Zurückgekehrte Auswanderer (Achtung: ellenlang!)
Hi Jame~,
grü…
(extra fuer dich!)
das hört sich auch nicht so an, als ob ihr „von D nach X“
gezogen seid sondern eher „in der Welt rum“. Hört sich für
mich ein bißchen so an wie Botschaftsmitarbeiter die nie
irgendwo heimisch werden sollen und deswegen laufend umziehen
müssen.
Nein. Ganz anders.
Warum bist du damals weg?
3 Gruende.
Einer, der nur mit mir zu tun hatte. Ich wollte etwas
anderes erleben als Deutschland. Meine Schwester hatte
in Amerika und Suedafrika gelebt und ich fand das toll
(ich war uebrigens 20).
Der andere war mein Studienfach. Ich habe Theaterwissen-
schaft studiert. Ein trockenes Theoriefach. Das Parallelfach
in angelsaechsischen Laendern beinhaltet neben Film- und TV-
Theorie, auch Praktisches wie Schauspielunterricht, Regie-
unterricht, Buehnenbildnerei, Kostuembildnerei, Tanz&Bewegung,
Sprachunterricht usw. Bevor der dritte Grund eintrat, hatte
ich schon die Fuehler ausgestreckt, um eventuell in England
oder Amerika studieren zu koennen, oder wenigstens dort ein
paar Semester einzulegen.
Der dritte Grund war - ganz pathetisch ausgedrueckt - die
Liebe. Ich lernte diesen Typ kennen, der in Suedafrika
lebte und arbeitete. Keine zwei Monate spaeter war ich
in Suedafrika und wir waren verheiratet (nur probeweise,
weil ich sonst nur schwer ein Aufenthaltsvisum gekriegt haette;
das ist fast 26 Jahre her).
Und warum bist du dort hin wo du
warst und nicht wo anders hin?
Wie gesagt, konkret fuer DIESES Land war in dem Fall der
Mann ausschlaggebend. Aber dadurch, dass meine Schwester
einige Jahre vorher in Suedafrika gelebt hatte, wollte ich
schon immer mal hin. Ich kann heute nicht mehr sagen, ob
ich mich erst dort in Afrika und die Menschen verliebt
habe, oder ob das schon vorher der Fall war. Interesse
fuer die suedafrikanische (Un-)Politik hatte ich vorher
schon grosses.
Was im Urlaub reizt, kann im Alltag in groessere Probleme
oder Isolierung umschlagen.
Was meinst du denn hier konkret? Klar darf man „Leben“ nicht
mit Urlaub verwechseln. Grade wenn Urlaub Pauschalreise
bedeutet, man im Hotel lebt, nur Freizeit hat und viel Geld
ausgibt (zumindest mehr als in D). In einem deutschen Hotel
leben ist auch nicht deutscher Alltag.
Damit meine ich ganz konkret: das Andersartige (schoen
wischi-waschi, gell?)
Aber was Conrad oben beschreibt: die Deutschen hocken im
Ausland immer in deutschen Clubs und deutschen Cliquen
zusammen (*wuerg*). Auch in Dschiddah bin ich in diese
FAlle geraten, schon allein deshalb, weil die Kinder dort
in die deutsche Schule gingen und man lernt dann ganz
schnell deutsche Leute kennen und rutscht in diese Ecke.
Zum Glueck sprechen wir alle gut genug Englisch, so dass
wir nicht nur dort waren (die deutschen Cliquen sind, gerade
in Saudi, besonders von Neuen-Bundeslaender-Deutschen besucht,
weil die oft keinen oder wenig Englischunterricht hatten,
das isoliert dann noch mehr). In diesen Gruppen wird versucht
„deutsches Kulturgut ins Ausland“ zu retten. Meistens fand
ich das aetzend. Aber nach 18 Jahren Afrika (das nur zu
deinem „in der Welt rumgereist“, es war schon konkret: in
Afrika bleiben, es lag an der Arbeitsmarktsituation, dass
es anders wurde) und sehr wenig deutschen Bekannten dort
(die letzten Jahre in Harare gar keine - nicht mangels Masse),
war es schon auch interessant in Saudi in deutsche Gruppen
zu kommen und sich dort ueber Dinge selbstverstaendlich
unterhalten zu koennen, die eben mit Menschen anderer Nationalitaeten
nicht selbstverstaendlich sind (das mag Politikverstaednis
[nicht unbedingt Tagespolitik], oder Kindheitserinnerungen sein,
oder Ansprueche an Schule und Erziehung usw.). Mir wurde erst
dann bewusst, dass das eben auch anders sein kann, wie ich das
erlebt habe. Dann die „Kulturlosigkeit“ die Conrad anspricht.
