Hallo zusammen

In „Religion und Ethik“ wurde die Frage berührt, ob Ernst
Jünger an die Naziherrschaft angepasst war oder nicht. Meine
persönliche Meinung ist, dass er wohl wenige in Deutschland
gebliebene Leute gab, die sich weniger anpassten als er.

Das ist völlig richtig. Jünger passte sich nicht dem System an und schaffte es auch, sich von den Nazis nicht vereinahmen zu lassen. Es gab einige Versuche von seiten der Nationalsozialisten, Jünger zu einer Art Hohepriester der Literatur im Dritten Reich zu stilisieren. Er sollte allen als leuchtendes Beispiel dienen. Jünger verbat sich dies und forderte in öffentlichen Briefen dazu auf, dies zu unterlassen. Man kann also keinesfalls von Anpassung reden. Nein, andersrum wird natürlich erst ein Schuh daraus. Die Ideologie der Nazionalsozialisten orientierte sich in ästhetischen Fragen an den Schrifstellern der sogenannten konservativen Revolution. Jüngers „In Stahlgewittern“ wurde hier zum Schlüsselwerk. Das Ideal des „Kriegers“, der die neue „Zeitwende“ überlebt und beherrscht, diente den Nazionalsozialisten als Vorbild zur eigenen Existenz.
Problematisch wird in diesem Zusammenhang Jüngers Ästhetisierung von Grauen und Gewalt in seinen frühen Werken. Ich führe hier nur seine Schilderung eines Bombenangriffs an. Er beschreibt die Schönheit eines solchen „Lichtspiels“, dessen martialische Gewalt im Zentrum seines Hochgefühls steht. Ich komme später auf diesen Punkt zurück.
Erst in seinem Roman „Auf den Marmorklippen“(1938) erscheinen Grauen und Gewalt in einem ganz anderen Licht. Waren sie vormals noch ein quasi naturhaftes Geschehen, so werden sie nun als gegen die Natur gerichtete Zerstörung dargestellt. Die Schilderung von Köppelsbleek (Kap. 19) wird zurecht als eine der ersten Hinweise auf Konzentrationslager gedeutet. Der ganze Roman ist im Grunde eine Parabel auf das dritte Reich.

Allerdings genoss er, nach allem, was wir vermuten können,
auch nach dem 20.Juli das persönliche Wohlwollen Hitlers, um
das er sich jedoch nie bemüht hatte - in Gegenteil.

Wie ich schon erwähnte, gab es kein Verhältnis. Die Nazis wollten zwar, aber Jünger nicht. Nach den Veröffentlichung von „Auf den Marmorklippen“ 1938 wollten die Nazis wohl auch nicht mehr.

Zudem hat er es nach 1945 aus, wie ich finde, honorigen
Gründen abgelehnt, zum Widerstand gerechnet zu werden.

Ich bezweifle, dass es sich um „honorige Gründe“ handelte. Jünger lehnte einen Staatsstreich strikt ab. Dies kann man aus verschiedenen Äußerungen und auch aus den „Marmorklippen“ klar herauslesen. Die Haltung Jüngers während des dritten Reichs wird dann ja auch als „innere Emigration“ bezeichnet. Es ist ein Verharren auf seinem ganz eigenen Standpunkt, den Jünger zu der Äußerung veranlasste, nicht zum Widerstand gerechnet werden zu wollen.

Abgesehen von der Gretchenfrage jedes Deutschen im 20.
Jahrhundert („Wie hältst Du’s mit dem Nationalsozialismus?“) -
ist Jünger ein großer Literat?

Ich weiß nicht, ob Jünger ein großer Literat ist, er ist in jedem Fall ein interessanter und ein bedeutender. Wenn man die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts betrachtet, so ist er meines Erachtens sogar unverzichtbar. Jünger gilt als wichtigster Vertreter der konservativen Revolution. Seine Ästhetik erscheint mir vor allem in Hinblick auf den Nationalsozialismus relevant zu sein.
Gruß Mario.

Literatur dient nicht der Erbauung, sondern der
Auseinandersetzung.

Das spräche für Jünger.
Allein die Tatsache, daß ein konservativer Schriftsteller sich - wenn auch verklausuliert - gegen den Nationalsozialismus ausspricht, hat in der Zeit nach 1945 die geisteswissenschaftlichen Schwarzweißdenker (in etwa: „Nur Linke sind keine Nazis“) ganz schön ins Grübeln gebracht.

