Zusammenfassung Joschka-Fischer-paradox-Diskussion

Liebe MitschreiberInnen in diesem Thread,

da ich gestern nicht so viel Zeit hatte, jedoch eine Menge Benachrichtigungsmails in meinen Briefkasten hagelten, möchte ich zusammenfassend statt einzeln antworten. Ich muss zugeben, dass ich bei der einen oder anderen Antwort auch ein wenig sprachlos war über diese achselzuckende Gedankenlosigkeit, aber dazu gleich mehr.

Ich schrieb ja, dass mir die Diskussion um Joschka Fischer kriminelle Staatsvertreter und Linksradikalismus ein wenig absurd, paradox und doppelmoralisch vor dem Hintergrund eines
Kiesinger und Filbinger erschien.
Die beiden waren nicht blosse „Mitläufer“ im Dritten Reich, erhielten nach dem Krieg jedoch verantwortungsvolle Posten und bauten durch die Gewinne, die sie im und durch den Krieg erzielt hatten, erst recht ihren Einfluss in der „nachkriegsdeutschen“ Gesellschaft aus. Kiesinger und Filbinger sind nur zwei von dieser Art, und es gäbe noch so viele zu nennen (z. B. Schleyer, Ries, Strauss, Flick), weshalb ich mich verwundert zeige, dass man hier diese Dinge als „Uralt-Klamotte“, „langweilig“ oder „Deutschland hat sein Schuld getilgt“ betrachtet. Es mag ein wenig hart klingen, aber wer so etwas im Bezug zum Dritten Reich äussert, dem würde ich seine Meinung hinsichtlich gesellschaftlichen Moralvorstellungen zwar nicht absprechen, aber doch zumindest sehr anzweifeln.

Da ich Kiesinger und Filbinger erwähnte, möchte ich noch auf einen Beitrag besonders eingehen. Zuerst einmal ist es bezeichnend, dass Kiesinger Bundeskanzler in diesem Land werden konnte; es zeigt viel von der laxen Einstellung gegenüber Nazis. (Warum wundert man sich dann heute, dass es soviel Rechtsradikalität gibt!) Kiesinger war nicht Mitläufer, wie gerne behauptet wird. Als eine Quelle kann ich http://… empfehlen, aber wer sich die Mühe macht, kann im Netz oder in diversen Büchern weitere Informationen finden.
Zu Filbinger wurde hier u. a. erwähnt gemeint, dass die beiden von Filbinger zum Tode verurteilten Matrosen nach Schweden geflohen wären und damit der Vollziehung entgangen waren, später jedoch trotzdem noch hingerichtet wurden. Unerwähnt blieb hier allerdings die Tatsache, dass Schweden Deserteure nach Deutschland auslieferte.
Dass Filbinger gar noch als „Retter“ eines zum Tode Verurteilten gehandelt wurde, muss man ebenso genauer betrachten. Denn er selbst war es, der zuerst den betroffenen Günther Krämer zum Tode verurteilte, dieses Urteil dann aber in 10 Jahre Haft umwandelte. (Krämer starb während dieser Zeit an Lungenentzündung.) So ist natürlich leicht, als „Retter“ aufzutreten, wenn man sich selbst verantwortlich dafür zeichnet, einen anfänglich zum Tode Verurteilen „Gnade“ zu gewähren und „nur“ eine Haftstrafe zu verhängen.
Filbinger äusserte einmal - wie viele andere Nazis -, er hätte innerlich dem Dritten Reich widerstrebend gegenüber gestanden. Dies mag man doch stark bezweifeln, wenn man erfährt, dass er Artikel à la „Diese Blutgemeinschaft muß rein erhalten und die rassisch wertvollen Bestandteile des deutschen Volkes planvoll vorwärtsentwickelt werden“ geschrieben hat.