Ich haette es anders ausgedrueckt, es fehlt eher die euro-
zentrische Kultur. Und wenn sie da ist, oft als Abklatsch.
Privatleben laeuft in Suedafrika (und soweit ich von Freunden
weiss auch in Australien) ganz anders. Es gibt kaum die
Moeglichkeit der ‚netten Kneipe‘, wo man mal hingeht. Das
ist entweder eine CLub/Disco oder eine Bar. Man geht ins
Restaurant oder man geht zu jemand nach Hause. Theater usw.
findet man fast nur in den Grossstaedten, das gleiche gilt
fuer Musikveranstaltungen usw.
Mein Urlaubsvergleich war eher so gedacht: das Andere lebt sich
fuer ein paar Wochen schoen (auch wenn es nicht tourismus-
maessig anders ist , sondern wirklich), aber was einem wirklich
fehlt, merkt man erst nach einiger Zeit. Auf ganz banaler Ebene:
nie haette ich gedacht, dass mir Schaumkuesse fehlen wuerden.
Aber das war immer das erste, was ich mir im Urlaub in Deutschland
reingeschoben habe.
Man muss nicht alle Bruecken hinter sich verbrennen
Aber geschieht das nicht von selbst? Wer bleibt denn noch
übrig als Verbindungsperson? Nach 6Monaten vielleicht alle,
nach 12 kennt man die Ex-Kollegen nicht mehr und die
flüchtigen Bekannten, nach 2 Jahren bleiben noch gute Freunde
und nach 5-10 Jahren vielleicht noch ein guter Freund und die
Familie wenn man eine hat. Oder stimmt das so nicht?
Komisch, nein. Aber ich war schon immer gut im Briefe schreiben
und hab mir meine Kontakte erhalten.
Die Familie, logo, die bleibt.
Mit zwei Schulfreunden und einem Komilitonen hatte ich immer
regen Brief (eMail)-Kontakt. Wobei ich ja mit 20 zu einer
Zeit wegging, wo man sich sowieso neu orientiert.
Die guten Freunde, die ich in Deutschland habe, sind
zwei Ehepaare ,die wir in Suedafrika kennengelernt haben,
die aber lange vor uns nach D zurueckgekehrt sind, bzw.
zwei ehemaligen Klassenkameradinnen (noch aus der Grund-
schule), die mir mal im Urlaub ueber den Weg liefen und
wo dann aus einer Einladung eben Freundschaft wurde, die
auch ueber Distanz funktioniert (und hoffentlich jetzt auch
die Naehe aushaelt!).
und
kann sich langsam vortasten und sehen, ob man es wirklich
‚fuer immer‘ machen will.
Aber birgt das nicht die Gefahr sich vor lauter Rückzugsschutz
dem Weg nach vorne nicht richtig zu widmen?
Kommt drauf an, wie man es macht. Natuerlich ist die Gefahr
vorhanden, stimmt schon, aber meine Erfahrung ist, dass die
anderen (die es ‚mit allem‘ machen) viel eher die Beute
von deutschen Klubs werden, dort in einer Nostalgie rum-
haengen, die wenig mit Deutschland wie es heute ist, zu tun
hat, aber wegen der Kinder (die 100%ig Suedafrikaner oder
was auch immer sind) nicht nach D zurueckkehren).
gespannte Grüße,
Und - ist die Spannung jetzt weg?
Schoene Gruesse
Elke