Gruß Michael

Ergänzung

Dass er für würdig befunden wird, gelesen zu werden. Und das
bedeutet im bürokratischen Deutschland z.B. Aufnahme in den
Lehrplan.

Alle anderen Argumente sind eine eigene Diskussion wert:
Sprachbeherrschung, Sprachschönheit, inhaltliche Aussagen usf.

Immerhin gibt es bei Jünger Leute, die ihn als rechten
Propagandisten sehen, und von daher jedwede literarische
Beschäftigung mit ihm ablehnen. Also: wie hältst Du’s mit
Jünger?

Als 1990 der Golfkrieg mit dem Bombardement von Bagdad begann und die zurückkehrenden Piloten sich äußern sollten, bzw. Reporter den Himmel über Bagdad beschrieben, redeten viele von Lichspielen wie bei einem „Weihnachtsbaum“. Ähnlich beschrieb Ernst Jünger einen Bombenangriff.
Ich glaube, man sollte Ernst Jünger lesen. Vielleicht versteht man dann besser, wie solche sprachlichen Bilder funktionieren, wie sie eingesetzt werden und wie sie über den Tod hinweggehen. Bei Jünger gehört das Grauen zu dem Bild. Er ästhetisiert es. Bei den Piloten verdrängt das schöne Lichtspiel das Nachdenken über die todbringende Botschaft.
Man sieht, was hinter solchen „Naturbeschreibungen“ steht, und dann ist man vielleicht in der Lage, beim nächsten Mal die Worte richtig zu verstehen.

Gruß Mario.

E.J. und der Staatsstreich

Ich bezweifle, dass es sich um „honorige Gründe“ handelte.
Jünger lehnte einen Staatsstreich strikt ab. Dies kann man aus
verschiedenen Äußerungen und auch aus den „Marmorklippen“ klar
herauslesen. Die Haltung Jüngers während des dritten Reichs
wird dann ja auch als „innere Emigration“ bezeichnet. Es ist
ein Verharren auf seinem ganz eigenen Standpunkt, den Jünger
zu der Äußerung veranlasste, nicht zum Widerstand gerechnet
werden zu wollen.

Gibt es denn irgendwelche Hinweise auf Wechselwirkungen mit den anderen Offizieren in Paris? Immerhin handelt es sich um ein Hauptquartier, in dem es vor Verschwörern nur so wimmelte.-
Ich finde es aber insofern honorig, sich nicht zum Widerstand zu zählen, weil es ein leichtes gewesen wäre. Es gibt ja z.B. die Geschichte aus der Pariser Zeit, in der er vor einem Juden mit Judenstern die militärische Ehrbezeigung macht.

Mir scheint, dass seine Kritiker immer nur den Jünger von 1922 sehen wollen. Gerade auch die Erinnerungen von Wolf Jobst Siedler weisen noch einmal daraufhin, wie drastisch Jünger in der NS-Zeit mit der Nation als Idee gebrochen hatte.
Wo finde ich denn eine ausgefeilte (negative) Kritik von Jüngers Werk? So einen richtigen Verriss?

Andreas

Gibt es denn irgendwelche Hinweise auf Wechselwirkungen mit
den anderen Offizieren in Paris? Immerhin handelt es sich um
ein Hauptquartier, in dem es vor Verschwörern nur so
wimmelte.-
Ich finde es aber insofern honorig, sich nicht zum Widerstand
zu zählen, weil es ein leichtes gewesen wäre.

Das stimmt schon. Er wurde in diesem Zusammenhang vom Dienst suspendiert. Es wäre also wirklich ein leichtes gewesen, sich zum Widerstand rechnen zu lassen, aber wie ich schon sagte: Jünger lehnte dies im Prinzip ab und dieses Prinzip durchbricht er auch später nicht.

Es gibt ja z.B.
die Geschichte aus der Pariser Zeit, in der er vor einem Juden
mit Judenstern die militärische Ehrbezeigung macht.

Dies zeigt wiederum Jüngers unangepasstes Verhalten. Er sitzt zwischen den Stühlen, geht seinen eigenen Weg, wobei ich dies jetzt gar nicht bewerten will.

