Hallo zusammen
In „Religion und Ethik“ wurde die Frage berührt, ob Ernst
Jünger an die Naziherrschaft angepasst war oder nicht. Meine
persönliche Meinung ist, dass er wohl wenige in Deutschland
gebliebene Leute gab, die sich weniger anpassten als er.
Das ist völlig richtig. Jünger passte sich nicht dem System an und schaffte es auch, sich von den Nazis nicht vereinahmen zu lassen. Es gab einige Versuche von seiten der Nationalsozialisten, Jünger zu einer Art Hohepriester der Literatur im Dritten Reich zu stilisieren. Er sollte allen als leuchtendes Beispiel dienen. Jünger verbat sich dies und forderte in öffentlichen Briefen dazu auf, dies zu unterlassen. Man kann also keinesfalls von Anpassung reden. Nein, andersrum wird natürlich erst ein Schuh daraus. Die Ideologie der Nazionalsozialisten orientierte sich in ästhetischen Fragen an den Schrifstellern der sogenannten konservativen Revolution. Jüngers „In Stahlgewittern“ wurde hier zum Schlüsselwerk. Das Ideal des „Kriegers“, der die neue „Zeitwende“ überlebt und beherrscht, diente den Nazionalsozialisten als Vorbild zur eigenen Existenz.
Problematisch wird in diesem Zusammenhang Jüngers Ästhetisierung von Grauen und Gewalt in seinen frühen Werken. Ich führe hier nur seine Schilderung eines Bombenangriffs an. Er beschreibt die Schönheit eines solchen „Lichtspiels“, dessen martialische Gewalt im Zentrum seines Hochgefühls steht. Ich komme später auf diesen Punkt zurück.
Erst in seinem Roman „Auf den Marmorklippen“(1938) erscheinen Grauen und Gewalt in einem ganz anderen Licht. Waren sie vormals noch ein quasi naturhaftes Geschehen, so werden sie nun als gegen die Natur gerichtete Zerstörung dargestellt. Die Schilderung von Köppelsbleek (Kap. 19) wird zurecht als eine der ersten Hinweise auf Konzentrationslager gedeutet. Der ganze Roman ist im Grunde eine Parabel auf das dritte Reich.
Allerdings genoss er, nach allem, was wir vermuten können,
auch nach dem 20.Juli das persönliche Wohlwollen Hitlers, um
das er sich jedoch nie bemüht hatte - in Gegenteil.
Wie ich schon erwähnte, gab es kein Verhältnis. Die Nazis wollten zwar, aber Jünger nicht. Nach den Veröffentlichung von „Auf den Marmorklippen“ 1938 wollten die Nazis wohl auch nicht mehr.
Zudem hat er es nach 1945 aus, wie ich finde, honorigen
Gründen abgelehnt, zum Widerstand gerechnet zu werden.
Ich bezweifle, dass es sich um „honorige Gründe“ handelte. Jünger lehnte einen Staatsstreich strikt ab. Dies kann man aus verschiedenen Äußerungen und auch aus den „Marmorklippen“ klar herauslesen. Die Haltung Jüngers während des dritten Reichs wird dann ja auch als „innere Emigration“ bezeichnet. Es ist ein Verharren auf seinem ganz eigenen Standpunkt, den Jünger zu der Äußerung veranlasste, nicht zum Widerstand gerechnet werden zu wollen.
Abgesehen von der Gretchenfrage jedes Deutschen im 20.
Jahrhundert („Wie hältst Du’s mit dem Nationalsozialismus?“) -
ist Jünger ein großer Literat?
Ich weiß nicht, ob Jünger ein großer Literat ist, er ist in jedem Fall ein interessanter und ein bedeutender. Wenn man die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts betrachtet, so ist er meines Erachtens sogar unverzichtbar. Jünger gilt als wichtigster Vertreter der konservativen Revolution. Seine Ästhetik erscheint mir vor allem in Hinblick auf den Nationalsozialismus relevant zu sein.
Gruß Mario.