Es gab hier auch Entgegnungen, die die Ansicht vertraten, ich wolle Joschka Fischer in Schutz nehmen. Dann wurde allerdings mein anfängliches Posting missverstanden. Leider kann ich mich aber bei solchen Beiträgen nicht einer gewissen Kritik ob dieses Schubladendenkens nicht enthalten. Denn es muss doch nicht zwangsläufig bedeuten, dass man eine Seite präferiert und damit gleichzeitig die andere ablehnt. Das wäre zu kurz gedacht. Solange die Bevölkerung keine wirkliche Mitbestimmung besitzt, kann man nichts anderes tun, als die gesamte „politische Klasse“ zu kritisieren, selbst wenn ich der einen Partei näher als der anderen stehe.
Aber ich besitze ja keinen wirklichen oder geglaubten Fraktions- oder Parteizwang, der mich zu Reden von Abgeordneten (m)einer Partei applaudieren lässt, ganz gleich, ob diese Reden konstruktiv oder nur polemisch sind. (Siehe zum Beispiel gestern Merkel und Westerwelle.)

Marco

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Hallo, Marco,
leider muss ich Dir widersprechen: Filbinger hat Recht gesprochen!
Nach damaligem und heutigem Recht steht auf Mord nun mal die Höchststrafe. Diese beiden Soldaten hatten gemordet.Aus welchen Gründen ist nebensächlich. Mord bleibt Mord.
Da im 3.Reich auf Mord, besonders wenn es sich um Militär handelte, die Todesstrafe verhängt wurde, konnte Filbinger gar nicht anders, als dieses Urteil zu unterschreiben.
Was glaubst Du, würde einem GI passieren, der im Krieg (ob damals oder heute: Irak) Fahnenflucht machte und, damit er auch fliehen kann, einen Kameraden (gleich ob Vorgesetzter oder fremder Truppenteil)ermordet? So schnell kannst Du gar nicht schauen, wie das amerikanische Militär den hinrichtet.
Ob die Todesstrafe moralisch gerechtfertigt ist oder nicht, war damals gar nicht die Frage: sie war in den meisten Ländern tägliche Praxis.
Wenn Du als Deutscher, der in Frankrteich geboren wurde, in französische Gefangenschaft gekommen bist, wurdest Du standrechtlich erschossen.
Diese Diskussion ist doch Scheinheiligkeit. Hier ging es nur darum, den politischen Gegner abzuservieren. Was auch gelungen ist. Leider! Herr Filbinger ist mindestens genauso ehrenhaft, wie unser Außenminister.
Grüße
Raimund

Hallo Raimund,

wie Du weisst, ist in diesem Zusammenhang ein Matrose im Nachkriegsdeutschland zu einer Haft wegen Mordes verurteilt worden. (Stand auch in den Links, die ich hinzufügte, wenn ich mich recht entsinne.) Das ist aber nicht gleichbedeutend damit, dass Filbinger (deshalb) ein Ehrenmann ist, wobei mir solche Bezeichnungen von Ehre und Würde sowieso „abgehen“.
   Filbinger und Fischer will ich nicht vergleichen oder auf eine Stufe stellen; das habe ich ja mit meiner „Diskussion-paradox“-Aussage klar ausgedrückt. Wir sprechen hier von Nazis im Nachkriegsdeutschland einerseits, andererseits von Linksradikalen, die sich auch aufgrund dieses nach wie vor braun angehauchten Systems wehrten.
   Aber ich glaube, ich werde hier vergeblich schreiben, denn es ist alles eine Ansichtssache. Wenn man so will, waren auch die Fackelzüge der dreissiger Jahren nichts anderes als monumentale Lichterketten.

Marco

Wie kannst Du es wagen, einen Verbrecher wie Filbinger mit einem Idealisten wie Fischer zu vergleichen ???
Wenn es so in den Köpfen DER Deutschen wieder aussieht, einen Filbinger auf eine Stufe mit einem Fischer zu stellen wieder möglich ist, dann bedaure ich es, dass die Allierten jeden Deutschen über 14 nicht erschossen haben und das Land unter den Siegern total aufgeteilt haben.

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

… Idealisten wie Fischer…

… bedaure ich es, dass die Allierten jeden
Deutschen über 14 nicht erschossen haben und das Land unter
den Siegern total aufgeteilt haben.

Oje, oje… da muß jemand ziemlich starke Kopfschmerzen haben…

P.