Mir scheint, dass seine Kritiker immer nur den Jünger von 1922
sehen wollen. Gerade auch die Erinnerungen von Wolf Jobst
Siedler weisen noch einmal daraufhin, wie drastisch Jünger in
der NS-Zeit mit der Nation als Idee gebrochen hatte.
Wo finde ich denn eine ausgefeilte (negative) Kritik von
Jüngers Werk? So einen richtigen Verriss?

Keine Ahnung. So was gibt es bestimmt, ich weiß aber nicht, ob das sehr hilfreich ist. Ich empfehle: Martin Meyer: Ernst Jünger, erschienen bei dtv, Preis: 29,90. Da hat man was ganz ordentliches, womit man sich an Jünger abarbeiten kann.

Gruß Mario.

Adorno soll mal zu Jünger gesagt haben ( leider keine Ahnung in welchem Zusammenhang):„Ein ekelhafter Kerl, der meine Träume träumt…“
Radikale Kulturkritik hat offenbar mindestens zwei Seiten.
Ich weiss nicht ob Ernst Jüngers Träume wirklich so anarchistisch waren, wie es den Anschein hat. Im Kleid des Anarchisten steckt meiner Meinung nach jedoch ein gehöriges Stück Biedermann. Ich habe immer das Bild vor mir, wie er in seinem verstaubten Arbeitszimmer sitzt und mit Leidenschaft Käfer auf Nadeln pieckst,-er, der doch so gerne Großwildjäger im fernen Afrika geworden wäre (war er eigentlich mal da?)
Ich habe bisher auch nur das ‚abenteuerliche Herz‘ gelesen, und ich kann dazu nur sagen- ich fand’s pathosgeschwaengert und quälend.Die Bewertung von Literatur läßt sich nun mal am allerwenigsten vom Inhalt trennen.Das gilt übrigens auch für Filme.
Ich würde mich außerdem gerne in einem Punkt Diana anschließen, die meint, daß die bloße Beschreibung von roher Gewalt jegliche Interpretation dieser Gewalt entbehrt.Ob ‚Auf Marmorklippen‘ daher explizit Stellung zum Nationalsozialismus bezieht, wage ich mal zu bezweifeln. Aber ich hab’ s wie gesagt noch nicht gelesen.
Gruesse M.

Anarchist?
Jünger ein Anarchist? Könntest Du das ausführen? Ich hätte ihn eher in die „aristokratische“ Ecke gestellt - wobei Aristokratie ganz im Sinne der griechischen Bedeutung als Herrschaft der Besten zu deuten wäre.

Übrigens hat er sich - Stichwort Afrika - als junger Kerl freiwillig zur Fremdenlegion nach Afrika gemeldet, wo ihn sein Vater aber ziemlich schnell rausholen konnte.

Andreas

Jünger ein Anarchist? Könntest Du das ausführen? Ich hätte ihn
eher in die „aristokratische“ Ecke gestellt - wobei

HALLO ANDREAS!
Vielleicht hätte ich ‚Anarchist‘ in Anfuehrungszeichen stellen sollen. Alles was ich bisher von dem Typ mitbekommen habe, war ziemlich wiedersprüchlich. Natuerlich war er in erster Linie elitär. Soweit ich weiss hasste er die Vertreter der Bourgiosie und der ‚Reaktion‘, obwohl er unwissentlich selbst zu ihnen gehoerte. Ebenso hasste er die Demokraten und die Sozialisten. Seine Elitevorstellungen beziehen sich aber weniger auf die Standesvorrechte des neunzehnten Jahrhunderts (dessen Untergang er wollte), sondern auf die Elite "abenteuernder für den Frieden und und die bürgerliche Ordnung untauglicher Landsknechtfiguren."Alles ‚Nichtkämpferische‘, ja bereits alles Organisatorische, gehört für Jünger zum ‚reaktionären Bürgertum‘.
Es gibt ein Buch mit dem Titel:’ Ernst Jünger.Der konservative Anarchist.’ Von Peter Schwarz. Hier und in verschiedenen anderen Buechern wird zum Teil betont, dass Jünger mit seiner "brutalen, Antiideologie gegen alles Bestehende offen anarchistische Züge trägt."Ebenso wird darauf hingewiesen, dass dieser Aktivismus lediglich emotional begründet ist, u.a. weil er sein eigenes Bürgertum scheinbar zutiefst hasste.
Gruesse M.